Anfang 42. von 300

Bärbel brach mit einem leisen Seufzen auf ihn herab, biss ihn in den Hals und verwuschelte seine Haare, während ihre Zunge sich in sein Ohr schlängelte. Er zuckte mit dem Kopf, blies ihre Haare aus seinem Gesicht und streichelte weiter in einem verschlafenen Rhythmus ihren Rücken. Sie gab eine Menge Laute von sich, die er beobachtete, hörte und zu unterstützen suchte.

Ihre Oberschenkel pressten seine zusammen, während sich sein Becken hin und wieder ruckartig nach oben bewegte. Sie hob ihren Oberkörper. Platzierte ihre Hände und Arme neben seiner nackten Brust. So sah sie ihn sekundenlang an.  Ihre Augen waren nicht zu erkennen, aber sie betrachtete ihn, bis sich ihr Kopf wieder senkte. Ihre Brüste strichen über ihn,  und sie küsste ihn lang und nass. Eine vertraute Wärme überkam ihn, die ihn tief berührte. Seine Augen wurden feucht, doch er wollte nicht, dass sie es sah,und so blickte er an die Decke. Eine Spinne kroch zur Lampe. Bärbels Mund saugte sich an seinem Hals fest, biss und blieb da, bis er geneigt war, sich daran zu gewöhnen.

Sie hatte gesagt, sie küsse gerne. Und gut. Er hatte gelächelt. Ihr Wein nachgeschenkt. Und geblinzelt. Sie mochte seine ruhige Ausstrahlung. Er bedrängte sie nicht, erzählte nicht von seiner Ex, machte Witze, lachte offen und mit strahlenden Zähnen. Sie vergass die Plattform sehr schnell, über die sie sich kennen gelernt hatten. Das war nach dem Nachtisch schon Vergangenheit. Es war nur Zufall. Sie hätten sich überall kennenlernen können. Sie mochte ihn.

Der Nachtisch war schwer, flambiert und ziemlich heftig. Er meinte, das könne man ja nicht alleine stehen lassen. Sie sagte , wenn er nicht erleben wolle, wie sie heute nacht noch aus auf allen Vieren aus einer Bar krabbeln würde, dann sollten sie besser zu ihr. Sie wußte nicht, warum sie das gesagt hatte. So frech war sie eigentlich nie. Aber Dirk lachte nur, und sie lachten noch, als sie ihren Schlüssel suchte, er dem Taxifahrer zu viel gab, sein Handy fallen liess und trotzdem seine gute Laune nicht verlor. Er war ziemlich cool. Sie kannte das anders. Es fühlte sich richtig an.

Bärbel wirkte wie eingepacktes Bonbon, dass er vom ersten Augenblick an auspacken wollte. Sie hatte einen kleinen, kräftigen Körper, der bereit war alle Kleidung, die sie liebte, zu spannen, auszufüllen und wie eine Ahnung auf kommende Freuden wirken zu lassen. Dirk verliebte sich schnell und kompromisslos. Er beobachtete staunend ihre Lust am Essen, das gesunde Weiß ihrer Haut, das so frei von Entbehrungen schien und alle Genüsse widerspiegelte, denen er nachgeben wollte. Er beobachtete, wie sie nervös und mit einem lauten Lachen den Wein hinunterstürzte, wie das Fett des Fleisches ihre Lippen benetzte,  wie sie die Serviette nicht zum Tupfen, sondern zum Wischen benutzte. Er war begeistert, wie einfach sie die Dinge tat, die zu tun waren. Sie hängte ihr Jäckchen selbst über die Stuhllehne, und forderte für sich den herbsten Roten auf der Karte.

In ihren Augen blitzte eine Lust auf, wenn sie aß und ihre Witze präsentierte sie mit einem Augenzwinkern, ihr Humor war so vielschichtig, dass er Mühe bekam, alles zu verstehen. Sie war ihm über, und er verstand beim besten Willen nicht, warum sie hier saß.  Schon vor dem Nachtisch, wollte er wissen, was sie tut, wenn er seinen Kopf zwischen ihr Schenkeln platzieren würde. Er wollte wissen, ob sie gluckst, im falschen Moment lacht (nein, das würde sie nicht machen) oder mehr forderte, als er ihr bieten konnte.

