Anfang 57. von 300

Meine einzige Aufgabe war es, die zerplatzten, blutigen Gehirne zu fotografieren.

Sie stand am Waldrand, stemmte die Hände in die Hüften, strahlte mich an und ihre Stimme hatte den Klang eines angenehmen Lebens. Ihre Augen vermittelten die gesunde Wärme eines Menschen , der mit sich im Reinen war. Normalerweise fällt es mir sehr leicht, mich in solche Menschen sofort zu verlieben.

„Ich sah ihn heute morgen auf der Ebene. Er war ein Monster, und ich wusste sofort, das packe ich nicht mit dem, was ich bei mir habe. Also ging ich zurück ins Lager, versuchte die anderen nicht zu wecken, und schnappte mir die Z-456. Ich musste vorsichtig sein. Der Geruchssinn wird oft unterschätzt, doch ich kam nahe genug ran.  Ich dachte, der Rückstoß würde mich töten. Ich krachte mit dem Rücken an einen Baum. Knapp an einem gebrochenen Ast  blieb ich an der Rinde kleben. Der Kopf ist nicht zu gebrauchen, aber ich werde die Füße mitnehmen. Hocker oder ähnliches. Die Z ist wirklich ein unglaubliches Ding, aber du kannst dir am Schluss die Teile mit einem Rechen zusammensuchen.“

Ihre Zähne waren weiß wie poliertes Elfenbein, und dieses kehlige Lachen, dass ihre Worte unterstrich erzählte mir von all den Abenden bei guter Gesellschaft, gutem Sex und vorzüglichem Wein. Ihre Hand, die auf meinem Arm lag, und mich sanft drückte, wenn die Dramatik sich steigerte, hatte lange, schöne Nägel, die dezent betont und fein manikürt waren. Ich bemerkte so etwas, seit der Begriff Reichtum schwammig wurde, und die Dollarmillionäre sich für ihren Luxus zu schämen begannen.

Es gab mal ein Problem, das nannte sich „Schmertterlingseffekt“. Es ging so: Wer eine Zeitreise macht, zu den Dinosauriern reist, der braucht nur einen Schmetterling verletzten, und die Zukunft, seine Gegenwart, in die er zurück kehrt, ist total verändert. Dieses Problem wurde vor ca. 15 Jahren gelöst. Das war noch nicht offiziell. Aber nach meinem Artikel sollte es jeder wissen. Im Augenblick beteiligte ich mich an einer Studie. Doch ich war hier nur Zaungast.

Tatsächlich logen mich alle an. Aber ich war Reporter und hatte mich an so etwas gewöhnt. Ich genoss den Ausblick über die Ebene, diesen unglaublich klaren Himmel, wie ich ihn noch nie zuvor gesehen hatte, und die Tatsache, dass noch nirgendwo , wo ich hin trat, jemals zuvor ein Mensch gewesen war.

Wenn jemand, der im Fach Physik versagt hat, versuchte einem anderen physikalischen Versager, einen so komplexen Zusammenhang zu erklären, wie jenen, in dem ich mich gerade befand, dann wurde jede Aussage zur Lüge. Darum war ich hier. Ich konnte das schlicht nicht erklären, was sich hier gerade abspielte. Der Trick an der Geschichte war, dieses war überhaupt nicht die Erde, wie ich sie kannte. Hier würde ich zwar irgendwann mal leben, aber das wäre nicht ich.

Als ich darüber länger nachdenken wollte, sass ich schon in einer Art Kapsel, die mit einer Flüssigkeit, zäh wie Gelee,  gefüllt wurde, in der ich erstaunlicherweise atmen konnte.  Menschen in Ganzkörperkondomen, die ihr Gesicht verbargen, erklärten mir mit einem hörbaren Lachen, dass dieses wohl der teuerste und wildeste Vibrator sei, der jemals mit einem Menschen in Berührung kommen würde. Um die Schläge abzumildern und mir nicht den Verstand zu rauben, würden sie mich in einer Schutzflüssigkeit quasi konservieren. Sie lachten wieder. Und es klang wirklich nicht fröhlich.

Ich war hier, weil mich mein Redakteur für eine Art humanen Crash Test Dummy hielt. Ich wurde überall hingeschickt, wo Menschen aufplatzten, Raumschiffe abstürzten und U-Boote explodierten.  Ich hatte einen Schutzengel, der Schwerstarbeit leistete, und überlebte alles. Doch meine Freunde verlor ich, meine Frauen verschwanden und Haustiere verstarben unter meiner Obhut. Weil ich dort hin ging, wo keiner hin wollte, durfte ich schreiben, wie ich wollte. Ich pflegte einen wüsten Gonzostil, der ständig mit der Zensur kollidierte, aber ich gewann meistens und dafür liebten mich diejenigen, die ihr Haus nicht verließen.

50% meiner Leser hielten mich für einen üblen Kerl, der schamlos übertrieb,  und 50% glaubten mir alles. Aber die glaubten sowieso jeden Mist, und so gab es keinen Grund stolz darauf zu sein. Es war nicht der Job, den ich haben wollte, aber eben jener, in dem ich gut war.

Wer gierig genug gewesen war und sich Zeit seines Lebens um die Vermehrung seiner Kohle gekümmert hat, dem wurden irgendwann Angebote gemacht, von deren Existenz kaum jemand vorher wusste. Die Tatsache, dass es Zeitebenen und Linien gab, die sich gegenseitig nicht berührten, führten zu einem Tourismus, der erstmal so ganz profane Punkte besuchte, wie den Bau des Eifelturms  oder die Krönung von Cleopatra.  Dieses alles im Rahmen von langjährigen, geheimen Studien, die irgendwann zu einer Kommerzialisierung des Zeitreisetourismuses führen sollte. Kultur war ein gutes Deckmäntelchen dafür, einfach mal wild und sinnlos durch die Zeit zu reisen.

Er hieß John, und saß mir bei fast jeder Mahlzeit gegenüber. Er lehnte sich zurück, nahm noch einen Schluck Kaffee und lächelte jovial. Er wirkte wie ein großartiger Mäzen aus einem der vergangenen Jahrhunderte. Sein Selbstbewusstsein war so beeindruckend, wie die Pranke, mit der er mich kraftvoll begrüßt hatte. Er war für mich der Mann der ersten Stunde.

Von seiner Stimme blieb der vertrauensvolle Basston hängen, mit dem er die Worte quasi summend über die Stille poltern ließ.

„Wir waren uns bewusst darüber, dass das eben jenes große Ding war, auf das wir alle gewartet hatten. Wir leben in einer komplizierten Zeit, mein Junge.“

Er nannte mich „mein Junge“, und es klang, als meinte er es ernst.

„Wir leben in einer komplizierten Zeit.“ Dabei bekamen seine Augen einen Blick, der von mir ab und in die Ferne glitt, wo scheinbar das Nichts war, aber sich tatsächlich Herden von Dinosauriern aufhielten.

„Es ist uns nicht mehr gestattet, auf Großwildjagd zu gehen. Es gibt Gesetze, die überall auf der Welt ihre Gültigkeit haben. Meinesgleichen setzen sich als Investoren und Spender für eine Chancengleichheit ein. Kurz, die Welt ist so gut, dass sie zum Kotzen ist. Wir haben die Möglichkeit alles zu sehen, zu riechen, aber wir dürfen nichts mehr leben. Das hier ist die Realisierung eines Traums.“

„Dinos killen?“

„Ja, wenn du es auf diese einfache Formel bringen willst. Ja. Lass uns sagen, dass der Sinn und Zweck ist, Dinos zu killen. Vielleicht geht es im ganzen Leben nur darum, etwas zu killen.“

Er erhob sich und fuhr mit der Hand wie ein streichelnder Gott über das Land, als berühre er es. Vorsichtig zog er die Konturen der Berge, die weit entfernt kleine Silhouetten darstellten nach, und leichte Erschütterungen einer Erregung führten zu einem raschen Luftholen, bevor er wieder ansetzte.

