Anfang 6. von 300

Für Alexandra Richter :Nebel, Blut, Liebe, Freundschaft, Neid

Der Stein flog ein Stück, wurde verschluckt und versank in einem undurchdringlichem Weiß mit einem leisen, fernen Platschen. Herr Filbinger fegte über die Wiese, jagte in den Nebel und ward nicht mehr gesehen.

„Filby!“ schrie Marie. Schlug den Schlüssel in der einen Hand gegen ihre Hüfte, und tat dasselbe mit der Leine auf der anderen Seite. Zu früh schreien hatte keinen Wert, zu spät aber auch nicht. Sie wartete. Zertrat gezielt eine Gänseblümchen, dann ein zweites. Schaute sich um. Dann ein drittes. Der Nebel hing in der Luft wie eine diffuse Wand, gab ihr einen kleinen Raum, aber keine Welt mehr. Was konnte man nicht alles tun in einem solchen Raum. Gänseblümchen zertreten. Ein viertes und fünftes mußte daran glauben.

„Verdammt, Filby!“

Herr Filbinger war eine unglückselige Mischung aus allem, was sich in Spanien vor den Hundefängern verbarg. Marie behauptete er wäre ein Mutant. Ihre Mutter war der Meinung, der Hund wäre eine verkleidete Katze und ihr Vater hatte ihn nach einem störrischen, alten Marinerichter benannt. Er wollte den Namen brüllen, sagte er. Filby hätte schon den richtigen Charakter, nach ihm müsse man ständig brüllen.

Sie hätte sein Jaulen unter tausenden herausgehört. Sie hörte es durch die Nässe, die in der Luft hing, sie hörte es durch die Kälte, die sich von hinten anschlich und sie fluchte nun nur noch leise, rannte los und spürte alles mehr, als das sie es hörte. Sein Jaulen wurde quäkend, ängstlich, weichend und hilflos.

„Filby!“ schrie sie. Der Nebel teilte sich wie ein lebendiges Wesen, wich unwillig zur Seite. Gab nichts frei und warf die Töne hin und her. Sie blieb stehen.

Herr Filbinger hatte es nicht so mit Liebe. Er bestand auf seine Eigenständigkeit. Er hasste es gehoben zu werden, er starrte sie struppig und halsstarrig an, wenn die Leine auf ihn zu kam, er verbiss sich in sie und zerrte eher Marie hinter sich her. Marie fand ihn erst widerlich, dann umwerfend, und dann gab sie sich einfach mit seiner Freundschaft zufrieden. Der alte Marinerichter hatte gewonnen.

Das war nicht das, was Maries Mutter wollte. Sie war eine von jenen Müttern, die nicht älter wurden, auch wenn das Rot ihres Haares einer grauen Farbe wich. Die immer noch die Städten ihrer Jugend besuchte, und immer noch Hunde, Sänger und blau bemalte Teller mitbrachte. Für Herrn Filbinger sollte das nur eine Durchreise zu einer rettenden Familie sein. Aber irgendwas war geschehen. Und es lag ein gewisser Neid darin, wenn sich mancher fragte, wie dieser Hund es geschafft hatte, Maries Herz so schnell zu erobern.

Das Jaulen wich einem Kläffen. Marie fuhr herum. Ihr Augen verengten sich, sie brauchte eine Weile, um zu erkennen, wie sich der Hund gleich einem schwarzen Schatten aus dem Nebel löste. So groß war er ihr bisher nicht erschienen, aber auf so kleinem Raum, wie sie sich nun begegneten, war er einfach nur schwarz und nahe. Sie hielt ihm die Hand hin. Er kam näher, und wie sich so sein Fell aus dem Weiß löste, er seinen Formen bekam und sich ihr freudig näherte, erkannt sie das Blut. Das Blut, das wie einst die Milch, die sie ihm eingeflößt hatten, in kleinen Rinnsalen aus seiner Schnauze zum Boden tropfte. Sie behielt ihre Hand in der Luft, und beobachtete seine Zunge, die roten Spuren auf ihre Haut malte.

Advertisements

Veröffentlicht von

jtaelling

Wortklauber und -verstreuer. Schimpft sich Autor an den guten Tagen. Dreht das Ding bis es rollt

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s