Anfang 61. von 300

Als unser Analytiker sich in das vierblättrige Monster verliebte, war alles schon zu spät. Die Gefolgschaft der Bekanier erklärten uns den Krieg, die Erde ging unter, und alles weitere war auch nicht gut. Wir hatten zweitausend Frösche in den Antrieb geworfen, umrundeten die Eisplaneten und beschlossen die Verträge, nach dem Untergang der Erde, juristisch neu zu betrachten.
Wir hatten mal zwei Analytiker an Bord. Aber einer war, wie bereits erwähnt, durch seine Leidenschaften, ausgefallen. Ich besuchte also den anderen. Ich durchschritt die Hallen, in denen das Licht ständig aus ging, zog hinter der dritten Tür meinen Anzug an und betrat das Refugium des Analytikers. Der Nebel umhüllte mich, das Wasser tropfte von oben, von unten und von der Seite, und es schien vollkommen normal, dass ich innerhalb von Sekunden in meinem eigenen Schweiß stand. Der Analytiker war ein alternder Puddingkopf, der bedächtig hin und her nickte. Seine Augen sahen irgendetwas hinter mir, weiteten sich und dann war er tot. Er fiel einfach in sich zusammen, die Luft entwich ihm. Aus dem Loch in seinem Leib gluckerte eine grüne Flüssigkeit.Es war wohl Blut. Und dann war ich umgeben von grinsenden Bekaniern. 
Es war der 12. Juli 2312. Und da es keine Erde mehr gab, war die Zeitrechnung im Grunde hinfällig. Aber so war es eben. Normalerweise verbrachte ich diese Tage mit meinen Kindern in einem Freizeitpark in der Nähe von Neu-München. Es waren schöne Tage, die Sonne war ausgezeichnet in Neu-München und es gab auf dem Shuttle-Bahnhofs der Raumstation auch nie so ein Gedränge, wie es oft an exotischeren Orten auftrat. Ich hatte eine schöne Zeit, in jedem Jahr, in dem es einen Juli gab. Nun waren meine Kinder älter und ich nicht mehr ganz so gut gelaunt. Meine Frau beschloss dieses Jahr, dass es keinen Sinn machte, wenn nur wir zwei im neuen englischen Garten liegen würden. Also war ich nun von den Bekaniern umringt. Und sie sah sich Serien an, oder las Bücher oder verführte den Nachbarn. Es war mir egal.
Bekanier sehen aus wie plüschige Kängurus, hatten einen schlechten Charakter und eine Allergie gegen irdischem Blütenstaub. Gegen jeden irdischen Blütenstaub. Sie aßen alles, was sie finden können, und wenn es sein muss, auch Metall und Uran, selbst verbrauchtes Uran. Und so befanden wir uns bisher eigentlich in einer ganz guten Handelsbeziehung. Das war nun vorbei. Wenn Bekanier grinsen, dann entblößten sie zwei Reihen bläulicher Zähne, die im Dunklen fluoreszierend leuchteten. Es macht sie sehr unheimlich. Und mir sehr viel Angst.
Sie hatten einen Akzent, der klang wie besoffenes Französisch, und genau in dieser Tonlage, aber noch ein bisschen piepsiger, sprach mich ihr Anführer an. Seine Waffe, ein fieses Ding, das ich noch gar nicht kannte, aber länger war als sein rückwärtiger Schwanz, hielt er mir bedeutend vor die Nase, und unterstrich damit seine Worte.
„Es ist vorbei, Maier“.
Mein Name ist Captain Hans Maier, mein Dienstgrad richtet sich nach meinem aktuellen Arbeitgeber. Momentan war ich der oberste Administrator, der strategischen Müllbeseitigung irdischer Güter. Wir lieferten also verbrauchtes Uran an die Bekanier und nahmen dafür ihr Guano wieder mit. Es gab einen guten Namen für solche Jobs, und der war sehr kurz und bezog sich auf die Fracht, die wir zurück zur Erde brachten. Ja, genau.
