Anfang 48. von 300

Das Gefecht ist schon in vollem Gange. Die Bank ist umlagert, der Fluchtwagen zersiebt. Du stehst auf der richtigen Seite, aber dein Kolleg ist gerade neben dir zusammen gesunken und du hast nicht mal die Zeit ihn zu fragen, ob er es schaffen wird. Oder was du sonst so in den Filmen gesehen hast. Eigentlich musst du über jede Kugel Rechenschaft ablegen, aber du feuerst unkontrolliert auf die Scheiben der Bank. Du kannst nicht mal richtig zielen, weil keine Zeit bleibt, sich auch noch darum zu kümmern.

Du willst endlich da rein. Es ist ein Sommertag, einer von denen, die für ihre  Hitzerekorden bejubelt werden.  Die Straßen sind abgesperrt, die Springbrunnen abgestellt. Die Wohnungen, in denen die Scharfschützen sitzen, geräumt. Immer wieder steigen zwei Drohnen auf und überfliegen die Bank. Es ist nur eine kleine Filiale, eingebettet in eine Wohnsiedlung, nicht weit von einem Kindergarten und einer Schule entfernt. Es ist vollkommen unmöglich hier wirklich eine große Beute zu machen. Vollkommen unmöglich. Zeitschaltuhren, niedrige Bargeldreserven. Es hat sich soviel gewandelt. Du weißt das, aber die dämlichen Bankräuber scheinbar nicht.

Sie hatten einen Fluchtwagen gewollt, du hast die Waffe abgelegt, die Uniform ausgezogen und den Wagen vor die Tür gefahren. Die Leitung wollte das so.  Es war keine einfach Sache, und du wußtest auch nicht so recht, wann und wie du aussteigen solltest. Du bist dann ausgestiegen und langsam, mit erhobenen Händen über das Niemandsland gegangen. Den Bereich, den alle einsehen können, aber in dem dich keiner wirklich schützen kann. Du hast dir das verbissen, aber eigentlich wolltest du zu den Scharfschützen hoch schauen, ob alles okay ist. Der Weg war endlos, aber als du schon fast auf der richtigen Seite warst, da pfiffen die Kugeln an dir vorbei und du ranntest mit einer Scheissangst einfach los.

Nun sitzt du hinter einem gigantischen Blumentopf aus Beton. Die Knie schmerzen gewaltig, und du müsstest die Position verändern, aber du wagst es nicht. Du gehst also wieder hoch und schiesst noch mal. Du machst das, bis du nachladen musst. Dann lauscht du. Wie alle anderen bist du mit der Zentrale verbunden, aber es kommt nichts. Du fragst dich, warum du hier unten im Feuer sitzt, und diese Scharfschützen nicht eingreifen. Du kannst dir das nicht erklären. Du bist 28 Jahre alt, und hast keine Ahnung, was mit deinem Kollegen ist, der sich hinter dem anderen Topf nicht mehr rührt.

Es regt sich etwas. Du hörst etwas. Das, was aus dem Funk kommt, hört sich an wie das Flapp-Flapp einer Drohne. Du kannst nichts verstehen. Langsam schaust du über den Topf. Eine Gestalt, schwarz, schwer erkennbar, kommt langsam über das Niemandsland. Du weißt nicht, ob es eine Geisel ist. Es gibt wohl keine Absprachen über den Austausch, keine Information über Erkenntlichkeit und Kleidungstücke.Und das widerliche Geräusch im Kopfhörer erklärt gar nichts. Du fasst also die Waffe mit zwei Händen. Sie ist nachgeladen. Du hebst sie über den Topf, schaust darüber hinweg und bist bereit.

Du siehst niemanden sonst. Keine andere Person hält sich im Niemandsland auf, und nie könnte die Ruhe größer sein als nach einem Schusswechsel. Du hörst nun sogar deinen Kollegen wieder, der verhalten vor sich hin stöhnt.Du denkst erstaunlich kühl und sachlich, aha, er lebt noch. Und wunderst dich über dich selbst.