„Mein Junge, du siehst das große Ganze nicht. Seit Jahrzehnten, wahrscheinlich Jahrhunderten träumen wir davon einen Planeten zu finden, der dem unseren gleicht. Einer Welt, die alles enthält, was wir kennen, aber nicht verschmutzt wurde. Wir suchen eine Welt wie diese. Vollkommen unversifft und jungfräulich. Wir haben sie gefunden.“

Wir hatten einen bitteren Rotwein auf dem Tisch stehen, der irgendeiner Trockenheit im südamerikanischen Kontinent abgetrotzt wurde. Es war eine Brühe mit dem zähen Geschmack von Tod und dem Metall des Blutes. Ich trank ihn wie Medizin, um die Bilder im Kopf loszuwerden und den Saurierbraten hinunter zu würgen. Es gehörte zu meinem Beruf, dass Mahlzeiten nicht als Genuss empfunden wurden, und die Wahrheiten erst in einem bestimmten Grad der Trunkenheit erkennbar waren. Ich nahm einen weiteren Schluck, um die Gedanken zu fokussieren.

„Wir sind hier am Anfang der Zeit?“

„Nicht ganz, mein Junge! Am Anfang der Zeit gabs einen Knall, der nicht für unsere Ohren bestimmt war, und es macht Sinn, die Zeitrechnung zu beginnen,  als die Fische sich entschlossen an Land zu kommen. Tatsächlich ist es hier kurz vor Mensch. Zeit genug also, alles richtig zu machen. Hast du schon mal über Terraforming nachgedacht?“

Eine meiner besten Eigenschaften ist, dass Menschen mich ansehen können und in mir nichts vermuten, was ihnen irgendwann mal Schwierigkeiten machen könnte. Manche sehen mich an, haken mich ab, und wären bereit mir ein paar Münzen für den nächsten Drink zu zu stecken. Andere kennen den Blick der vollkommenen Verblödung, den ich gerade offensichtlich drauf hatte.

„Stell dir vor, wir haben die Chance die Zeit zu überholen. Ich bin nicht der Erste mit dieser Idee. Aber wir rotten die verdammten Dinos aus, und holen uns, was uns gehört, bevor die verdammte Eiszeit die Geschichte der Welt bestimmt.“

„Wir sind die Eiszeit.“

„Genau, im Grunde sind wir die Eiszeit. Die Natur hat kein Interesse daran, dass die Dinos überleben. Wir beschleunigen die Dinge, richten hier das Lager der Menschen ein und drehen die Uhr so schnell, dass uns schon schwindlig wird beim Nachdenken.“

Er lachte. Es war schön zu sehen, wenn er sich über sich selbst amüsierte. Wenn mir große Männer begegneten, die kleine Söldnertruppen durch den Dschungel führten, oder Diktatoren, die ihre Untertanen in Streifen schnitten, dann empfand ich eine erschreckende Sympathie für dieses väterlicher Selbstverständnis, dass sie ausstrahlten. Ich war immer überrascht, wie sehr sie dachten, gewaltsam die Dinge in eine Form zu bringen, die für sie die einzig richtige bedeutete. Diese Geste, mit der sie mich dann einbezogen in eine Welt, die sich sie selbst erklärte, und sie mich teilhaben lassen wollten daran, war so verführerisch, dass ich, wie in einem Sekundenschlaf für Momente, immer mal wieder diesem Ansinnen erlag. Mein Verhältnis zu Macht bestand immer aus der Sehnsucht ihr zu vertrauen. Das war meine eigentlich Gabe, die mich John so nahe brachte.

Aber was keiner von uns beiden wusste, das war, dass er gerade dabei war eine Dynastie der Johns zu gründen. Er war der erste John. Und wenn ich heute darüber schreibe, dann geht es nur darum, wie ich soviel von diesem Wein an diesem Abend ertragen konnte. Ohne zu begreifen, dass dieser Mann dabei war, uns allen den Boden unter den Füßen weg zu ziehen.

 

Anfang 56. von 300

Richtig besehen, hatte ich mir das Hirn weg gekifft und schmiss die Ibus nun hinterher. Wie jene, die mein Schicksal teilten, starrte ich das auf Kalendermädchen, fixierte ihre nackten Brüste an und wartete darauf, dass mir etwas aus der Hand fiel. In meinem Fall  der Schraubenschlüssel.

Meine Hose war voll Öl, mein Leben war voll Öl und ich war mir sicher, dass mein Atem nach Öl stank. Die Flecken gingen auch bei intensivem Waschen nicht aus den Klamotten, und hingen an mir, wie der komplette Dreck dieser Zivilisation.

Die Menschheit hatte sich solange für neue Energiequellen interessiert, bis sie hinter dem dritten Wurmloch einen Planeten fand, dessen Ozeane schwarz waren und alles Leben töteten. Und plötzlich ging es nicht mehr um Sonne, Wind und Wellen, sondern um Öl. Wir befanden uns also wieder in jener Zeit, in der die Engländer London als Drecksloch beschrieben und Monster die Straßen bevölkerten. Nur war das nicht London. Sondern so was ähnliches: Neu-London.  Ja, es gab auch zu meiner Zeit einfallsreiche Menschen.

Wenn alles auseinander bricht, und die Behörde dich pulverisiert, elektrofiziert und wieder neu zusammensetzt, dann weißt du die Zukunft ist ein schlimmer Ort und du bist genau da gelandet. Das einzige, was an einem Ort wie Neu-London noch irgendwie Bedeutung hatte, waren Freunde. Auch wenn sie woanders niemals deine Freunde hätten sein können.

Peter hatte Brüste wie das Kalendermädchen und zeigte sie gerne. Er stolzierte mit Riesenschritten durch die Werkstatt, hatte einen Hydraulikschlauch am Hosenbund hängen und war bereit jeden damit zurück in das Loch zu treiben, aus dem er gekrochen kam. Er trug sein Unterhemd wie ein Taschentuch in der hinteren Hosentasche und an seinem Oberkörper daher nichts. Er war eine so unbehaarte Masse an Kerl, dass man ihn für unschuldig und rein halten konnte, so rosa leuchtete seine weiche Haut. Doch tatsächlich gab es nichts liebenswertes an ihm. Und dennoch war seine Freundschaft so wichtig wie ein Transitschein nach Irgendwo.

Ich war zweiundzwanzig, schmal und meine Silhouette glich der eines Mädchens. In einer Welt, in der es keine Mädchen gab, war das von Vorteil und Nachteil. Man durfte es sich aussuchen. Ich hatte Arme wie Essstäbchen und meine Muskeln verbargen sich vor den Blicken.  Wenn ich ging, dann federter der Boden mich ab . So war mein Gang schwingend, und mein Arsch wackelte, als wäre er dafür gemacht. Es gab nichts als ein zerbrechliches Kalkmesser, das ich als Argument für mich nutzen konnte. Es hatte mir höllische Schmerzen bereit. Und als sie mich in tausend Funken auflösten, dachte ich, es würde sich auf alle Zeit mit mir verbinden und in mir stecken bleiben wie ein falsch gewachsener Stachel. Aber die Menschheit war erfindungsreich, unsere Gene codiert und die Zellen nahmen selten etwas an, was nicht zu ihnen gehörte. Ich hatte Glück. Ich kam hier, rammte es in meine Matratze, bis es fast darin verschwand, spürte es jede Nacht und ich schwor mir es zu nutzen.

