Anfang 49. von 300

Das beste Wort, das ihrer Erscheinung gerecht wurde, war ein karibisches und nannte sich Zombie. Doch sie war kein Zombie, sie war nur mit Schnittwunden übersät, trug ein helles Kleid, dessen Farbe rötlich schien. Das kam durch ihr eigenes Blut.

Sie stand in der Eingangstür des Restaurants. Glich damit einer Erscheinung. So kam es, dass Gläser zu Boden fielen, Frauen Schreie ausstiessen und Männer erstarrt da saßen. Manche sprangen auch zur Tür. Allerdings die Wenigsten.

Kurz zuvor war sie durch die Straße getrottet. Sie trug keine Schuhe, bewegte sich sehr langsam, und hinterliess überall ein paar Tropfen Blut. Die Spur, die sich bei ihrem Gang bildete, hatte eine Regelmäßigkeit, die zu einer Kreuzung führt.

An dieser Kreuzung hatte sie einem Mann die Glock in den Mund gesteckt, und wortlos abgedrückt. Ihr Augen waren dabei weit aufgerissen, die des Mannes ebenfalls. Ihr Mund war geschlossen, aus seinem Hals gluckste es, als wollte er Wort ausspeien. Passanten konnten nichts verstehen.

Doch die Umstehenden schilderten später, sie sei aus der Tür des Unfallwagens gekrochen, zu dem gegnerischen Auto fast gerobbt, und hätte sich dann aufgerafft, und den scheinbar bewußtlosen Mann aus dem Auto gezerrt. Sie war eine sehr zierliche Person und es bedeutete eine enorme Kraftanstrengung für sie. Die Glassplitter steckten in ihrer Haut und bedeckten den Boden. Doch zu diesem Zeitpunkt war sie schon barfuss.

Der Unfall ereignete sich sehr plötzlich, an einem wohl ansonsten friedlichen Tag. Weder die Ampelschaltung, noch eine unbedachte Handlung hatte dazu geführt. Tatsächlich hatte sich ein SUV, typischerweise schwarz, vor den Honda gestellt, und damit den Unfall verursacht. Der Honda war zu schnell gefahren. Fast als wäre er auf der Flucht gewesen. Die Insassen knallten ohne Airbag gegen die Scheibe, aber hatten einen Gurt genutzt. Der Fahrer des Hondas fiel zurück in seinen Sitz, nach dem sein Gesicht Kontakt mit der Frontscheibe aufgenommen hatte. Es glitzerte blutverschmiert. Die eine Seite des SUVs wurde von dem Honda komplett eingedrückt. Die Schreie des Beifahrers im SUV begleiteten alles folgende. Der Fahrer des SUV hing seitlich aus dem Fahrzeug, seine Tür hatte sich durch den Verzug geöffnet. Eine Situation, die sehr selten eintritt.

Kurz zuvor war der Honda die Hauptstraße entlang gerast. Die Frau, gekleidet in einem leichten, weißen Sommerkleid, schoss aus dem Beifahrerfenster. Und ihre schwarzen Haare flatterten im Wind, während sie die schwere Glock nach hinten richtete. Nichts an ihrer Haltung erleichterte ihr das Zielen. Das Bemühen des Fahrers, allem Verkehr, der ihm entgegen kam, auszuweichen, machte es unmöglich etwas, dass sie ins Visier nahm, zu treffen. Wäre nicht ein Passant blutüberströmt zusammen gesunken, und hätten einige Frauen nicht in Panik die Kontrolle über ihre Kinderwägen verloren, hätte all das nur eine abschreckende Wirkung gehabt. So jedoch klammerte sich ein Mann, der gerade für seine Mittagspause einkaufen war, an einen Laternenpfahl und sank daran zu Boden. Er starb wenig später auf dem Weg ins Krankenhaus.

Noch während des Besteigen des Hondas, als der Fahrer etwas in einer Sprache schrie, die niemand verstand, aber jeder interpretierte, kam es zum ersten Schusswechsel. Die Frau verlor ihre Schuhe auf den Stufen des Justizpalastes und liess sie einfach liegen. Sie hastete weiter, in den bereitstehenden Wagen. Während der Fahrer startete, küßte sie den ihn wie einen Geliebten, schrie ihn an, jubelte und schoss in die Luft.Sie wirkte, so sagten Zeugen, aufgeregt, und aufgewühlt. Ihre Schuhe, die sie verloren hatte, waren teuer und glänzend. Es gab Vermutungen bezüglich der Marke, denn das Design wirkte erlesen.

