Anfang 16. von 300

Für Grete B: Blau, Wasser, Fisch, Schmerz, Liebe

 
Regen in Kingston war etwas, das hereinbrach wie ein Wasserfall. Es versperrte die Sicht, überschwemmte die Straßen und verschwand nur mit Mühe in der Kanalisation. Das Wasser flutete alle Wege, tränkte die Palmen, sammelte sich auf den Terrassen, tropfte von den Balkonen und umspülte ihre nackten Füße.
 
Katrin drückte sich in den Hauseingang. Sie presste die Strandtasche an ihren Bauch, spähte nach oben und überlegte, ob sie die Schuhe besser gleich in die Tasche stecken sollte.
„Alles in Ordnung?“ fragte hinter ihr eine raue Stimme.
„Ja, sorry. Der Regen..“
„Kommen sie rein. Kommen sie rein.“
„Nein, ist schon gut, der Regen hört gleich auf.“
„Tut er nicht. Wirklich nicht. Kommen sie rein.“
 
Wenn Tony lachte, dann war es ein schallendes Lachen, dass über den Strand dröhnte, in der Kneipe jeden Blick auf sich zog und ihr ein leichtes Lächeln und Irritationen entlockte. Er lachte oft, viel über ihre englische Aussprache , denn bei ihm klang alles wie eingerollt, durchgekaut und in einem Satz ausgeatmet. Seine Sprache war ein Fluss, ein rauher Rhythmus mit einem sanften Beat, und einer Wärme, die heißer war als die Sonne dieses Landes.
 
Tagsüber arbeitete sie in einer Praxis für Ergotherapie, wildes Pendeln und was sonst noch so gesund und harmlos war. Und Geld brachte. Mathilda, die das schon seit Jahren machte, winkte ab, als sie sie fragte, ob sie wirklich daran glaube. Darauf käme es nicht an. Andere glaubten daran, Jamaika sei eine verfluchte Insel und alle hier wären abergläubisch. Warum nicht davon leben? Doch die Ergotherapie war echt. Konnten sich nur die wenigsten leisten, aber die Touristen kamen. Alles war gut. Seit zwei Monaten. Ein Koffer stand noch in der Ecke ihres Zimmers in einer kleinen Pension am Rande von Trench Town. Sie liess ihn unausgepackt. Änderte sich nichts, sagte sie sich, dann eben Barbados. Warum Barbados? Sie wußte es nicht, liess sich auf das Bett fallen und blickte zum Fenster hinaus.
 
Tony sah wie sie sich an den Beinen kratzte. Und er schmunzelte. Sie hatte mittlerweile Striemen, fürchterliche Streifen und keine Ahnung, wie das kam. Es juckte, es brannte, es blieb, und Kratzen half überhaupt nicht. Der Schmerz ging nicht weg. Er zeigte über den Strand, an dem nur wenige Jungs saßen, die ihrem schnellen Reggae mit rhythmischen Kopfwackeln lauschten.
„Sandflöhe. Überall.“
„Sanflöhe?“
„Du musst deine Beine einölen. Moment.“ Er schüttete eine schwere Flüssigkeit in seine Handinnenflächen, die soviel heller waren als alles andere an ihm. Sah sie kurz an, wartete bis sie nickte, und griff sich ihr Bein. Rieb es ein, streichelte es, liebkoste es scheinbar unabsichtlich, verharrte, spielte mit den Fingern und strich, bevor sie reagieren konnte, sanft über ihre Wade. Sie sah zum Himmel, legte den Kopf zurück und suchte etwas in dem endlosen Blau.
 
Es geht nur um den Big Bamboo, meinte Mathilda. Sie stand rauchend am Eingang der Praxis, glänzte wie eine Statue und bewegte sich wie die Sünde. Katrin beobachtete sie staunend. Die Jungs denken, du bist reich, weiße Frau. Sie haben den Big Bamboo, du das Geld. So geht das immer. Katrin, lass das mit der Liebe sein. Wenn du ihn willst, dann wird es geschehen, aber keine Liebe, Katrin.
 
Abends sammelten sich alle am Fischmarkt, legten die Gitter über die Ölfässer, brieten die Fische und schon von weiterm sah man die Lichter, roch die Würze und den Rum, das Ganja und hörte das Soundsystem. Er bewegte sich wie eine Welle, sie spürte sein Bein an ihrem, dann seinen ganzen Körper, atmete an seinem Hals, zog den Geruch seines Schweisses ein und schloss immer mal wieder nur für Momente die Augen. Dachte sie fiele, aber fing sich der Gleichmäßigkeit der Musik. Sie spürte nicht, dass sie tanzte, denn er führte sie. Wie in einem Strudel, zog er sie mit sich. Riss sie herum, an sich heran, in seine Arme, und, verdammter Big Bamboo, sie küsste ihn.
 
Sie wusste nicht, ob es der Ganja war, als sie flog. Sie blinzelte, und erkannte in der Dunkelheit nur seine Zähne, die lachten, strahlten, und von oben herab auf sie sahen. Ihr Körper wurde dann schwer, versank im Kissen, nur um sich wieder aufzubäumen.
 
Am Morgen, als sie erwachte, schob sie seinen Arm beiseite, setzte sich auf die Bettkante. Und starrte ihren Koffer an. Soviel Schmerz. Soviel Dinge, die nun hinter ihr lagen. So viele Dinge, die nun vor ihr liegen konnten. Seine Hand bewegte sich leicht. Wenn es mehr gab als das, dann würde sie es haben wollen. Sofort. Wenn es nichts mehr gab als dieses, dann würde es sie nicht missen wollen. Sie rieb sich die Schläfe, und es fühlte sich an wie der Lauf einer Waffe. Es schmerzte. Und hieß Barbados.
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Veröffentlicht von

jtaelling

Wortklauber und -verstreuer. Schimpft sich Autor an den guten Tagen. Dreht das Ding bis es rollt

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