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Für Hilde Köbl: Freundschaft, Weihnachten,Vertrautheit,Ruhe,Vergangenheit.

 

 

Es war mitten im Winter 1945 als mein armer Vater die Giraffe Raashed mit einem Brettspiel in unserer Dorfkneipe gewann. Der Wirt erzählte später, dass er schon die Stühle hochgestellt hatte. Meine Mutter war nicht dabei. Wir alle sassen schon daheim und schmissen das Holz in das Feuer. Oder Tannenzapfen. Eicheln und überhaupt alles, was sich verbrennen liess. Der erste Schnee hatte sich über das Land gelegt. Der Wald um uns war von Bombentrichter übersät, die Kinder schrien noch in den leisen Nächten und irgendjemand nannte das alles Weihnachten.

Mein Vater war ein Hallodri. Sagte Grossmutter. Er hatte den größten Bart, den ich jemals gesehen hatte. Selbst der Weihnachtsmann hat auf keinem Bild einen längeren Bart. Aber alle, die dageblieben sind. Die Untauglichen und die Alten. Alle hatten einen Bart. Und die jungen, bartlosen Männer sind nicht zurück gekommen. Die meisten Frauen trugen schwarz. Mutter tat das auch, weil sie nicht auffallen wollte.

Die Dorfstraße war uns vertraut. Obwohl sie manchmal Tag für Tag ihr Anlitzt verändert hatte. Die Vertrautheit verging nicht. Vom Bäcker standen nur noch die Grundmauern. Aber gegenüber, in der Dorfkneipe, spielten die dunkelhäutigen Männer aus dem Zirkus um ihr Hab und Gut. Und Vater gewann. Er gewann Raashed. Und damit begann mein Leben.

Ich weiß nicht, wann ich geboren wurde. Ich erinnere mich, dass ich über den Hof rannte, an Mutters Rockzipfel hing, greinte und weinte und mit ihr rannte. Der Schatten flog über uns, schwärzte uns, flog weiter, liess seinen Ballast ab, und die Welt um uns war nur noch Lärm, Knall und unwirkliches Beben. Das kam und ging. Das kam, das ging. Und dann kamen Männer. Die einen, die anderen. Die, die ich nicht verstand. Und dann plötzlich war Ruhe. Der Schnee senkte sich über das Land. Und mein Vater, der hinkte, und arm war, ging wie jeden Abend in die Dorfkneipe. Und gewann Raashed.

Der Wirt, den eine tiefe, unwirkliche Freundschaft mit meinem Vater verband, erzählte, wie mein Vater lachte. Sie spielten Tavli. Der Wirt sagte, die Steine flogen über das Brett, obwohl mein Vater bestimmt noch niemals Tavli gespielt hatte. Die dunklen Männer sprachen dunkle Worte. Sie schienen zu fluchen, doch der Wirt verstand sie nicht. Am Schluss schmissen sie meinem Vater etwas hin und er lachte immer noch. Es waren die Schlüssel für Rasheds Käfig.

Meine Großmutter sagte, mein Vater sei das alles nicht wert. Er sei ein Spieler. In der Vergangenheit, in der meine Großmutter lebte, und in der sie noch in hellen Seen und einem strahlenden Sonnenschein badete, hätte man so einen wie meinen Vater niemals angesehen. Aber e war Weihnachten, wir schmissen Eicheln ins Feuer, lauschten dem harzigen Knall und hörten aus der Ferne Schritte. Und sahen durch Eisblumen Rasheed mit gesenktem Kopf hinter ihm hertrotten. Mein Vater humpelte in den Hof, in dem keine Hunde waren, keine Schweine etwas suchten und keine Kälber mehr Laute von sich gaben. Der Krieg hatte uns alles genommen. Und nun kam Raashed.

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Veröffentlicht von

jtaelling

Wortklauber und -verstreuer. Schimpft sich Autor an den guten Tagen. Dreht das Ding bis es rollt

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