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Für Margitta Bieker: Sisyphus ,Gipfelglück ,Inkontinenzprophylaxe ,Wahrhaftigkeit, Gänsebraten

„Was ist das?“

„Naja, sie können es kontrollieren.“

„Pardon?“

„Machen Sie es einfach. Prophylaxe.“

Sein Gegenüber ruderte verständnislos mit den Händen in der Luft.

„In-kon-tinenz-pro-phy-laxe. Sie kriegen das in Griff.“

Der Arzt stand auf und führte den Mann zur Tür.

„Entspannen sie sich. Ruhen sie sich etwas aus, sie haben Stress. Oder sie hatten Stress. Trinken sie abends weniger. Vermeiden sie Alkohol. Schweres Essen. Sie verstehen schon, was ich meine.“

Das erste, was er tat, als er auf den Bürgersteig trat, galt dem Skater, der zufällig an ihm vorbeifuhr. Er schmiss ihn um. Dann trat er den Papierkorb. Die Behinderte rempelte er an, dem Gemüsehändler feuerte er einen Stand um, brüllte „Verklag mich!“ und schritt gemächlich auf seinen Fahrer zu. Jeden einzelnen, rollenden Apfel kickte er in den Verkehr.

„Zwei Anrufe..“

„Schnauze!“

Er wälzte sich auf den Rücksitz, hieb auf die Nackenstütze vor ihm und legte den Kopf zurück.

Eine unbändige Lust auf Zerstörung und Veränderung überkam ihn. Wenn er nun dem Fahrer links und rechts eine langte, würde sich die Welt verändern. Seine Welt. Die Welt. In der Wahrhaftigkeit gab es nur eine dieser Welten, letztendlich seine. Er fühlte die Glock in seiner Tasche, spürte wie er das Metall wärmte und seine Finger sich an ihre Glätte schmiegte. Und er wußte, er suchte die Welt zu verändern, und darin seinen Halt.

Er holte die Waffe hervor, entsicherte sie und legte sie vor sich auf seine Knie. Wie ein dummer, kleiner Sisyphus hatte er sich diese Stadt zu eigen gemacht. Die Taschendiebe von den Straßen geräumt, die Polizisten beschenkt, die Zuhälter in die Mülltonnen gestopft und den Handel unter Kontrolle gebracht. Und nun pinkelte er Feuer und der Arzt wollte ihm Windeln verschreiben.

Er lächelte, wie jemand, der in den letzten Stunden wunderbaren Sex gehabt hatte. Er meinte es nicht so.

„Gipfelglück!“

„Chef?“

„Fahr einfach, verdammt!“

Auf seinem Smartphone war eine Liste. Dinge, die er heute noch erledigen wollte. Er grinste, als er „Arzt“ sah, danach „Gänsebraten“ für Margot (sollte der Idiot von Fahrer machen) und viel Platz für sehr viel mehr. Er hielt sich die Glock an die Schläfe, dann in den Mund, und schoss drei Selfies. Legte sie wieder auf den Schoss, und begann die Liste zu vervollständigen. Er würde die Welt verändern.

„Klaus Peter Morowitz!“. Warum gab es eigentlich kein Kreuz unter den Symbolen? Er nahm das Pluszeichen.

„Putzi Benkow!“ Keine Ahnung, wie der wirklich hieß. Auch egal, wer so einen Namen hatte, der hatte alles verdient.

„Jan Koffler“ Es wurden immer mehr. Und beim Schreiben überfiel ihn eine Kreativität, die er nicht mal erahnt hatte.

Er wandt sich an den Fahrer: „Ich mache heute ein paar Besuche. Fangen wir mit Klaus Peter an.“

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Veröffentlicht von

jtaelling

Wortklauber und -verstreuer. Schimpft sich Autor an den guten Tagen. Dreht das Ding bis es rollt

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