Anfang 43. von 300

Das, was nicht gut läuf, das blendet sie einfach aus. Sagte sie. Und lehnte sich wieder zurück in diesen Dunst aus Männerdeo und Döner Kebab, der ihn umflirrte. Er liess seine Zähne blitzen, nahm sein Mädchen wieder zurück in seine Arme, um das Gespräch mit dem Jungen in den viel zu weiten Jogginghosen fortzuführen.

Während sich plötzlich alles auf ihrem Rock einfand, was sie vorher in seinem Kopf vermutet hatte, fiel er rot und blutig nach hinten und seine Augen schauten nochmal in den Himmel, aber sahen ihn nicht. Und das alles an einem schönen Tag vor Cenks Dönerbude. Der Junge mit den weiten Jogginghosen bekam nur einige Spritzer ab, sprang aber erschrocken zurück, stieß einen spitzen Schrei aus und war drauf und dran davon zu rennen.

Sie war sprachlos. Das Smartphone knallte auf den Sitz ihres Stuhls, federte dort in Zeitlupe zurück und landete auf dem Boden. Mit einem hässlichen Geräusch, wie es nur zerspringendes Glas verursachen könnte.

Cenk rannte aus der Bude, das fettige Dönermesser noch in der Hand, die Schürze verdreckt wie immer, und den Bauch aus einer T-Shirt-Ritze sichtbar, die er immer vergass.

Er begann eine Unzahl halber Sätze, die da lauteten „Was…?“, „Wieso…?“ und ähnliches, aber es war nun eine Stille eingetreten, in der selbst die Vögel verstummten. 

Der junge Mann, einst die Hoffnung eines integrativen Kampfsportvereins, lag ziemlich zerstört zwischen den Plastikcampingstühle, die Cenk für seine Gäste reserviert hatte. Der kleine Bursche in den weiten Jogginghosen war doch nicht weg gerannt. Er sprang sozusagen auf der Stelle. Unentschlossen, aber behend und gar schrecklich nervös.

Wenn Männer erwachsen werden, dann machen sie manchmal ganz archaische Sachen, und möglicherweise steckt es einfach in ihren Genen, sich Gangs anzuschließen, lauter zu sprechen als nötig und der Polizei etwas mehr Arbeit zu machen. 

Es wurde irgendwann sehr hell. Und die meisten Menschen zogen es vor Sonnenbrillen zu tragen und Kaffee mit Eiswürfel zu trinken. Der Asphalt war so heiß, dass man die rohen Steaks einfach auf die Straße werfen könnte. Wenn man auf sowas stand. Die Turnschuhe klebten manchmal am Boden fest und nachts könnte man gar nicht soviele Fenster aufreißen, wie man wollte. Es war sehr heiß.Aber sowas von.

In der Zeit erstickt nicht nur ein Dutzend Hunde in den Autos, auch die Zahl der Toten kratzte an einem neuen Rekord. Sie brachen im Kugelhagel in Eisdielen zusammen, lagen im Ententeich oder krachten einfach in den Grill. Gegrillt wurde viel.

Meistens waren es starke Burschen, die lieber Unterhemden als T-Shirts trugen, viel mit ihrem Handy rumspielten und Freundinnen hatten, die gerne hautenge Kleidung trugen. 

Es waren soviele Klischees auf einem Haufen, dass sich Kommissar Benke vorkam wie ein alter Sack, der gerade seine Vorurteile pflegte. In seinem Büro hatte er eine Wand aufgestellt, auf der er alle diese Burschen pinnte, und sie waren sich von Gestalt und modischen Stilen so ähnlich, dass er Probleme hatte sie auseinander zu halten. Das war ihm peinlich.

Er empfing keine Besucher mehr in seinem Büro, denn diese Wand mit all den toten, jungen Männern konnte einem den Tag verderben.

Das Umfeld, in dem sie sich bewegten, irritierten ihn. Und so zog er es vor am Schreibtisch die Ergebnisse auszuwerten. Mit Vorliebe jagte er den kleinen Pulk Assistenten und Assestentinen, den man ihm ausgeliehen hatte, in diese Gegenden, in den sich das Testosteron geradezu sichtbar in der Luft aufhielt.

