Anfang 50. von 300

Kühlschranklyrik. Ihr kennt das Spiel?

Immer wenn von einer wahren Geschichte gesprochen wird, dann verbirgt sich dahinter keine wahre Geschichte. Überlegt mal.

Die Vorgeschichte war schnell erzählt. Es begann alles mit einem Barren Haschisch, den wir im Kühlschrank von Georg aufbewahrten, und einigen Wörtern, die wir aus den Tageszeitungen heraus rissen.

Wir hatten alles versucht. Bis zu diesem Zeitpunkt. Wenn Georg heute die Hände schüttelt, dann befinden wir uns hinter den Linien. Uns ist das verdammt bewusst.

Damals lebten wir alle unter einem Dach. Piet bumste die Jungs vom schwarzen Block. Und das nur, weil er auf ihre Springerstiefel stand. Ich hatte mich an einem Abend, an dem wir einige Gramm zu viel durch die Mühlen jagten, in Claudia, die Hebamme verliebt. Ich hatte gehofft, wir würden das Körperliche nie überwinden und dafür menschlich auseinander gehen. Aber irgendwie hatte das danach nicht funktioniert. Claudia blieb einfach. Beklagte sich jedoch manchmal mit einem Kichern, ich würde sie nicht gehen lassen. Die Wahrheit liegt noch immer dazwischen.

Georg war im Untergrund eine Art Star, auch wenn ihn niemand kannte. Asketisch, blonde Haare, eine Nase wie eine Nahkampfwaffe und eine Schreibe, nach der ich mir immer die Finger lecken werde. Er fetzte sich in den sozialen Medien, rotzte einen Blog herunter, nur um einen Podcast, der lediglich aus Schreien und Brüllen bestand, hinterher zu schicken. Ihn mein Vorbild zu nennen, wäre untertrieben. Der Mann ist ein Getriebener. Pure Kunst, purer Wahnwitz.

Wir lagen unanständig mit offenen Hosen, und sichtbaren Geschlechtsmerkmalen in der Sofalandschaft unseres gemeinsamen Wohnzimmers. Super Mario und seine Freunde warteten auf unseren Einsatz, aber die Pads verblieben ambossschwer auf dem Beistelltisch und keiner von uns war in der Lage eines der Teile zu heben. Wer hätte das gedacht.  So beleuchtete ein Fernseher die Szene, während Georg begann ausgerissene Wörter im Duktus des Feindes zu zitieren, als wäre er der perverse Joseph Goebbels im Rausch der Kühlschranklyrik.

Er schnarrte und würgte die Sätze mit einer Betonung heraus, die keinen Widerspruch aber auch keine gute Diagnose hinterließen. Es waren nur Wörter, die er ziellos aus Zeitschriften heraus gerissen oder geschnitten hatte. Er trug sie wie ein Vogelnest in seinen schmalen Händen. Einige Male wirbelte er sie durcheinander, nur um sie wieder neu zu sortieren und zu mischen. Immer wieder ging es um den Weg, den Deutschen, den Deutschen auf dem Weg. Und im Grunde macht er heute nichts anderes.

Auch wenn ihn nun die kräftigen Männer in Uniform vor seinen Fans abschirmen wollen, und er das schreckliche Gefühl hat,  im Feuer einer Horde Brandstifter zu stehen, achtete er auf dieselben Regeln, wie wir damals aufstellten.

Diese waren immer noch verbindlich.

Während Claudia den dritten Joint mischte, rannte Piet in das Schlafzimmer, küsste den nackten Hintern eines verhinderten Widerstandskämpfers und schleppte sein Notebook zusammen mit den guten Mikrofonen herein. Er platzierte beides auf den Tisch. Klickt auf das Programm, das Podcasts zu einem Kinderspiel machte, und erklärte die Regeln. So dicht konnte er gar nicht sein, als dass er nicht genau wußte, worum es ging. Wir schrieben die Regeln auf einen Bierdeckel.

