Anfang 35. von 300 (Ohne Widmung)

So putzig Erdhörnchen sind, wir erschossen sie. Entschuldigen Sie bitte, aber sie standen vor uns wie Bierflaschen. Sie waren furchtbar nervös. Und in der verminderten Schwerkraft ständig sprungbereit. Es war also nicht einfach. Und hattest du eins erwischt, dann musstest du sofort die ganze Reihe niedermähen. Da gab es nichts. Keine zweite Chance. Die kleinen Kerlchen warnten sich gegenseitig. Ein Pfiff, und die ganze Meute verschwand in Erdlöcher.

Dann half nur noch: Granate rein, Deckel drauf und Kawumm. Meist hatten sie ein verzwicktes, kilometerweites Gangsystem. Wir mussten also von mehreren Seiten kommen. Erfolgte eine Explosion, dann hob es uns zwei bis drei Meter in die Lüfte. Oliver liebte das. Er schlug Saltos. Unglaublich.

Das Ding mit den Erdmännchen war: Sie waren ein fehlgeschlagenes Terraforming-Projekt. Hatte alles gut geklappt, bis auf die Erdmännchen. Es gab Wälder, Wüsten, Flüsse, und eben Erdmännchen. Ich vermute, eine Terradesignerin hatte sich in die kleinen Mistkerle verliebt und die Eckdaten schlicht ignoriert. Wenn es jemanden hier richtig gefiel, dann also den Erdmännchen. Sie untergruben Stationen, fraßen Kabel, brachten Sendetürme zum Einsturz, und waren für uns ungefähr so schädlich wie einst die Termiten.

Sie waren flink, sie waren schlau, sie hatten keine Feinde. Sie unterschieden sich damit kaum von uns, aber sie waren mittlerweile eben auch ziemlich üble Schädlinge. Wir hatten in unserer Truppe zwei Cy-Hunde. Sie waren nicht zu vergleichen mit den Spielzeugen, die wir von der Erde kannten. Sie waren größer, massiver, hatten eine geringere Lebenserwartung und eine ziemlich üble Firmware drauf. Der Muskelaufbau musste so schmerzhaft sein, dass diese Tiere mit einer wirklich üblen Laune unterwegs waren. Wenn wir also dafür gesorgt hatten, dass den Erdmännchen die Trommelfelle geplatzt waren, dann jagten wir die Hunde rein. Wir verfolgten ihre Jagd auf den Linsen, die sie uns verpasst hatten, und wußten ziemlich genau, was da unten geschah, aber die Hunde brachen niemals eines dieser Tierchen mit nach oben.  Wer diese Hunde konstruiert hatte, der muss sich irgendwann vor einer höheren Instanz dafür verantworten.

Die Zeit der Prämien war übrigens schon lange vorbei. Wir wurden pauschal bezahlt. Wir arbeiteten im Auftrag der Regierung, gehörten ihr aber nicht an. Das machte uns unabhängig, aber auch anfällig für Anschuldigungen. Unsere Arbeit erstreckte sich über 52 Planeten, und die Berichtigung eines fehlgeschlagenen Terraformings war noch die langweiligste Angelegenheit mit der wir uns beschäftigten. Und der einzigste Regierungsjob über den wir sprechen durften. Wir waren zu fünft, und das machte es nicht ganz so einsam, wenn uns jeder mied, dem wir auf den Stationen begegneten. Schon unser Logo war das Hassobjekt für die linken Ökoaktivisten, die es auf diesen idyllischen Planeten verschlagen hatten. Sie hatten ihren Darwin nicht kapiert, aber wollten ihn dieser Welt aufzwingen.

Oliver und ich kamen gerade von einem sogenannten Anti-Terror-Einsatz auf einem Planeten zurück, dem die Kolonialisierung drohte. Es war eine grüne Hölle aus Sumpf, Hochwasser und Wesen, die aussahen wie gigantische Moskitos. Linguisten hatten sich über Jahrzehnte die Zeit vertrieben ihre Sprache zu lernen. War nicht, ging nicht und die Linguisten starben an häßlichen Krankheiten.

Ich empfand den ganzen Planeten als feindlich, aber irgendein Propagandaknabe im Wirtschaftsministerium fühlte einen Boykott, wenn er die Nachrichten auf der Toilette las, und so munkelte die Regierung von Bio-Terrorismus, der gegen uns eingesetzt wurde. Das war übel, und wenn uns heute noch irgendwas richtig Angst macht, dann sind das Erdmännchen und Bio-Terrorismus. Beides fiel dann in unseren Aufgabenbereich, und wir suchten einen Anführer, wo es keinen gab. Das war bei den Moskitomenschen, wie auch bei den Erdmännchen so. Wir kommunizierten wie verrückt aus diesem matschigen Wald, um irgendjemanden zu erreichen, der uns einen Steckbrief von der Bedrohung liefern konnte, aber am Schluss kamen sie uns mit Schwarmintelligenz und wir mussten tun, was wir dann taten. Diese Mücken hatten blaues Blut. Und jedes Mal, wenn ich heute an einem wunderschönen, blauen See sitze, dann muss ich kotzen. Dieser Job trägt Allergien in sich, daran denkt man gar nicht.