Mitags in der Kantine, wenn er über seinem Tablett saß und noch überlegte wieviel und was er davon essen sollte, lehnte sich ihm gegenüber der Kommissar Watzer zurück, fuhr sich mit den Daumen unter die Hosenträger und sagte dann: „So unglücklich bin ich jetzt gar nicht, dass die Burschen sich gegenseitig umbringen.“

„Du kannst ein ganz schönes Arschloch sein, weißt du das?“

„Ich sage es ja nur, ich bin ja nicht der Einzige, der so denkt.“

„Aber du bist das Arschloch, das es ausspricht.“

Watzer blinzelte ihm zu und beugte sich vor.“Ok, natürlich ärgert es dich, wenn die ganzen kleinen Posterboys in die ewigen Jagdgründe wandern. Aber wir beide wissen es ja, die sind ja nicht deine Nummer. Muss hart für dich sein.“

„Weißt du was, du könntest mir in Zukunft einen Gefallen tun, und , verdammt nochmal, meinen Tisch meiden. Ist ja nicht auszuhalten mit dir.“ Er stand auf. „Scheisse!“

Watzer hatte in einem Punkt nicht unrecht. Die Jungs waren ihm so fern wie sonst was, aber gerade das lockte ihn in Gedanken immer wieder zu ihnen. Er war Mitte Fünfzig, und der Meinung, das viel zu viel falsch gelaufen ist. Eine Traurigkeit, die sich zu Tränensäcke vergrößerte, veränderte seinen Schritt und senkte seine Haltung. Er fand sich mutig, wenn er einmal in die Sauna ging, die auch Darkrooms betrieb, aber tatsächlich betrachtete er die Scherben eines fragilen Lebens, das zwischen allen Sehnsüchten vollkommen auseinander zu brechen drohte. Er hatte seine Frau geliebt, und ihre Toleranz geschätzt, und sie dann noch mehr dafür geliebt, aber alles wirkte wie ein halbes Leben. Nie wie ein Ganzes, und daran hatte sich bis heute nichts geändert.

Er schwankte zwischen seiner Offenherzigkeit, die ihn dazu brachte beim CSD vorne mit zu laufen, und eine Machoattitüde, die ihn härter wirken liess, als die größte Sackratte im ganzen Revier.Er bangte um Liebe, Zuneigung und Anerkennung, und musste sich zusammenreißen um Watzer nicht das Tablett um die Ohren zu schlagen.

Zu den Tatorten musste er immer noch. Das war früher einfacher. Es gibt eine Zeit, in der man meint alles abzukönnen, aber es ergab keinen Sinn mehr, dass jemand starb, wenn es niemand mehr bereute. Im Verhörraum saß er kleinen Kindern gegenüber, deren Biographie er schreiben könnte, ohne sie gehört zu haben. Kleine, verhärtete Scheißkerle, die ihre Seele vor sich selbst versteckten, und wie Roboter nicht mal wußten, warum sie das taten, was sie dann schließlich taten.

Das Gesicht des Mannes hatte es vollkommen zerstört. In der Sonne war das Blut geronnen, und der Geruch hatte schon die Fliegen angelockt. Meike war eine hervorragende Assistentin, die Bilder ohne Ende machte, sich nach Ecken umsah, in denen der Schütze gesessen haben musste, und nebenbei noch aussah, wie das blühende Leben. Solange sie sich bückte, mußte er es nicht tun, und so blieb er einfach nur stehen und dachte nach. Er hatte sich zu einem Schweiger entwickelt, als die Leere nur noch mit Aufregung übertüncht werden konnte. Als ihm die Haare ausfielen, hielten ihn alle für alt und intelligent. Da fing er an zu schweigen. 

Er sah ein vergeudete Leben vor sich, und hasste den Fall mit all seinen kleinen, albernen Details. Die Freundin des Opfers tippte in ihr Smartphone wie besessen, und der Bursche, der komischerweise auch dabei war, schniefte, heulte und rotzte, konnte aber nichts zu irgendwas beitragen.

„Es war ein Schalldämpfer.Keine Zeugen, niemand hat etwas gehört.“ Er hörte Meikes Stimme , aber reagierte nicht.

Was für ein Dreck. Er wandt sich ab, schlich sich zurück zu seinem Wagen, während hinter ihm Meike fortfahren wollte.

„Bericht! Geben sie mir einen schriftlichen Bericht!“

Er wußte, dass Meike ihn nicht möchte. Sei es drum. Mußte nicht sein.

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Veröffentlicht von

jtaelling

Wortklauber und -verstreuer. Schimpft sich Autor an den guten Tagen. Dreht das Ding bis es rollt

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