Anfang 14. von 300

Anfang 14. von 300 für Marena Jovic: Kuss, Zauber, Ring,Wald, Berge

 

Sven stand mit der Blechtasse auf der Veranda, und beobachtete die Schafe. Es war Frühling, und die Lämmer tanzten über die nasskalte Wiese. Ein paar Wochen noch, dann würde er sie ins Tal bringen müssen. Ein wahrer Kindergarten, den er da vor sich sah. Aber zu viele um sie alleine groß zu ziehen. Er blies in den Kaffee, sah auf den Weg ins Tal und betrachtete den blonden Burschen der schnaufend herauf kam.

„Ich brauche niemanden hier oben.“

Der Junge stand unschlüssig in der Tür. Seinen Rucksack hatte er neben sich abgestellt. An seinen Schuhen klebte der Schlamm vom Fluss, dem er vom Dorf gefolgt sein musste. Seine Arme und Beine waren zu braun für diese Jahreszeit, und sein Grinsen wechselte zu schnell zwischen einer trotzigen und bittenden Miene.

„Ich will kein Geld!“

„Ich kann dir auch keins geben.“

„Sie machen hier Käse, ich kenne mich aus. Ich weiß, wann sie aufstehen, ich weiß, wann sie ins Bett fallen.“

„Gut.“

„Ich brauche nur einen Platz zum Schlafen, was zu essen. Und am Ende des Sommers bin ich wieder weg.“

„Bis zum Ende des Sommers?“

„Ja, so ungefähr.“

Sven schloss das Zimmer auf.

„Sie schliessen die Zimmer ab?“ fragte Mario verwundert, den so war der Name des Jungen.

„Nein.“ Sven schüttelt den Kopf, und zeigte auf ein Bett, das scheinbar unberührt in einer Ecke unter dem Fenster stand. „Nein, das bleibt jetzt offen.“

Mario war immer der Erste, der aufstand. Er melkte die Schafe, griff sich die Lämmer, hielt ihnen die Flasche mit der Kuhmilch hin und achtete darauf, dass auch das Schwächste genug abbekam. Er fegte den Stall aus, trug den Eimer mit den Ausscheidungen zu dem Kompost und legte neues Stroh auf. Füllte das Wasser nach. Und saß später an dem Kachelofen gelehnt, in der Hand ein Glas mit verdünntem Holundersirup und einer Scheibe Brot. Er sah auf die Berge, den Wald davor und biss in das Brot. Sie sprachen nicht viel.

Zu Beginn vermied Sven jedes Wort, er wirkte mürrisch und abweisend, und er wusste das. Er wollte alleine sein. Aber es wurde von Jahr zu Jahr schwerer. Er musste das Holz machen, er musste die Abrechnungen machen, er musste den Käse zu den Märkten bringen, er musste die Laiber täglich bürsten, er musste die verdammte Molke ordentlich entsorgen.

Anna war damals im dritten Jahr einfach gestorben,und hatte das Kind unter ihrem Herzen mit sich genommen. Umgeben von Wald und der Nacht, in der es geschah, fühlte sich hier alles so falsch an. Es war nicht mehr ihr Wald. Und der Zauber, der sie einst hierherbrachte war vergangen.

Viele Wochen zuvor hatte ein Fuchs sie besucht, und die Kaninchen gerissen, die sie aus der Stadt mitbrachten. Die Sauerei, die sie im Stall fanden, glich den Spuren eines Massakers. Anna stand damals mit ihrer Hand vor dem Mund inmitten der Tierteile und weinte die Tränen, die er niemals wieder sehen wollte. Er führte sie raus, fest in seinem Arm, mit einem seltsamen Kuss auf die Stirn und dachte über die Fehler nach, die er sich nicht eingestehen mochte.

Als Anna starb, gab es keinen Plan mehr. So folgte er auch keinem. Er blieb einfach da, verschloss das Zimmer, und bürstete weiter die Käselaiber, wendete sie und beobachtete wie draußen die Pilze aus dem Boden schossen. Sie konnten einen Ring bilden. Einen sogenannten Hexenkreis. Jedes Jahr trat er woanders auf. Manchmal mitten auf der Weide, manchmal im Wald, aber er war immer da, wie das Bild eines Fluches. Der auf ihm lastete.

Als der Sommer kam, stand der Schweiß der Tiere und der Menschen in einem Raum. Mario arbeitete körperlicher. Er war jünger, stärker, kam Sven näher, und nahm ihm das ab, was zu schwer schien. Er fuhr nun die Märkte an. Sie sprachen mehr, aber Mario kannte nicht die ganze Geschichte. Er wollte sie auch gar nicht wissen. Der Sommer war eine begrenzte Zeit, und sein Ende war abzusehen.

Sven begann sich auf Mario zu verlassen. Wenn er nun mit der Tasse auf der Veranda stand, dann füllten sich seine Augen mit unbestimmten Tränen, wenn er Mario betrachtete. Und er wußte nicht warum, doch der Sommer begann sich dem Ende zu neigen.

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Veröffentlicht von

jtaelling

Wortklauber und -verstreuer. Schimpft sich Autor an den guten Tagen. Dreht das Ding bis es rollt

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