Anfang 54. von 300

Ich war 69 Jahre alt und hatte für so einen Scheiss echt keine Zeit mehr. Meine Freundinnen spielten nur noch Sudoku, und ich machte mich jeden Tag aufs Neue zum Affen. Das lief nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte, also täuschte ich einen Abgang vor, nur um mit der linken Faust einen Schlag zu landen. Den der Türsteher natürlich abfing.  War ja logisch und passte zu diesem Tag. Ich stolperte rückwärts. Stieß von einem Punk das Wegbier um und landete schließlich in der schäumenden Sauerei. Bisschen näher am Bordstein, und mir wäre wahrscheinlich der Schädel geplatzt. Ungefähr so, wie bei einem Frühstücksei. Sowas kann man sich leicht vorstellen, nicht wahr?

„Genug, Alter?“ Der Türsteher beugte sich zu mir runter, hielt mir die Hand hin und zog mich hoch. Ich keuchte.  Er schlug mir auf die Schulter, und grinste. „Mache keinen Ärger, gehe heim.“

Er sah immer noch aus, als hätte er sich gerade das T-Shirt übergestreift. Er spannte es an allen Stellen, und seine Zähne strahlten in diesem leuchtenden Weiß.  Das Bier hatte mein Hemd durchnässt, und mein Haar hing mir verschwitzt in der Stirn. Er sah eindeutig besser aus als ich. 

Ich winkte ab und ging nun wirklich davon. Seit ungefähr drei Jahren liessen sie mich nicht mehr in die Clubs. Ich sagte ja, ich machte mich jeden Tag aufs neue zum Affen. Keine Ahnung, wie man sich das alles so gedacht hatte.

Als ich in Rente ging, begann ich meine Wohnung ab zu laufen. Kilometer um Kilometer. Ich würde so wütend, dass ich die Katze unter das Sofa jagte, und mir nur noch Pornofilme rein zog. Ich hatte soviel Zeit, dass ich glaubte, ich könnte alles auf morgen verschieben. Das machte ich solange, bis die Mauer aus Pizzakartons auf meinem Flur mannshoh war. Dann spürte ich, dass ich die Treppen kaum noch hochkam, die Muskel weich wie Pudding wurden, und mein Atem nach Tod stank. Die Wahrheit war: Ich hatte überhaupt keine Zeit mehr. 

Ich hatte jahrelang nicht darauf geachtet, wie die Menschen um mich herum alterten. Ich dachte, das geht vorbei, wie eine  Krankheit. Tatsächlich arrangierten sich alle anderen besser als ich damit. Sie taten genau die Dinge, die ich ablehnte. Es wurde nur noch das gelesen, zu dem man einen Bezug hatte, Technik wurde abgelehnt und Neuerungen skeptisch betrachtet. Zugänge wurden abgeschafft und das Leben wurde kleiner. Alles schien ok, nur ich hatte das Gefühl, alles verloren zu haben. Die Rente war so ziemlich das Übelste, was mir passieren konnte. Konnte man sagen, was man wollte.

Das war eine Großstadt, hier gab es die coolsten Frauen in der ganzen Republik. Schaute ich sie an, guckten sie weg. Teilweise richtig verärgert. Das bildest du dir ein, meinte Marlene, die in ihren Gummistiefeln auf der Veranda sass. Sie hatte wenig Zeit, graue Haare und zog wie wild an ihrer Zigarette. Das Ding war eine konstante Gluthölle, die sie verzweifelt am Brennen hielt.

Ich trank ihr die Fassbrause weg, während ich über die Hecke und den Rasen sah. Mein Bauch schwoll unter der Kohlensäure an, und im Hals gab es diesen schrecklichen Druck, wenn die Luft nicht rausgeht. Ich wollte rülpsen, aber traute mich nicht.

