Anfang 29. von 300 (Ohne Widmung)

Städte, die schwingen, gibt es nicht. Straßen, die beben, eigentlich auch nicht. Trotzdem war es genau das, was Petro empfand, als er das erstemal in der Nacht auf die Bourbon Street trat.

Ein Mädchen mit sonnenverbrannten Armen zog ihn sofort beiseite, hinter den Mülllaster und flüsterte ihm zu, er solle vorsichtig sein. Er sah ihr verfilzte Haar an, ihre weit aufgerissen Augen, dieses Kleid, das seine Oma mal einst getragen haben mag, und schüttelte ihre Berührung ab. Um in herum lärmte es aus den Fenstern. Rotes, gelbes, grünes Licht warf bizarre Schatten auf die Straßen, und er wunderte sich über all den Dreck, den er rings um sich sah.

Das T in Petros Namen sorgte für Verwirrung. In jedem Mail, in jedem Dokument fand sich kurz nach dem e eine kleine Denkpause, ein störrischen. Rechtschreibprogramm oder ein verwirrter Blick, den er immer vor sich sah.

Er fand sich unangenehm schlank. Im Ganzen zu leicht, und die Muskelbildung wollte auch nicht richtig funktionieren. Er tat nicht viel dafür, aber ein Hintern war im Grunde nicht vorhanden, die Hose schlackert unangenehm an ihm rum. Und in guten Momenten vergrub er seine langen Finger tief in seine Taschen. Er war hierher gekommen, weil jemand, der ihn immer wieder dünner Teufel nannte, der Meinung war, er müsste hierher kommen. Das Ticket fand sich auf seinem Telefon, das Zimmer war reserviert, und in einem Umschlag war Geld hinter legt.

Er hatte Zeit. Er schlenderte dicken Cowboys entgegen, die ihre Nashville-Ausrüstung auch hier zur Schau trugen, sah durch dunkle Scheiben in Karaoke Bars und bewunderte die Mädchen, die mit Pappbecher von Bar zu Bar wechselte. 

Diese Stadt lebte so anders als New York. Sie wirkte ungleich ungehemmter und auf eine aufreizende Art primitiv. 

Zählte man die Tage von jetzt bis zum Ereignis, so war er nun bei Minus Eins. Und er wußte man erwartete irgendwo an der Ostküste, dass er die Waffe zerlegte, durch den Lauf blies, durchsah und ein schweigsamer Gesicht machte. Der Witz an der Geschichte war nur: Er hatte keine Waffe. Er würde es nicht wagen, mit so einem Ding durch das Land zu reisen, dass sich an jeder Ecke anders verhielt. 

Im Supermarkt in der Parallelstraße kaufte er sich eine Flasche Whiskey, öffnete sie und trank einen Schluck auf der offenen Straße. Das, verflucht, ist New Orleans. Lässig baumelte die Flasche in seiner Hand, während er den Cajunstampfern lauschte, die für die Touristen aufgeführt wurden. Sie taten hier so, als hätte sich die Erde seit fünfzig Jahren nicht mehr gedreht. Als sei der Blues immer noch das führende Ding, obwohl der HipHop den ganzen Mist auch hier verdrängte. Cajun stand für eine feurige, fette Küche, nicht für eine Minderheit mit einer seltsamen Musik, die keiner mehr Verstand.

Sie hatten ihn losgeschickt eine Frau zu ermorden. Möglichst nichts von ihr übrig zu lassen. Ihre Teile am Besten über zwanzig Straßen zu zerstreuen, bis man sie nicht mehr zusammen setzen könnte. Er trank noch einen warmen Schluck, und verfolgte das wohlige Rinnen der Flüssigkeit durch sein Eingeweiden. Männer ermorden Männer. Frauen sind in der Regel Kollerteralschäden. Sie werden umgebracht, weil man Männer strafen will. Nimm ihm alles, ermorden seine Frau, schände seine Kinder. Mache die ganze Scheisse, und gibt dem Hund hinterher eine Kugel.

Doch hier gab es keinen Mann. Sie leitete eine der hunderfünfzig Bars, die man in diesem Viertel fand. Nicht mal ein besonderes Ding, eher ein dunkles Loch, in das man sich erst verirren wollte, wenn die Sonne aufgab, und der Mond die Szenerie beherrschte.

Sie war breit wie der Türrahmen, und das Verstreuen verschwand sofort aus dem Plan. Er ging weiter, und spürte im Wechsel der Musik, die aus den Fenstern klang, eine unbestimmte Leichtigkeit, die nicht dazu geeignet war, den Plan im Kopf durch zu gehen.

In seinem Koffer fanden sich drei Pässe, die er im Zimmer, in der Toilette und unter dem Lampenschirm im Flur verteilt hatte. Er existierte einfach nicht. Hin und wieder googlete er alles mögliche, was auf ihm deuten könnte. Auch nach den Dingen, die seine Mutter nicht von ihm wissen wollte. Aber er fand seinen knöchigen Hintern in keinem Pornokanal, in keiner Überwachungskamera und auch nicht in Bildersammlung. Er genoss das. Er fühlte sich leicht. Und mit jedem Schluck noch leichter.

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Veröffentlicht von

jtaelling

Wortklauber und -verstreuer. Schimpft sich Autor an den guten Tagen. Dreht das Ding bis es rollt

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