Seit wir in Öl quasi badteen, schickten sie Transporter durchs All, die ganze Städte in sich aufnehmen konnten. Theoretisch. Praktisch wurden sie auf dem Weg zu uns mit allem angefüllt, was uns am Leben hielt und gleichzeitig zerstörte. Zum Ausgleich für die Strafe, die sie uns für leichte Vergehen bis zum groben Totschlag aufgedrückt hatten, und die sich so gar nicht mit dem Humanismus einer aufgeklärten Gesellschaft vertrug, schickten sie uns Keksriegel und Vitamine, als wären sie unsere Mutter mit dem schlechten Gewissen. Wir wurden überschwemmt mit Zuckerprodukten, Vitaminen in allen lustigen Formen, und Drogen, die die Mannschaft, die Caterer, die Lageristen, die Kapitäne und andere geldgeile Burschen dazwischen stopften. Wir konnten uns die Birne so zuknallen, dass sie uns komplett abhanden kam. Nur Frauen durften wir keine sehen.

Als mir der Schraubenschlüssel aus der Hand fiel, brüllte Thomas einfach los.

„Hey, du kleine Schwuchtel, was ist denn mit dir los?“

Wir waren alle Schwuchteln, aber wir gaben das natürlich nicht vor uns zu. Doch wir nutzen alles, was uns in die Hände kam für unsere Zwecke. Jedes essbare Teil, sogar das Öl, das uns umgab wie gefräßige Mikroben.

Wenn einem der Gleichgewichtssinn abhanden kommt, dann verwandelt sich die Welt in ein Schiff. Dieses Schiff bewegt sich in einem Sturm, der unhörbar um einen tobt, und den Gang kurvig, den Stand schräg macht und die Augen verdreht. Ich stand wie der schiefe Turm inmitten der Werkstatt. Kippelte vor und zurück, und war bereit mich in den Brüsten des Kalendermädchens zu vergraben.

Ich war zweiundzwanzig Jahre alt, und diese Drecksäcke hatten mich hierher geschickt, weil ich in einer Metrostation Blut gereihert habe. Ich traf dabei einen führenden UN-Beamten, der sich sofort als Opfer eines Anschlags sah. Der Livestream ging um die Welt, und meine Mutter erkannte mich nicht mal. Mein Vater verfluchte mich. Und ich konnte mich an nichts mehr erinnern.

Das Ganze hatte eine politische Dimension, die ich nicht mal verstand, denn außer wild getanzt und Schlafstunden auf ein Minimum gesenkt, hatte ich es noch nichts in meinem kurzen Leben gebracht. Mir war bis dato weder der Sinn noch das Glück klar, um das es ging, oder das ich hatte.

Nun war ich zweiundzwanzig und hatte nur noch eines im Kopf. Vergessen und ausbrechen.

Nun war ich zweiundzwanzig, und am Anfang dachte ich noch, ich würde Peter erschlagen und ihm seine ID rauben. Und dann würde ich die Türen für alle öffnen, und wir würden uns wegbeamern,-lasern oder wie immer das hieß. Aber als ich feststellte, dass Peter nicht in dem Besitz einer ID war, mit der ich fliehen konnte, wollte ich keine weiteren Türen mehr öffnen. Es ging jetzt nur noch um eine. Meine.

Ich murmelte. So vor mich hin. Doch sagte: „Alte Sau, lass mich in Ruhe!“ Denn wenn du dich benahmst, wie einer, der seinen Kopf komplett von allen Fähigkeiten befreit hatte, dann ließen sie dich in Ruhe. Alle. War so.

Ich war unschuldig wie ein frisch geborenes Kaninchen. Ich hatte nie jemanden etwas zu leide getane. Wer nur fünf Minuten einen Film über einen Kampf in seinem Leben gesehen hatte, konnte mich verknoten und in den Ölpfützen versenken. Ich hatte nur ein Messer, und die beständige Gefahr, mich damit selbst zu verletzen, aber ich würde – und das wusste ich ganz genau – töten, um diese Hölle zu verlassen.

 

Anfang 55. von 300

Sie standen rum wie vergessenes Bier. Und einer von ihnen hatte meine Tochter vergewaltigt. So wie ich  die Kneipe betrat, erstarben die Gespräche und niemand wagte es sich zu rühren. Johannes sah mich traurig an, aber mit diesem Blick wurde er geboren. Schon als Ministrant blickte er so in die versammelte Meute. Überhaupt waren alle treue Mitglieder der Gemeinde.

An meinen Schuhe klebte der Matsch, in dem Profil steckte noch die Schafscheiße und so wie der Regen an mir hinab lief, begingen wir einen normalen Tag. Doch nicht einer von ihnen sagte ein Wort. Sie starrten in ihre Gläser, als hätten sich dort die Schmeißfliegen ihrer Seelen versammelt.

Wie sie alle war ich ein alter Mann. Ich kämmte mir meine Haare nur am siebten Tag, denn meine Frau war tot, und nichts von dem was einst in Ordnung war, fügte sich jetzt ineinander. Als ich begann die Menschen nicht mehr zu verstehen, wollte meine Tochter erwachsen werden und sich für sie öffnen.

Meine Tochter Karla und ich teilten uns dieses Leben, in dem wir die Konflikte vermieden, uns oft aus dem Weg gingen und ich ihr die Chance ließ ihr eigenes Leben zu formen. Dachte ich. Ich war stolz wie sonstwas, wenn sie mir ihre Meinung geigte. Und in den schlechten, wie in den guten Eigenschaften wurde sie ihrer Mutter so verdammt ähnlich.

Dieser Laden war nun meine persönliche Hölle. Und hätte draußen nicht der Sturm getobt, ich hätte keinen Fuß hier rein gesetzt. Aber bis zum Hof waren es noch gut  15 Kilometer und der Berg begann sein Geröll ins Tal zu schicken. Die Hänge rutschten herab und begleiteten meine Fahrt hinunter zum Dorf. Ich schlitterte um die Kurven, hing mit einem Rad bedenklich über den Abgrund und beschloss auf halber Höhe die Hütte aufzusuchen.

Früher, wenn der Regen um uns tanzte, und der Himmel zu einer schwarzen Soße verkam, war es sehr normal, dass wir uns hier einfanden. Wir übernachteten in der geschützten Ecke dieses Berges und harrten der Dinge. Wir rollten uns in Decken und Schlafsäcke auf den Eckbänken zusammen. Und auch Karla war immer mal wieder dabei. Solange sie das hier oben alles noch interessierte. Aber das hatte abgenommen. Karla ging immer seltener mit. Und jetzt hatte ich sie fast verloren. Alles hatte sich geändert.

Das waren also die Männer, mit denen ich früher die Nächte verbracht hatte. Alte, knorrige Baumstämme, die sich allem verweigerten, was sie nicht kannten. Die so waren wie ich. Brüder, nicht wahr? Familie, nicht wahr?

Die Schafscheiße klebt an meinem Leben wie der Dreck, der sich in den letzten Jahren ereignete. Wir hatten viel geraucht, wir hatten das falsche Zeug geraucht, und am Schluss erwischtes es meine Frau mit einer Wucht, die ihr die inneren Organe zerriss als handle es sich um Wackelpudding. Der Krebs fraß sich durch sie durch und nahm sie uns stückchenweise. Meine Frau hieß Emma, und weil ich so eine große Liebe für alle Frauennamen empfand, die mit a endeten, nannten wir unsere Tochter Karla.

