Anfang 40. von 300 (ow)

Das Geld war so dreckig, dass die Frauen, die es zählten, wie alte Bergarbeiter husteten. Sie rauchten natürlich auch viel. Tranken das billige Zeug, aber nur in der Freizeit. Um den Staub der Jutesäcke aus dem Mund zu spülen.

Birgit sah zehn Jahre älter aus als sie war, trug eine weiße Kutte, und starrte die Zählmaschine an. Sie legte die Scheine rein. Es gab ein schnarrendes Geräusch, dann führte sie die bereitgelegte Banderole herum, und legte die Scheine auf ein Tablett. War das Tablett voll, trug man die Pakete auf einen Tisch. Dort war eine Plastiktüte ausgelegt.  In sie wurden die Geldbündel gelegt und  eine Vakumpumpe zog die Luft aus der Tüte . Die Scheine waren verpackt.

Neben Birgit saß Paula. Und neben Paula saß Frida. Zu dritt stellten sie die Nachtschicht dar. Irgendwo im Raum stand ein Wachmann, breit genug für sein Alter, mit einem Bauch, der von einem schwarzen Hemd eingezwängt wurde. Seine Mütze hatte er auf einen Tisch gelegt. Die Fenster waren aus Panzerglas, die Tür zu dem Raum aus massivem Stahl. Einen Fluchtweg gab es nicht. Aber Notfallpläne.

Der Computer in diesem Raum stand in einem Plexiglasgehäuse, damit die Jutefasern ihn nicht zum Erliegen brachte. Als die IT das Ding geöffnete hatte, und 10 Zentimeter Staub darin fanden, kam man zu dem Entschluss, die Geräte besser zu schützen. Die Frauen sprachen nicht viel. Birgit war geschieden, Paula seltsamerweise auch und Frida kam nicht zum heiraten. Sie redeten ungern darüber.

Birgit kannte die Zeiten, in denen das Geld kam. Die Fahrer fuhren immer die gleiche Strecke. Jeden Abend. Die Discounter hatten in jedem Dorf eine Filiale. An guten Tagen reichte es nicht, das Geld abends abzuholen, und die Transporter fuhren auch schon früher los. Aber auch an schlechten Tagen landeten die kompletten Einnahmen von 200 Discount-Geschäften in diesem kleinen Raum. Das Geld wurde dann auf Paletten gestapelt und mit Hubwagen verladen.

Einige der Fahrer blinzelten Birgit zu, wenn sie das Geld in Jutesäcken, oder den Farbboxen brachten. Es lief mal etwas schief, und die Farbbox explodierte in der Einfahrt. Niemand traute sich für Stunden das Ding anzurühren. Die verfluchte Farbe war kaum noch abwaschbar.

Helmut und Karl konnten verschiedener nicht sein. Helmut war bäriger Riese,  Karl sah etwas gedrungener aus und wirkte immer hungrig. Irgendwie hatte er es in Birgits Bett geschafft und Helmut verzieh ihm das nie. Aber er gab es nicht zu, winkte Birgit während er das Geld hineinschob und lächelte in einer Art und Weise, die er liebevoll nennen wollte. Doch sein Gesicht war nur seltsam verzerrt. Birgit bedauerte die Nacht mit Karl, doch jeder wußte davon, weil Karl schnell und hochtönig allen davon erzählte. Es war durch. Nichts mehr zu machen und sie hatte gar keine Zeit sich darüber aufzuregen.

Gut die Hälfte von dem Lohn, den Helmut erhielt, fraß eine konfuse Alimentenregelung mit zwei Frauen, die er nicht verstand. Er hatte sich geschworen nie wieder zu heiraten, denn er hatte nie kapiert, wie es dazu kam, dass er heute für etwas zahlen musste, was ihm vor 10 Jahren passiert war. Sein Sohn schrieb ihm, dass er ihn hasste, und auch das verstand er nicht. Seine Tochter lebte in einem Dorf in Bayern, dass er schon aus Zeitgründen niemals besuchen würde.

