Anfang 12. von 300

Anfang 12. von 300

Für Christine Koller: Sichel, Knollenblätterpilz,Kopftuch,Schornstein, Kartoffelsalat.

Du bist verrückt! Einen Knollenblätterpilz?“

Törnt…“

Rede gar nicht weiter, eine Prise davon und du bist Abfall!“

Paul nannte es einen der typischen Abende. Wie immer saß niemand im Wohnzimmer. Sie hatten die Brettspiele aufgebaut, aber es ging nur um die Salzstangen, das Bier in der Badewanne und die Küche. Karin suchte den Pfefferstreuer, Peter den Zucker für den Kaffee und Akif schrie nach dem Flaschenöffner. Nur der zuckende Klaus stand fasziniert hinter dem Mischpult, regelte was, wo es nichts zu regeln gab, und Birgit und Cenk hatten sich verdrückt. Der Kartoffelsalat stand neben den Frikadellen auf dem Tapeziertisch.

Dagegen lehnte sich Paul an den Schornstein. Sah sich den Fernsehturm an, und verliebte sich gerade in die Mitte. Wo die Sonne eben noch klar zu sehen war, vermischte ein wilder Impressionist die Farben. Und knapp über die Bügelflasche betrachtet, war das Leben wunderschön.

Die Dächer Berlin waren anders als alle Dächer, die bisher kannte. Sie wirbelten Wortfetzen zwischen sich hoch, die einem unbekannten Rhythmus folgten. Er lauschte in die Nacht.

Das ist ein verrückter Druide, der rennt noch mit der Sichel durch den Wald!“

Rede keinen Mist!“

Doch, der wollte mir einen Knollenblätterpilz andrehen! Einen Knollenblätterpilz! Der ist krank, der frisst alles, was ihm das Hirn wegbläst!“

Unweit von Paul saß ein Mädchen mit einem Kopftuch. Sie hielt sich umschlungen, als müsste sie sich wärmen. Er betrachte sie mit Wehmut, und das Bier tat sein übriges. Ein Profil, dachte er, wie eine Göttin. Aber er hatte schon viel getrunken. Und das wußte er auch.

In Berlin studieren war ein früher Traum. Er hatte ihn geträumt, er hatte daraufhin gearbeitet, er hatte es geschafft. Er saß am Schornstein. Er war in Berlin, die Party tobte. Die Nacht war voll Musik. Der Himmel unverkennbar hell. Keine Sterne zu sehen. Nicht wie bei ihm daheim. Ein Himmel, der nichts preisgab, weil die Stadt sich offenbarte.

Hast du Feuer?“

Das Mädchen schüttelte den Kopf. Und in der heftigen Bewegung fiel ihr eine Locke unter dem Tuch hervor. Wie eine Tuschezeichnung in der Silhouette.

Paul schmunzelte. Er stand auf, wankte, hielt sich am Schornstein, dachte an Deichhühner und bewegte sich auf sie zu. Ein kurzes und ein langes Bein. Er musste grinsen. Sie wären wie geschaffen für diese Dach. Diese Deichhühner.

Er rutschte ab. Legte den Finger an den Mund, als sie erschrocken zu ihm sah. Rutschte wieder. Fing sich. Breitete die Arme aus. Fing sich. Und stand im Licht einer vergehenden Sonne. Er grinste.

Sie war aufgesprungen.

Kein Problem!“ sagt er. Sie starrte ihn an. „Kein Problem! Warte…“

Und wieder. Er schlug die Länge nach hin, biss sich auf die Zunge, sah den Fernsehturm, während seine Hände in die Leere griffen, kratzte über die Ziegeln und spürte nichts mehr unter seinen Füßen.

 

Advertisements

Veröffentlicht von

jtaelling

Wortklauber und -verstreuer. Schimpft sich Autor an den guten Tagen. Dreht das Ding bis es rollt

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s