Zu Beginn waren wir Städter, Zugereiste, Hippies, Intellektuelle und was weiß ich. All das waren Schimpfwörter. Ich fällte mit den Männern in diesem Dorf die Bäume, und wir liehen uns gegenseitig diese Landmaschinen. Die Dinger sind so teuer, dass man sich seinen Hof über sein Leben hinaus verschuldet. Nichts von dem, was wir hier taten, ergab am Anfang einen Sinn. Wir waren Außerirdische, und was wir machten war falsch und langte nicht mal zum Leben. Wir kamen so schwer in dieses Leben, wie wir aus dem anderen heraus kamen.

Vieles änderte sich mit Karlas Geburt. Wie alle Väter sah ich in meinem einzigen Kind, das süßeste, wunderbarste Wesen, das Gott jemals auf diese Erde geschickt hatte. Ich glaubte nicht an den alten Mann mit dem weißen Bart, aber diese Dankbarkeit, die ich empfand war nahe dran an einer bedingungslosen Gläubigkeit. Es sollte unser einziges Kind bleiben, und wir erfuhren das erstaunlich schnell, als die Ärzte beschlossen Emma so schnell zu operieren als sei ein Feuer ausgebrochen. In ihrem Körper. Und das war eigentlich der Fall.

Emmas Siechtum zog sich über die Jahre hin, in denen Karla aufwuchs. Für Karla war ihre Mutter immer ein launisches, gebrechliches Wesen, das im Wind des Schicksals herum flog wie ein ausgerissenes Blatt. Es gab keinen guten Tag, nur gute Momente, die so schnell schwanden, egal wie sehr wir uns an sie klammerten.  Emma verging über Jahre. Nicht wie eine Blume. Sie nahm alle Gestalten an. Und am Schluss war sie ein weicher, überwässerter Kaktus, der einfach in sich zerfiel und nicht viel übrig ließ, an das wir uns erinnern wollten. Ich hasste in diesen Jahren alles, was ich hassen konnte. Das Leben, die Krankheit, das Siechtum, das Glück der Anderen. Ja, ich hasste auch manchmal Emma und schämte mich dafür. Ich wurde hart. Ungerecht. Einsiedlerisch. Und manchmal böse. Es hätte nicht viel gefehlt, und ich hätte eines Nachts alle Lämmer und Schafe getötet. Ich war kurz davor. Nur der Suff machte meine Glieder so schwer, dass es nicht dazu kam.  Ich verhedderte mich in meiner Unterhose und flog der Länge nach hin. Ich zerschmetterte dabei einen Stuhl, auf den ich sehr stolz war, und hieb mir eine Ladung Spreißel ins Gesicht. Als Karla mich so sah, war in ihrem Blick eine Mischung aus Hass und Verachtung. Es gab ziemlich viel, was man sich einfach so versauen konnte. Unter diesem Blick hatte ich mehr gelitten als unter irgendetwas sonst.

Karla entfernte sich weiter von mir als ich sehen konnte. Oder sehen wollte. Sie tat es mit der Geschwindigkeit ihres Alters. Sie war 14, und ich alt genug, um im Spiegel meinen Vater zu entdecken.

Sie wurde in einem Graben gefunden. Und das war nur ein verdammter Zufall. Ihr Handy leuchtete wie ein irrsinnig großes Glühwürmchen, und das Licht hatte da nichts zu suchen. 20 Kilometer von unserem Dorf, in einem Graben, in dem das Wasser steigt, wenn der Regen die Fluten von den Bergen jagt. Und es regnete in dieser Nacht wie heute.  Warum sie ihr das Handy gelassen hatten, war niemanden von uns klar. Wahrscheinlich dachten sie, mein Kind hätten sie sowieso schon halb tot geschlagen. Da kann ja nichts mehr passieren.

 

 

Anfang 54. von 300

Ich war 69 Jahre alt und hatte für so einen Scheiss echt keine Zeit mehr. Meine Freundinnen spielten nur noch Sudoku, und ich machte mich jeden Tag aufs Neue zum Affen. Das lief nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte, also täuschte ich einen Abgang vor, nur um mit der linken Faust einen Schlag zu landen. Den der Türsteher natürlich abfing.  War ja logisch und passte zu diesem Tag. Ich stolperte rückwärts. Stieß von einem Punk das Wegbier um und landete schließlich in der schäumenden Sauerei. Bisschen näher am Bordstein, und mir wäre wahrscheinlich der Schädel geplatzt. Ungefähr so, wie bei einem Frühstücksei. Sowas kann man sich leicht vorstellen, nicht wahr?

„Genug, Alter?“ Der Türsteher beugte sich zu mir runter, hielt mir die Hand hin und zog mich hoch. Ich keuchte.  Er schlug mir auf die Schulter, und grinste. „Mache keinen Ärger, gehe heim.“

Er sah immer noch aus, als hätte er sich gerade das T-Shirt übergestreift. Er spannte es an allen Stellen, und seine Zähne strahlten in diesem leuchtenden Weiß.  Das Bier hatte mein Hemd durchnässt, und mein Haar hing mir verschwitzt in der Stirn. Er sah eindeutig besser aus als ich. 

Ich winkte ab und ging nun wirklich davon. Seit ungefähr drei Jahren liessen sie mich nicht mehr in die Clubs. Ich sagte ja, ich machte mich jeden Tag aufs neue zum Affen. Keine Ahnung, wie man sich das alles so gedacht hatte.

Als ich in Rente ging, begann ich meine Wohnung ab zu laufen. Kilometer um Kilometer. Ich würde so wütend, dass ich die Katze unter das Sofa jagte, und mir nur noch Pornofilme rein zog. Ich hatte soviel Zeit, dass ich glaubte, ich könnte alles auf morgen verschieben. Das machte ich solange, bis die Mauer aus Pizzakartons auf meinem Flur mannshoh war. Dann spürte ich, dass ich die Treppen kaum noch hochkam, die Muskel weich wie Pudding wurden, und mein Atem nach Tod stank. Die Wahrheit war: Ich hatte überhaupt keine Zeit mehr. 

Ich hatte jahrelang nicht darauf geachtet, wie die Menschen um mich herum alterten. Ich dachte, das geht vorbei, wie eine  Krankheit. Tatsächlich arrangierten sich alle anderen besser als ich damit. Sie taten genau die Dinge, die ich ablehnte. Es wurde nur noch das gelesen, zu dem man einen Bezug hatte, Technik wurde abgelehnt und Neuerungen skeptisch betrachtet. Zugänge wurden abgeschafft und das Leben wurde kleiner. Alles schien ok, nur ich hatte das Gefühl, alles verloren zu haben. Die Rente war so ziemlich das Übelste, was mir passieren konnte. Konnte man sagen, was man wollte.

Das war eine Großstadt, hier gab es die coolsten Frauen in der ganzen Republik. Schaute ich sie an, guckten sie weg. Teilweise richtig verärgert. Das bildest du dir ein, meinte Marlene, die in ihren Gummistiefeln auf der Veranda sass. Sie hatte wenig Zeit, graue Haare und zog wie wild an ihrer Zigarette. Das Ding war eine konstante Gluthölle, die sie verzweifelt am Brennen hielt.

Ich trank ihr die Fassbrause weg, während ich über die Hecke und den Rasen sah. Mein Bauch schwoll unter der Kohlensäure an, und im Hals gab es diesen schrecklichen Druck, wenn die Luft nicht rausgeht. Ich wollte rülpsen, aber traute mich nicht.

Vor einigen Monaten hatte Marlene einen Mann kennen gelernt, der so traumhaft schön war, dass mit ihm irgendwas nicht stimmen konnte. Und wie der Teufel es wollte, sammelte er Schmuck und Kreditkarten wie eine kleine Elster. Ich wühlte nun mit nackten Zehen, in der Blumenerde und bekam von ihr den Auftrag, den Burschen in den nächsten Fluss zu schmeissen. Einen Auftrag. Ich wußte gar nicht wie mir geschah. 

