Anfang 3. von 300

Als er in das Feuer sprang, betete ich zu Gott. Die Funken stoben zur Seite, und es sah aus als ob seine Stiefel in der Glut tanzten. Dann war es dunkel. Ich erhob mich schnell, aber konnte ihn nicht erkennen.

Seit anderthalb Tagen ritt

ich auf dem Maultier durch die Prärie. Und alles was ich sah, das war die Prärie. Und alles, was ich jetzt noch in meinen Knochen spürte, das war auch die Prärie. Mein Rückgrat war zerschunden, meine Gelenke rieben aufeinander und mein Gesicht fühlte sich an wie pures Feuer. Meine Kleidung war gehärtet von meinem eigenen Salz. Mein Gestank lockte Kojoten an und vertrieb die Menschen. Dachte ich.

Ich wollte nach San Francisco. Ich hatte viel gelernt. Ich wußte, selbst wenn die Zunge im Gaumen klebte und sich anfühlte wie eine tote Sohle, brauchte das Maultier Wasser aus der Flasche. Und ich wußte, dass Reiten nach anderthalb Tagen nichts mehr mit Reiten zu tun hatte. Ich war von dem Maultier gefallen. Oder es hatte mich abgeworfen. Das Tier hatte nicht mal einen eigenen Namen, aber einen Willen.

„Du musst verrückt sein, hier ein Feuer anzumachen!“

„Es ist kalt! Verdammt!“

„Das ist die Prärie! Es ist nachts kalt! Du musst schon zu den Felsen, wenn du es warm haben willst.“

Seine Stimme klang wie ein verstopftes Ofenrohr. Tuch vor dem Mund, dachte ich. Mist, dachte ich. Ich hatte nur ein Messer, und das lag neben dem Feuer. Und das Feuer war aus. Und ich sah immer noch nichts.

Tatsächlich gab es hier keine Felsen. Ich hatte keine gesehen. Weil es hier nämlich nur Gras gab. Und Sand. Und Schlangen, vor denen das Maultier stehenblieb und keinen Schritt mehr weiter gehen wollte. Maultiere hatten den Westen erobert. Maultiere hatten die Mountains erklommen. Und dabei klopfte dieser Schmied wie ein Besessner auf einem Hufeisen rum. Maultiere sind soviel zäher als Pferde. Und waren soviel mehr Esel als ein Pferd, dachte ich. Das war an der Ostküste. Vor Monden. Und Tagen und Wochen. Ich zählte nicht mehr mit.

„Du reitest seit einem Tag im Kreis.“

Ich hatte Holz mitgenommen. Für ein Feuer. Drei Decken. Man konnte nicht genug Decken haben. Für das verdammte Maultier. Unter dem Sattel. Für die Nacht. Für den Schlaf und für die Kälte in der Nacht. Trockenfleisch. Schmeckte als würde ich meine eigene Zunge aufessen. Die Bibel. Unsere Bibel. Meine Bibel. Das Buch, das sie mir hinter her schmissen, als sie mich aus dem Dorf jagten.

Er scharrte mit den Füssen in der Glut.

„Du bist ein Idiotin.“ sprach er weiter in einem ruhigen Ton. „Du wirst verhungern, erfrieren, oder gefressen, oder irgendein Rumtreiber schneidet dir die Kehle durch.“

„Nein!“

„Gib mir dein Geld!“

Ich schlug zu. Er schlug zurück. Ich traf nicht. Er schon.

„Gib mir dein Geld!“

Ich trat. Er auch. Ich krümmte mich und spuckte was Nasses aus.

„Gib dir keine Mühe, sonst jage ich dir eine Kugel durch deinen kleinen Kopf.“ Er ging zu dem Mautier. Und das verdammte Tier blieb stehen.

Ich war eine Idiotin. Gerade mal 17, und verlor in diesem Augenblick mein letztes Geld.

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Veröffentlicht von

jtaelling

Wortklauber und -verstreuer. Schimpft sich Autor an den guten Tagen. Dreht das Ding bis es rollt

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