Anfang 39. von 300 (O.W.)

Einer von Beiden, der auf der linken Seite, hatte seinen Ellenbogen auf das heruntergelassene Fenster gelehnt. Der andere, der Fahrer, rief mich zu sich her.  Er winkte, als wollte er mich kaufen, und stoppte den Wagen.

Er sagte, „Du da!“ und „Komm mal her!“

Ich sah mich um. Der Park war morgens leer. Es gab noch keine Flaschensammler, gejoggt wurde noch sehr zurückhaltend, und die Tore hatten sie erst vor einer Stunde geöffnet. An meinen Turnschuhen sammelte sich der Tau und zog sich die Jeans hoch. Die Wiesen glitzerten. Und an einigen, wenigen Stellen wollte sich der Bodennebel nicht vertreiben lassen.

Ich ging langsam auf sie zu.

Der Fahrer stieg aus, sein Beifahrer tat es ihm nach. „Dein Name?“

„Bitte?“

„Kann ich deinen Ausweis mal sehen?“

Ich kramte in meinem Beutel. Dort fanden sich Bücher von Percy B. Shelley und Keats. Dann noch ein paar Blättchen, ein billiger Tabak, eine Tüte mit Filter und ein Notizblock. Mein Ausweis, den ich sicherheitshalber immer mitnahm, und viel zu wenig Geld.

Ich war siebzehn Jahre alt, und wenn ich die Chance hatte, dann dröhnte ich mir schonungslos die Birne zu. Aber ich hatte nie etwas dabei.  Die Haare fielen mir in die Stirn, und versteckten mich manchmal vollkommen. Ich rasierte mich selten, aber es gab auch nicht sehr viel Grund dazu.

Meine Augen entzündeten sich häufig, doch Augentropfen kreisten ebenso gut wie alles, das man rauchen konnte.

Der Polizeiwagen war ganz langsam durch den Park gefahren. Als wollten sie cruisen.  Die Sonne schien und sie hatten alle Zeit der Welt. Ich war alleine, also zogen sie die ganze Show durch und ich wußte wirklich nicht, ob sie das für mich taten oder um sich selbst einen Kick zu verschaffen. Sie kannten meinen Namen. Sagten sie. Ich wußte nicht woher. Es gab nichts über mich.

Sie sprachen in das Funkgerät, benutzten Codes, die ich nicht verstand und nannten wieder meinen Namen. Natürlich musste ich mich breitbeinig an ihren Wagen lehnen, als wären das die Bronx und ich ein Idiot, der ein Vergnügen daran fand ihnen in die Arme zu laufen.

Sie wollten wissen, warum ich nicht in der Schule war. Die  wußten nicht einmal, dass Ferien waren. Und meine Eltern konnten sich wirklich nicht erlauben, mich in jeder freien Minute durch die Welt zu schicken. Ich blieb daheim, lieh mir die ältesten Bücher aus der Bibliothek und schrieb Gedichte, an die ich mich später nicht mehr erinnern konnte.

Sie fanden nichts über mich.

Aber drei Spaziergänger stand beobachtend herum. Und diese Leute wußten das nicht.

Ich sah den Unterschied. Es gab ein davor und danach.

Ein magerer Junge mit einem schleichenden Gang kreuzte meinen Weg zum See, und flüsterte kaum hörbar. „Das machen sie immer!“

Es gab ein davor und ein danach.

Man muss es nur ein einziges Mal erleben. Das Gefühl unrecht zu haben, wenn man sich im Recht glaubt.

Wenige Wochen später wurde die Innenstadt abgeriegelt. Die Fußgängerzone gesperrt, die Straßenbahnen umgeleitet und ich trug neben meinem „Anti-Atomkraft“-Sticker, einen Aufkleber mit einem Fadenkreuz und dem Untertitel „Schieß doch, Bulle!“. Die Punks waren auf unserer Seite und bildeten den Beginn des Zuges. Die Polizisten rannten an den Seiten entlang, hielten das Publikum ab zu  uns zu kommen, und passten auf, dass wir unsere Flugblätter nicht weitergeben konnten.

