Anfang 34. von 300 (ohne Widmung)

Es gab drei Höhepunkte in Klaras Leben, die sie ohne Wertung aufzählen konnte. Die Heirat mit Dieter, die Scheidung von Dieter und dann noch etwas, das sie sich selbst gönnte. Ab und an.

Im Sommer 2013 suchte sie eine Arbeit, die irgendwo in ihrer Nähe sein sollte. Sie gab gerade das Autofahren auf, und hatte keine Lust abends mit zwei Stöcken in den Händen über die Feldwege zu preschen. Sie fand das albern. Aber sie dachte, dass es ihr gut tun würde, wenn sie zu Fuss gehen würde. Vermehrt. Ihr Smartphone unterstützte sie darin, also empfand sie eine Wegstrecke von 10.000 Schritten pro Tag als durchaus machbar.

Die Scheidung von Dieter hatte sie mehr als nur Nerven gekostet, und irgendwie war es auch eine ziemlich dumme Idee, alle gemeinsamen Anschaffungen bei ihm zu lassen. Das würde sie nie wieder tun. Die Brötchen, die sie nun backen konnte, waren definitiv zu klein. Klara musste sparen. Sie hatte eine Katze, die nachts am Fußende schlief, tagsüber auf dem Sofa, dazwischen auf dem Sessel und ab und zu auch auf der Fußmatte im Bad. Die kam ganz gut mit der Zwei-Zimmer-Wohnung zurecht.

Sie wohnte in einem Dorf. Erdgeschoss in einem Zweifamilienhaus, damit die Katze raus konnte. Wenn sie denn wollte. Aber die Katze war alt, und an schönen Tagen genauso träge wie Klara. Das Glück der Erde lag dann auf einer Liege im schmalen Garten und verwöhnte sich mit der Sonne, dem Schweigen der Kleinkinder und dem Wissen, dass es hier keine kläffenden Hunde gab. Die sie abgrundtief hasste.

Klara wußte, es gab Hunde- und Katzenmenschen. Katzenmenschen atmeten das verstreute Fell ihrer Tiger ein und waren fortan kontinuierlich müde, antriebsschwach und wurden magnetisch von Polstermöbel angezogen. Hundemenschen hatten eine Führer-und Fitnessqualität, die Klara abschreckte. Sie mussten zu jeder Unzeit und bei jedem Wetter spazieren, walken, andere anstiften und Scheisse aufsammeln.

Dieter war ein Hundemensch. Sie ein Katzenmensch. Man hätte es wissen müssen, aber sie dachte, das wird schon. Frauen denken immer, das wird schon, sagte ihr Therapeut, und hatte damit etwas Wahres ausgesprochen. Männer denken immer, hoffentlich verändert sich nichts. Wie soll das funktionieren?

Als Klara sich für das Callcenter bewarb, da sagten sie ihr, dass sie ihre Stimme liebten. Das hatte ihr noch niemand gesagt. Sie fühlte sich geschmeichelt, übersah, dass dieser Beruf ihr lange noch nicht soviel brachte, wie sie sich gewünscht hatte, aber sie war nur 10 Minuten von daheim entfernt, und konnte selbst ihre Mittagspause daheim verbringen. Das sparte  Geld. Und machte Sinn.

Klara unterschrieb den Vertrag, obwohl sie gar nicht so recht zugehört hatte, welche Menschen mit welchen Problemen sie eigentlich betreuen sollte. Der Mann, der soviel jünger wie sie war, aber soviel besser reden konnte, hatte imponierend manikürte Fingernägel und eine ganz wunderbare Art von ihren Fähigkeiten zu sprechen, die sie sehr beeindruckte. Sie hatte sich selten so erkannt, ertappt und beschrieben gefühlt. Sie hätte ziemlich viel unterschrieben, wurde ihr hinterher bewußt.

Das Callcenter befreite sie von der Angst irgendjemand persönlich gegenüber treten zu müssen. Solange sie noch nicht richtig ausgestattet war, improvisiert sie leidlich was ihre Kleidung und ihr Makeup anbelangt. Aber sie kam auch morgens sehr schlecht raus, weil die Katze viel müder  als sie selbst war, und sich daher ständig vor ihre Füße warf. Oder neben sie. Oder auf ihren Rücken. Oder in eine warme Kuhle, die morgens ihr nackter Bauch bilden konnte. Und dann schliefen sie noch zehn Minuten, weil es es schön war, oder das Bier von gestern Abend einfach zu stark.

Karla wollte nicht alleine leben. Also nicht für immer. Sie merkte, dass sie etwas ungelenk war, wenn sie auf andere Menschen traf, und das machte sie nervös. Und ungelenker. Die Jahre mit Dieter, so verzichtbar sie waren, hatten sie vollkommen aus der Übung gebracht. Sie fand sich vorher schon ziemlich schlecht im Flirten, weil sie vieles falsch verstand, oft fragen musste, und die Signale einfach dumme Spielregeln waren. Im Callcenter, so hoffte sie, konnte sie vielleicht das einleitende Geplänkel und das Aufrechterhalten der Konversation üben. Sie dachte, damit etwas Nützliches mit etwas noch Nützlicherem zu verbinden. Sie fand die Idee gut. Und wußte, sie würde Menschen helfen.

