Anfang 13. von 300

Anfang 13. von 300 für Ilse Campbell: Glück, Syrien, Weg, Liebe, Zweifel

Die Begegnung war so unwahrscheinlich, dass – hätte man sie gefilmt – die Kamera wie bei einem Staffellauf weiter gewandert wäre. Erstaunlicherweise wußte hinterher keiner der Beteiligten, dass es so war, und trotzdem war es jener Morgen, an dem sich ihr Leben zu verändern begann.

Es war ein milder Wintermorgen in einer hessischen Kleinstadt. Unterwegs waren viele, aber auch ein Hotelier. Karl Testow hatte lange gespart, wirklich darauf gewartet und schließlich zugeschlagen. Und eines Tages war er das, was er sein konnte und sein wollte. Hotelier. Man darf sich schon Hotelier nennen, wenn man das Glück hat, ein einziges Hotel zu besitzen. Er lächelte zufrieden, an diesem Morgen, denn es war ein weiter Weg gewesen, und was immer man über hessische Hotels sagt, sie waren alles, nur kein Publikumsmagneten. Trotzdem trat er mit schwungvollen Schritten aus dem Rathaus. Und wußte, der Tag war sein Freund.

Er schaute Frauke Senftopf bewundernd nach, wie sie so blitzschnell, mit einem Hauch Parfüm und weiten Schritten geradezu an ihm vorbei glitt. Sie hatte immer gehofft, dass das Schicksal ihr den Namen nehmen könnte. Nun war sie 42 und die Beziehungen führten nie vor den Altar, aber hin und wieder doch in ein greifbares Glück. Welches man auch Liebe nennen durfte. Das war schon in Ordnung, denn so blieb es ihr Leben. Mit ausgeloteten Grenzen und klaren Regeln. Sie wusste natürlich, dass sie attraktiv war, und sie wusste, wann ihr das half. Hatte sie jemals an etwas gezweifelt, dann bestimmt nicht daran, dass es legitim war, für einen guten Zweck alle verfügbaren Mittel einzusetzen. Warum auch nicht?

Sie hatte Karl nicht bemerkt. Was dieser sicherlich bedauern würde, hätte er es gewusst, aber auf Hans Knerke fiel ihr Blick mit einer leichten Irritation. Hans war nicht sicher, ob er diesen Blick als blosses Flattern oder gar als Zwinkern auffassen sollte, aber dann verwarf er diese Gedanken, und sah wieder auf den Brief der Agentur, in dem Zimmernummer und der Ansprechpartner genannt wurden. Er hatte alles gemacht, was man inner- und außerhalb eines Hauses so machen konnte. Er war Raumausstatter, dann Maler, dann Gärtner, dann wieder Maler, bis er schließlich bei einer Putzkolonne landete. Das Fitnessstudio, das er abends besuchte, diente dem Funktionserhalt, aber auch dem Frustabbau, und sicherlich auch dem Flattern mancher Augenlider.

Beinahe wäre er mit Jessid Al Hussein zusammengestossen. Aber nur beinahe, denn sie wichen sich mit einer Behändigkeit aus, die man nur Magneten mit umgekehrter Polung zugetraut hätte. Auch Jessid trug einen Zettel in der Hand, der eine Adresse zeigt, die weit außerhalb von Syrien lag, aber auch weit weg von der Zeltstadt, in der er vor Monate verweilte. Er war zu alt, dachte er lange Zeit, und der Zweifel hatte länger an ihm genagt, als ihm lieb war. Die Dinge standen in den letzten Jahren nicht gut, aber lehrte man früher Deutsch, dann verkaufte man halt plötzlich Gemüse. Die Liebe zum Land gleicht manchmal der zu einer Frau. Man verzeiht viel Ungemach, und ist bereit zu leiden und da zu bleiben, selbst wenn die Welt in Trümmern steht, und man Dinge tut, die man früher nicht für möglich gehalten hätte. Als der Tod, die fiese Natter, sich in alle Familien frass, und Töchter, Söhne, Frauen, Mütter und Alte mit sich riss, musste er gehen, denn er war die einzige Person, um die er sich noch kümmern konnte. Er war 62 Jahre alt, und die Gicht plagte ihn, aber wie eine wilde Katze, teilte er niemanden seinen Schmerz mit. Er machte sich auf den Weg. Erst aus Syrien, nun zu der Adresse.

Und Stunden später, als Karl die Autotür schloss, seinen Hausmeister Hans begrüßte, und das erste Mal mit der Frau zusammentraf, die er irgendwo schon mal gesehen hatte, waren sie alle verwundert mit welcher Eloquenz Jessid ihre Sprache beherrschte. Sie standen etwas verschämt auf dem Parkplatz herum. Karl, weil er das Geschäft seines Lebens gemacht hatte, und drauf und dran war, Millionär zu werden. Frauke, weil sie wieder mal den Leerlauf vermeiden konnte und ihrem Verein endlich die Grundlage für ihre Hilfe geschaffen hatte, und Hans, weil er endlich Arbeit hatte. Er liess die Knöchel knacken und wartete.

Jessid litt unter dem Winter, egal wie mild er war. Er wunderte sich über den Namen des Hotels „ Zum wilden Kaninchen“.

Aber Frauke wand sich Karl mit einem Strahlen zu:

10 Jahre?“

So lange läuft der Vertrag.“

Sie werden reich.“

Ja, möglicherweise..“

Können wir es umbenennen?“

Er wollte widersprechen, besann sich und blickte sie zweifelnd an.

Kaninchenbau!“

Nein, …“

Doch.“ beharrte sie. „Lasse sie es uns Kaninchebau nennen. Dort sucht man Schutz. Das ist schon okay. Den Kindern wird es auch gefallen. Und ganz ehrlich: Es sieht auch wie ein Kanninchenbau aus.“

Es ist alt..“

Sie lachte, stieß ihn an und das war der Anfang, den sie alle kannten.

https://300anfaenge.wordpress.com

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Veröffentlicht von

jtaelling

Wortklauber und -verstreuer. Schimpft sich Autor an den guten Tagen. Dreht das Ding bis es rollt

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