Anfang 33. von 300 (ohne Widmung)

Es war der Sturm. Einer dieser Stürme, die menschenverachtend, fensterberstenden und wütend über das Land zogen, um alles Lebendige zu töten und wie ein gigantischer Rechen Unordnung schufen, wo vorher Heimat und Vertrautes war.

Es war ein Sturm, wie man ihn hier noch nicht gesehen hatte. Er trug die Schindeln der Scheune über das Land, als handle es sich um einen Vogelschwarm, der gen Süden zog. Die Kühe blies er von der Weide, und die Hühner waren nicht mehr aufzufinden. Allein ihre blutigen Federn zogen einen magischen Kreis über den kompletten Hof. Nur die Katze war clever genug sich im Keller neben dem Mostfass zu verstecken.

Als der Himmel sich wieder aufklärte, wirkte er so bescheiden und frisch wie jeder neue Tag, aber die Sonne beschien ein Kriegsgebiet, in dem nichts mehr so war wie am Tag zuvor.

Saul bat Gott um Vergebung. Für was auch immer er getan hatte. Er legt den Kopf in den Nacken, als suche er etwas. Aber im Grunde vermied er es lediglich sich die Umgebung näher zu betrachten. Die Kälber hatte er selbst aufgezogen. An den Hühnern hing er nicht besonders. Doch die Schweine, die er erschlagen unter den Deckenbalken fand, stellten einen Reichtum dar, der nun blutig, von Fliegen umschwärmt im eigenen Kot lag.

Es war der Zeitpunkt, an dem Saul an allem zweifelte. An Gott, der Zukunft und seinen bisherigen Entscheidungen. Es war der Moment, an dem er gerne alles abgefackelt hätte und hinaus gegangen wäre. Raus aus diesem verdammten Leben. Weg mit all dem, was er da sah.

Er war 46 Jahre alt, und es gab niemanden, der ihm nicht sowieso davon abgeraten hatte. Niemanden, der es nicht besser gewusst hatte. Und keiner, der nicht in der Lage gewesen wäre, es anders zu machen.

Er spürte seine Knochen von Jahr zu Jahr mehr, und all die Sorgen, die so unbestimmt wie finanziell waren, fraßen seine Schlaf, seine Ruhe und und gruben sich in seine Haut, als wäre sie ein Schnitzwerk,  an dem unbegabte Schreiner ihre ersten gestalterischen Versuche machte. Er alterte zu schnell. Morgens, nach dem Aufwachen, zog er sich am Bettpfosten hoch, renkte den Rücken ein,  bewegte den Nacken etwas und hielt den Kopf in die eiskalte Dusche, um die Schmerzen los zu werden. Er trank mehr von diesem verdammten Most, als er vorgehabt hatte und begann Tage zu missen, die wohl hinter ihm lagen. Doch er fand sie nicht mehr. 

An dem Abend als der Sturm losbrach, dieser wirbelnde Tanz, dieses Brausen und Wogen und Reissen an dem ganzen Haus, lag er besoffen neben dem Küchentisch und starrte die Decke. an. Er hörte die Schweine quieken und die Kühe schrien gar, aber selbst als der Küchentisch umfiel, wundert er sich nur über seine Träume. Ihre seltsame Plastizität fügte ihm tatsächlich Wunden zu, als die Messer wie Libellen durch den Raum flogen. irgendwann, als er merkte, das jeder leuchtende Punkt in seiner Umgebung aus Splitter und Scherben bestand, und Vorhänge wie Geistererscheinungen an ihren Gestänge rissen, stand er in einer seltsamen Schräglage auf, brüllte dem Tosen entgegen, doch nahm sich kaum wahr. 

Er war gefangen in diesem  gottlosen Wirbel. Und hangelte sich mühevoll von Stuhl, zur Ecke, zum umgestürzten Schrank, dann wieder in die Ecke und sank zu Boden, beobachtete wie Ratten gegen die Wand klatschten, während  der Kopf einer Kuh durch das Fenster schaute.

So blieb er bis zum Morgen, zitternd, zwischen Traum und Leben, Ahnungen vom Tod und einem schwitzigen Wachzustand, der ihn beunruhigte.

Gegen Morgen legte sich eine bedrohliche Stille über das Land. Keine Vögel. Keine Schweine. Keine Kühe. Kein Hahn, der krähte.