Es gab ein Einführungsgespräch, an dem Klara in einem kurzen schwarzen Rock und einer weißen Bluse teilnahm. Sie war froh, dass sie den Weg zu dem Callcenter gehen konnte, denn so rieb sich die Bluse nicht am Autositz, verknitterte nicht und sie kam genauso adrett an, wie sie gestartet war. Sie ging etwas früher los, damit sie zur Arbeit schlendern konnte, und nicht den Eindruck erweckte, abgehetzt und verschwitzt zu sein. Sie fühlte sich wohl.

Der junge Mann, der sie eingestellt hatte, machte auch das Einführungsgespräch, und er duzte sie jetzt. War der Joachim, sie die Klara, und sie fand, das ging schon gut los, und lächelte. Joachim zeigte ihr eine Powerpoint-Datei, in der Strichmännchen Telefonhörer in den Händen hielten und Floskeln austauschten. Das eine Strichmännchen hatte einen roten Kopf aus dem Blitze sprangen und das andere trug einen Rock, der ihrem glich. Sie wußte, welches Strichmännchen sie war.

Kurz und gut, sagte Joachim, der sehr gut Sachverhalte verkürzen und eindampfen konnte,  der Kunde ist selten guter Stimmung, wenn sie ihn anruft.  Aber sie muss ihn fragen, ob er mit seiner Bohrmaschine, seiner Gartenlaube oder seinem Rasenmäher zufrieden sei.

Den tatsächlich würden sie so die Problem der Kunden eines Baucenters herausbekommen und ihnen effektiv helfen können. Vielleicht brauchte der Kunde ja einen neuen Bohrsatz, eine Erweiterung zu seiner Gartenlaube oder einen professionelleren Rasenmäher.

Klara stutzte, aber sie war dem Duft von Joachim viel zu nahe, um eine effektive Gegenwehr zu starten. Schließlich begab sie sich auf Platz 27, der schichtbedingt frei war, blickte auf einen  Monitor, der eine Liste Nummern, einen Baucenterkatalog und den Spruch des Tages zeigte. Der Spruch des Tages schwärmte ihr entgegen, dass jede Beschwerde ein neues Geschäft war. Oder so. Sie vergass ihn gleich wieder, weil sie ihn vollkommen widersinnig fand. Sie würde in ihrem ganzen Leben nichts mehr bei Metzger Müller kaufen, der ihr Fleisch mit Trichinen verkauft hatte. Sonst noch was?

Als es klingelte, nahm sie ab, horchte in den Hörer und hörte eine zarte, feminine Männerstimme, die langsam einen Namen sprach.

„Rombatzki“ Das letzte I dehnte die Stimme, als ginge es um einen musikalischen Ausklang.

„Klara Hausig. Ich freue mich, sie persönlich zu erreichen. Ich rufe sie im Auftrag des Baucenters Mussning an.“

„Wer sind sie?“ Wieder dieser langsame, gezogene Ausklang, der sie zwang kurz einzuatmen und dann zu antworten.

„Klara Hausig.“

Er schwieg.

Dann.“Nein, ich meine, was für ein Dings? Welcher Auftrag?“

„Baucenter Mussning. Sie haben dort eine Elektrosäge gekauft.“

„Habe ich? Nun gut, wenn sie es sagen. Was ist damit?“

„Sind sie zufrieden?“

„Mit der Säge? Ja.“

Klara dachte nach. Diese Art von Langsamkeit, Zerdehnung der Wörter und Einsilbigkeit machten es ihr schwierig. Sie rang um Unbekümmertheit und sorgloser Konversation. Es war der erste Anruf, naja, aber sie musste nun durch.

„Was haben sie den so zersägt? Holz? Haben sie was gebaut?“ Sie sprach nun auch langsam, wie zu einem Kind. Sorgfältig betont, als wollte sie ein Beispiel geben.

„Holz? Nein.“

„Stein? Ich meine, dafür ist sie wohl nicht geeignet, aber man kann es ja versuche, nicht wahr?“

„Fleisch.“

„Pardon? Oh, verstehe, sie haben ein Schwein geschlachtet. Nicht wahr?“

„Meine Frau.“

Klara wurde stocksteif, krampfte sich auf den Stuhl zusammen, blinzelte und sah sich um. Was war normal? Alles war normal. War das normal?

„Sie machen Witze?“

„Ein Witz? Ja. Hahaha.“

Er lachte überhaupt nicht.

„Ich meine, sie haben ihre Frau nicht zersägt, oder?“

„Nein, ein Witz.“

„Ist ihre Frau bei ihnen, kann ich sie mal sprechen.“

„Nein!“

„Was heißt das? Nein?“

„Sie können nicht. Heißt das!“ Er klang aufgebracht, und das letzte Wort wie ein schrilles Pfeifen.

„Herr Rombatzki..“

„Ich heiße nicht so, Klara!“

„Entschuldigung?“

„Ein Witz! Hahaha!“

Sie stand auf. Alle um sie herum redeten weiter. Sie winkte Joachim, der sie verwundert durch eine Glasscheibe beobachtete. Er strahlte sie an, winkte zurück, und hielt selbst einen Telefonhörer in der Hand. Aber drehte sich dann auch gleich wieder weg, lehnte sich zurück, sprach sehr viel und sehr eifrig. Während sie wieder Rombatzkis Stimme vernahm.

„Klara?“

„Ja?“

„Sie wollten mich etwas fragen, oder?“

 

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Veröffentlicht von

jtaelling

Wortklauber und -verstreuer. Schimpft sich Autor an den guten Tagen. Dreht das Ding bis es rollt

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