Anfang 37. von 300 (Ohne Widmung)

Der Ball war nicht das Problem, aber ihre Blicke wollten mich töten. Ich nickte dem jungen Mädchen kurz zu und rannte weiter. Man sollte die Eigenschaften eines Kunststoffbodens im Tennis nicht unterschätzen. Ich glich einem Blitz, als ich an ihr vorbei und über die hüfthohe Umzäunung sprang. Und der Knabe in den Cordhosen immer vorne weg.

Während dem Sprung – und das konnte nur ich – hatte ich die Waffe entsichert, und hielt sie jetzt in der Hand. Als wollte ich in den Himmel schießen. Mein Atem röhrte in meinen Ohren, und ich hörte nichts mehr, sprach nichts und fand sowieso keine Worte. Verpflichtend war, dass ich ihn nun rufen sollte. Aber das vergessen wir einfach mal. Er rannte, ich rannte, und wenn er verschwinden wollte, dann würde ich auf die Beine zielen. Irgendjemand würde mir meinen Ruf schon bestätigen.

Wir sprangen durch die Blumenbeete, rissen Tulpenköpfe mit uns mit, wirbelten Erde auf und sein brauner Cordanzug nahm dunklere Töne an. Er hatte Kotletten, einen Wuschelkopf und trug einen Aktenkoffer in der Hand. Das waren nicht die Siebziger, aber er war real.

Meine Lunge war dafür nicht geschaffen. Mein Atem hielt sich in einer bedrohlichen Frequenz, und der Rhythmus schrie mich gerade zu an auf ihn zu schiessen. Ich wußte, ich würde ihn vollkotzen, wenn wir zum Stehen kommen sollten.

Er rannte gar nicht schlecht. Er machte große Sprünge, legte einen Zickzackkurs ein, und wenn er Mülltonnen fand, dann schmiss er sie hinter sich um. Das raubte ihm mehr Zeit als er wahrscheinlich dachte, denn ich setzte einfach darüber hinweg. Ist zwar Jahre her, aber ein paar Sachen hatte ich noch drauf, und die verlernt man auch nicht.

Mal abgesehen von all der Luft, die ich verströmte, hörte ich wenig in dieser Siedlung. Bis auf die seltsamen Geräusche, die Heinz mit der Kupplung meines Wagens machte. Ich hatte etwas den Überblick verloren, denn  der Cordanzug und ich, wir zerstörten einen Vorgarten nach dem anderen. Aber irgendwo in der nahen Umgebung heulte ein Motor auf, und mein schwarzer Golf flog über eine Buchsbaumhecke  wie Wal, wenn er durch den Reifen springt.

Meine Perspektive war unglücklich gewählt. Und daher dachte ich, der Wagen würde genau auf mich zu fliegen. Tatsächlich erwischte er aber den Cordanzug, und warf diesen über einen Jägerzaun. Der ebenfalls gerade eben erst von mir bemerkt wurde. Dann stellte sich das Auto zwischen mich und dem Flüchtenden. Es krachte, klapperte, warf Schotter wie Regen auf mich, und scheuchte eine gigantische Staubwolke auf. Heinz entstieg ihr, breitete die Arme aus und lachte.

Das war mein Golf.

Ich ließ die Waffe sinken, drehte mich um und übergab mich.

Heinz ging um den Wagen, nahm den Jägerzaun in einem Satz und landete fast auf dem Rücken des Cordanzugs.

Das waren die Dinge, die wir taten.

Nicht sehr viel später hatte ich mir fast alles aus den Klamotten geklopft, einen Kaffee aus dem Automaten geklaubt und die wichtigsten Details erzählt. Die Jungen wollten immer alles wissen, die Mädchen sahen mich komisch an und der Chef hielt sich zurück, solange ich noch nichts zu Papier gebracht hatte.

Heinz hatte den Gürtel festgezurrt, mit Toilettenpapier die Schuhe geputzt und drängte darauf in die Kabine zu gehen.