Die Spuren im Hof, die Rillen von den Wagenräder und andere Vertiefungen hatten sich in eine Landkarte voll Flüsse und Seen gewandelt. Seine Füsse staken im Matsch, und seine Augen in einem unverständlichen Nebel, der ihn stach und blendete. All das sah eher nach Strafe aus. Und es fühlte sich wie Strafe an und es musste Strafe sein. In seinen Taschen fühlte er einige Münzen, in seinem Kopf ging er die wichtigsten Passwörter durch. Er konnte einfach gehen, setzte es sich in ihm fest. Einfach gehen. Und er würde es jetzt tun.

Gestern gab es noch eine Allee, die zu seinem Gehöft führte. Symmetrischer Baumbestand, geformt aus Eichen und Kastanien. Dichte Bäume, die von einer Zeit zeugte, die lange vor ihm schon da standen. Gerade diese Lebendigkeit einer alten Zeit schien ihm und Claudia als ein gutes Omen. Kriege mochten über das Land ziehen, Menschen sterben und geboren werden, trotzdem erzählte die Anwesenheit dieser Bäume noch von Droschken, Pferde und etwas, das länger ging, als alles, was er sich in seinem Leben so vorzustellen vermochte. Das flösste ihnen Vertrauen ein, auch wenn Claudia ihre Wohnung in der Stadt bei behielt. Und immer länger und öfter dort blieb. Zuletzt war sie, glaubte er, vor zwei Monaten bei ihm gewesen, und es lief so schlecht, dass er sie nicht vermisste. Außer in der Nacht. Wenn er die Bettdecke neben sich, zu einem Körper formte, um das er ein Bein schlingen konnte.

Die Allee sah aus wie das Mikadospiel eines Riesen. Bäume lagen mit aufgerissenen Wunden übereinander. Blätter bildeten einen nassen, glitschigen Teppich, der wie eine durchgehende grüne Schicht alles bedeckte. Der Bach neben der Allee war übers Ufer getreten, der Otter, dem er diesen Sommer beinahe einen Namen gegeben hatte, lag bäuchlings auf dem Feld.

Es war als hätte der Teufel einen Veitstanz aufgeführt, der ihm nun den Weg in eine andere Welt versperrt. Bis zum Horizont sah er Bäume liegen, wo einst Bäume standen. Wie in einem alten Brettspiel waren ihm alle Wege versperrt. In der einen Richtung befanden sich morastige Felder, hinter ihm ein gewandelter Wald. Und vor ihm eine Straße, die nur noch eine Erinnerung ihrer Beständigkeit war.

Er trottet zum Hof zurück. Seine Schuhe quietschten im Matsch, seine Schritte alt und schwer. Das Sirrende, gleichbleibende Geräusch der Rotoren näherte sich ihm in einer schätzbaren Geschwindigkeit, die ihn wieder suchend zum Himmel blicken liess. Er sah einen Punkt. Eine Silhouette. Tarnfarbenes Metall, das in der Sonne glänzte, und die rotierenden Flügel, die seine Augen zu täuschen suchten.Der Hubschrauber bewegte sich wie ein jagendes Insekt, erblickte ihn und folgte diesem Ziel.  Saul zog sein Shirt aus, schwenkte es über seinen Kopf.Machte auf sich aufmerksam, wischte sich über das Gesicht. 

Sie senkten sich, und er sah einen Piloten, ein Mann an einer offenen Tür, jemand der zurückwinkte, eine Baseballkappe aufhatte und nach hinten griff. Er hielt eine schwarze Stange, winkte wieder und wog sie in der Hand. Zeigte damit auf Saul, der sein Shirt wie wild schwenkte, auch wenn er wußte, sie hatten ihn ja schon erkannt. Der Mann mit der Baseballkappe sah über die Stange hinweg und schoss.

Er schoss dreimal. Und erst als der Schuss pfeifend seine Backe auffetzte und er schreiend nach hinten fiel, rollte sich Saul erschrocken durch den Matsch, ruderte verwirrt mit den Händen und robbte hinter etwas, das er für einen Erdhaufen hielt, aber dann doch nur eine Kuh war. In die dumpf die Kugeln prasselten. Ein Geräusch als ob man Löcher in einen nassen Getreidesack schlägt.

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Veröffentlicht von

jtaelling

Wortklauber und -verstreuer. Schimpft sich Autor an den guten Tagen. Dreht das Ding bis es rollt

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