Anfang 10. von 300

10. von 300 für Maruschya Markovic: Wald, Musik, Sehnsucht, Dunkelheit, Winter

Die ursprüngliche Idee dahinter, früher, vor uns – meine ich – war ein Trailerpark.“ Er deutete hinter sich, aus dem Fenster hinaus „Aber jetzt sind wir die verdammte Wabentechnik los. Gottseidank. Sehen sie. Es geht nicht mehr um Start und Landung.“

Ihr Blick auf ihn wirkte irritiert. Sie folgte ihm zwar, schien ihn aber nicht zu verstehen.

Warum erzählen sie mir das alles?“

Weil sie mit einer Waffe auf mich deuten!“

Ich hatte sie nicht darum gebeten!“

Nein, sicherlich nicht, aber ich verstehe weder ihr Anliegen, noch wie sie auf das Schiff gekommen sind. Und sie bitten ja auch nicht. Sie sitzen einfach nur da. Aber von hier aus geht es nicht weiter. Das sollte ihnen klar sein. Wir landen nicht.“

Als ihre Blicke sich trafen, für eine Zehntelsekunde vielleicht, glaubten sie sich zu kennen. In dieser Zehntelsekunde sah sie in die Augen ihres Vaters, und er in die Augen seiner Tochter. Aber wie sie kurz blinzelte, sich von ihm abwandte und dann kälter als zuvor auf ihn sah, da wußte er, dass er sich getäuscht hatte. Seine Tochter war Welten von ihm entfernt. Und hatte aufgehört mit ihm zu sprechen.

Ich möchte nicht landen.“

Nun, wie gesagt, das werden wir auch nicht. Schauen sie, im Grunde bewegen wir uns auch nicht. Das mag sie verwirren, aber es geht hier um Effizienz. Ihnen ist das vielleicht nicht klar, aber auch wenn wir ein Ziel haben, so sind wir doch schon angekommen.“

Unter ihrer Pupille sammelte sich ein feuchter Glanz, und nun war er es, der sie irritiert anblickte.

Sie weinen?“

Nein!“

Das war keine Frage, junge Frau, sie weinen!“

Er hielt ihr ein Taschentuch hin, sie stiess seine Hand weg und stand auf. Er hatte recht. Das Schiff hing in einer tiefen Dunkelheit. Wie vor der Scheibe eines Aquariums fühlte sie sich von allem ausgeschlossen was dahinter geschah. Sie sah ein emsiges Treiben. Kleine Boote, die um ihr Schiff kreisten wie Insekten. Lichter, die versuchten etwas zu erhellen und sich einfach im Nichts verloren. Und Planeten. Ferne Planeten. Von denen kein Ton, keine Nachricht hierher gelangte, außer einer Sehnsucht nach einer neuen Welt.

Sie liess ihn nicht aus den Augen. Doch auch er beobachtete sie nur. Er machte keine Anstalten, sie zu stoppen oder ihr zu folgen. Er dachte, dann vielleicht warten.

Es war einfach.“ fing sie an. „Es war viel zu einfach. Es bedurfte Planung, gute Vorbereitung. Ich schlief mit dem Richtigen, und knackte ihr Schiff. Das war es wert.“

So einfach geht das?“

Nicht ganz.“ Sie fuhr sich mit der freien Hand durch die kurzen roten Haare. „2087 wurde die Einheitskiste für Versorgungsgüter eingeführt. Sie ist standarisiert unter Berücksichtigung dessen, das niemals ein Mensch da hinein passt. Es gab Tests und Untersuchungen und eine qualitativ hochwertige Doktorarbeit, die alle Varianten beschrieb, die ein Mensch als Liegepositon schätzt. Sie hat den Vorteil, das man alles, wenn man es zerlegt, darin transportieren kann. Und sie ist frei erhältlich. Sie ist luftdicht, und wird eher nachlässig nach Lebenszeichen gescannt. Eigentlich wird sie nur auf Wärme und Herzgeräusche überprüft. 2095, da war ich 15 Jahre alt, war die Kiste kein Problem mehr. Ich habe zwei Rippen weniger. Narbenlos. Das reichte. Es ist eine reine Zirkusnummer.“

Und die Luft?“

Dürfte ihnen bekannt sein. Die variable, komprimierte Saustofftasche passt sich jeder Form, Kleidung und Gegebenheit an. Ich nahm eine mit. Aber das war eher erschreckend.“

Warum haben sie zwei Rippen weniger, um Gotteswillen?“

Es ist eine sexuelle Spielart. Körpermodifikation. Keiner fragt, warum sie sich das machen lassen. Jeder denkt nur an das klassisches Korsett und eine Wespentaille.“

Aber wieso sind sie hier?“

Gibt es hier Kameras? Können sie sie ausschalten? Sie sind der Kommandeur!“

Es würde auffallen.“

Aber nicht sofort, oder?“

Sie zog ihn vorsichtig am Kragen hoch, drängte ihn zur Tür „Schalten sie alle bis Hangar 9 aus“.

Hangar 9 ist außer Betrieb!“

Ich weiß.“ Sie lächelte ihn plötzlich an, nahm seine weiche Hand und legte sie vorsichtig auf den Scanner.

Ein Teppich aus fremdländischen und vertrauten Klängen begleitete sie auf den Weg zu Hangar 9. Sie kannte diese Musik. Es war die Mischung aus Naturgeräuschen und unaufdringlichen Melodien, die den Stunden einen Rhythmus und eine Angleichung an Tag und Nacht geben sollten. Gemessen an diesem Modus war nun Nacht, und nur einige Schichtarbeiter kam an ihnen vorbei. Die Waffe schmiegte sich an ihre Hand und passte sich automatisch den Bewegungen des Kommadeurs an, so dass er sie nie los wurde.

Sie zog die Tür zu Hangar 9 manuell zur Seite. Sie war nicht verschlossen, schien aber auch unbenutzt. Kalte Luft strömte ihr entgegen. Er zuckte die Schultern.

Es ist Winter. Was hatten sie erwartet?“

Sie lächelte wieder, trat hinein, streckte die Hand aus, fing eine Flocke auf und sah dem kleinen Kristall beim Schmelzen zu.

Sie werden in diesem Wald umkommen!“ sagte er mit trauriger Stimme. Er kam sich viel älter vor als noch vor einer Stunde.

Aber es ist der Letzte“ flüsterte sie und senkte die Waffe.

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Veröffentlicht von

jtaelling

Wortklauber und -verstreuer. Schimpft sich Autor an den guten Tagen. Dreht das Ding bis es rollt

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