Anfang 46. von 300

Ich habe den Fuchs überfahren und den Fasan habe ich auch erwischt. Nichts zu danken. Ist ein Hobby.

Ich beschleunigte. Der Wind wirbelte die Prospekte auf der Rückbank hoch und es gab einen dumpfen Schlag. 23:32.

Die Büchsen sprangen vom Beifahrersitz. Ich öffnete eine weitere. Leerte sie in drei Zügen. Rülpste und warf sie zum Fenster hinaus.

Ich bin 36 Jahre alt. Hätte mein Leben eine Farbe, dann wäre es Ketchup-Rot und von Blut nicht zu unterscheiden.

Ich arbeite im Supermarkt. Ich komme, wenn der Fillialleiter auf dem Monitor die Spinde beobachtet und auf die Frauen wartet. Er achtet nie auf mich. Ich sehe alles. Ich leere den Mülleimer, in dem sich so viele Taschentücher sammeln. Alle gebraucht. Ich wische zwischen den Regalen auf. Ich mache das täglich. Den Jack Daniels nehme ich beim Rausgehen mit. Unterm Kittel, bevor die Mädels hinter den Kassen sitzen. Ich bin weg, wenn sie kommen.

Schon mittags kippe ich ihn mit dem Bastian. Er kommt stockbesoffen, haut sich fast die ganze Flasche rein und geht stockbesoffen. Ich muss noch die Prospekte austragen. An jedem Briefkasten hängt jetzt „Bitte keine Werbung!“. Ich schmeisse das Zeug trotzdem rein und trete jede Katze, die mir über den Weg läuft.

Ich bin nicht so blau wie Bastian, aber das ist auch nicht wichtig. Die Gören, die immer in den Straßen spielen, haßen mich, also strecke ich ihnen die Zunge raus, verdrehe die Augen und mache Kotzgeräusche. Es gibt Dinge, in denen ich gut bin. Ich stopfe soviel Werbung in die Kästen, damit die Runde ein Ende findet.

Als Kind bin ich in den Zaubertrank gefallen, deswegen bin ich jetzt viel zu stark, nicht sonderlich clever und zu dick. Ich hasse Tiere. An Frauen komme ich auch nicht.  Hatte ein Freundin, war eine furchtbar komplizierte Geschichte. Ist ein paar Jahre her. Sie hat geschrien, ich habe geschrien, am Schluss gab ich auf. Bastian meint, das war klug. Aber er ist selber nicht ganz gescheit. Daher zählt das nicht.

Wenn ich Füchse überfahre, dann muss ich mit dem Auto hinter der Gartenhütte parken. Dort ist ein Schlauch. Mit dem sprühe ich das Blut und die Reste weg. Igel sehen fies aus auf dem Kühlergrill. Ich erwische sie lieber mit dem Reifen. Sind sie platt. Macht kein Schmutz. Weniger Arbeit.

Tiere kommen in die Stadt. Raben fressen die Mülltonnen leer. Füchse hängen im Gebüsch rum. Igel fressen Katzenfutter. Und Katzen sind sowieso das Letzte. Pirschen sich an, sabbern auf die Hose, fressen jeden Dreck und glauben, sie wären schlauer.

Ich haue sie mit dem Besen und kicke sie einfach weg. Ich bin 36 Jahre alt, und wenn das so weitergeht, dann werde ich 72 und alles bleibt wie es war. Nochmal 36 Jahre in diesem Film ertrage ich nicht. Die Rolle könnte besser sein.

Das Auto habe ich vor Jahren gefunden. Wir leben hier auf dem Dorf. Wir kennen uns alle. Das mit dem Auto ist also gefährlich. Daher parke ich es auch hinter der Gartenhütte. Die gehört meinem Vater. Von dem rede ich nicht. Auf sein Grab würde ich spucken. Aber man hat ihn seit Jahren nicht gefunden. Gibt es also auch kein Grab. Ich spucke trotzdem, jedes Mal, wenn ich aus dem Garten fahre, spucke ich das letzte Kaugummi auf die Hütte.