Vor einigen Monaten hatte Marlene einen Mann kennen gelernt, der so traumhaft schön war, dass mit ihm irgendwas nicht stimmen konnte. Und wie der Teufel es wollte, sammelte er Schmuck und Kreditkarten wie eine kleine Elster. Ich wühlte nun mit nackten Zehen, in der Blumenerde und bekam von ihr den Auftrag, den Burschen in den nächsten Fluss zu schmeissen. Einen Auftrag. Ich wußte gar nicht wie mir geschah. 

Ich hatte alles mögliche in meinem Leben gemacht. Sage mir einen Job, und er findet sich bestimmt in meiner Biografie. Irgendwann war ich auch mal in diesem Schutzgewerbe gewesen. Man fühlt sich dort wie bei der Polizei, trägt eine Waffe, eine Uniform und verhält sich ganztägig so, als hätte man etwas zu sagen. Regelmäßig beweist man, dass man keine Aggressionen hat, nur um dann, im richtigen Moment, wuchtig zu zu schlagen.

Um ehrlich zu sein, stand ich mehr vor Gebäuden und Kunstgegenständen rum, lief in leeren Parkhäusern meine Runden und verbrachte so meine Zeit. Für Marlene war das näher dran an irgendeinem Milieu als es irgendjemand sonst in ihrem Bekanntenkreis behaupten konnte.

Als Marlenes Rücken noch diesen blonden Flaum hatte, der sich ihr Rückgrat herunterzog, hatten wir eine Beziehung gehabt, die irgendwo zwischen Hasch und den Träumen von Katmandu und anderen armseligen Orten zerplatzt ist. Sie war ein superreiches Hippiemädchen aus einer konservativen Sippschaft und ich ein ungebildertes Schlüsselkind mit einem Sprachschatz von 200 Wörtern. Sie kiffte und hielt das für gesund, ich trank den Whiskey und bekam fürchterliche Augenringe.

Unser Sex war unbeschreiblich gut. Wir kamen tagelang nicht aus dem Bett heraus und füllten es mit Tabak- und Brotkrümel. Waren wir dann mal draußen, und meine Worte drängten sich ungefähr so in sie, wie ein anderes Teil vorher, dann funktionierte im Grunde gar nichts mehr. Sie mäkelte über den Dreck der Wohnung und ich über ihr elitäres Gehabe. Wir waren ausgesprochen dumme Kinder, wenn wir uns mit etwas anderes befassten, als mit unseren Körpern.

Ich hatte nicht die geringste Lust mich mit ihren ehemaligen Lovern zu beschäftigen, aber ich war kurz vor dem Durchdrehen, redete wie ein Wasserfall und die Pornos zehrten an meiner Substanz. Mittlerweile kaufte ich mir meine Getränke immer vormittags in der Trinkhalle gegenüüber, weil ich sonst gar nicht mehr raus kam. Außerdem konnte ich in den Augen der Trinkhallenfrau immer erkennen, wie beschissen ich aktuell aussah.

Als Marlene mich anrief, hatte ich das Bügelbrett aufgestellt, das Hemd drauf gelegt, schnell gebügelt und die saubersten Jeans angezogen. Ich wollte niemals der alte Sack werden, der sich von Jeans nicht trennen kann. Ich dachte immer, es hätte etwas mit der Würde des Alters zu tun, wenn man sich entsprechend kleidet. Das dachte ich, als ich jünger war. Mittlerweile trage ich wieder Band T-Shirts. Meistens das Zeug, das die jungen DJs am Merch-Stand vertreiben und die Jeans rutschen so langsam in die Kniekehlen, brauchen auch immer einen Gürtel, aber wenn dir erst mal bewusst wird, das es keine zweite Chance für nichts gibt, dann kannst du auch nackt durch die Stadt laufen. Wenn es heiß genug ist.

Wenn ich daran denke, was ich alles nicht gemacht habe, dann wird mir schlecht.