Ich hatte alles mögliche in meinem Leben gemacht. Sage mir einen Job, und er findet sich bestimmt in meiner Biografie. Irgendwann war ich auch mal in diesem Schutzgewerbe gewesen. Man fühlt sich dort wie bei der Polizei, trägt eine Waffe, eine Uniform und verhält sich ganztägig so, als hätte man etwas zu sagen. Regelmäßig beweist man, dass man keine Aggressionen hat, nur um dann, im richtigen Moment, wuchtig zu zu schlagen.

Um ehrlich zu sein, stand ich mehr vor Gebäuden und Kunstgegenständen rum, lief in leeren Parkhäusern meine Runden und verbrachte so meine Zeit. Für Marlene war das näher dran an irgendeinem Milieu als es irgendjemand sonst in ihrem Bekanntenkreis behaupten konnte.

Als Marlenes Rücken noch diesen blonden Flaum hatte, der sich ihr Rückgrat herunterzog, hatten wir eine Beziehung gehabt, die irgendwo zwischen Hasch und den Träumen von Katmandu und anderen armseligen Orten zerplatzt ist. Sie war ein superreiches Hippiemädchen aus einer konservativen Sippschaft und ich ein ungebildertes Schlüsselkind mit einem Sprachschatz von 200 Wörtern. Sie kiffte und hielt das für gesund, ich trank den Whiskey und bekam fürchterliche Augenringe.

Unser Sex war unbeschreiblich gut. Wir kamen tagelang nicht aus dem Bett heraus und füllten es mit Tabak- und Brotkrümel. Waren wir dann mal draußen, und meine Worte drängten sich ungefähr so in sie, wie ein anderes Teil vorher, dann funktionierte im Grunde gar nichts mehr. Sie mäkelte über den Dreck der Wohnung und ich über ihr elitäres Gehabe. Wir waren ausgesprochen dumme Kinder, wenn wir uns mit etwas anderes befassten, als mit unseren Körpern.

Ich hatte nicht die geringste Lust mich mit ihren ehemaligen Lovern zu beschäftigen, aber ich war kurz vor dem Durchdrehen, redete wie ein Wasserfall und die Pornos zehrten an meiner Substanz. Mittlerweile kaufte ich mir meine Getränke immer vormittags in der Trinkhalle gegenüüber, weil ich sonst gar nicht mehr raus kam. Außerdem konnte ich in den Augen der Trinkhallenfrau immer erkennen, wie beschissen ich aktuell aussah.

Als Marlene mich anrief, hatte ich das Bügelbrett aufgestellt, das Hemd drauf gelegt, schnell gebügelt und die saubersten Jeans angezogen. Ich wollte niemals der alte Sack werden, der sich von Jeans nicht trennen kann. Ich dachte immer, es hätte etwas mit der Würde des Alters zu tun, wenn man sich entsprechend kleidet. Das dachte ich, als ich jünger war. Mittlerweile trage ich wieder Band T-Shirts. Meistens das Zeug, das die jungen DJs am Merch-Stand vertreiben und die Jeans rutschen so langsam in die Kniekehlen, brauchen auch immer einen Gürtel, aber wenn dir erst mal bewusst wird, das es keine zweite Chance für nichts gibt, dann kannst du auch nackt durch die Stadt laufen. Wenn es heiß genug ist.

Wenn ich daran denke, was ich alles nicht gemacht habe, dann wird mir schlecht.

Marlene schilderte ihn als einfühlsamen Südländer, der sich auf Singleportalen rum treibt. Ein sehr aktives Kerlchen, mit ausgelesenen Manieren. Marlene hatte vieles richtig gemacht in ihrem Leben. Das Beste war wahrscheinlich, mich zu verlassen. Danach ging es nur noch aufwärts. Das war ungefähr die Zeit, in der ich im Tierheim versuchte eingezogene Mastinos von Zuhältern wieder in die Gemeinschaft einzugliedern. Die Bissspuren hinterließen Narben, die ich heute noch gerne bei der Zigarette danach vorzeige. Wir schläferten die Drecksviecher  ein. Jeder Job hat etwas desillusionierendes. 

In jener Zeit sah Marlene aus wie eine Elfe und ich wie die jüngere Inkarnation des Zauberers aus dem Herrn der Ringe. Heute sehe ich eher aus wie King Kong nach dem Hochhaussturz.Aber damals hatte ich schmale Schultern, ein zauberhaftes Lächeln und etwas verhuschtes in den Augen. Hätte ich mich auf die Angebote der Typen eingelassen, die mich immer mal wieder ansprachen, dann wäre ich vielleicht reich geworden, oder zerbrochen oder endgültig in der Gosse gelandet. Was auch immer. Marlene verliess mich, heiratete einen Makler, der Castaneda las, und wurde noch reicher. 

Weil ich einen blinden Fleck im rechten Auge hatte, hatte man mir geraten, den Führerschein abzugeben. Was ich auch tat. Ich dachte, ich werde blind. Ich hatte Angst davor, und schloss manchmal meine Augen, um zu testen, was noch geht. Seitdem fuhr ich viel U-Bahn. Mir war scheißegal, wie die Bahn fährt, und meistens spielt sie mit mir. Zu Marlene brauchte ich eine halbe Stunde länger, als ich gedacht hatte, und sie sah mich mit blitzenden Augen an. Sie hatte mich angerufen. 

Wir einigten uns darauf, dass ich mich mit einem falschen Profil im Internet anmelden, und ihm dann beide Beine breche. Oder ihn in Beton eingiesse, oder beides mache. Ich grinste, und Marlene lachte. Und wäre ich nicht so verdammt aus der Übung gewesen, dann hätte ich ihr ein Kompliment gemacht. 

Sie gab mir einen Vorschuss. In einem Umschlag. Sagte, es sei genug, ich bräuchte nicht nachzählen. Also nahm ich die U-Bahn, kaufte mir ein Comic mit einem Superhelden, der auf die Erde geschmettert wurde, las das Ding gelangweilt, aß einen Kebab und trug mein Bier vom Kiosk zum Flaschensammler. Je älter ich werde, umso mehr muss ich trinken. Ich bin kein alter Sack, ich bin eine vertrocknete Dörrpflaume.Meine Haut wird immer fleckiger, und an manchen Stellen so faltig, dass ich wie eine Dogge schauen kann. 

Ich hasse das Alter.

Und ich hasste die verdammten Gören, die immer aufspringen, wenn ich die Tram betrat. Ich war nicht ihr Opa, der mit dem Rollator durch die Gegend stolperte. 

Sie hatte mir ein Bild von dem Typen gegeben. Da er aussah wie ein Hollywood-Schauspieler sollte es mir leicht fallen ihn zu finden. Ich sah in das Gesicht jedes Pizzabäckes, fixierte in Kebabbuden die Fleischschnipsler an und wollte mich so durch die ganze Stadt arbeiten.

Aber erst mal tanzen.

Wäre da nicht der verdammte Türsteher gewesen. 

Also in den nächsten Laden, der das Bier eiskalt verkaufte und weiter ging es, den Flaschenhals locker zwischen zwei gekrümmte Finger.

Anfang 53. von 300

Die beiden Taucher wirkten wie Synchronschwimmer. Beide sprangen gleichzeitig in das Hafenbecken, versanken fast auf die Sekunde genau darin, und über ihnen schloss sich  die Schicht aus Dreck und Öl. Ich hoffte inständig, sie würden nichts finden, doch machte gute Miene zum bösen Spiel.

Der Komissar reichte mir eine Zigarette, weil er selbst eine rauchen wollte, und wackelte unruhig von einem Fuß auf den Anderen. Einer seiner Jungs in Uniform eilte, um sie ihm an zu zünden.