Einige zogen ihre Skimützen herunter, als sie die Kameras erkannten. Wir erklärten uns solidarisch mit dem Häuserkampf in Berlin, den Krakern in Amsterdam und überhaupt mit allen, die für bezahlbaren Wohnraum kämpften. Wir waren laut, jung, ungestüm, und argumentativ einzeln nicht immer stark genug. Aber zusammen hatten wir einiges vor.

„Und Gewalt gegen Sachen?“, hatte Harald  gefragt, als wir Tage zuvor im Gras saßen.

Er reichte es weiter an mich. Ich nahm einen Zug und gab die letzten zwei Zentimeter an ihn zurück.

Ich war mir uneins. Haralds Eltern lebten in einem verdammt großen Haus, sie hatten zwei Autos, er ging auf das Gymnasium und sah so harmlos aus. Der Traum jeder Schwiegermutter. Seine Haare waren nicht mal lang. Seine Kleidung teuer.

„Ich bin mir nicht sicher.“

„Hm. Du meinst, es ist etwas zu erreichen durch Demonstrationen?“

„Ja, auf jeden Fall. “

„Aber du hast schon gehört, dass du in die DDR gehen sollst, wenn es dir hier nicht gefällt?“

„Ich habe alles gehört.“ Ich lehnte mich in das Gras zurück, blinzelte in die Sonne, und beobachtete die Silhouetten der Blätter.

Harald sprach über die RAF wie ich über Frank Zappa. Die Flugblätter waren unlesbar, aber die Zeichen fanden sich auf Toiletten, die Aufkleber zirkulierten und es gab Soli-Konten für die, die bei den harten Demos verhafteten wurden.

Meine Eltern waren sich sicher, dass ich Drogen nahm. Sie beobachteten mich wie einen Kranken, der auf Heimaturlaub war. Sie suchten nach Anzeichen. Sie beobachteten wie ich aß, wie ich las und ob ich Freunde hatte. Wir entfremdeten uns. Ich mied sie, weil ich ihre Blicke nicht ertrug.

Meine Lehrer bescheinigten mir bei jeder dummen Gelegenheit in einem Atemzug Faulheit und Intelligenz. Sie sahen mich herausfordernd an, wenn es um Tagespolitik ging, nahmen mich aber nicht mehr in den naturwissenschaftlichen Fächern wahr. Ich war so hoffnungslos wie bedauerlich. In den Pausen vertrieben sich die restlichen Loser ihre Zeit am Brombeergestrüpp, und ich gesellte mich zu ihnen, um eine Mauer zu bilden, die es uns erlaubte, einige Züge zu nehmen, und den Rest des Tages zu verpennen.

Harald gab mir die Flugblätter und bat sie mich sie zu verteilen. Ich gab sie dann allen Leuten weiter, die ich kannte. Ich machte kein großes Geheimnis darum, und den Großteil des Geschwubbels, der da stand, empfand ich als ebenso aufregend wie die Beschreibung auf einem Beipackzettels. Ich drückte sie den Burschen in die Hand, die mehr Fußball als sonst was im Kopf hatten. Und das war ein Fehler. Fortan hassten mich deren Eltern und nannten meinen Namen im Zusammenhang mit all den Gesichtern auf den Fahndungsplakaten.

Die Dinge begannen sich zu verselbständigen. Man sprach mir eine Haltung zu, bevor ich diese hatte.  Und wenn ich den Eltern der Fußballtypen beim Einkaufen begegnete, dann drehten sie sich um und sagten: „Ach Gott, du bist es, ich dachte ein Terrorist steht vor mir!“

Das war ein Humor zu dieser Zeit. Ich kann dir sagen.

Später wurde alles anders.

 

 

 

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Veröffentlicht von

jtaelling

Wortklauber und -verstreuer. Schimpft sich Autor an den guten Tagen. Dreht das Ding bis es rollt

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