Auf einer Seite sieht sie nun aus wie ein Kunstwerk. Genau auf dieser Seite hatte er mich in die Biotonne gestopft. Ich hatte seine kläffende Tölle in das Plumpsklo gesteckt. Sie kläffte weiter, klang nur dumpfer.

Mein Vater immer: „Das ist nicht mein Sohn!“ ,und „Das kann nicht mein Sohn sein!“. Wird schon noch eine Weile dauern, bis sie ihn finden.

Ich kurve jede Nacht durch die Gegend. Ich habe zwei Scheinwerfer mehr als erlaubt, damit leuchte ich die Wälder aus. Rehe sind nicht so intelligent. Aber ich habe keine Waffe. Es ist mir nicht erlaubt eine Waffe zu tragen. Es ist mir nicht erlaubt ein Auto zu fahren. Ich glaube, es ist mir nicht mal erlaubt zu heiraten. Aber das weiß ich nicht. Ich habe keine Frau. Ich bin 36 Jahre alt, das glaubt man nicht.

Keiner weiß von dem Auto. Keiner kommt zu dem Garten. Habe ich die Prospekte ausgetragen und den größten Teil in den Müll geworfen, nehme ich den Rest, stapfe an den Rapsfeldern vorbei, überquere den Saupfad und komme dann zu der Einfahrt des Gartens. Mein Vater hatte das Grundstück geerbt. Dort konnte er mich beackern und so tun als verstünde er, was er sonst so macht. Tatsächlich hatte mein Vater schon alles getan, um auch sein Resthirn möglichst schnell der Wissenschaft zu vermachen. Er stierte mich an wie der leibhaftige Tod und seine Stimme klang wie die eines Roboters, wenn er dieses Teil an den Hals hielt.

Heute stelle ich in dem ganzen Garten Mäusefallen auf und verbringe Stunden damit zu beobachten, wie der Mond alles entfärbt. Ich liege auf dem Dach des Autos und denke mir aus, was die Wolken zu bedeuten haben.

Ich bin 36 Jahre alt, und wenn nicht bald etwas passiert, dann verliere ich die Kontrolle über alles. Wenn ich nichts mache, dann machen alle anderen etwas. Das war schon immer so. Ich kenne das. Wenn ich es vergessen will, dann leere ich das Sixpack, steige in das Auto und ziele die verdammten Viecher weg.

Ich schlafe ein, wenn das Fenster nicht offen ist. Aber ich liebe es, wenn der Wind an den Haaren zieht. Wenn er sie so durchkämmt, wie mit einer Riesenhand, und an meinem Kragen zerrt, also wollte er mich zurückhalten. Aber ich habe das Auto, und mit ihm lasse ich die Alleen aufblitzen, und die Hasenaugen leuchten.

Einmal ist ein Hase hochgeflogen, an die Frontscheibe geplatscht, und mit einem fetten Geschmiere hinter mir gelandet. Ich bremste ab, stieg aus, und trat dem dämlichen Löffler auf den Kopf.

So kann das nicht weitergehen. Ich bin 36 Jahre. Ich habe weder Gören, noch ein Haus, noch ein richtiges Leben. Eine Wohnung mit Zimmer, Küche und Bad, kann das nicht ersetzen. Aber so sehr ich überlege. Er will mir nicht einfallen, der Kunstgriff, der vonnöten wäre. Also ziehe ich mir wieder die Stiefel an, stecke das Fahrtenmesser meines Vaters in den Schaft und fahre wieder los. Damit die Dinge sich ändern. Verdammt, ich bin 36 Jahre alt.

 

 

 

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Veröffentlicht von

jtaelling

Wortklauber und -verstreuer. Schimpft sich Autor an den guten Tagen. Dreht das Ding bis es rollt

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