Marlene schilderte ihn als einfühlsamen Südländer, der sich auf Singleportalen rum treibt. Ein sehr aktives Kerlchen, mit ausgelesenen Manieren. Marlene hatte vieles richtig gemacht in ihrem Leben. Das Beste war wahrscheinlich, mich zu verlassen. Danach ging es nur noch aufwärts. Das war ungefähr die Zeit, in der ich im Tierheim versuchte eingezogene Mastinos von Zuhältern wieder in die Gemeinschaft einzugliedern. Die Bissspuren hinterließen Narben, die ich heute noch gerne bei der Zigarette danach vorzeige. Wir schläferten die Drecksviecher  ein. Jeder Job hat etwas desillusionierendes. 

In jener Zeit sah Marlene aus wie eine Elfe und ich wie die jüngere Inkarnation des Zauberers aus dem Herrn der Ringe. Heute sehe ich eher aus wie King Kong nach dem Hochhaussturz.Aber damals hatte ich schmale Schultern, ein zauberhaftes Lächeln und etwas verhuschtes in den Augen. Hätte ich mich auf die Angebote der Typen eingelassen, die mich immer mal wieder ansprachen, dann wäre ich vielleicht reich geworden, oder zerbrochen oder endgültig in der Gosse gelandet. Was auch immer. Marlene verliess mich, heiratete einen Makler, der Castaneda las, und wurde noch reicher. 

Weil ich einen blinden Fleck im rechten Auge hatte, hatte man mir geraten, den Führerschein abzugeben. Was ich auch tat. Ich dachte, ich werde blind. Ich hatte Angst davor, und schloss manchmal meine Augen, um zu testen, was noch geht. Seitdem fuhr ich viel U-Bahn. Mir war scheißegal, wie die Bahn fährt, und meistens spielt sie mit mir. Zu Marlene brauchte ich eine halbe Stunde länger, als ich gedacht hatte, und sie sah mich mit blitzenden Augen an. Sie hatte mich angerufen. 

Wir einigten uns darauf, dass ich mich mit einem falschen Profil im Internet anmelden, und ihm dann beide Beine breche. Oder ihn in Beton eingiesse, oder beides mache. Ich grinste, und Marlene lachte. Und wäre ich nicht so verdammt aus der Übung gewesen, dann hätte ich ihr ein Kompliment gemacht. 

Sie gab mir einen Vorschuss. In einem Umschlag. Sagte, es sei genug, ich bräuchte nicht nachzählen. Also nahm ich die U-Bahn, kaufte mir ein Comic mit einem Superhelden, der auf die Erde geschmettert wurde, las das Ding gelangweilt, aß einen Kebab und trug mein Bier vom Kiosk zum Flaschensammler. Je älter ich werde, umso mehr muss ich trinken. Ich bin kein alter Sack, ich bin eine vertrocknete Dörrpflaume.Meine Haut wird immer fleckiger, und an manchen Stellen so faltig, dass ich wie eine Dogge schauen kann. 

Ich hasse das Alter.

Und ich hasste die verdammten Gören, die immer aufspringen, wenn ich die Tram betrat. Ich war nicht ihr Opa, der mit dem Rollator durch die Gegend stolperte. 

Sie hatte mir ein Bild von dem Typen gegeben. Da er aussah wie ein Hollywood-Schauspieler sollte es mir leicht fallen ihn zu finden. Ich sah in das Gesicht jedes Pizzabäckes, fixierte in Kebabbuden die Fleischschnipsler an und wollte mich so durch die ganze Stadt arbeiten.

Aber erst mal tanzen.

Wäre da nicht der verdammte Türsteher gewesen. 

Also in den nächsten Laden, der das Bier eiskalt verkaufte und weiter ging es, den Flaschenhals locker zwischen zwei gekrümmte Finger.

Advertisements

Veröffentlicht von

jtaelling

Wortklauber und -verstreuer. Schimpft sich Autor an den guten Tagen. Dreht das Ding bis es rollt

3 Gedanken zu „Anfang 54. von 300“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s