Innerhalb des Justizpalastes sind sie die Stufen wie Kinder heruntergesprungen. Als wäre der Streich gelungen, dabei klingelte der Alarm schon alle Soldaten und Polizisten aus den Stuben und umliegenden Garnisonen. Sie hatten die Stadt aufgeweckt. Aber eigentlich wollten sie den Staat wecken. Sie waren sehr jung,  und ihre Kleidung entsprach der Unschuld ihres Alters. Er trug ein helles T-Shirt, mit einem Logo, dass es wertvoll machte und Qualität versprach. Sie war dem Sommer entsprechend gekleidet, trug das Haar offen, und leichte Schminke auf den Augenbrauen und auf ihre Lippen. Ihre Zähne, die beim Lachen hervortraten, waren glänzend weiß. Beide wirkten gesund, ausgeruht und übermütig. Er nahm zwei Stufen auf einmal, sie konnte nicht mithalten und zog daher ihre Schuhe einfach aus.

Ihr letzter Blick auf den Justizminister war eine Versicherung, das sein Tod eingetreten war. Sie wußte nicht,  wer die anderen Männer waren, die mit einem erstaunten Blick starben. Vermutlich handelte es sich um Bodyguards, Assistenten oder Praktikanten. Menschen, mit denen sich ein Justizminister gemeinhin umgab, wenn er seiner Arbeit nachging. Sie standen noch immer in demselben Raum, so wie sie ihn betreten hatten, und er hielt die Waffe, die nun eine erschreckende Hitze ausstrahlte, noch immer in der Hand.  Sie ging einen Schritt vor, auf den toten Justizminister zu, bewegte mit dem Fuß seinen Kopf und schüttelte ihren. Er war tot.

Gemeinsam hatten sie den Raum betreten. Der Justizminister trat ihnen mit einem strahlenden Lächeln entgegen, reichte ihnen die Hand. Jovial, mit dem Gestus eines Landbesitzers, der seine Gäste begrüßt. Sie sah auf den Boden, lächelte, gleich jemanden, der gerade beschenkt wurde, und ihr Begleiter teilte begeistert ihre Haltung und sprach den Justizminister mit seinem vollen Titel an. Der Justizminister kam ihnen näher, breitete gerade einen Arm aus, um sie zu sich zu holen, und einzuladen in der Ecke, in der schon Kaffee und Gebäck bereitstand, Platz zunehmen, als die beiden jungen Leute ihre Waffen zogen. Deren Herkunft ungeklärt und erstaunlich war. Der Justizminister wurde gezielt ins Herz getroffen. Dreimal. Aus nächster Nähe. So etwas verriet Übung und Kaltblütigkeit. Die Art, wie sie die Glock hob, breitbeinig dastand und mit ausgestreckten, festen Armen ihr Ziel fixierte, um in kurzer Abfolge, noch während der Minister zu Boden sank, schoß, deutete daraufhin, dass der kalkulierte Rückstoß von ihr gekonnt abgefangen wurde. Die Kugeln traten aus seinem Rücken wieder aus, und fanden sich im Parkettboden, wie in den Wänden. Die Begleiter des Justizministers, es waren deren drei, die sich gerade in seinem Büro aufhielten, fielen etwas zu Opfer, dass einer Maschinenpistole glich, aber unbekannter Bauart war. Der Praktikant, der seit einem Vierteljahr sehr viel dokumentierte, aber all diese nur machte um seinen Lebenslauf aufzuwerten, stürzte zwischen dem Schreibtisch und dem Besuchersessel mit einer zerfetzten Kehle zu Boden. Der Bodyguard, der im Sprung den Minister schützen wollte, muss sofort tot gewesen sein, denn sein Körper fing die meisten Kugeln ab. Eine Salve schlitzte ihn praktisch vom Unterleib bis zur Kehle wie mit einem Schwert auf. Der Sekretär war dem Landwirtschaftsministerium zugeordnet, und wollte den jungen Leuten Grüße überbringen. Er war der Kollateralschaden, der langsam auf dem Teppich verblutete.  Seine Beschreibung, kurz vor seinem Tod, war geprägt von dem Erstaunen, über die Unschuld, die die beiden jungen Leute anfänglich ausstrahlten. Niemand hatte das kommen gesehen.

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Veröffentlicht von

jtaelling

Wortklauber und -verstreuer. Schimpft sich Autor an den guten Tagen. Dreht das Ding bis es rollt

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