Tags zuvor, als er sich hinter diesen androgynen Körper von Vera heranschlich, ihren schmalen Hintern berührte, die Knochen spürte, die so verletzlich heraustraten, und ihre Wortlosigkeit, mit der sie ihn in sich aufnahm, als geheimnisvoll und verletztlich empfand, erwachte in ihn eine unbestimmte, schmerzliche Zärtlichkeit. Er kratzte sie leicht am Rücken, wie man eine Katze streichelt, die schon lange eine Berührung vermisst.   Veras Bewegungen waren hart und ungeübt, doch ihre Ehrlichkeit, mit der sie sich ihm öffnete,  machte ihn so sprachlos, so dass ihre eckigen Umarmungen in fast vollkommener Dunkelheit schweigend und abgehackt zum Höhepunkt führten.

Mit Simone geschahen in dieser Woche schon Dinge, die dazu führten, dass sie verzweifelt an seinen Fingern saugte. Er strich ihr übers Gesicht, als er merkte, das sie viel, viel mehr weinte, als er für möglich gehalten hätte. Ihre Geschichte war angefüllt mit  Versuchen, die scheiterten bevor ihr das Leben etwas schenkte. Er schlief mit ihr, weil sie Milch für den Kaffee verschüttete und die Lache den Katzen  liess. Sie hatte ihn zu sich eingeladen, und zwischen den Fotos ihrer Kinder, einer Geschichte erzählt, die er schweigend in sich aufnahm. Er tat nicht viel, viel weniger als er sonst gewohnt war. Und als er sich anzog, vermisste er die Schlaffheit, die er kannte.

Daheim tat er Dinge, die ihn dann doch einschlafen liessen. Er hatte das Mütterlich an Simone geliebt, die Art, wie sie ihre Seele in die Dinge legte, die sie berührte, obwohl all ihre Narben so einfach zu sehen waren.

Melanie war viel, viel kleiner als er. Sie hatte die falschen Bücher gelesen. Sprach schnell und eloquent, und alles an ihr war so unglaublich schnell berührt, obwohl sie sich wandte wie ein Fisch, und dabei Dinge vollführte, die fast schon akrobatisch waren. Er staunte über all die Spielchen, über die Fesseln und die Dinge, die sie einführte. Er fühlte sich beschenkt, bereichert, obwohl ihn vieles nicht für eine Erektion gereichte. Dennoch betrat er ein Land, dass er nicht kannte und dessen Kultur er nicht verstand. Melanie hatte ca. zweiundreißig Tattoos, die er kannte, und ebensoviele an Stellen, die bei Frauen bisher nur mit Vorsicht und Zurückhaltung berührt hatte. Die Bilder, die durch seinen Kopf rasten, waren Fragestellungen, die blieben, selbst als Melanie schon Tage zurück lag.

Und Jasmin. Jasmin hatte Adern unter ihrer Haut, die wirkten, wie bei einer chinesischen Porzellantasse, durch die man durchschauen konnte. Ihr Körper war der Feind aller künstlichen Nahrungsmittel. Sie machte morgens nackt Yoga, aß wertvolle Speisen, und floß wie ein vielgliedriges Lebewesen über ihn. Sie schaute ihn so lange an, umkreiste Zentren, die er nicht kannte, bis er glaubte im Kopf kein Blut mehr zu haben und die Sonne huldigen zu müssen.

Wie er die Spinne an Bärbels Decke beobachtete, während ihr Atem seinen Nacken streichelte, verstand er nicht, was hier geschah. Und wieder am nächsten Tag, er wußte es schon, würde er in einem anderen Lokal eine andere Speise mit einer wunderschönen Frau einnehmen. Und er würde sich maßlos verlieben. Er schloss die Augen, roch Bärbel, fühlte ihre weiche Haut und schrie lautlos in die Nacht. Sie dachte, er kam.

 

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Veröffentlicht von

jtaelling

Wortklauber und -verstreuer. Schimpft sich Autor an den guten Tagen. Dreht das Ding bis es rollt

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