Anfang 17. von 300

Anfang 17. von 300 : Für Sandra Paul : Wolken, Messer, Marmeladeglas, Faszientraining, Umkehr

Es wäre falsch zu behaupten, eine Espressomaschine würde wie eine Schwalbe oder ein Falke fliegen. Aber sie flog dennoch erstaunlich weit, betrachtete Fenster nicht als Hindernis, und erwischt im Landanflug noch zielsicher den bescheuerten, elektrischen Rasenmäher. Der war nicht seine Idee.

Man wird nicht unbedingt stärker durch Zumba, Faszientraining oder Stand-Up-Paddeling. Aber er fühlte sich gut, kräftig, noch nicht erschöpft und schmiss den Backautomaten einfach mal hinterher. Uwe war ein stämmiger Bär. Einer von der Sorte, der Bauchmuskeln mochte, aber sie nie bei sich fand. Und er hatte jetzt viel Platz auf dem freien Küchen-Board.

Zog ein Messer aus der Schublade, stellte das Radio noch drei Striche lauter und deckte die Brotscheibe satt mit Leberwurst zu. Den Wodka, jener mit diesen lustigen Zusätzen, schnappte er sich im Vorbeigehen. Die Golfschläger standen wartend auf dem Flur. Praktischerweise.

Er stopfte sich das Brot in den Mund, liess den Rest einfach fallen, und wirbelte ziellos das vierer Eisen durch die Vase, durch das DVD-Regal und nur das Aquarium brauchte einen richtig Anlauf. Auf wiedersehen, Laminat. Den Fischgestank bekommst du nie wieder raus, Perser. Vergehe, Wandtattoo.

Ende des Bilderbuchs. Uwe war immer der Mann mit den Extras. Der die Waage unter den Schlafzimmerschrank schob. Der alles mitmachte, jeden Tipp beherzigte, und sich in Protektoren quetschte, nur um ebenfalls mit einem Fahrrad über die Felder zu preschen. Etwas, dass ihm mehr Todeserfahrungen brachte, als er jemals in seinem jungen Leben erfahren wollte.

Vom Wohnzimmer war es nur ein Schritt auf die Veranda. Dort fegte er gekonnt das Blumenarrangement, den Aschenbecher und die vergessenen Kaffeetassen vom Glastisch. Er setzte sich auf die Platte. Na also, alles nicht so schlimm. Kein Knacken. Geht doch. Ein Blick bis zu den Pfälzer Bergen. Unverbaut, dazwischen Felder, Gärten, jetzt noch Nebel, und hübsche, niedliche weiße Wolken. Wunderschön.

Er nestelte in seinen Taschen, zog eine Zigarette heraus, steckte sie an und blies den Rauch geniesserisch in die ersten Sonnenstrahlen. Das Eisen wirbelte er ziellos über den Kopf. Fast wie ein Lasso. Einfach weil ihm diese Bewegung gerade Spaß machte. Er konnte so cool sein. Verdammt schwer, das Ding dachte er, und liess es los. Es flog wie ein Bumerang, grazil und ruhig über die Brüstung des Penthouses, und landete wohl in einem Haufen Tonscherben. Er schaute nicht runter. Schüttelte den Kopf. Nein. Niemals.

Er rauchte weiter. Hob den Wodka an die Lippen. Aber er konnte trinken soviel, wie er wollte, sein Kehle war immer trocken. Seine Zunge klebte schwer in seinem Gaumen. Als wäre sie ein plüschiger Fremdkörper. Und in seinem Kopf hämmerte etwas, das er nicht herausbekam. Und sein Herz kämpfte gegen eine Faust, die es heftigste quetschte. Es fühlte sich an wie Tod . Und Unruhe. Und Lust .Und alles zusammen führt dazu, dass er vom Tisch sprang, ihn schreiend umschmiss, und wie ein Irrer im Kreis rannte. Die Zigarette war plötzlich nicht mehr da.

Er änderte die Richtung. Packte einen Blumentopf nach dem anderen. Feuerte sie weit von sich. Irgendwo ging eine Alarmanlage los. Er blieb stehen. Ruhe, dachte er. Beruhigen. Umkehr. Aber nur für eine viertel Minute. Zurück im Flur, schnappte er sich das Dreier Eisen. Und knallte es durch den Beistelltisch, bis das Marmeladeglas wie eine Blutkonserve verspritzte. Er atmete schwer. Wischte sich den Schweiss von der Stirn und lauschte dem Fahrstuhl.

Rolf hatte keine Chance, die Aktentasche hoch zu reissen. Oder was man sonst so tut, wenn einem ein Dreier-Eisen mit voller Wucht entgegenkam. Es erwischte ihn seitlich an der Backe, zerschmetterte Zähne, liess ihn Blut spucken. Aber das war nur das, was er gleich mitbekam. Er sah nicht, wie der Spiegel neben ihm zerbrach, die Platzwunde sich über seine linke Gesichtshälfte zog und spürte auch nicht mehr, wie seine rechte Kniescheibe unter dem zweiten Schlag splitterte.

Uwe starrte ihn an. Er verharrte. Wartete. Als sich Rolf nicht rührte, blockierte er die Tür des Fahrstuhls mit Stanniolpapier, marschierte in die Küche, holte Ketchup, Mehl, Gurken, Joghurt, alles was ihm in die Quere kam und feuerte es brüllend aus der Nähe und der Ferne in den Fahrstuhl. Er tanzte um das Ding, und schrie.

Du blöde Sau, du Hurenbock, du dummes Stück Mist. Verdammte Scheisse. Was für ein Arschloch du doch bist. Lehrer, meine Fresse.“

Er atmete durch.

3 Jahre, du Sau! Behalte deine Müll. Behalte diese Wohnung. Behalte alles. Behalte deine Jungs. Bleibe fern von mir, du blöder Sack.“

Uwe nahm die Treppe. Ging. War ja auch Zeit.

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Veröffentlicht von

jtaelling

Wortklauber und -verstreuer. Schimpft sich Autor an den guten Tagen. Dreht das Ding bis es rollt

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