Du merkst das deine Waffe zittert. Egal wer nun noch eine Entscheidung fällen kann, du musst sie selbst fällen. Du achtest auf die Hände des Entgegenkommenden. Kannst du ein Gesicht nicht sehen, dann achte auf die Hände. Hat er etwas in den Händen, dann versuche heraus zu finden, was er in den Händen hält. Du konzentrierst dich. Du schaust genau hin, du glaubst etwas zu erkennen, du bist dir aber nicht sicher. Aber dann siehst du ein Handy.  Du siehst auf den Bauch. Direkt auf den Bauch und brüllst und brüllst wie von Sinnen und drückst ab. Du glaubst nicht mehr an eine Warnung, du hältst einfach drauf und wunderst dich warum auf den Schrei „Bombe!“ niemand reagiert hat.

Du wirst zur Seite geschmissen, jemand tritt auf deine Hand, und die Waffe fliegt davon, ein Anderer hält dich auf den Boden und der Typ im Anzug verflucht dich mit seinem ganzen Sprachschatz.

Das war eine Geisel!

Sie Idiot!

Er hat eine Bombe, gluckst du, und merkst, dass dir irgendwas aus dem Mund tropft. Du versuchst dir über den Mund zu wischen, doch es hält jemand deine Hände.

Es gab keinen Schießbefehl. Wie kommen sie darauf zu schießen?

Er hatte eine Bombe, verdammt. Ich habe es genau gesehen. Da war eine Bombe.

Der Tote liegt im Niemandsland und färbt das Pflaster rot. Das Handy war ihm aus der Hand gerollt und liegt nun neben ihm. Es klingelt. Aber keiner wagt es den Anruf entgegen zu nehmen.

Sie haben dich nach hinten gezogen. Die sind aus deiner Einheit, aber du erkennst niemanden. Nur Helme, Schutzkleidung und sie reden sowieso nicht. Nur der Anzugträger droht dir, dir den Arsch aufzureissen, und dich ein für allemal fertig zu machen. Du hast den Einsatz versaut. Du hast eine Geisel umgebracht, du bist für die ganze Scheisse verantwortlich.

Du schliesst die Augen. Es gibt einen Bauchgürtel. Sie werden die Bombe sehen, wenn das hier vorbei ist. Sie werden sie sehen und alles wird sich aufklären. Du lehnst dich zurück, weil du sowieso nichts machen kannst.

Du sitzt da und lauschst. Es fallen wieder Schüsse.  Es gibt Schreie. Jemand spricht durch ein Megaphone. Ihr kriegt einen anderen Fahrer.

Ihr habt keine Verhandlungsbasis.

Ok. Ok, warten sie.

Jemand rüttelte an deiner Schulter. Und da ist er wieder, der Anzugträger. Er sieht verärgert aus. Erschüttert. Und so , als müsste er sich zurückhalten, nicht dein Gesicht zu Brei zu schlagen. Du starrst ihn erschrocken an. Willst sagen, dass du das alles nicht wolltest.

Doch er lässt dich nicht zu Wort kommen. Er sagt, Arschloch, sie wollen einen neuen Fluchtwagen, und sie wollen dich als Fahrer.

Du sagst, Mich?

Und er sagt, Ja!

Und dann stehst du auf,sie nehmen deine Handfesseln ab und er führt dich nach hinten, legt dir seinen Arm über die Schulter, und sagt, dass du noch nicht raus bist aus der Sache, und du unter gar keinen Umständen da schnell rauskommst, aber das du eine Chance hast, dein Schicksal positiv zu wenden.

Und du glaubst ihm gar nichts,aber du gehst darauf ein, weil du nicht weißt, was du sonst machen solltest. Und ein Menschen ermordet hast, und dein Gehirn ist ein schwerer unbeweglicher Stein ist, der in deinem Schädel donnert wie ein Glockenschlag.

Du gehst zu dem Auto, das schon bereit steht, erhältst ein paar Instruktionen, die nichts taugen und fährst los.

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Veröffentlicht von

jtaelling

Wortklauber und -verstreuer. Schimpft sich Autor an den guten Tagen. Dreht das Ding bis es rollt

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