Anfang 36. von 300 (ohne Widmung)

Am dreiundzwanzigsten Juli 1977 beschlossen die beiden Hornwälder in den Wald zu gehen. Sie hatten lange überlegt, ob sie ihre Kinder mitnehmen sollten. Franziska, die innerhalb der Familie nur Franzi genannt wurde, war zu diesem Zeitpunkt drei Jahre alt. Ihre blonden Locken sprachen alle Menschen an und ihr Sprachschatz hatte schon großartige Varianten. Sie war erstaunlich. Sie nahmen sie mit.

Bastian war schon etwas komplizierter.  Seine Mutter mochte ihn nicht. Und das war ihr so peinlich, das sie mit Reiner, seinem Vater, nicht darüber sprechen konnte. Sie versuchte daher, Franzi bewusst zu benachteiligten. Was ihr in wachen Minuten leid tat. Aber sie machte es trotzdem.

Eigentlich hätte sie Bastian gerne zurück gelassen, aber der Junge saß auf Reiners Schoß, sabberte glücklich vor sich hin. Und so nahmen sie auch ihn mit.

Reiner schulterte den großen Rucksack, voll gepackt mit Utensilien, Lebensmittel für fünf Tage und den wichtigsten Papieren, die sie nicht zurücklassen wollten. Auf dem Rücken von Katrin, Bastians Mutter, saß dieser und gluckste vergnügt vor sich hin.
So gingen sie in den Wald.
Gründe, warum sie dieses taten, gab es zuhauf, doch keiner eignete sich für eine Welt, die sie immer mehr ausschloss. Sie hatten sich vorgenommen Franziska und Bastian alles zu lehren, was diese für ihr Leben benötigen sollten.
Zwei Tage nach Silvester, im Jahre 2000, trafen zwei Wanderer auf eine junge Frau, die sich ihnen in den Weg stellte, und sie um Brot bat. Sie schätzten sie auf zwanzig Jahre, doch fanden sie es schwer ihr Alter zu bestimmen, weil sie sehr freundlich war, eine altertümliche Art hatte die Sprache zu gebrauchen und ihr Haar in einer  Weise trug, die sie nur von alten Bildern kannten. Sie war barfuss, aber auch wenn ihr Gewand ungewöhnlich schien, so war sie nicht ungepflegt. Ihre Höflichkeit war eigentümlicherweise das Befremdlichste, was an ihr auffiel.
Die beiden Wanderer fanden diese Situation ungewöhnlich, aber nicht beängstigend. Sie sahen keinen Grund darüber öffentlich zu berichten, doch erzählten es dem Hüttenwart, bei dem sie ihre erste Brotzeit einnahmen. Er schwieg, doch sie rechneten dieses dem eigentümlichen Wesen der Eingeborenen zu.
In den nächsten Jahren herrschte Ruhe. Keine Nachrichten zum Thema Reiner und Katrin Hornwälder tauchten in den Medien auf. Von den Kindern Franziska und Bastian fehlte jede Spur.
                                                                        – x –
Die Männer hatten man ihm als Experten vorgestellt. Experten für Themen, die an keiner Hochschule gelehrt wurden. In einem Handwerk, das es so nicht geben durfte.
Jeder von ihnen hatte sich den größtmöglichen Anstrich Seriosität gegönnt. Die Anzüge wirkten maßgefertigt, die Fingernägel manikürt, die Schuhe als wären gerade aus der Auslage entnommen. Er kannte das.  Ein dreckiges Leben verlangt ein sauberes Auftreten. Je tiefer jemand im Schmutz steckte, umso mehr verlangte es ihm nach Sauberkeit, nach antiseptischer Reinheit, nach dem Edlen in der Kunst und die Sensibilität, die ihm fortan für immer verschlossen bleiben wird.
Der dritte Schlag hatte ihm zwei Zähne gekostet, und seinem Aussehen sicherlich einen bleibenden Schaden zugefügt. Sie wollten, dass er hiervon nie wieder genesen würde. Je stärker sie ihn schlugen, folterten und zu brechen versuchten, um so klarer wurde ihm, dass sie ihn nie wieder gehen lassen würden. Sie mussten ihn töten. Schon weil er nun alle ihre Gesichter sah. Und er sah sie alle. Auch die Berater, die sich sonst immer hinter Masken, getönten Glasscheiben oder hinter ihm verbargen.
