Anfang 23. von 300

Für Ildikó Varga: Fernweh, Heimat, Verirrt, Liebesschmerz, Hoffnung

 

Lauter konnte es der Platz nicht schreien. Auch hier gab es keine Arbeit. Es war nur ein Platz voller Staub, Hitze und Sonne. Außer ihm standen noch 20 andere Männer herum. Aber sie warteten vergeblich. Sie grinsten verlegen, erzählten über die letzten Jobs, über das was mal war und das was sie zurück gelassen hatten.

Es gibt Jobs an der Küste.“

Ja, es gibt immer genau dort Jobs, wo ich nicht bin.“

Georg stand auf, klopfte sich auf die Jeans und zog sie hoch. Er zuckte mit den Schultern und ging.

Ist wohl mein Schicksal.“

Swift erhob sich ebenfalls und trottete ihm hinter her. Wie er es schon seit Tagen tat. Es hatte ihn niemand dazu aufgefordert. Den Namen Swift hatte ihm Georg gegeben. Und lag wohl an dem Buch, aus dem Seiten rausriss, während er hinter einem Kohlewagen in die Hocke ging. Gullivers Reisen. Gulliver konnte er den Hund nicht nennen, dazu war er zu klein und abgemagert. Aber er reiste. Also Swift.

In den späten Jahren der Wirtschaftskrise zogen die Hobos und Tramps mit der Eisenbahn über das Land. Es war die Zeit, in der auch Beatniks wie Kerouac ihre Bücher verfassten, aber vor allem waren es jene Jahre, in denen tausende von Menschen einfach vergessen wurden. Denn sie existierten nur mehr als eine Masse, die sich grau und gesichtlos über das Land bewegte.

Georg war der Sohn deutscher Einwanderer. Ein Bursche, der die Schule zu früh verliess, nirgendwo eine Anstellung fand und mit dem Zug erst seit einigen Wochen fuhr. Es war eine Mischung aus Fernweh, Sehnsucht und purer Not, die seine Familie aus der Heimat vertrieben hatte. Und genau das trieb ihn nun auch dazu an, auf die fahrenden Wägen zu springen, und sein Glück weit ab von seiner Familie zu suchen.

Swift gesellte sich einfach in einer Kleinstadt, deren Namen Georg vergessen hatte, zu ihm. Er setzte sich neben Georg, wartete, fraß ein paar gereichte Bohnen und verhielt sich ruhig. Eine kleine Gruppe Landstreicher, die so gut wie nichts zu essen hatte, schob ihm immer wieder etwas zu und hievte ihn fortan in die Transportwägen. Swift warf sich auf dasselbe Stroh wie Georg und schlief besser darauf als dieser.

In die Waggons zu kommen war nicht einfach. Swift hatte sich daran gewöhnt von rennenden Männern in die Wägen geschmissen zu werden. Seine Ohren flatterten kurz im Wind, seine Krallen schabten über den Holzboden, und sein Schnauze landete unweigerlich im Stroh. Manchmal überschlug er sich.

Wenn die Welt am offenen Waggon vorbeirauschte, dann konnte sie schön sein. Und weit. Und unendlich. War die Tür jedoch geschlossen, und der Hobo saß zwischen der stinkenden Ladung, die aus sterbendem und lebendem Vieh bestand, dann blieb nicht mehr viel übrig von der Schönheit eines Landes. Dann zog sich die Reise hin, die Fliegen blieben an dem Tramp hängen. Und weder Nacht noch Tag brachten Erleichterung. Ungezählt waren auch jene, die beim Aufspringen abrutschten, zwischen Metall starben und nie betrauert wurden. Viele hatten Finger, Hände, Füße verloren, viele brachen im Schnee der Berge zusammen und andere waren einfach nur noch Skelette, die nicht mehr mithalten konnten.

Das Land bestand aus vielen kleinen Städten, die ein böser Gott auf die Landkarte gespuckt hatte. In ihnen lebten gute und schlechte Menschen. Jene, die mit einer Kelle und einem Fass voll dampfender Suppe schon am Bahnsteig standen. Die den Hobos keine Arbeit bieten konnten, aber sie mit einem vollen Mägen auf die weitere Reise schickten. Aber es gab auch jene kleinen Siedlungen, in denen sie mit Gewehren feixend den Weg zurück in die Waggons wiesen.

