Anfang 26. von 300 (Ohne Widmung)

Bang, bang, bang. Der Gegner duckte sich weg. Verlor sich am Horizont, der Gegner. Er hastete hinterher. Hörte sein eigenes Stöhnen, sah seinen Schatten und rannte vorwärts. Gottverflucht, er brauchte dringend eine Deckung. Er hatte keine Deckung. Was für eine Gegend war das hier überhaupt?

Die Sonne stand am Himmel wie eine blendende Lampe. So unwirklich, wie die Palmen, die hin und wieder auftauchten. Er rannte weiter. Renkte den Kopf, ob Drohnen kamen, aber er sah nichts. Also, dachte er, weiterrennen. Immer weiter rennen. Ohne Unterlass. Er schnauft. Blickte auf seine Füße, die sich in den Sand eingruben. Es fühlte sich unwirklich an. Als ob er ein Exoskelett an hätte. Das stimmt nicht, dachte er. Und umfasste das Maschingewehr fester. Er sah den Burschen kaum noch. Gott, war der schnell. Er rannte hinterher.

„Geil! Nicht wahr?“ brüllte Klaus aus dem Hintergrund. Hier war niemand. Er rannte weiter. Verrückt, das Ganze. Der Sand fühlte sich komisch an.

„Wieviel kostet das Teil?“ brüllte er zurück, weil der Hubschrauberlärm ihn zu übertönen suchte. Hubschrauber? Woher zum Teufel kamen jetzt gerade Hubschrauber. Er war allein in der Wüste. Das war irre.

„Fünfhundert, in der Ausstattung.“
„Fünfhundert?“ Er riss die Brille von seinen Augen, und stand in seinem Wohnzimmer. Teppichboden, Auslegware, weiße Möbel, und ein Fernseher wie ein Panoramafenster.

„Fünfhundert?“ wiederholte er und starrte Klaus an.

„Naja, es ist fett, oder? Du brauchst einen gescheiten Rechner, sonst sieht der Scheiss aus wie 1990. War echt, oder?“

„Ja, war cool, aber 500 bekomme ich nicht durch.“
„Biggi?“
„Jepp, das geht gar nicht. Nicht diesen und nächsten Monat. Sorry. Danke für die Mühe, Klaus, aber das kann ich mir nicht leisten.“

„Du bist der Chef von dem Laden…“
„Du hast keine Ahnung. Chef von dem Laden, das heißt Überstunden, nicht mehr Geld. Chef von dem Laden, das hatte ich mir mal anders vorgestellt. Aber genau jetzt, genau in diesem Moment, sitzen die Jungs zusammen und sondieren die Spuren. Wir stochern im Nebel.“

Er öffnete die Balkontür, trat hinaus, lauschte dem Verkehr und zündete sich die Zigarette. Klaus stand, wie so oft, im Türrahmen, sah ihn an und sagte nichts.

Er stützte sich auf das Geländer, sah auf den vertrockneten Balkonkasten, piekste mit dem Finger hinein und zog an der Zigarette. „Ich sollte zurück. Morgen gibt es eine Pressekonferenz. Wir haben nicht den Hauch einer Spur. Ich kann nicht genug trinken, um heute Nacht Ruhe zu finden.“

„Der Typ mit dem Draht?“

„Es sind Klaviersaiten. Wie in einem beschissenden Edgar Wallace. Er kopiert historische Filmmorde. Musss man sich mal vorstellen. Was für ein Arschloch!“

„Drei Morde in…“

„Vier Morde, Klaus, vier Morde in drei Wochen. In dieser verdammten Stadt ein Novum. Das gab es noch nie. Und wir haben noch nichts.“ Er blies den Rauch aus. Er blies und blies, bis ihn ein leichter Schwindel ergriff. „Und alles, was ich sagen kann ist: Ich bin so verdammt müde….“

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Veröffentlicht von

jtaelling

Wortklauber und -verstreuer. Schimpft sich Autor an den guten Tagen. Dreht das Ding bis es rollt

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