Anfang 47. von 300

Ich lebe in einem Land, in dem sie dich einfach mitnehmen können. Es klingelt an der Tür, ich stehe auf, öffne sie, die zwei Männer stehen draußen und begleiten mich dann zum Auto.

Einer von ihnen ist dicker, sitzt auf dem Beifahrersitz und dreht sich jovial nach hinten. Er hat eine Narbe über den Augen, und die werde ich mir einprägen. Seine Haare sind schwarz, werden aber an den Schläfen grau, und je weiter er sich nach hinten beugt, umso mehr nehme ich seinen Geruch wahr. Er trägt ein weibliches, fruchtsüßes Parfüm, das in direktem Kontrast zu seiner braunen Kleidung steht.

Er ist zivil gekleidet, wie sein Kollege, der den Wagen lenkt. Trotzdem weiß natürlich jeder, der sie erblickt, dass sie zur Polizei gehören. Schon klar.

Mir ist der gestrige Abend verloren gegangen. Zuviel Wodka, vermute ich. Mein Blick in den Spiegel half nicht bei der Aufklärung. Die Striemen auf meiner Brust könnten alles mögliche bedeuten, aber ich tippe mal auf Sex.  Die Augen waren so blutunterlaufen, dass wohl noch anderes im Spiel war. Mein Atem war quasi nicht vorhanden. Ich hustete ins Waschbecken, spuckte den Schleim aus und wollte mir gerade die Zähne putzen, da kamen sie.

Für ein neues T-Shirt hat es noch gereicht. Der Wagen ist bequem wie ein Taxi. Und während wir den Hügel herunterfahren, sehe ich wie die Sonne ihre Strahlen über die Stadt streut. Ich sehe die Bäcker, die die Fladenbrote ausfahren und die Lebensmittelhändler ihre Kisten voll Obst und Gemüse entladen. So spät es ist es noch gar nicht. Der Dicke grinst mich an, als wollte er Freundschaft mit mir schliessen, und will wissen, ob die Party gut war.

Welche Party?, frage ich.

Und er sagt, dass ich aussehe, als sei ich auf einer scheissguten Party gewesen.

Ich sage nichts mehr. Der Fahrer hupt die Jungen weg, die bestimmt gerade auf den Weg zur Schule sind. Und die Burschen strecken ihm den Mittelfinger entgegen. Meine Sympathie haben sie.

Ich schaue auf die Stadt, wie auf eine fremde Stadt, und sehe Dinge, die ich nie sah. Ich präge sie mir ein. Ich kenne die Viertel, die wir durchfahren. Ich kenne den Geruch, den sie ausstrahlen, aber hier in diesem Wagen bin ich nicht mehr in meiner Stadt.

Wir stoppen ziemlich ruppig vor einer Villa, in deren Fenster alle Lichter brennen. Sieht aus wie ein Privathaus. Viele Menschen rennen rein und raus, die meisten uniformiert und beflissen in Gang und Haltung. Es wirkt als hätten sie die Villa erobert, denn niemand von ihnen scheint hierher zu gehören, aber sie bestimmten wohl die Abläufe. Wir steigen aus. Der Dicke und der Fahrer grüßen und werden gegrüßt. Es sieht nicht nach Freundschaft aus, aber nach Respekt. Der Dicke geht voraus, und ich sehe nur noch seinen ausrasierten Nacken und den brüchigen Kragen seines Hemdes. Seine Jacke hat er geschultert. In den nächsten Minuten wird es noch wärmer, und schon jetzt zeichnet sich der Schweiß unter seinen Achseln ab.

Der Fahrer geht hinter mir und achtet darauf das ich folge. Er hat eine Hand in der Hosentasche. Er hat nun seine Jacke ebenfalls ausgezogen, so daß man sein Schulterhalfter sieht. Der Dicke hat beim Aussteigen seine Waffe einfach in den hinteren Hosenbund geschoben. Ich habe gedacht, dass machen nur Drogenhändler. Es sieht provozierend einladend aus.

Wir gehen durch das Tor, vorbei an den zwei Polizisten, die sie davor abgestellt haben. Grüßen. Hand an die Mütze und so weiter.  Der Sand des kurzen Weges knirscht unter den Füßen, bis wir der Treppe in das Innere des Hauses folgen. Es ist eine dieser Kolonialistenvillas, die die Jahrhunderte überdauert hat. Man fühlt sich darin, wie zu Besuch bei einem englischen Landadel und erwartet, dass Butler und andere Bedienstete sich zur Begrüßung in einer Reihe aufstellen. Gigantische Portraits mit dem Antlitz toter Menschen säumen den Gang in die oberen Stockwerke, aber wir bleiben stehen.