Von uns fünf war Roland der Schlaueste. Er dokumentierte alles und vernichtete es brav. Es wäre eine stumpfsinnige Arbeit gewesen, würde er uns nicht immer Kopien fürs Tagebuch überlassen. Ich habe also die rohen Details. Wie Oliver Köpfe eintrat, und ich in einem Fluss aus blauen Blut stand und mit wildem Zeug in den Äderchen um mich ballerte. Porno, wenn ihr mich fragt.

Als wir diesen Auftrag mit den Erdmännchen annahmen, hatte Roland gelacht. Die Ökos sahen ihn irritiert und mit ihren traurigen Augen an. Roland winkte ab, nein, nein, kein Thema, er würde sich nur einen feinen Mantel daraus machen.

Die schlanke Schönheit, auf die wir uns konzentrierten, erläuterte uns, dass das alles andere als lustig sei, und ihnen auch ein richtiger Kloß im Hals stecken würde. Uns anzurufen sei keine einfach Sache gewesen.

Das wußten wir, und sahen sie betreten an. Oliver ging in voller Montur auf sie zu, blickte ihr in die Augen, und versprach, er würde ganz human mit den Erdmännchen umgehen.

Jener Oliver, der gerade johlte, weil die Erde unter ihm bebte.

Entweder eine ganze Garnison Erdmännchen war nun taub, oder Gulasch.

Die schlanke Schönheit war dunkelhaarig und in ihr fanden sich spannende Spuren von allen Völkern, die wir heute als humanoid und vermehrungstauglich betrachten.  Sie hatte diese flauschigen Ohren von Kempa, die ich so liebe. Es gibt Dinge, die können nur die Frauen von Kempa.

Tatsache ist, sie hieß Gasoline und hat wohl leicht verrückte Eltern gehabt. Sie hatten ziemlich viele Master und Doktoren auf ihrer Visitenkarte, und ich kam mir in meiner Uniform wie ein erdiger Bär auf dem Weg zur Entseuchung vor. Alles um sie herum war weiß, glänzend, wurde aus unbekannten Quellen beleuchtet und wirkte reiner als alles was uns in den letzten Monaten begegnete.

Wir waren eigentlich mit der Erdmännchen-Sache durch. Wir hatten alles besprochen, Roland alles notiert und drauf und dran rauszugehen. Da meinte sie.

„Das ist noch nicht alles.“

Und wie immer, wenn jemand sagt „das ist noch nicht alles.“ drehten wir uns gemeinsam um und schauten sie erstaunt an.

„Ich muss sie noch auf etwas hinweisen.“

„Es gibt hier Moskito-Menschen..“ platzte Oliver lächelnd heraus. Der Charmeur.

„Pardon? Nein. Es ist so. Wir haben festgestellt, dass Prozesse in einer schnelleren Geschwindigkeit als wir es gewohnt sind, hier stattfinden. Wir haben den Verdacht, dass wir nicht alleine ein Terraforming betreiben, konnten das aber noch nicht genau verifizieren. “

„Sie meinen.“ ich trat auf sie zu „Dieser Planet ist nicht unbewohnt?“

„Nein, das meine ich nicht. Dieser Planet war unbewohnt, als wir hier eintrafen. Nun sind wir da, er ist also nicht mehr unbewohnt.“ Sie sah über uns hinweg und dann wieder uns an. Das konnte einen nervös machen.

„Nein, wir interpretieren das, was gerade stattfindet…“

„..das was gerade stattfindet?“

„..ein bißchen anders. Die Entwicklung, die wir angestoßen haben, läuft zu schnell ab. Als wäre eine andere innere Uhr angestoßen worden. Wir können mit unserer Arbeit früher als gedacht zum Abschluss kommen und den Planeten zur endgültigen Besiedlung freigeben.“

„Das ist doch gut.“

„Ja und nein. Wir haben den Eindruck, die Uhr wird immer schneller. Und es findet eine Evolution statt, die in der Genetik beispielhaft ist.“

„Ich verstehe nicht.“

„Mutationen. Sie sind in einem gewissen Kontext vollkommen normal. Und kommen in bestimmten Abständen fast gesetzmäßig vor, um z.b. die Entwicklung von Lebensformen an ihre Umgebung anzupassen, aber hier geht es zu schnell…“

„Von was, zum Teufel, reden sie? Gigantische Erdmännchen?“

„Möglich…“

„Gut, dann gehen wir eben gigantische Erdmännchen jagen. Bevor es zu kompliziert wird.“

„2 Drittel des Planeten haben wir nur geformt, aber so gut wie nicht betreten. Es gibt ganze Kontinente, die noch nicht wirtschaftlich genutzt werden. Wir wissen nicht was dort ist, obwohl da nichts sein könnte, was wir nicht kennen…“

„Außer gigantische Erdmännchen…“

„..Was nur eine Option ist.“

„Ok, sie wissen nichts. Wir wissen nichts. Gehen wir sie jagen. Ich bekomme nur ein ganz komisches Gewicht in meinen Schädel. Das will ich nicht, schöne Frau. Lassen sie uns unsern Job machen. Das wird schon…“

Und so standen wir nun hier draußen, liessen Köpfe platzen und jagten das gigantische Erdmännchen oder sonstwas.

 

Mein Gott.

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Veröffentlicht von

jtaelling

Wortklauber und -verstreuer. Schimpft sich Autor an den guten Tagen. Dreht das Ding bis es rollt

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