Anfang 55. von 300

Sie standen rum wie vergessenes Bier. Und einer von ihnen hatte meine Tochter vergewaltigt. So wie ich  die Kneipe betrat, erstarben die Gespräche und niemand wagte es sich zu rühren. Johannes sah mich traurig an, aber mit diesem Blick wurde er geboren. Schon als Ministrant blickte er so in die versammelte Meute. Überhaupt waren alle treue Mitglieder der Gemeinde.

An meinen Schuhe klebte der Matsch, in dem Profil steckte noch die Schafscheiße und so wie der Regen an mir hinab lief, begingen wir einen normalen Tag. Doch nicht einer von ihnen sagte ein Wort. Sie starrten in ihre Gläser, als hätten sich dort die Schmeißfliegen ihrer Seelen versammelt.

Wie sie alle war ich ein alter Mann. Ich kämmte mir meine Haare nur am siebten Tag, denn meine Frau war tot, und nichts von dem was einst in Ordnung war, fügte sich jetzt ineinander. Als ich begann die Menschen nicht mehr zu verstehen, wollte meine Tochter erwachsen werden und sich für sie öffnen.

Meine Tochter Karla und ich teilten uns dieses Leben, in dem wir die Konflikte vermieden, uns oft aus dem Weg gingen und ich ihr die Chance ließ ihr eigenes Leben zu formen. Dachte ich. Ich war stolz wie sonstwas, wenn sie mir ihre Meinung geigte. Und in den schlechten, wie in den guten Eigenschaften wurde sie ihrer Mutter so verdammt ähnlich.

Dieser Laden war nun meine persönliche Hölle. Und hätte draußen nicht der Sturm getobt, ich hätte keinen Fuß hier rein gesetzt. Aber bis zum Hof waren es noch gut  15 Kilometer und der Berg begann sein Geröll ins Tal zu schicken. Die Hänge rutschten herab und begleiteten meine Fahrt hinunter zum Dorf. Ich schlitterte um die Kurven, hing mit einem Rad bedenklich über den Abgrund und beschloss auf halber Höhe die Hütte aufzusuchen.

Früher, wenn der Regen um uns tanzte, und der Himmel zu einer schwarzen Soße verkam, war es sehr normal, dass wir uns hier einfanden. Wir übernachteten in der geschützten Ecke dieses Berges und harrten der Dinge. Wir rollten uns in Decken und Schlafsäcke auf den Eckbänken zusammen. Und auch Karla war immer mal wieder dabei. Solange sie das hier oben alles noch interessierte. Aber das hatte abgenommen. Karla ging immer seltener mit. Und jetzt hatte ich sie fast verloren. Alles hatte sich geändert.

Das waren also die Männer, mit denen ich früher die Nächte verbracht hatte. Alte, knorrige Baumstämme, die sich allem verweigerten, was sie nicht kannten. Die so waren wie ich. Brüder, nicht wahr? Familie, nicht wahr?

Die Schafscheiße klebt an meinem Leben wie der Dreck, der sich in den letzten Jahren ereignete. Wir hatten viel geraucht, wir hatten das falsche Zeug geraucht, und am Schluss erwischtes es meine Frau mit einer Wucht, die ihr die inneren Organe zerriss als handle es sich um Wackelpudding. Der Krebs fraß sich durch sie durch und nahm sie uns stückchenweise. Meine Frau hieß Emma, und weil ich so eine große Liebe für alle Frauennamen empfand, die mit a endeten, nannten wir unsere Tochter Karla.

Zu Beginn waren wir Städter, Zugereiste, Hippies, Intellektuelle und was weiß ich. All das waren Schimpfwörter. Ich fällte mit den Männern in diesem Dorf die Bäume, und wir liehen uns gegenseitig diese Landmaschinen. Die Dinger sind so teuer, dass man sich seinen Hof über sein Leben hinaus verschuldet. Nichts von dem, was wir hier taten, ergab am Anfang einen Sinn. Wir waren Außerirdische, und was wir machten war falsch und langte nicht mal zum Leben. Wir kamen so schwer in dieses Leben, wie wir aus dem anderen heraus kamen.

Vieles änderte sich mit Karlas Geburt. Wie alle Väter sah ich in meinem einzigen Kind, das süßeste, wunderbarste Wesen, das Gott jemals auf diese Erde geschickt hatte. Ich glaubte nicht an den alten Mann mit dem weißen Bart, aber diese Dankbarkeit, die ich empfand war nahe dran an einer bedingungslosen Gläubigkeit. Es sollte unser einziges Kind bleiben, und wir erfuhren das erstaunlich schnell, als die Ärzte beschlossen Emma so schnell zu operieren als sei ein Feuer ausgebrochen. In ihrem Körper. Und das war eigentlich der Fall.

Emmas Siechtum zog sich über die Jahre hin, in denen Karla aufwuchs. Für Karla war ihre Mutter immer ein launisches, gebrechliches Wesen, das im Wind des Schicksals herum flog wie ein ausgerissenes Blatt. Es gab keinen guten Tag, nur gute Momente, die so schnell schwanden, egal wie sehr wir uns an sie klammerten.  Emma verging über Jahre. Nicht wie eine Blume. Sie nahm alle Gestalten an. Und am Schluss war sie ein weicher, überwässerter Kaktus, der einfach in sich zerfiel und nicht viel übrig ließ, an das wir uns erinnern wollten. Ich hasste in diesen Jahren alles, was ich hassen konnte. Das Leben, die Krankheit, das Siechtum, das Glück der Anderen. Ja, ich hasste auch manchmal Emma und schämte mich dafür. Ich wurde hart. Ungerecht. Einsiedlerisch. Und manchmal böse. Es hätte nicht viel gefehlt, und ich hätte eines Nachts alle Lämmer und Schafe getötet. Ich war kurz davor. Nur der Suff machte meine Glieder so schwer, dass es nicht dazu kam.  Ich verhedderte mich in meiner Unterhose und flog der Länge nach hin. Ich zerschmetterte dabei einen Stuhl, auf den ich sehr stolz war, und hieb mir eine Ladung Spreißel ins Gesicht. Als Karla mich so sah, war in ihrem Blick eine Mischung aus Hass und Verachtung. Es gab ziemlich viel, was man sich einfach so versauen konnte. Unter diesem Blick hatte ich mehr gelitten als unter irgendetwas sonst.

Karla entfernte sich weiter von mir als ich sehen konnte. Oder sehen wollte. Sie tat es mit der Geschwindigkeit ihres Alters. Sie war 14, und ich alt genug, um im Spiegel meinen Vater zu entdecken.

Sie wurde in einem Graben gefunden. Und das war nur ein verdammter Zufall. Ihr Handy leuchtete wie ein irrsinnig großes Glühwürmchen, und das Licht hatte da nichts zu suchen. 20 Kilometer von unserem Dorf, in einem Graben, in dem das Wasser steigt, wenn der Regen die Fluten von den Bergen jagt. Und es regnete in dieser Nacht wie heute.  Warum sie ihr das Handy gelassen hatten, war niemanden von uns klar. Wahrscheinlich dachten sie, mein Kind hätten sie sowieso schon halb tot geschlagen. Da kann ja nichts mehr passieren.

 

 

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Veröffentlicht von

jtaelling

Wortklauber und -verstreuer. Schimpft sich Autor an den guten Tagen. Dreht das Ding bis es rollt

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