Sie sprachen sich mit Vornamen an. Aber all die Jims, Johns, Claudes und Arnolds, die sie sich hin und her warfen, konnten nicht echt sein. Es machte keinen Unterschied, ob sie von Zahlencodes oder diesen Kürzeln sprachen. Er versuchte sich ihre Gesichter einzuprägen, während Fäuste in seinen Magen trommelten. Tränen verschleierten seinen Blick, und waberndes Rot verengte das Sichtfeld, aber unter all den Schmerzen konnte er sich die Gesichter besser einprägen, als sie wohl vermuteten. Er gab ihnen Spitznamen, die ihre Erscheinungen unterstrichen.
Sie hatten ihn an Armen und Beinen auseinander gezogen und mit vier Seilen in dem Zimmer aufgespannt, als wäre er ein Fell zum Trocknen. Hätte er die Chance gehabt, er hätte sich einzelne Gliedmaßen ausgerissen, um diese Schmerzen zu beenden. Er hatte sich in die Hosen gepisst. Hätte er was im Magen, dann hätte er auch geschissen. Aber sie gaben ihm nichts mehr zu essen, und so spuckte er nur noch weißen Schaum und Säure aus. Bis sie ihm wieder ohne Unterlass Wasser einflössten.
Er war ein Waldläufer. Was macht ein Staat in einem Gebiet, das nicht mehr betreten werden durfte? Das war die Frage, und die Aufgabe. Ein Hubschrauber mit nationalen Regierungskennzeichen und einer fingierten Fluggenehmigung hatte Bastian auf einem Terrain ausgesetzt, das als menschenfeindlich galt. Er schmiss den Geigerzähler nach einigen Kilometern weg, weil das Gerät ihn nur noch nervös machte. Einige Biologen hatten ihm erklärt, was er essen, nicht berühren und wo er sich bewegen durfte. Einiges davon ergab Sinn, anderes erschien ihm seltsam. Seine Fragen wurden manchmal einfach mit Achselzucken beantworten. Das Gebiet war seit 10 Jahren verseucht, und nichts stimmte mit den Berechnungen überein, die man einst angestellt hatte. Rehe kreuzten seinen Weg, und verhielten sich als hätten sie noch nie einen Menschen gesehen.
„Das ist kein verdammtes Comic!“, spuckte der Sekretär über den Tisch. Bastian sah ihn schweigend an.
„Und dennoch!“ Der Mann war aufgestanden, trat an die Landkarte hinter ihm und deutete auf ein markiertes Areal, auf dem alle möglichen Gefahrflaggen gesteckt waren.
„Und dennoch“,  fuhr der Sekretär fort,  „befinden sich dort Labors, die schlimmes vermuten lassen. Wissen Sie, junger Mann, wir bauen Roboter. Hunde, die lächerlich durch den Wald stolpern, und so eine Art Terminatoren, die wir nicht umschmeissen können. Und, großer Erfolg, wir statten unsere Soldaten mit Exo-Skeletten aus. Wenn Sie sich heute umsehen, dann sehen unsere Truppen aus, als ob sie dem Kinderspielzeug der Neunziger nachgeformt werden. Aber dort“ ,  er kratzte mit dem Finger über die Karte, als wollte er etwas hervor pulen, „befindet sich Frankensteins Labor.“
Er sah Bastian plötzlich eindringlich an. „Vermuten wir. Aber ich habe das nie gesagt, Sie haben es nie gehört. Wir beide wissen nicht wovon wir hier reden, und wenn Sie draußen sind, dann ohne Auftrag, aber  finden Sie verdammt noch mal heraus, was die in diesem verseuchten Scheißteil der Welt treiben!“
So kam er zurück in den Wald. Auch wenn es ein ganz anderer Wald war.
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Veröffentlicht von

jtaelling

Wortklauber und -verstreuer. Schimpft sich Autor an den guten Tagen. Dreht das Ding bis es rollt

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