Wörter, die nicht verwendet werden durften, waren „Migranten“,“Asylanten“ oder Bezeichnungen, die Bevölkerungsgruppen benennen. Wir wollten eine rein gewaschene Blut und Boden-Lyrik schaffen, wie sie Rockgruppen am rechten Rand schon seit Jahren benutzen.  Ein Sammelsurium an Deutbarkeiten in allen Richtungen, einen Quark, so stark wie Parmesan.

Der Aufstieg von Georg kam mit einem undeutlichen, halb verschlucktem Geschwubbel über das Traditionsbewusstsein, dass der Deutsche auf seinem Weg nicht vergessen sollte, wenn er in die Fusstapfen seiner Väter tritt, um an historischer Bedeutung zu gewinnen. Er unterstrich die Aussage, mit einem Verweis darauf, dass dieser Weg in der deutschen Geschichte schon immer von Väter auf die Söhne übertragen wurde, und daher an Fußstapfen reich war, die auf unser Traditionsbewussten hinwiesen. Und ähnliches in diesem Tonfall.

Wir jagten das Ding in die sozialen Medien der Jungs, die auf sowas standen, und hatten plötzlich 5634 Freunde, die Georgs Stimme toll fanden und seine bedenklichen Äußerungen vom Weg der Deutschen erfolgversprechend fanden.

Die Kugel rollte.

Nachts aber, trunken und entsetzt,  mussten wir den Wert dieser Freundschaften in Rauch auflösen, sonst wäre uns der Kopf zu schwer geworden.

Georg nannte sich Paul Grota. Und bald ging es nur noch um Grotas Weg.

Heute brüllen sie diesen Namen mit einer Begeisterung, die dazu führen sollte,diesen Menschen Medikamente zu geben, aber es ist nicht mehr aufzuhalten. Der Landesverband hat sein Interesse bekundet.

Selbst wenn wir uns auf Saaltoiletten in die Augen schauen, neige ich dazu, ihn mit  Paul anzusprechen.

Unsere Haare sind gescheitelt. Ich wurde mit Erschrecken der Tatsache gewahr, dass mir in jedem Spiegel mein Vater entgegensah. Wir rauchen nur noch heimlich, und fühlen uns dann wie zwei Rockstars, die weit weg vom Tourbus hinter der Raststätte ihre Kippen kreisen lassen.

Es ging alles viel zu schnell. Als wären sie süchtig nach Idolen oder Rednern gewesen. Wir hatten den Verdacht schon immer gehabt. Das erfundenes Charisma besser war als gar keins.

Piet beobachtet uns. Er wollte sich nicht die Haare schneiden lassen,und auch nicht von diesen Burschen lassen, die er mit einer fiesen Rangelei in sein Bett beförderte. Wir halten Kontakt zu ihm, aber wir haben keinen Plan. Die Zentrale zahlte sehr schnell alle Auslagen, organisierte die Reisepläne und fragten sogar, ob sie etwas für mein Mädel tun könnten. Ich hätte doch eins, oder? Ja, nein, ich verleugnete Claudia dreimal und fühlte mich wirklich nicht wohl.

„Das war nur eine dumme Idee..“

„Wir ziehen das jetzt durch.“

Ich setze mich auf den Kühlschrank für crushed Ice und schaue zu, wie in den LKWs die Lichter an und ausgehen. Es ist Nacht. Es ist ein Rasthof. Und die Praktikanten und einige Skinheads schlafen im Bus.

Wir haben etwas Großes vor. Aber jeder von uns glaubt an den Plan des Anderen, aber keiner kennt diesen. Ich werde ein Enthüllungsbuch schreiben. Besser Georg schreibt es selber. Soviel zum Plan.

Als sie auf uns zukamen. Da waren das konspirative Treffen. Sie luden uns zu weiteren ein. Sie zogen uns in ihren Zirkel ein. Überall wo Paul schnarrte und rotzte, und dummes Zeug über Asche und Staub des Weges verbreitete, trafen wir auf träumende Augen, die den Teppich für uns ausrollten. Es war schlicht zu einfach.

 

 

 

Advertisements

Veröffentlicht von

jtaelling

Wortklauber und -verstreuer. Schimpft sich Autor an den guten Tagen. Dreht das Ding bis es rollt

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s