Anfang 11. von 300

Anfang 11. von 300 für Katharina Rambeaud: Gänseblümchen, Rettungssanitäter, Sprunggelenk, Tigerauge, Radiergummi

Im Haus nebenan hatten sie einen Strauß Gänseblümchen in die Vase gestellt und diese auf die Veranda, damit man es von der Straße schon sehen konnte. Der Sommer war schwül und heiß. Die Feuchtigkeit sass im Hemd als gehöre sie da hin. Nicht mal das spanische Moos in den Bäumen zeigte eine Windbewegung. Tagsüber schaukelte Andrew auf der Veranda, spielte mit dem Smartphone und lauschte den Telefonaten seiner Mutter.

Sie lehnte am Kühlschrank, stellte mit einer Hand den Wasserhahn an und aus, und sprach über George. Er war einfach gegangen. Krabben aus der Brühe, meinte er, geht gar nicht. Es ist etwas passiert. Er war ein Krabbenfischer und ein Bulle von einem Kerl. Dunkel wie Mahagoni, ein Tänzer von Gottes Gnaden. Er war für den Two-Step geboren. Er war eine Naturgewalt auf der Tanzfläche, ein Kerl, der den Boden beben liess und jeder Frau zuzwinkerte. Dann zog er sich die Uniform an, und ward nicht mehr gesehen. Seit einem Jahr. Der Sold kam regelmäßig. Die verdammten Bilder im Fernsehen auch. Seine Mutter verbarg ihre Tränen und dämpfte ihre Worte. Im Topf war noch etwas Jambalaya, sie würde es später warm machen. Mit Krabben aus Asien.

Andrew sprang auf. Kickte eine Büchse von der Veranda und ging runter zur Straße. Der Nachbarskatze warf er einen so fiesen Blick zu, dass das Tier zuckte und blitzartig mit einem gebauschten Schwanz unter dem Haus verschwand. Andrew grinste. Aber sein Bruder würde bald kommen.

Sein Bruder hatte alles von George, den wiegenden Gang, das freche Grinsen. Und den Blick zum Himmel, der gespielte Verzweiflung offenbarte. Er tänzelte mehr, als das er ging. Vielleicht ein bißchen zu provokant. Seine Mutter stemmte hin und wieder die Hände in die Hüften, und fragte, ob der junge Mann, der sich da nicht benehmen konnte, wirklich bei ihr wohne. Aber sie lachte ihr kehliges Lachen. Und Welt war so rund und in Ordnung, wie ihr Gesicht, wenn es so strahlte.

Als Carl nun seinem kleinen Bruder entgegen kam, da fehlte dieses Federnde im Sprunggelenk, die Leichtigkeit, die ihn so oft voran trieb. Er kam näher als ob er eine Bürde trug. Sein Schritt war schleppender als jemals zuvor. Für Andrew streckte er den Arm aus, umarmte den Junge, legte die Hand auf seine Schulter und führte ihn zurück zum Haus.

Hey, Beat! Alles okay daheim?“

Sie waren alle Tänzer gewesen in dieser Familie. Andrew war der Poet. Ein kleiner, abgefahrener Rapper, der den Reim in den Beat zwingt. Daher Beat. Was sonst?

Sie weint.“

Das tut sie immer, oder?“

Andrew nickte mit dem Kopf, wollte die Stufen heraufspringen, doch Carl hielt ihn zurück.

Sie setzten sich nebeneinander. Jetzt, als er es ablegte, konnte Andrew erkennen, dass Carl sein Uniformhemd in der Hand zusammengeknüllt hatte. Er war Rettungsanitäter. Er war damals, als hier alles unter Wasser stand, geblieben. Und er blieb bis heute.

Er hatte sein durchschwitztes T-Shirt an. Es spannte an den Armen und zeigt das Tigerauge mit Andrews Geburtsdatum darunter. 29.August 2005. Die Welt ging unter, die Palmen bogen sich zur Erde, die Blätter flogen wie Hagel an ihnen vorbei, und Andrew tat seinen ersten Schrei. Der kleine Rapper war geboren, wie ein Tiger in eine Welt geworfen, die nicht mehr für ihn geschaffen schien.

Ich werde gehen. Die wollen mich nicht mehr haben, Beat.“

Andrew sah ihn fassunglos an. Er war zu alt um nicht zu verstehen. Es gab keinen Moment, in dem er nicht gewusst hätte, um was es geht.

Du bist verrückt.“

Schau, Dad ist dort. Alles ist okay. Es passiert nichts, und wir brauchen das Geld.“

Andrew zuckte, schlug mit der Hand auf das Holz und schluckte Wörter und Flüche hinunter. Er zuckte noch, als Carl ihm wieder den Arm über die Schulter legte.

Beat, hör auf! Bitte höre auf damit!“

Das Wort war mehr gespuckt als gesagt: „Wann?“ Es bestand aus Silben, die er hervorbrach, die nichts mehr bedeuteten außer alles, was er für sich behielt.

Bald!“ Carl griff in die Tasche zog einen zerknüllten Zettel raus, entfaltete ihn auf seinem Knie.

20.August? Du bist verrückt, das ist vor meinem Geburstag. Sag, du hast den Brief nie bekommen. Sag es. Radiere es aus. Mache ein neues Datum rein, Carl.“ Er reichte ihm ein Radiergummi. Hielt es Carl hin.

Der nahm es nicht.

„Beat! Das geht nicht. Du weißt das. Du bist clever. Du weißt, das wir hier keine Chance mehr haben. Sie brauchen mich hier nicht mehr. Andere haben jetzt den Auftrag. Hier ist es vorbei. Und das ist die einzige Chance. Sie brauchen Sanis dort. Das weißt du.“

Andrews Anlitz zerbrach, sein Kehle zuckte. Seine Augen weiteten sich, enthielten nur noch Angst. Er öffnete den Mund, brachte kein Ton mehr raus.

Beat!“ schrie Carl.

 

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Veröffentlicht von

jtaelling

Wortklauber und -verstreuer. Schimpft sich Autor an den guten Tagen. Dreht das Ding bis es rollt

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