Anfang 18. von 300

Für Svetlana Mailing: Zukunft, Labor, Schlüssel, Kind, Geheimnis

Irina stellte sich steif neben ihren Chef. Sie war überrascht, welch unangenehmen Geruch er ausströmte. Aber sie beschloss es nicht zu erwähnen, berührte mit ihren Händen den Fenstersims und senkte den Kopf, um die Anzeigen abzulesen.

Alles normal.“ Sie betrachtete seine Finger, die neben ihr agierten. Er zog Tabellen größer, beugte sich vor und seine Handgelenke wirkten dabei wie von Tentakel geführt. Die Adern waren hervorgetreten. Die Knochen schauten spitz unter der Haut hervor. Und unter den Fingernägeln bildete sich ein schwarzer Rand. „Nicht wahr?“

Ja.“ antwortete er abwesend. Las in Dokumenten, schob Reports beiseite und wendete sich wieder dem Fenster zu. Schweiß bildete sich auf seiner Stirn. Er wischte ihn mit der rechten Hand weg.

Ich glaube, er redet mit Fröschen.“ fuhr er fort, als spräche er mit sich selbst.

Sie zuckte mit den Schultern.

Es ist ein Biotop. Quasi autark. Ich würde vielleicht auch mit Fröschen reden.“

Nein.“

Nein?“

Nein!“ Seine Augen blieben auf ihr haften, als würde er ihr erst jetzt gewahr. Er fixierte sie ärgerlich. Sie bemühte sich um Ausdruckslosigkeit. Wich nicht zurück. Erwiderte kalt den Blick und hörte seine heiseren Worte. „Nein, sie würden nicht mit Fröschen reden. Er aber redet mit Fröschen.“ Mit einem verschmutzten Fingernagel deutete er auf die Scheibe, und zeigte auf den Jungen.

25 Jahre zuvor fiel ein Stein ins Meer. Und dort, wo er auftraf, verfärbte er den Himmel, erzeugte bekannte Phänomene, und die Menschen glaubten, ihnen wäre die Zukunft genommen. Wer flüchten konnte, der flüchtete. Meistens hoch. In die Berge, dort wo das Wasser nicht hin kam. Denn das war das erste Problem. Wasser verdampfte und Wasser kam. Wasser teilte Amerika, halbierte Deutschland, und liess all die hübschen Inseln vor Arabien in Vergessenheit geraten. Die Welt an sich glich einer salzigen Reisplantage. Die Toten waren ungezählt. Und blieben ungezählt. Schätzungen wurden dem Schmerz nicht Herr. Es war ein wirklich großer Stein.

Irina hatte die Flucht nicht erlebt. Ihre Eltern hatten ihr davon erzählt, von der Fahrt im Bus, und wie sie in einem Tuch durch die Lager getragen wurde. Wie sie aufwuchs, während Nationen sich neu definierten. Andere Länder ihre Fahnen schwarz färbten, weil sie sowieso nicht mehr existierten. Für die einen war es der Stein, für die anderen Venganza und für viele einfach nur der Meteor.

Er brachte neue Religionen, Flechten und viele Viren mit. Die Religionen hatten sie selbst erfunden. Die Flechten, die wie Algen an den Ufern schwammen, untersuchten sie, und die Viren waren einfach da, und schufen irgendwie eine neue Erde, die sie nicht verstanden.

Sie wollte schon früh in das neue Labor. Sie arbeitete jetzt gerne hier. Keiner wollte über das, was hier vorging, reden und niemand mehr fragte. Es ging alles sehr schnell. Die Armeen aller Länder hatten das Material in die Anden gebracht. Sie siedelten es neben den umstrittenen Sternwarten an. Und die religiösen Gefühle der Anwohner waren erstmal egal. Von wegen heiliger Berg. Was hier errichtete wurde, sollte allen dienen und alle hatten sich unter zu ordnen.

Irinas elektronischer Schlüssel führt sie in alle Gänge, durch alle Büros, vorbei an den dritten, vierten und fünften Wachen. Die letzten Wachen trugen Logos, die man außerhalb des Gebäudes nicht sah. Das große Geheimnis bekam damit ein offizielles, bürokratisches Gesicht.

So stand sie neben ihrem Chef, versicherte sich seiner Missachtung und atmete durch. Sie blinzelte durch das Fenster den Jungen an. Langsam drehte das Kind den Kopf zu ihr . Seine schwarzen Augen zeugten von den Injektionen. Und sein marmorierte Haut trug schon schwach die Muster der Flechten. Es saß nackt im Moos, hatte eine Hand auf einen schlafenden Ochsenfrosch gestützt und mit der anderen legte es den Zeigefinger an die Lippen. Sie nickte, formte ein Herz mit ihren Fingern und lächelte.

Dann öffnete sie eine Hand, als würde sie winken, knickte jedoch den Daumen ein. Vier Tage. Noch vier Tage, flüsterte sie tonlos. Das Kind schloss die Lider für einen Moment. Und wandt sich wieder dem Ochsenfrosch zu.

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Veröffentlicht von

jtaelling

Wortklauber und -verstreuer. Schimpft sich Autor an den guten Tagen. Dreht das Ding bis es rollt

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