Anfang 32. von 300 (Ohne Widmung)

Das Treffen fand an einem Montag statt. Was ungewöhnlich war, da Klaus am Montag immer die Neuware ins Kühlregal schichten muss und daher noch erbärmlicher nach Fisch stank, als an jedem anderen Tag der Woche. Zum Waschen kam er nicht. Das Treffen war zu früh.

Die Regel sah vor, dass Pinkie, dessen richtigen Name niemand kannte, neben Klaus saß und von der leeren Kasse berichten musste. Das ergab keinen Sinn, war aber Tradition. Und Traditionen bestehen aus Rituale, lehrte sie Heinz, dessen Klugheit sie schon weit gebracht hatte. Rituale wiederum sind ein Stück Heimat. Das man im Herzen trägt. Sagte also Heinz, und erwartete den Kassenbericht.

Pinkie leierte Unverständliches herunter, alle nickten. Heinz dankte, und Klaus glotzte, während Konrad verständnisvoll einen Gruß mit der Bierbüchse andeutete. Aus der er danach einen Schluck nahm. Rituale.

Sie waren die Fans des SV Lieberlholst. Alle ehemalige aktive Vereinsmitglieder, die sich wacker geschlagen hatten, um den Verein in irgendwas wie eine Liga zu hieven. Wenigstens in eine Liga, die bekannter war. Oder zählte. Was dasselbe war. Sie sahen auch heute noch ihre hehre Aufgabe darin, selbst wenn Kinder und Frauen, Autos und Häuser, miese Jobs und noch miesere Jobs in den Vordergrund getreten waren.

Im Laufe der Jahre war die erste Frau von Klaus schreiend aus dem Haus gerannt, und nun hatte er Biggie. Die ertrug es, dass er mehr mit seinen toten Fischen sprach, und heiraten wollte er auch nicht mehr.

Gerhard in der zweiten Reihe wollte seit ungefähr einem Jahr nicht mehr kommen.  Wenn er genug getrunken hatte, war er mutig genug für Ausreden. Heute jedoch fiel ihm keine ein, und er war etwas sauer. Daher stand zwischen seinen Schuhen genau dieselbe Büchse Bier, wie sie Konrad in der Hand hatte. Gerhard wollte sie spätestens dann lautstark öffnen, wenn Heinz das Wort Hoffnung in den Mund nahm. Die hatte er nämlich schon lange nicht mehr. Und ganz ehrlich, auf die konnte er auch verzichten.

Heinz war früher ein armes Würstchen, auf das sie immer schossen, wenn er ihnen in die Quere kam. Er fiel so zuverlässig wie eine Kegel, egal ob sie ihm den Ball zwischen die Beine oder an den Kopf knallten. Niemand wollte ihn in der Mannschaft haben, aber irgendjemand hatte ihn dann doch und verlor das Spiel. Heinz war eine zähe Seele und ignorierte all das.

Sein Vater, der irgendwann die Mutter seines Sohnes verloren hatte und nicht wußte warum, zog ihn in einem Sammelsurium aus Kaugummis und Schokolinsen auf, die er in einem Kiosk zum Kauf anbot, der sich Sportbar nannte. An dem trafen sich dann die schlimmsten Alkoholiker von Lieberlholst und machten ihn reich. Und Heinz zum Vorstand des Supportervereins.

Hier stand er nun genauso breitbeinig und mit einem anerzogenen Basston in der Stimme, wie er vor dem Kaninchenverein Lieberlholst, dem Steuerverein Lieberlholst und dem Traditionsverein Lieberlhost an den anderen Tagen stand. Im Gesangsverein wurde seine tatsächliche Stimmlage entlarvt. Diesem blieb er daher fern.

Mit einem wohlerzogenen Programm aus Satzbausteinen, dass rein virtuell in seinem Kopf lagerte, schätzte und herzte er die Hilfsbereitschaft der Vereine und die gegenseitige Unterstützung die Geschichte Lieberlholsts andauernd zu erneuern, zu erweitern und sonstwie zu pflegen.