Natürlich sah er mich erwartungsvoll an.  Er war ein alter Mann, und ich der Fall, den er nicht mehr gebrauchen konnte. Aber die Stadt war nun ein elender Scherbenhaufen, und auch wenn sie das schon immer war, jetzt sah man es . Keiner konnte es mehr ignorieren. Reporter riefen ihn an, und die Blogger verbreiteten jeden Unsinn viel schneller.

Bis er morgens seinen Kaffee getrunken hatte, kochte die Welt schon über. Wir standen am Hafenbecken, weil er eine Handvoll Leichen darin vermutete.

Und ich stand mit ihm hier, da es wohl meine Party war, die ausgeartet war. Ich sagte  ihm nicht, dass der Wagen wie eine überdimensionierte Kanonenkugel  über mich flog. Einen Stapel Paletten als  Sprungschanze nutzend. Ich stand quasi darunter, und staunte nicht schlecht, als die Schießerei aufhörte, das Rauschen zu einem Getöse über mir anschwoll und das Wasser wie eine Fontäne nach oben schoss. Die Insassen hatten nicht die Chance eines Schreies, nicht mal eines gemeinsamen. Und ich musste mich zurückhalten, der Schüssel nicht noch ein paar Kugeln hinterher zu schicken.

Angefangen hatte es alles damit, dass sich einige Wirte bedrohter fühlten als andere. Wie gesagt, die Stadt war schon immer ein Scherbenhaufen. Seitdem ich hier war, spiegelte sich auch noch das Licht darin, und keiner konnte es ignorieren. Man hatte mich angerufen, weil ich gut mit Menschen konnte.  Manchmal half mein Rat. Also öffnete ich den Hummer rückseitig, lies Bodo und Hans hinein, und startete durch. Bodo und Hans waren aus einem Wurf. Wer sie kannte, fragte sich, warum ich sie mitschleppe. Wer sie nicht kannte, war schockiert, über den katzenhaften Gang dieser Doggen und ihrem Blick, den sie immer frontal auf denjenigen lenkten, der sich von ihnen einschüchtern ließ.

Bodo und Hans hatte ich aus einem verdreckten Zwinger geklaubt, in dem sie inmitten ihrer toten Geschwister lagen. Sie liebten mich abgöttisch, horchten auf die Wörter, die ich nicht aussprach und waren in ihrer Wirkung mehr Wert als jede Waffe, die ich am Leib tragen konnte. Sie gingen unbeleint vor mir her, wie zwei riesige dunkle Bodyguards, hatten die Situation schon viel früher als ich ihm Griff und verliehen allen meinen Aussagen den nötigen Nachdruck.

Eine Stadt hat den Untergrund, den sie verdient, und den Komissar, der damit leben kann. Edgar Meyer litt sicherlich schon seit Jahren unter seinem Beruf, aber er hatte es geschafft, die Attraktivität seiner Region so zu herunterwirtschaften, dass er wohl bis zu seiner Rente auf die Erlösung warten musste. Ich fiel ihm auf, weil er hier dazu gehörte wie die alten Plakatsäulen und die Pissbuden, die das Wahrzeichen so mancher Straßen waren. Ich fiel ihm auch schon auf, weil ich in seinen Augen das falsche Auto fuhr. Meine Hunde durfte ich nicht rauslassen. Auch jetzt befanden sie sich ihm Wagen, und allein das war schon ein Grund mit diesem Menschen nicht zu kooperieren.

Er trug einen grauen Bart, hinter dem er seine Mimik zu verstecken suchte, und seiner Behäbigkeit einer Art Altersweisheit angedeihen lassen wollte. Tatsächlich jedoch prägte ihn die pure Verzweiflung, die ihn auch hier am Hafenbecken sichtlich Schmerzen bereitete. Er verzog das Gesicht, wie jemand, dem die Magensäure bis in die Mundwinkel stand.

Ich stattete also allen Parteien einen Besuch ab. Schon um den Haufen kennen zu lernen, der es geschafft hat, eine Viertel-Millionen Menschen quasi als Geiseln zu nehmen. Zwei befeindete Motorrad-Gangs führten sich auf wie Franchise-Nehmer internationaler Konzerns. Sie präsentierten ihre Logos gleich Wikingerwappen, eröffneten Geschäfte, wo man sie nie vermutete hätten, und änderten einfach mal so die Machtverhältnisse. Aber das Dumme an der Geschichte ist, egal in welchem Ort du heute bist, du schaffst es einfach nicht, einen sauberen Zwei-Parteien-Krieg hinzu bekommen. Sofort hängen irgendwelche Clans mit drin, Familien pflegen ihre Zusammengehörigkeiten, und das Ding wird viel internationaler als man sich das vorstellen kann.

Was da Nachts über mir geflogen war, und nun vom Schreibtisch des Komissars ins Hafenbecken führte, waren nicht etwa die Mitglieder einer der Rockergruppen, sondern fehlgeleitete Dealer, die meinten, sie hätten Ansprüche auf Dinge, die bisher öffentliche Plätze waren. Sie waren nur zufällig in meinen Focus geraten, weil sie dachten, dass ich – langhaarig, blond, zwei Hunde und Springerstiefel, Jeans sowieso -irgendeine Verwandtschaft mit den Gangs pflegte.

War nicht der Fall, doch ich konnte sie nicht überzeugen.  Sie waren zu fünft, ich mit Hans und Bodo zu dritt. Hatten sie falsch durchgerechnet. Ich scheue zwar körperliche Auseinandersetzungen, aber wer am Ende des Tages das Krankenhaus aufsuchen will, der darf ruhig mal einiges versuchen.

Sobald Hans und Bodo Distanzregeln eingeführt hatten, machten wir uns auf den Rückzug, und das endete in einer Verfolgungsjagd, die uns durch die halbe Stadt zum Hafen führte. Ich hatte fünf Minuten genug Vorsprung, doch zur Waffe zu greifen, einen Stapel Paletten zu suchen und mich dahinter zu verschanzen. Den Rest kennen sie. Ich vermute einfach mal, ich habe einen erwischt. Schon deswegen wünschte ich den Tauchern alles mögliche. Nur kein Glück.

Das ich augenblicklich noch eine Art diffuser Zeuge war, merkte ich daran, dass man mir noch einen Kaffee reichte. Auf den Zucker hätte ich verzichten können, aber die Erfahrung zeigte, dass 90% aller Polizisten ihren Kaffee so weich tranken wie möglich. Zu einem gescheiten Espresso taugte keiner von ihnen.  Ich mochte das Spiel des Dampfes, der fast die gleiche Farbe hatte, wie der Nebel am äußersten Rand des Beckens.

Der Komissar fragte mich immer wieder Dinge wie: „Werden wir etwas finden? Was meinen Sie? Glauben Sie nicht?“

Ich schüttelte den Kopf. Ich mochte ihn nicht, aber noch viel weniger eine mögliche Auseinandersetzung mit ihm, oder die pure Zeitverschwendung, zu der es führen konnte, wenn er seinen Blick in mich tiefer hinein bohren wollte.

„Ich habe praktisch nichts mitbekommen. Erst nach dem Aufspritzen des Wasser. Ich vermute mal, es war ein Auto, aber ich kenne mich damit nicht aus.“

„Sie fahren einen Hummer?“

„Ebenso wie große Teile der amerikanischen Armee…“

 

Anfang 52. von 300

„Ich werde dich töten!“

All die heißen Tage bisher, wurden von diesem locker überboten. So schnell  ich hoch fuhr, so stark funkelte mich die Sonne an. Nichts, von dem was ich sehen konnte, gab mir auch nur einen Hinweis .Eine Silhouette verschwamm in anderen Silhouetten. Jans Hand lag immer noch in der meinen, seine Stimme war gleichbleibend aufgeregt, und erst jetzt erstarrte ich. Und blickte geblendet dem  untersetzen Schatten nach. Er hatte sich gerade an mir vorbei gedrängelt.

