Anfang 28. von 300 (Ohne Widmung)

„Kindergarten! Das ist einfach nur ein Kindergarten!“
„Aber was meint ihr damit?“ Das Fräulein rannte ihm unablässig hinterher. Er konnte es nicht fassen. Ihre blassen Wangen hatten sich gerötet, und sie raffte ihre Röcke weit über das Bein hinaus. Sollte er seinen Blick dahin wenden? Durfte er seinen Blick dahin wenden?

Er fächelte sich Luft zu, als sie an den Zellen vorbei kamen. Es roch wie immer, aber natürlich alles andere als angenehm. Wieder der Duft der Exkremente, und der abgestandene Atem der Gefangenen. Vorsichtig nestelte er in seinen Taschen nach dem Zitronenöl und rieb es sich unter die Nase. Es gab Königreiche, die rochen als ob der Styx über die Ufer getreten war.

Unter dieser Sonne wuchsen Kakteen und Palmen, aber unter Samt und Seide schwitzte er wie ein Stier in der Arena. Er hatte das Gefühl, als ob sein Schweiß alles Ungeziefer dieser Gegend angelockt hätte. Seine Haut brannte, dort wo er sich kratzte. Und er mochte nicht darüber reden, wo das war, und sie glühte dort, wo er sich nicht zu kratzen wagte. Warum man ihn hierher geschickte hatte, war ihm immer noch ein Rätsel. Er hatte gehofft, die Kokosnüsse zu kappen und den Ananassaft zu schlürfen. Stattdessen schleppte man ihn zu vergammelten Lindwürmern, die er zähmen sollte.

Er hatte Drachen geschlagen. Sei Ruf eilte ihm voraus. Er hatte ihre Köpfe gespalten und ihre Hälse in kleine, schmale Scheibchen geschnitten. Der König, pervers bis in den fünften Grad seiner Herkunft, hatte daran gekostet. Bedauerlicherweise ist er nicht daran erstickt. Stattdessen wurde er in eine Gegend geschickt, in der sich die Männer Senors nannten und die Damen Senoritas. In der Fächer zu täglichen Ausstattung gehörten, weil es anders nicht zu ertragen war.

Es gäbe Drachen hier. Er solle doch mal schauen, was man mit denen machen könnte. Hah. Drachen. Die Lindwürmer sahen aus wie lebendige Kakteen, die den nächsten Sommer ihren Platz räumen sollten. Sie hatten Hälse, ungehörig schmal waren. Und statt Feuer zu spucken, husteten sie wie alte Asthmatiker. Ja, dieses braungebrannte Volk tat alles, wirklich alles, um ihnen den Garaus zu machen.

Er mochte keine Meeresfrüchte, keinen Granatapfel, dessen Saft wie Blut den Händen hinablief, und verzichtete auch auf die Kakteenfeigen, der Stacheln als ewige Erinnerung in der Haut steckenblieben. Außerdem hatten fast alle Früchte, die sie ihm reichten, Kerne in einer Anzahl wie die Sterne am Firmament. Die Nächte waren so warm wie die Tage im Reich an einem Sommertag. Er konnte hier weder schlafen, noch wach bleiben. Er befriedigte sich gelangweilt selbst und tat es solange, bis er einen Krampf im Bein hatte und mit Kopfweh aus dem Bett fiel.

Die Jungfrauen hier, die sie ihm anboten, sahen so verknöchert aus wie die Frauen, die im heimischen Reich als Großmütter bekannt waren. Nur die Jünglinge glänzten als würden sie sich die ganze Zeit mit Olivenöl einreiben. Er mochte das, aber wagte es nicht nach einem zu rufen. Sie würden ihn wohl hängen, in diesem religionsabhängigem Königreich, in dem sich die Menschen aus Langeweile geißelten und auf blutigem Haupt Rosenkränze trugen.

Sie gab nicht auf. Er hörte immer noch ihre Schritte hintersich. Und diesen groben Dialekt, in dem sie suchte seiner Sprache gerecht zu werde.

Er schnellte herum: „Höre, Weib, ich gebe mich nicht mit vertrockneten Lindwürmer ab, die gerade erst aus den Eiern entschlüpft sind. Ich habe Drachen getötet, die größer sind als euer verdammter Thronsaal, in dem ihr euch mit gerafften Röcken zur Kühlung versammelt. „

Er schnaufte und sah ihre roten Wangen amüsiert an. „Ich bin doch nicht hier, um mich und meinen König zu eurer Ergötzung zu erniedrigen. Was ist das für ein Land, das ihr mich mit soetwas hierher locken musstet? Gibt es keine Gefahren in eurem ewigen Müßigang?“
„Mein Herr, wir dachten..“
„Mitnichten, ihr dachtet mitnichten. Gewährt mir Raum. Lasst mich gehen..“
„Ist das eure Diplomatie?“
„Ach, Diplomatie ist hier gar nicht vonnöten. Lasst mich gehen und ich euch auf euren brennenden Felsen zurück. In der Hölle zu schmorren muss angenehmer sein, als eurer Gast zu sein. Verflucht!“

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Veröffentlicht von

jtaelling

Wortklauber und -verstreuer. Schimpft sich Autor an den guten Tagen. Dreht das Ding bis es rollt

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