Der Fahrer kommt mir von hinten sehr nahe. Ich drehe mich um, blicke in seiner wasserblauen Augen und diese stecknadelkleinen Pupillen, die mich herausfordernd ansehen. Ich glaube nicht, dass er auch nur ein Wort bisher gesagt hat. Seine Nase wirkt wie ein spitzer Felsen in einem Faltensee. Er ist um einiges älter als der Dicke. Und hager wie jemand, der es nicht begriffen hat, dass Sex und Essen die Essenzen des Lebens sind. Menschen, die so aussehen, sind mir suspekt.

In 10 Zentimeter Abstand fixiert er mich wie etwas, das man wegschaffen muss. Er schien nur noch nicht zu wissen, wohin mit mir.

Der Dicke greift sich meine Schulter und zieht mich in einen Nebenraum. Er spricht mit mir. Kennst du das? Warst du schon mal hier?

Ich antworte nicht. Ich kenne gar nichts. Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wo wir sind.

Aber er redet weiter. Du feierst gerne Parties? Nicht wahr?

Es ist heiß genug für Schweiß, aber was mir jetzt hervorbricht und meine Stirn glänzen läßt, dass legt sich wie ein eiskalter Film über mich. Ich fröstle. Ich habe nur dieses T-Shirt an, und ich wäre dankbar dafür gewesen, wenn man nicht sehen würde, was mein Körper gerade mit mir veranstaltet. Mein Magen ist ein nervöse, klumpiges Ding, dass sich zusammen klammert wie eine verklebte Tüte, wenn mein Gehirn versucht Sachen zu verstehen, die nicht gut ausgehen.

Wie in diesen Häusern üblich, dringt man immer tiefer in sie hinein, je mehr Türen sich von Zimmer zu Zimmer öffnen. Flure waren wahrscheinlich nur eine nebensächlich Erfindung. Wir gelangten über den dritten Raum in einer Art Wintergarten.

Durch das Spiel der Sonne liegt er in seiner vollen Pracht vor uns. Palmen, Kakteen, Sukkulenten und alles in einen rötlichen Schimmer getaucht, der sich wie Schlieren über das komplette Ambiente erstreckt. Ich würge und will mich umdrehen. Doch der Dicke nimmt meinen Kopf in seine Pranken und richtet ihn so aus, dass das angetrocknete Blut auf den Fensterscheiben und die Körperteile in meinem Focus liegen.

Der Raum sieht aus als hätte ein verrückter Maler eine Epos mit Körperflüssigkeiten erzeugt. Was da liegt, auf den Fliesen, ist nicht ein naßer Klumpen, sondern eine weibliche Brust. Ich schliesse daraus, dass der Rest einer Frau gehörte, aber erkennen lässt sich das nicht mehr. Die Teile sind im ganzen Raum verstreut, als hätte sie jemand voll Wut herumgewirbelt. Ich lasse es einfach heraussprudeln. Ich kotze den Tatort voll und der Dicke springt zurück.

Verdammt. Flucht er.

Scheisse.Scheisse. Ich zittere und sehe ihn an. Was soll das?

Das wollten wir sie fragen. Er wischt sich die Hände ab. Sieht mich bedauernd an. Und greift dann in seine Tasche.

Er zieht einen kleinen Plastikbeutel hervor, der auch für zehn Gramm Koks getaugt hätte, aber darin findet sich meine Visitenkarte. Und auf ihr Blutspuren.

Ich verstehe nicht. Und ich verstand es wirklich nicht.

Nun, sprach er freundlich weiter, die Visitenkarte lag hier. Und irgendwo müssen wir ja anfangen.

Sie glauben, ich hinterlasse meine Visitenkarte an so einem Ort?

Sagen sie es mir.

Das ist ein verdammt schlechter Film. Ich gehe in die Hocke und erkenne den Stoff, der an einem Kaktus hängt. Marie.

 

 

 

 

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Veröffentlicht von

jtaelling

Wortklauber und -verstreuer. Schimpft sich Autor an den guten Tagen. Dreht das Ding bis es rollt

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