Anfang 7. von 300

7.von 300 für Yvonne Lahmann: Erzengel, Troll, Wutanfall, Suzidversuch, Kettensäge

 

„Erzengel?“

„Oh?“

„Lege es weg!“

Der Erzengel senkte den Kopf, sah zu seinen Füßen und wagte kaum zu atmen. Seine Hände waren schweißnass. Er rieb vorsichtig den Daumen und den Zeigefinger aneinander, sah wieder langsam hoch und sog die abgestandene Luft verächtlich ein. Es war diese Lust einmal noch zu rauchen. Roch dafür an seinen Fingern. Nikotin hatte an den Innenflächen gelbliche Spuren hinterlassen. Sein Wasser würde hier drinnen verdampfen. Er würde sich auflösen. Es hatte seit einem Jahr nicht mehr geregnet. Nur Staub und Sonne. Überall.

Der Troll dagegen glotzte einfach nur aus dem Fenster. Die Idee mit dem Hippiebus war seine. In einer Welt, in der kleine Elfen mit Polaroidkameras herumrannten, würde ein VW-Bully überhaupt nicht auffallen. Sagte er. Und, lege das weg, Erzengel. Gewöhne dich an deine Rolle. Sprich mich mit Troll an. Nenne mich Vuldo.

Vuldo, der Troll und der Erzengel sassen sich gegenüber. Der Troll zog zwei Finger auf der Glasplatte auseinander, deutete auf einen Kreis und dann in das bleiche Anlitz des Erzengels.

„Du! Du stehst hier!“

Dann deutet sein haariger Zeigefinger auf sich selbst. Zitterte ein wenig über der eigenen Brust, und krümmte den langen Nagel nach innen. Der Erzengel beobachtete es genau. Dem Troll war nicht zu trauen. Bekam er ein Wutanfall, dann würde er wie eine Gummifigur im Bus gegen die Wände flippen. Eigentlich war der Troll das Klischee eines kleinen Mexikaners. Er betonte absichtlich die falschen Worte, baute Sätze zusammen, die schief klangen und sprach mit Absicht ständig von Tequilas, Chicas und Dollars. Seine Haare hingen struppig herab, seine Haut war braun und die Narben, die ihn zeichneten, zeugt von einem Leben hinter Gitter, mindestens einem Suizidversuch und was sonst noch so zählte. Er hatte seine Füße mit Schaumstoff und einer Heißklebepistole dreifach vergrößert, eine Lederweste und ein Tangahöschen aus demselben Material angezogen, und nannte sich nun Vuldo, der Troll.

Der Erzengel hatte Flügel, das Gesicht eines hageren Weissclowns, statt eines Schwertes eine Kettensäge und einen Umhang aus dem Samt eines elterlichen Vorhangs. Er begann sich aufzulösen. Dachte er. Und seine Schweisstropfen stiessen die Kreide aus seinem Gesicht, so dass er aussah, wie das Gemälde eines depressiven Malers. Er machte hier nur mit, weil ihm der Troll vor einigen Tagen noch clever erschien.

Mit einem Auge beobachtete er die schwarze Maschinenpistole, die so achtlos im Eck lag als könnte man sie greifen. Er würde nicht mehr die Hand danach ausstrecken. Oder sie, wie eben nehmen. Der Troll war wahrscheinlich verrückt. Aber der Troll sagte:
„Nicht mehr lange.“ Und dann spähte er wieder aus dem Fenster. Beobachtete die Straße. Die Palmen. Und die Elfen. Die mit den blauen, roten, grünen und gelben Haar.

„Jetzt“. Schrie er plötzlich. Der Troll. Riss die Maschinenpistole hoch, die Türen auf, und rannte los. Der Erzengel sprang hintendrein. Liess die Kettensäge heulen. Eilte dem Troll nach.

Und so begann er, der Überfall auf die San Diego Comicon.

Und das brüllte der Troll nun auch: „Überfall!“

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Veröffentlicht von

jtaelling

Wortklauber und -verstreuer. Schimpft sich Autor an den guten Tagen. Dreht das Ding bis es rollt

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