Anfang 21.von 300

Anfang 21.von 300 für Claudia Klaedtke : Nebelschwaden, Zaudern, Zylinder, Labyrinth, Meeresrauschen

Meine Geschichte begann nicht auf den Bermudas. Nicht zwischen Palmen und nicht am Strand. Nicht mit den Meeresrauschen und auch nicht mit den Möwen. Wenn ich dieses heute alles höre und sehe, und die Sonne mich wärmt, dann auch nur, weil die dicke Frau meinen Rollstuhl auf die Veranda fährt. Sie heißt Mary, aber der Patron sagt, sie stehlen alle wie die Raben. Daher lohnt es sich nicht, das im Gedächtnis zu behalten.

Mein Gedächtnis, wenn ich es schon erwähne, beginnt mich zu verlassen. Ich sitze ruhig im Wind und ringe um Namen und Orte. Ich muss nichts mehr wissen, denn ich werde nichts mehr gefragt. Und das, was ich einst wußte, zerrinnt mir wie Muschelstaub zwischen den Fingern.

Nicht, dass ich sie nicht verstehen könnte.“ sagte er zu meinem Vater. „Es ist ihr Sohn. Wer würde schon seinen Sohn hergeben?“

Sir, ich schätze sie als Kunden. Ihre Güte und Bekanntschaft ist mir eine Ehre. Ich weiß, das Angebot ist großzügiger als alles, was ich mir zu erhoffen vermag. Es ist mehr, als ich jemals erwartet hätte. Und dennoch..“ Mein Vater strich über seine Weste, mehr aus Verlegenheit, weniger um seine Entschlossenheit zu beweisen. Doch er war nicht entschlossen. „Dennoch muß ich ihr Anliegen ablehnen.“

Es war in London. Ich war in jenem Alter, in dem ich die Katzen durch die Werkstatt verfolgte, die Reste des Leders aß und mich in der Wolle zum Schlafen legte. Des Nachts teilte ich mir das Bett mit meinen Brüdern. Gleich Welpen kuschelten wir uns aneinander. Wir waren drei. Und davon ich der Drittgeborene.

Sam, der Älteste reichte meinem Vater, was immer dieser verlangte. Er war aufmerksam, gelehrig und es schien ihm in die Wiege gelegt, Filzhütte und Zylinder zu fertigen. Ich dagegen war zu klein, um Fertigkeiten zu entwickeln. Nichts davon erregte meine Aufmerksamkeit. Wie gesagt, ich jagte Katzen. Paul, der zweitälteste, war schwer zu halten. Er trug eine Rebellion in sich, die es meinen Eltern leicht machte, ihn zu übersehen. Denn er war selten daheim. Er kam des Nachts, legte sich in die Mitte, und rannte schon morgens aus der Werkstatt. Er war ein räudiges, ungepflegtes Kind und praktisch nie da. Einige dieser Eigenschaften sollte er sein ganzes Leben behalten.

Was ich von meines Vaters Werkstatt weiß, das lag in einer Höhe unterhalb der Tischkante. Tierfelle, Leimtropfen und Stoffreste prägten das Bild. Wie jedem in diesem Haushalt, so gab man auch mir Aufgaben. Einige zum Test, andere um mich frühzeitig daran zu gewöhnen. Ich versagte oft und leidenschaftslos, und doch war ich derjenige, der in der Frühe barfuss über das Kopfsteinpflaster zwei Häuser weiter die Milch holte. Die Hardsmiths hatten zwei Kühe im Hinterhof, was in London nicht so einfach war, aber sie erkauften sich unsere Duldung mit einer täglichen Ration Milch. Die ich schwappend und schwankend zu uns schleppte. Es war eine der wenigen Aufgabe, die ich mir in meinem kleinen, aufgeregten Spatzenhirn merken konnte.

Was immer ich von dieser Unterhaltung wußte, die mein Vater mit dem Kunden führte, ich wußte nicht den Grund dafür. Und der Raub, den ich noch Jahre später in der Times recherchierte, war nie einer der Schlagzeilen machte. Und auch, als man mich einfach von meinem Milcheimer trennte, mich in die Kutsche schmiss und durch das Labyrinth der Londoner Straßen fuhr, schrie ich nicht, so wie auch mein Vater dieses wohl nie zur Anzeige brachte.

Er war ursprünglich ein Kunde. Ich erkannte ihn wegen seiner erstaunlichen blauen Augen. Sie traten aus ihm hervor wie Wasser, das überzulaufen drohte. Ansonsten war er blass, wie die Nebelschwaden, der uns an diesem Morgen umgaben und seinen Raubzug verbargen. Vollkommen leidenschaftslos besuchte er danach wohl noch viele Jahre lang die Hutmacherei meines Vaters.

Obwohl ich später, schon etwas herangewachsen, zwischen seinen keifenden Papageien in seinem Haus meinen Studien nachging. Er und seine Frau lebten außerhalb Londons. Sie war eine schwarzgekleidete, schwindsüchtige Schönheit, die des Tages schlief, und des Nachts Gedichte von Beardsly zwischen den Orchideen zitierte. Ihr Anliegen galt der Botanik, seines der Zoologie.

Ich wehrte mich nicht, vermisste wohl meine Mutter, meinen Vater jedoch nicht so sehr. Es war seit dem Angebot des Kunden immer ein Zaudern in seiner Stimme, das einen kleinen Teil, den ich Abneigung nennen will, nicht versteckte. Ich weinte nicht, denn mein Blick war so gefesselt, von den Tieren, die fortan mein Schicksal bestimmen sollten, dass ich fast schon glaubte, dass alles seine Richtigkeit hatte, als ich zwischen den Käfigen stand und dem Flug der Federn folgte, die überall im Raum herum schwirrten. Ich eilte, um sie aufzusammeln. Und versuche das noch heute, wenn eine Feder zufällig in meine Nähe fällt.

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Veröffentlicht von

jtaelling

Wortklauber und -verstreuer. Schimpft sich Autor an den guten Tagen. Dreht das Ding bis es rollt

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