„Von ganz besonderer Güte wurden wir von dem Kaninchenverein Lieberholst e.V. bedacht, der uns heute abend wieder eins der Kaninchen überlassen hat, dass uns Biggie kredenzt. Ich werde unseren Dank dem Verein überbringen. Und denkt daran, nur gemeinsam sind wir stark.“

Biggie stand in der Küche, wirbelte mit Pfannen und Tagträumen herum,  und entfachte damit ein liebreizendes Chorwerk an Düften, die ihre Männer – so nannte sie die Männer – zu schätzen wussten. Wenn Gerhard an den Versammlungen teilnahm, dann entschuldigte er sich vor sich selber und gab Biggie als Grund an. Klaus dürfte davon nichts mitbekommen, aber der hatte sie sowieso nicht verdient. Verdammt.

Während Biggie Thymian und Majoran mit voller Wucht über das abgezogene Karnickel verstreute, interpretierte sie ihr Leben mal wieder als einen tiefen Wellengang, aus dem sie von einem feschen Matrosen gerettet werden wollte. Aber das war Bayern, und da war nix mit Matrosen. Und Klaus stank wenigstens nach Fisch. Was ihr auch nicht so richtig gefiel. Aber vielleicht hatte sie das ja verdient. Auch wenn Gerhard das gar nicht verstand.

Die Sondersitzung des Lieberholst-Supporter war dringend notwendig. Es gab einige Programmpunkte, die erschütternd waren und sich gar existenzbedrohend entwickelten. Heinz malte mit wedelnden Händen ein farbiges Szenario in die Luft, dem sie schweigend und murrend, aber auch murrend und schweigend folgten. So richtig konnten sie nichts dazu sagen, aber alles an sich vorbei sausen lassen, das wollten sie auch nicht.

Der Niedergang der Zigarettenindustrie war nicht auf zu halten, sagte man. Und als in der Schwanen-Tabakmanufaktur das Toilettenpapier rauer wurde, wußte man, dass das Stündlein geschlagen hatte.  Die Rationierung der Freipäckchen war schon lange der Rauch und Geschichte. Und damit wurde eine Tradition gebrochen, denn noch in den agilen Sechzigerjahren, als in jeder TV-Show geraucht wurde,  gab es für jeden Mitarbeiter, abends beim Verlassen der Fabrik, ein Freipäckchen. In den Neunzigern, in denen es irgendwie auch nicht möglich war, Lehrstellen zu schaffen, gab es nur noch eins pro Woche.

Und nach der Jahrtausendwende fingen ganz dämliche Diskussionen an, die auch dazu führten, dass keine Tulpen in Firmenfarben am Rande der Schwanenstraße mehr gepflanzt wurden. Na, und das mit dem Toilettenpapier war spürbar.

Und nun? In einer Welt, die sie dazu zwang ziemlich eklige Bildchen auf die Packungen zu machen, ging der Umsatz wieder nach oben. Einigen Mitarbeitern blieben diese Bilder im Kopf hängen, und es gab Atteste gegen die Verpackungsabteilung. Früher mal das liebe Kind des Marketings, wollte heute keiner mehr dahin.

Aber der Umsatz ging nach oben. Und einige Menschen, die zu jedem Thema etwas zu sagen hatten, sprachen von einer körperfeindlichen Anti-Establishment-Bewegung, die es als Widerstand gegen die Spießigkeit der Fitnessgeneration betrachteten, wenn sie sich die Lunge richtig kräftig schwärzte. Kurz gesagt, die Jugend rauchte mehr als je zuvor, trug Schwanen-Shirts, kaufte sich Schwanen-Taschen und zeigte jedem, der das nicht verstand, den Mittelfinger.

Die Lieberholster verstanden davon gar nichts, und die Begründung war ihnen so was von lang und breit, dass sie offensichtlich schnarchend in ihren Stühlen versanken, als Heinz ihnen versuchte die Welt zu erklären.

Wach wurden sie erst, als er sagte, dass es ein Schwanen e.V-Verein gab, der mit Trikots, Busfahrten und Talentsuchern nur so um sich schmiss.

„Was?“ erwachte Konrad.

„Ho!“ murmelte Klaus.

Und „Ja!“ entgegnete Heinz, und verlass eine Liste der Austritte junger Spieler aus dem Lieberlholst-Verein.

Und der kleine Enrico, die Hoffnung jeder Saison, war schon gar nicht mehr da.

Die Kacke war am Dampfen.

 

 

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Veröffentlicht von

jtaelling

Wortklauber und -verstreuer. Schimpft sich Autor an den guten Tagen. Dreht das Ding bis es rollt

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