Anfang 9. von 300

9. von 300 für Mareile A. Raphael: Sperling, Fantasie, Seelenverwandte, Korb , Hochbeet.
 
Chetimus 5 bremste ab, rollte aus, hielt seine Nase in die Luft und hetzte wieder um das nächste Hochbeet. Er war leise, wurde langsam, zog die Schultern an und blieb stehen. Mit spitzen Ohren schaute er über die Erde. Seinen Augen forschten, fokussierten sich und warteten. Er rührte sich nicht. Die LEDs waren runter gedimmt, so dass nur noch ein schwaches Leuchten von ihm zu sehen war.
 
Er bewegte sich nicht mehr. Er könnte eine Drohne starten. Eine Option. Eine sehr kleine Drohne. Er könnte den ganzen Raum mit Drohnen fluten. Er spielte es durch. Zog die Figuren durch die Felder und verwarf es. Er ging die Varianten durch und suchte den Fehler. Das Glasdach war geschlossen. Der Mond arbeitete sich, wie jede Nacht, schleichend von der einen Seite des Hauses zur anderen. Heute hatte er die volle Größe erreicht, alle Pflanzen warfen kleine. dunkle Schatten auf die Erde und wogen sich leise zur Musik. Es machte den Basilikum robuster, wenn er kontinuierlich bewindet wurde. Nur die Musik war Aberglaube. Trotzdem schwor jeder darauf, dass dieser Basilikum intensiver roch, sich stärker auf den Geschmackswurzeln austobte und der asiatischen Küche den speziellen Kick gab. Chetimus 5 ignorierte den Geruch, er filterte ihn ebenso aus wie die Musik.
 
Noch immer verharrte er. Die Protokolle flogen vor seinem inneren Auge vorbei. Seine Hinterläufe pulsten vorsichtig. Er musste die Temperatur beibehalten. Die Physik machte immer die größten Probleme. Die Gummimatten zwischen den Hochbeeten dämpften seine Rollen, so dass er sich fast lautlos auf die Körbe zu bewegen konnte. Er kickte sie vorsichtig an, sah hinein, tastete sie mit einem Laser ab. Scannte sie mit Schall und wand noch ein kompliziertes Verfahren an, das etwas mit Volumen und Gewicht zu tun hatte. Aber er fand nichts.
 
Er wusste, dass Hunde in der größten Verwirrung ihren Schwanz jagten. Er war kein Hund. Sonst hätte er jetzt gejault. Er hielt still. Wieder Protokolle, Reports. Er liess das Innere seiner Schnauze mahlen. Die Zahn-Ketten bewegten sich auf einer dünnflüssigen Gleitschicht, die sich in der Geschmackserfassung sammelte. Er liess die Flüssigkeit mit einer abrupten Bewegung in den Restverwerter gleiten. Und wartete. Er besass eine unendliche Anzahl an logarithmischen Darstellungen, Wahrscheinlichkeitsberechnungen, aber keine Fantasie. So musste er warten. Er ging die Datenbanken durch, glich Bilder ab, und arbeitete sich durch Verhaltensmodelle. Das ging sekundenschnell. Chetimus 5 hatte definitiv eine Menge Vorteile gegenüber einem richtigen Hund.
 
Sein Warten wurde kurz darauf belohnt. Seine Augen schnellten heraus, als wären sie an einem Gummiband, und bogen sich zu dem Hochbeet links von ihm. Der ganze Kopf folgte kurz darauf. Der Sperling, grau, zerrupft, erstarrte mit einem dümmlichen Blick. Sie sahen sich an. Chetimus 5 Augen gingen vor und zurück. Er überprüfte die Fokussierung, suchte Bewegungsdaten, doch der Sperling stand im Wind wie eine kleine Statue. Die Federn wurden im Takt der Musik kurz angehoben, und das Basilikum schunkelte in friedlicher Einigkeit um ihn herum. Chetimus 5 öffnete die Schauze. Die Gleitflüssigkeit perlte an dem Metall seines Unterkiefers ab. Des Sperlings Schnabel zittert, er schloss die Augen. Und fiel um.
 
Chetimus 5 zuckte zurück. Das war ein Sperling. Sein Kopf fuhr nach links und rechts. Sperlinge fliegen. In der Regel weg. Er öffnete die Schnauze und aktiviere die Warmluft. Hauchte den Sperling an und beobachtete sehr genau, wie sich die Brustfedern anhoben und senkten. Seine Vorderläufe stützten sich auf das Hochbeet. Kontamination war eines der Wörter, die an ihm vorbei rauschten. Sperling und Kontamination. Er öffnete vorsichtig die Schnauze, besprühte den kleinen Vogel mit Flüssigkeit und seine Zahnketten testeten die Konsistenz des Kleinen. Knochen, wenig Haut, Flügel. Sein gummierter Zungenlappen sog sich um den Vogel zusammen, und diesen in die geöffneten Reihen zwischen Kiefer und Unterkiefer. Er spürte in seinen Sensoren ein kleines, warmes Pulsen im Brustbereich des winzigen Tieres. Und das führte zu einem helleren Leuchten seiner SchwanzLEDs. Etwas, was so gar nicht in seinem Script verzeichnet war.
 
Eigentlich war dieses die erste Begegnung zwischen Chetimus 5 und dem kleinen Sperling. Man konnte sie nicht seelenverwandt nennen, denn Chetimus 5 hatte keine Seele, aber die Tatsache, dass der kleine Sperling fortan in den Basilikumfeldern leben durfte, deutete auf etwas hin, was sich der logischen Deutung entziehen wollte.
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Veröffentlicht von

jtaelling

Wortklauber und -verstreuer. Schimpft sich Autor an den guten Tagen. Dreht das Ding bis es rollt

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