Seine Schichten waren zu lang, seine Nächte zu kurz. Er las den Waffenjournal, übte dreimal in der Woche die tiefsten Löcher in eine Scheibe zu machen, und lernte überhaupt keine Frauen mehr kennen. Karl hatte sich vorgenommen, sein Sperma wahllos zu streuen, wo immer er eine Chance dazu hatte. Birgit lief ihm da einfach nur über den Weg.  Wozu sonst sind Betriebsfeiern da?

Als Birgit an einem heißen Sommertag in der Einfahrt stand, schnell versuchte die Zigarette vor ihm zu verstecken, da sah Helmut sie zum ersten Mal in stehender Haltung außerhalb des Zählraums. Er sprang aus dem Transporter, behend wie nie zuvor. Karl tat es ihm auf der andren Seite gleich, doch eilte zur Toilette.  Und so stand er unschlüssig vor der Frau, die ihm plötzlich so frisch und ungewohnt wie ein freier Tag vorkam. Sie roch nach Rauch, einem süßen Parfüm und sie nagte wie ein schüchternes Mädchen an der Lippe herum.

Sein Schweigen war eine Herausforderung, ihre Reaktion eine Verheißung, und als sie sagte :“Könnten wir.“, erschrak er als wäre er ertappt.

Sie lächelte.

„Bitte?“

„Du wolltest mich fragen, ob wir mal was trinken gehen könnte. Ich sagte, das könnten wir.“

„Ähem..“ Er nestelte an seinem Gürtel, grub die Daumen tief zwischen dem Leder und der Hose, zog sie wieder raus und formte Wörter, als seien sie ihm unbekannt. Es dröhnte in seinen eigenen Ohren als er sprach.

„Ja, gerne, klar, sicher. Wann?“

„Schichtende?“

„23 Uhr?“ ,staunte er.

„Ja.“ Sie wirkte jünger, verspielter, anziehender als je zuvor. Eine Schönheit ergriff sie, die sich ihm einbrennen wollte. Er fühlte sich beschenkt, beschämt und so jung, wie er sich zuletzt in seinen Teenagerjahren gefühlt hatte. Als ob Puzzelteile ineinander sprangen.

„Gerne!“

„Gut! Abgemacht!“ Sie drehte sich um, warf die Kippe, die sie noch immer in einer Hand hielt, in den Abfalleimer und strebte wieder in das Innere des Gebäudes. Das restliche Geld würde kommen.

Birgit setzte sich neben Paula und Frida. Keine sagte ein Wort. Sie starrten geradeaus. Frida hatte gefährliche Augenringe. Sie schlief schlecht. All das Geld, das nur mehr Papier war und all die Nächte, die keine mehr waren. Sie brauchten nicht mal darüber zu reden, womit sie ihre Zeit verbrachten. Und Birgit wußte immer noch nicht, ob sie mit ihnen darüber sprechen konnte.

Vor zwei Wochen hatte sie zum ersten Mal Blut gespuckt, und der Geschmack glich den Münzen, die sie rollte. Metall schmeckt im Mund wie Tod. Und es liegt daran, dass es dem Blut so ähnlich ist, und man es erst dann wahrhaben will, wenn im Kopf die Migräne tobt, die ein Ableben fordert. An manchen Tagen wußte sie nicht mehr, wie das ging, dass man die Nächte einfach so rum bringt. Und dann auch noch das Blut. Sie hatte panische Angst vor Ärzten. Panische Angst vor dem Tod. Panische Angst, dass sie einfach erstickte, und es keiner merkt. Panische Angst vor dem Weiterleben. Und so blieb ihr nur das Geld, um das ihre Gedanken kreisten bis sich die Bausteine aufeinander setzten, als gehörten sie zusammen. Als sie Helmut ansah, und die Tränen erkannte, die sich in ihm nicht lösen konnten, wußte sie, dass er es war, auf den sie gewartet hatte.

Es ging ums Geld.

 

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Veröffentlicht von

jtaelling

Wortklauber und -verstreuer. Schimpft sich Autor an den guten Tagen. Dreht das Ding bis es rollt

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