Und sprach zu mir: „Ich werde dich töten!“

Ich drückte Jans Hand viel zu fest. Er schrie erschrocken, wollte sie mir entziehen, sah schließlich zu mir hoch.

„Michael! Du tust mir weh!“

Ich ließ ihn los. Es war fast unmöglich einen Gedanken zu halten. Viele stürmten gerade auf mich ein. Ich musste Jan beschützen. Jan störte. Ich musste ihn festhalten. Loslassen. Mitnehmen. Wegtragen. Dem Mann hinterher. Hier weg. Ich musste hier weg.

Jan hob ich hoch. Er war ein leichter Dreijähriger. Zu klein für sein Alter, daher genoss er die Aufmerksamkeit von uns allen. Ich war sein Onkel. Nicht tatsächlich, aber das war Jan egal. Seine Eltern und ich wohnten schon so lange zusammen, dass wir als Familie galten. Für Jan, aber vor allem für uns selbst.

Ich sprintete durch die Straßen, Jan an mich gedrückt, als könnte er wegfliegen. Und sein kleines Kindergemüt sah sich entrissen von all den Leckereien, die der Markt bot. Unerklärliches geschah gerade. Er weinte, klammerte sich an mich, bis ich all die Feuchtigkeit, die von ihm ausging, an meinem Hals fühlte. Jan weinte immer sehr viel. Ich ging davon aus, dass er ein sensibles, musisches Kind war. Aber vielleicht war er auch nicht musisch begabt, und einfach nur sensibel. Oder einfach nur ein Kind, das viel weinte. Ich kannte mich da nicht aus. Bei mir hatte es nie lange genug gedauert, um eine Familie zu gründen. So ein bisschen orientierungslos war ich schon immer. Eine Flipperkugel, die nicht zur Ruhe kommen will, nannte Marta das in den  Monaten bis zu Jans Geburt.

Sie war eine wunderschöne, begehrenswerte Mutter. Sie war während ihrer Schwangerschaft umhüllt von einer Magie, die sich wie ein träger Zauber über unsere kleine Wohngemeinschaft legte. Sie begann in meinen Träumen zu wandern, wie eine wilde Verheißung, wie die süßeste Frucht am Baum. Ich war hingerissen und bedauerte mehr als je zuvor mein Schicksal. All das, was sie verkörperte, wandelte sich zu einem elementaren Ziel, das ich nicht erreichen konnten.

Wir durften nicht darüber reden, aber Benjamin und ich hatte uns auf einer Mission kennen gelernt, die wir nicht in unseren Uniformen durchführen durften. Es schien alles ganz einfach. Wir wurden hinter den Linien abgesetzt. Was bedeutete, dass wir aus einem Flugzeug sprangen, viel zu lange stürzten, und kurz vor dem Aufprall erst den Schirm öffnen durften. Man knallt auf den Wüstenboden, als wollte man sich die Beine in den Leib rammen. An eine gesunde Wirbelsäule mag man nicht mehr denken.

Bei solchen Missionen wird hundertmal erwähnt, wie sehr man auf sich alleine gestellt ist. Kein Funkgerät. Kein Handy, keine persönlichen Kennzeichen, kein Verweis auf die Auftraggeber. Kein Fetzen Uniform. Wir hatten fünf Tage Zeit gehabt immer wieder in ein Haus zu rennen, die Türen darin aufzutreten und auf Pappkameraden zu ballern. Fünf Tage in den wir uns so gut kennen lernen sollten, dass wir uns im Dunkeln erkannten. Fünf Tage, die wir von morgens bis Abends miteinander verbrachten. Das wir nicht mit einander schliefen, das war geradezu ein Wunder. Dann ab ins Flugzeug, dann springen, und dann standen wir nach einem halben Tagesmarsch vor dem echten Haus.

Das Schlimme an internationalen Absprachen ist, dass jeder davon spricht, aber sie einfach nicht funktionieren. Gerade als wir das Haus betreten wollten, krachte aus heiterem Himmel etwas da rein, dass alles – inklusive unser Ziel – pulverisierte. Soweit zu den Absprachen. Tatsächlich stand der Bursche, den wir im Visier hatten, auf einer ganzen Menge Fahndungslisten. Und keiner legte Wert darauf, ihn jemals in ein Gefängnis zu stecken. Sein Überleben war also keine Option. Jedenfalls keine wichtige. Unsere Leute dachten,  wir machen das einfach ohne viel Aufsehen zu erregen. Musste ja auch keiner wissen, dass wir das waren. Anders die Amerikaner. Wir hatten schon viel zu lange den Verdacht, dass denen alles egal war. Und das war es auch. Sie machten das verdammte Haus einfach dem Erdboden gleich. Fünf Tage sind wir da rein gerannt, fünf Tage hatten wir einen wirklich guten Zeitvertreib.

Nach unserem Plan wären wir rein, und dann wieder raus, und dann zum Treffpunkt. Die Amerikaner hatten überhaupt keinen Plan. Als der Staub sich verzog, standen wir in einer Menschenmenge, die drauf und dran war uns zu lynchen. Um es kurz zu machen, was mal als eine 24 Stunden Aktion geplant war, kostete uns 8 Monate unseres Lebens, und danach waren wir uns so nahe, dass wir auch gleich den Rest des Lebens miteinander verbringen konnten.

Benjamin und Marta hatten sowieso eine Wohnung in der Stadt gesucht. Ich selbst brauchte eine Basis, und Menschen, die einfach mal spontan abends mit mir Halma spielten. Ich hatte die Clubs alle gesehen, und meine Angst vor Beziehungen war genauso groß wie meine Sehnsucht danach. Ich musste zur Ruhe finden. Benjamin und Marta dagegen waren dabei ihr Fahrwasser mit mir zu teilen, weil alles, was sie sonst Familie nennen konnten,  nicht angenehm genug für den Rest des Lebens war. Kinder von Alkoholikern sind prädestiniert dazu ihr Leben miteinander zu teilen. Zu groß ist die Sehnsucht nach Ordnung und Zuneigung, zu sehr sind sie mit ungewöhnlichen Lebenstilen verhaftet.

Jan kam ein Jahr später. Und wir liebten ihn, wie man nur den Erstgeborenen und Einzigen lieben konnten. Benjamin und ich achteten darauf, dass unsere Missionen, die immer seltener, aber auch immer härter wurden, nicht mehr zur selben Zeit statt fanden. So blieb immer einer von uns Jan erhalten und konnte die Zeit mit ihm genießen. Während Benjamin also gerade irgendwo in der Tundra den Dreck wegräumte, über den niemand reden wollte, spazierte ich mit Jan über den Markt. Marta lag an solchen Tagen in der Badewanne und tat Dinge, über die ich nicht nachdenken durfte.

Natürlich war das keine normale WG und natürlich rechneten wir mit allem. Aber nicht hier, nicht jetzt, nicht im Angesicht von Jan. Ich hatte nicht mal eine Waffe dabei. Fuhr es mir durch den Kopf, während ich Jans Zittern an mir spürte. Verdammt.

Anfang 51. von 300

Ich habe das Gesicht eines Kindermörders, und die Gestalt eines Kamels. Mein Gang ist schwerfällig, meine Füße kämpfen mit dem Untergrund, wenn sie ihn betreten und vor allem, wenn sie vorwärts kommen wollen. Die Menschen weichen mir aus, wenn ich ihnen entgegenkomme. Ich schlurfe sie an, keuche dabei und mein Schweiß lässt mein Gesicht glänzen.

