Anfang 30. von 300 (ohne Widmung)


Im Lavendeluniversum ging es nicht mit rechten Dingen zu. Paul hatte es in nur drei Jahren zum vierten Maul gebracht. Jetzt beriet er den Commander und durfte ganztägig nackt herumlaufen.

Er grüsste  die Altvorderen, schritt wie ein Pfau durch die Gänge und besah sich in den flirrenden Displays, die heute über seinen kurzweiligen Aufstieg berichteten.

Vor ungefähr 3 Standardjahren löste sich die ganze Station aus ihrer Gravitationsverankerung und kam der orangenen Sonne so nah, dass die Wasserrohre platzten und sich die kochende Brühe über alle Stockwerke ergoss. Seitdem lebten sie in einer gnadenlosen Sauna, waren aber froh dass sie wieder so eine Art eirige Umlaufbahn um die Sonne fanden.

Die Winter waren heiss, die Sommer waren heißer. Sie befanden sich wie quiekende Hummer in einem Kochtopf und hatten jeden Kontakt zur Erde verloren.

Sie erreichten niemand mehr, tranken eigenen Schweiss und bekämpften ein ganzes Jahr Schimmel und Pilze jeglicher Art. Wer kräftemäßig noch einigermaßen zu etwas imstande war, der widmete sich der Erforschung und Erfindung von Kühl- und Kälteanlagen. Strom gab es im Überfluss. Sauerstofferzeuger ebenfalls, aber die verdammte Schwitzerei führte zu einem verdrießlichem Salzmangel. Pauls Vater wurde mit der Salzrückgewinnung über natürliche Ausscheidungen reich. So reich, dass Paul sehr früh überall dort war, wo der Commander sich hinschleppt.

Commander Glückauf war der Abkömmling einer Köhlerfamilie. Seine Jugend verbrachte er auf einem schwarzen Planeten, der heute wie ein Apfelbutzen aussieht. Es wurde im Laufe eines kargen Jahrhunderts alles abgetragen und intergalaktisch verramscht, bis man einen Bogen um diese Sache machte, die früher mal ein Planet war.

Commander Glückauf, braun und schwarz gefärbt vom Kohlestaub wurde dem jungen Paul sehr schnell gewahr. Er bewunderte dessen wächserne Haut unter der man all diese winzig kleinen Äderchen sah. Er gewöhnte sich an ihn ungestüm zu betrachten. Meinte er doch, dieses sei herausfordernd. Tatsächlich war es unverhohlene Gier. Paul bemerkte das wohl. In einer seinen Phasen schwerer Entscheidungsfindungen flirtete er unbestimmt mit Commander Glückauf. Etwas, was dieser einfach mal Unschuld nannte. In vollkommenen Unverstand der Situation.

Seit Beginn der heißen Periode gab es keine Wahlen mehr. Commander Glückauf führte eine 12 stündige Siesta ein, regierte ca. eine Stunde am Tag und glotzte die restliche Zeit, mit renautriertem Wasser in einer Zwei-Liter-Karaffe zwischen seinen langen Fingern, dumpf seine nackten Sekretärinnen, die sich untätig am Büroregal mit der Ablage von irgendwas beschäftigten, an. Anfangs fand er das hochspannend. Mittlerweile langweilte es ihn und er döste ein, bis ihm die Karaffe aus den Händen fiel. Dann murmelte er etwas, das „Fick dich!“ oder „Danke!“ heißen konnte und schlich sich zu einem Sofa. Zu mehr war er nicht fähig. Diese stinkige Station versaute ihm das Leben. Seine besten Jahren waren irgendwo dahin verschrumpelt, und es würde nichts mehr passieren, bis die Ventilatoren verstarben. Umso mehr interessierte ihn Paul. Also durfte auch er die Kleider von sich schmeissen. War jetzt auch nichts Besonderes mehr. Im Grund ernannte Commander Glückauf jeden Zweiten zu seinem Untersekretär, Obervorkoster, Nebenschößling und Fremdsprachenübersetzer. Er hatte sich mal vorgenommen alle Nachgeborenen nackt zu sehen. Und so lange er noch in der Lage war auch nur einen Job zu erfinden, würde er das auf jeden Fall machen. Es halte ihn fit, sagte er. Sein Herz. Es würde dadurch jugendlich bleiben, und der Geist – er tippte sich an die nasse Stirn – der habe mal richtig was zu arbeiten.

Probleme machte das eigentlich keine. Seine Untertan bekamen kostenlos Wasser, und oft auch eine Schüssel Eiswürfel, die sie für Liebesspiel verwenden sollten, denn irgendwo musste in dieser schwülen Hölle ja der Nachwuchs herkommen.

Das lief alles ganz gut, bis zu jenem Tag, an dem Commander Glückauf nasse Kreise um seinen eigenen Bauchnabel malte, während er einen Eiswürfel lutschte. Er hätte sich beinahe verschluckt, als sich diese Schiff über das Display schob und dann gleich in einer 3D-Aufnahme vor seinen Augen rum schwärmte.

„Die Religiösen!“ kreischte einer der Eiswürfeljongleure aus, der sich seit drei Tagen im Schatten des Commander aufhielt.

„Hä?“ murmelte Glückauf, als hätte Nebel sein Gehirn gelähmt.

„Die Kreuzzügler! Die Mönche! Die Kirche! Die Heiligen!!“ Alle Eiswürfel bildeten Lachen auf den Boden, und der Jongleur tanzte von einem Fuß auf den anderen.

Was sehr lustig aussah.

Aber der Commander lachte nicht.

Er lutschte auch nicht mehr.

Der flache Würfel, der kein Würfel mehr war, rutschte ihm aus dem Mund.

„Eiderdaus..“murmelte er. Und alle verstanden „Alle raus!“

Und er stand auf.

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Veröffentlicht von

jtaelling

Wortklauber und -verstreuer. Schimpft sich Autor an den guten Tagen. Dreht das Ding bis es rollt

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