In einer der letzt genannten Städte, sprang Swift ab, aber Georg sah vom Waggon schon die jungen Burschen, die sich Schleudern, Pfeile und Gewehre weiterreichten, damit sie im Sprint über die Gleise hetzen konnten. Junge, gut gewachsene Männer, die wahrscheinlich schon sehnsüchtig auf die Möglichkeit warteten sich zu rasieren. Sie rannten wie in einer Treibjagd auf Georg und die Hobos zu. Und für einen Moment schrie jeder. Und für einen Moment verlor er jede Klarheit, zog sich zurück in den Waggon, öffnete die hintere Tür und sprang in das Kiesbett zwischen den Gleisen.

Er schrie.

Swift, verdammt. Komm!“

Wußte jedoch nicht wohin. Stand, und blieb stehen. Vor ihm war die dorfabgewandete Seite. Eine Prärie, die sich bis zum Horizont erstreckte. Die nicht offenbaren konnte, warum es hier überhaupt Menschen gab. Keine Berge. Nur Büsche und Blüten, die von der Trockenheit erzählten, in der sie aufwuchsen. Hinter ihm war ein Tumult aus Stimmen, Rufen, aber kein Hundegebell.

Georg dreht sich um, duckte sich, sah unter den Waggon und kletterte am Ende des Wagens auf die Puffer, dann die Leiter hoch und robbte über das Dach. Er wagte es nicht nach unten zu sehen. Er verbarg seinen Kopf zwischen den Händen und blieb einfach liegen. Er hörte Schüsse. Er hörte Schreie und rührte sich nicht. Er rechnete mit allem. Jedoch nichts geschah. Er schwitzte, aber jegliche Nässe verdunstete sofort. Er zog die Jacke höher in den Nacken. Das Dach war fast so heiß wie die Sonne. Er schloss die Augen.

Swift schlug Haken wie ein Hase. Die älteren Hobos meinten später, er sei tatsächlich wie ein Hobo gerannt. Man durfte nicht geradeaus rennen. Kein Ziel bieten, immer die Richtung wechseln. So oft wie möglich. Und sie erzählten das voll Stolz. Tatsächlich jedoch verloren sie Swift.

Er hat sich wahrscheinlich verirrt.“ Sagte einer der bärtigen Männer und legte Georg mitfühlend die Hand auf die Schulter.

Er ist ein Hund!“

In einer unbekannten Gegend!“

Noch in der Nacht hielten die Männer Georg fest. Gaben ihm eine Ohrfeige, und meinten, es sei an der Zeit wieder zur Vernunft zu kommen.

Es ist ein Hund!“ Hoffnung gab es nie am selben Ort. Sie mussten weiter. Sie gaben ihm noch eine Ohrfeige, dieses Mal auf die andere Seite und stellten befriedigt fest, dass der Zug nun wieder anfuhr.

Swift war eine kleine Tölle. Nicht geeignet um die Kraft darzustellen, die sich jetzt um Georgs Herz klammerte. Viel zu abgemagert, um ihm die Luft zu nehmen. Oder sein Blut so aufzupeitschen, als würde es mit Kaffee überflutet. Der Zug nahm Fahrt auf. Dampfte, ruckelte, ratterte über das Land. Er schüttelte und rüttelte die Männer. Er nahm an Geschwindigkeit zu und frass sich über die Prärie.

Verdammt!“ fluchte Georg, stand auf, ging zur Waggontür, riss sie auf und sprang hinaus.

Der älteste unter ihnen, jener, der schon schwer zu Fuß war, erhob sich, schloss die Tür, setzte sich wieder und zuckte mit den Schultern. „War wohl der große Liebesschmerz!“. Dann grinste er und ein paar von ihnen lachten leise.

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Veröffentlicht von

jtaelling

Wortklauber und -verstreuer. Schimpft sich Autor an den guten Tagen. Dreht das Ding bis es rollt

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