Das ist das, was ich weiß. Die Dinge sind nun einmal so, ich habe gelernt damit zu leben. Das fiel mir zeitweise schwer. Mittlerweile sind ist für mich alles im Lot, für andere Menschen vielleicht nicht.

Ich verlasse das Haus nicht mehr so gerne. Meistens gehe ich zum Supermarkt, weiche denen aus, die davor rumstehen, nehme auch keine Flyer mit, und kaufe mir den Kram , mit dem ich das, was sie Leben nennen, rum bringe. Seit 30 Jahren warte ich auf den Tod. Und weil er nicht kam, habe ich selbst getötet. Das ändert viel weniger, als man so gemeinhin glaubt.

Ich hasse es, wenn Menschen mir zu nahe kommen. Ich mag es nicht, wenn sie mich unabsichtlich berühren. Ich bekomme Schüttelfrost, wenn es an meiner Tür klingelt. Ich bekomme dann kein Wort heraus. Meistens schleiche ich in meinen Socken durch die Wohnung. Ich hoffe, dass mich niemand hört. Ich falle nicht sonderlich auf, wenn man mich in Ruhe lässt. Darauf baue ich. Ich will die Zeit nur rumbringen. Es wird bestimmt anders danach.

Am Ende der Lichtjahre, wie ich sie mir vorstellen kann, gibt es wohl einen Planeten, der bewohnbar ist. Wenn ich mir denke, dass alles miteinander verwoben ist, dann macht einiges Sinn. Ich denke viel nach. Ich habe Zeit. Das ist der Fluch an der Geschichte.  Aus dem Supermarkt  bringe ich wenig mit. Das Bier in der 1-Liter-Dose hat es mir seit ein paar Jahren angetan. Es ist genau die richtige Menge für die Schwere, die ich benötige. Ich schlafe wie ein Raubtier. Ich wache auf, wenn die Träume mich übermannen wollen. Dann bekomme ich einen Schreck und wache auf.

Die Muscheln im Glas schmecken mir. Sie sind teuer, aber ich kaufe sie gerne. Ich schütte sie in eine Schüssel und löffle sie aus. Nichts sonst. Nur das Bier und die Muscheln. Sonntags esse ich den Ziegenkäse, den laktosefreien, mit dem Kümmel. Ich nehme leicht zu, daher mache ich ihn mir nur auf das Knäckebrot.

Das erste Mal war es keine Absicht. Ich hatte nicht das Verlangen, das ich heute oft habe. Das war mir alles noch unbekannt. Ich wusste ja nicht, wie der Tod aussieht. Ich hatte keine Ahnung, welche Ruhe und welcher Friede sich danach ausbreitet. Mir war Angst und Bange. Als sie auf diesem Stuhl vor meinem Fernseher saß, und ich die Wäscheleine lockerte, waren ihre Augen zu meiner Zimmerdecke gerichtet. Sie hatte etwas Schminke verschmiert, aber ihr Mund sprach nicht mehr, sie war still. Es sah nicht so aus, wie ich mir das vorgestellt hatte. Es war, wie gesagt sehr, sehr ruhig.

Wenn ich jetzt darüber nachdenke, nach all den Jahren, dann habe ich alles richtig gemacht, und dennoch lief vieles falsch. Hätte man mich damals gefunden, dann würden die Anderen vielleicht noch leben. Die, die sie suchen. Sie wurde damals nicht gesucht. Sie wollte mir nur Zeitschriften verkaufen. Sie hat viel geredet. Zuviel. Sie war sehr schnell in meiner Wohnung, und erzählte mir von ihrem Leben. Ich konnte gar nicht sprechen. Ich hatte nicht aufgeräumt. Das Bücken fiel mir schwer, und tut es immer noch. Ich räume selten auf, ich habe keinen Besuch. Ab und zu schaut eine Behörde hier rein, und tut so, als hätte sie das Recht dazu. Es ist übergriffig, aber die Vorgänge und Gesichter ändern sich, ehe ich etwas dagegen zu tun wage.

Kein Mensch hat sie gesucht.  Ich hatte keine Zeitschriften abonniert. Praktisch war sie gar nicht da. Das Töten war nicht einfach. Nur, weil ich es spontan tat, und mit Verzweiflung zur Tat schritt, hatte ich überhaupt die Kraft dazu. Sie schlug um sich, ihre Füße wollten aufstehen und ich musste sie mit meinem Gewicht in den Stuhl drücken. Sie konnte nicht schreien. Sie gab keinen Laut von sich. Aber sie schlug um sich. Sie drückte nach oben. Sie wehrte sich. Sie war viel kräftiger, als ich gedacht habe.

Alle waren kräftiger als ich gedacht habe. Ich unterschätze das sehr leicht. Die Menschen denken, dass ich kräftig bin, aber das ist nur mein Körper. Der ist nicht kräftig, der ist schwerfällig. Meine Oberarme sind vergleichsweise dünn, meine Handgelenke kann man mit einer Hand umfassen. Und es muss keine sehr große Hand sein. Mädchenhände können das schon. Ich berühre Menschen nicht oft. Ich bin überrascht, wie weich ihre Haut ist. Nach einiger Zeit vermisse ich das. Schmerzlich. Das ist wahrscheinlich einer der Gründe, aber ich will es nicht darauf schieben. Das wäre zu einfach. Ich denke viel nach.

Ich öffne das Bier und stelle mich ans Fenster, so wie ich es immer wieder danach tat. Ich sah immer wieder aus dem Fenster. Es geht sehr tief nach unten. Von hier oben sehen die Menschen nicht echt aus, die Autos auch nicht, und manchmal wenn der Tag nicht vergehen will, dann wundere ich mich über die hellen und dunklen Tage. Sie beeinträchtigen meine Stimmung nicht, sie sind nur unterschiedlich lang. Ich trinke das Bier langsam. Wenn es eiskalt in meinen Gedärmen landet, dann könnte ich gar nicht mehr aufhören zu trinken. Mir ist immer so warm. Werden meine Hände kalt beim Umfassen der Dose, dann wird alles ruhig. Kühler. Ruhiger.  Kommt dann noch die Schwere, dann schlafe ich auf der Toilette beinah ein, und stütze mein Kopf an die glatten Kacheln. Mit kalten Händen, den kühlen Backen und der Schläfrigkeit muss dieser Zustand dem Tod sehr nahe kommen. Ich genieße das.

Ich bemerke sehr spät, dass ein Auto die Straße verlässt, über den Gehweg, die Feuerwehrzufahrt auf das Treppenhaus zufährt. Die Männer steigen aus, verstauen Dinge in ihren Taschen und schauen zu mir hoch. Ich zwinkere ihnen zu, aber weiß natürlich, dass sie mich nicht sehen. Sie sind so jung.

Ich habe eine Tasche. Direkt neben der Garderobe. Dieses ist ein sehr großes Haus, aber auch ein sehr altes. Schon vor Jahren habe ich den Durchgang entdeckt, der die Häuser dieser Straße miteinander verbindet. Diese Gänge gibt es nicht mehr oft. Sie wurden gebaut als sich die Menschen noch an die Kriege erinnerten. Es war sehr einfach von einem Keller in den anderen zu kommen. Wenn Bomben fallen, dann kann das Leben retten. Große Stahltüren versperren die Durchgänge, doch als Notausgänge sind sie offen. Dieses System ist nicht verzeichnet, aber wer es kennt, der kann weite Wege durch diese Stadt gehen und an manchen Stellen, unter manchen Häusern in die Kanalisation gelangen.

Ich verlasse die Wohnung, schließe die Tür und gehe den Weg, den ich so oft mit viel mehr Last ging.