Die Kabine war nicht ganz so, wie man das aus dem Fernsehen kannte. Genauso schmucklos, aber sie sah eher aus wie aus den Fünfzigern. Die beige Farbe an den Wänden blätterte, und an manchen Stellen wirkte es, als hätte jemand mit verschiedenen Tönen Wasserlachen an die Decken gemalt. Wir hatten in den letzten drei Wintern jeweils einen Rohrbruch über uns. Und was in der bloßen Erzählung noch harmlos rüber kam, hatte unsere Aktenschränke restlos verformt. Jeder sprach von Renovierung, und keine zog das Thema durch.

Der Cordanzug, der knapp über zwanzig war, glich einem Fisch, den man dreimal durch das Mehl gerollt hatte. Seine Augen waren weit aufgerissen, und der Staub saß auf ihm wie eine verliebte Wolke.

„Machen wir es einfach!“ Wie immer war Heinz derjenige von uns, der die Dinge, die passieren sollten, einleitete und mit stämmiger Haltung unterstrich. Ich saß sehr lange nur da, und beobachtete die Szenerie. Wir sprachen danach miteinander, wechselten uns in harten Fällen ab, aber spielten nicht diesen Unsinn von wegen „guter Cop und böser Cop“.

„Du dealst nicht mit uns. Wir können dir nichts anbieten. Es gibt keine Erleichterungen und du weißt, was im BTMG steht.“ Heinz blieb stehen. „Du kennst deine Rechte, du weißt, wie die Geschichte mit dem Anwalt verläuft, aber du weißt auch, was wir in deiner Tasche gefunden haben. Du kennst die Menge und das Strafmaß. Soweit ist zwischen uns alles klar.“

Ich grinste. Ich liebte Heinz. Ich hatte mit Kollegen gearbeitet, die mit den Tätern flirteten. Ich war in Sitzungen, in denen erklärt wurde, wie man feine Bindungen zu den Personen aufbauen konnte, die dir gegen über saßen. Ich wußte von dem Spiel mit Kaffee, Sandwich und möglicherweise Zigaretten. Aber machen wir uns nichts vor: Die kleinsten Kinder erwarteten diese Gespräche von uns. Wer hatte den dafür noch Zeit?

Heinz zog einen Stuhl zu sich heran, stellte einen Fuß darauf, beugte sich zu dem Anzug vor:“Ich sage dir, was ich von dir wissen will. Und du sagst es mir.“

Der junge Mann sah ihn erst nur an, öffnete kurz den Mund und ich bemerkte die sauberen Zähne, die perfekte Stellung derselben, und den flaumigen, sauber gestutzten Oberlippenbart.  Der Bart zwar vollkommen verdreckt, aber es offenbarte sich damit durchaus ein gutes Elternhaus, mindestens Mittelschicht. Seine Finger waren das nächste auf was ich sah, und sie waren feingliedrig, zeigte keine Narben, keine Risse, und gesunde Nägel, die in einem Maß geschnitten waren, dass für schwarze Ränder geeignet gewesen wären. Aber da waren keine schwarzen Ränder oder andere Spuren körperlicher Arbeit.

Er wiederholte dieses Luftschnappen und sagte dann: „Ich habe Ihnen nichts zu sagen.“

Heinz schnaufte hörbar. Leicht genervt und der tiefe Bass seiner Stimme vibrierte, wenn er die Lautstärke unwillkürlich steigerte: „Ich will die Namen von denen, die dich in den Knast schicken. Ich will die Arschlöcher für die du deines hinhälst. Ich will wissen, wer dich in den Knast schickt. Ich will sie alle!“

Und in diesem Moment spuckte der Bursche vor uns Blut auf den Tisch und stürzte zu Boden.

Einfach so.

Heinz sprang zurück. Ich stieß den Stuhl von mir weg. Die Tür wurde aufgerissen. Und wir standen vor einem Jungen, der sich die Hände auf den Bauch drückte und Blut sabberte. In Schwällen. In Bächen. In einen ziemlich großen See.

Der Chef stand in der Tür und hatte Augen wie blitzende Untertassen.

 

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Veröffentlicht von

jtaelling

Wortklauber und -verstreuer. Schimpft sich Autor an den guten Tagen. Dreht das Ding bis es rollt

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