Mit der Erde war es vorbei, und das lag mit Sicherheit eher an einem Versehen, als an dem Fehltritts des Analytikers. Man muss die Position der Erde auch nachträglich im richtigen Licht betrachten. Für uns war es schon vorbei, als wir ins All aufbrachen. Wir wurden dort sehr schnell als das Prekariat der Nachzügler betrachtet. Im Jahre 2245 als wir glaubten, die Zivilisation auf fremde Planeten zu bringen, war der Kuchen schon verteilt, unsere Technologie veraltet und die Aliens hatten keine Lust auf uns und unser Moralverständnis. Und für sie waren wir die Aliens. Wir beschossen sie schnell mal mit unseren Kinderraketen. Und was wir sonst noch so innovatives mitbrachten. Und sie putzten uns weg. Deswegen kutschierten wir den Müll durch die Weiten des Alls. Und auf Bekanien zogen sie solche Burschen groß, denen jeder Respekt fehlte.
„Nimm die Waffe weg.“

„Nix gibts, Maier. Wir werden deinen Erdenarsch weichvögeln, und danach lassen wir dich da draußen platzen. Bis du aussiehst wie der kleine, grüne Schleimhaufen da.“
Das sagten sie immer. Das hatten sie schon gesagt, als ich das erste mal ihren überheblichen Planeten betrat. Überall glitzerte und funkelte es wie in der Schatzkammer eines Verrückten, und ihre Sprache strotzte nur so vor vulgären Provokationen. Ich glaubte, es gab noch keine Vergewaltigungen von Bekaniern. Also, ich ging fest davon aus. Ich beschwor mich. Ich hatte den Kontakt zur Datenbank verloren. Ich wusste eigentlich gar nichts.
Wenn Bekanier schliefen, sahen sie unglaublich süß und niedlich aus. Sie nuckelten an ihrem Schwanzende, hatten so kleine Pfötchen, die sie in einer embryonalen Stellung wie kleine Dinosaurierfüßchen vor sich hielten, und schnarchten so sanft und weich, dass man meinte, eine Katze würde schnurren. Tatsächlich waren sie jedoch brutale Gesellen, mit miesen Manieren und schrecklichen Tischsitten. Sie hatten kein Gewissen, waren das personifizierte Böse und wenn irgendwo etwas richtig schlechtes passierte, dann durfte man ruhig die Schuld auf sie schieben. Sie waren sicherlich irgendwie daran beteiligt.
Die Kultur der Bekanier bestand aus Diebstahl, Raubzügen und ungeordneten Eroberungen. Sie waren drauf und dran das komplette All in ihren Besitz zu bekommen, und wir waren nicht einmal eine Bedrohung. Wir waren nur das Ungeziefer, und darum musste die Erde fallen. Obwohl – eigentlich wusste niemand so genau etwas über die Zusammenhänge. Meine bestehenden Aufträge schienen nun alle aufgehoben zu sein. Es gab keine Ladung, die wir von unserem Heimatplaneten abholen konnten, und das Guano konnten wir genauso gut jetzt sofort aus dem Frachtraum entlassen. Unser Mond war sowieso schon überdüngt. Und er trudelte gerade ziemlich ziellos durch die Kälte. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er in die falsche Umlaufbahn geriet, jemanden die Vorfahrt nahm und damit das Schicksal der Erde teilte. Die letzten Siedler auf der ersten Kolonie. Nun gab es fortan nur noch mich und meine Crew, einige Tramps und die bekifften Marsianer, die seit 100 Jahren ihr Scheitern feierten. Einst die Avantgarde, heute nur noch bettelnde Hippies. Der Mars, das hatten wir vertraglich festgelegt, wurde nicht mehr von uns angeflogen. Einmal und nie wieder. 3 Wochen Dekontaminierung waren ausreichend. Genug ist genug. 
Die Bekanier waren dabei uns auszurotten, und taten das gewissenhaft, erstaunlich schnell und ziemlich schlau. Die Erde war immer unsere Rückzugbasis. Anfangs hatten sie uns auch dort besucht. Sie sprangen breitbeinig durch unsere Städte, tranken unser Bier, stiegen um auf Absinth, aber erst das Zeug, das synthetisch auf einer Basis zwischen Mond und Erde hergestellt wurde, gefiel ihnen wirklich. Und so schmuggelten wir immer ein Päckchen für die wahren Fans an den wichtigsten Planeten vorbei. Die Erde galt nicht als wichtiger Planet. Wir kamen in keine Vollversammlung, durften uns keiner Konföderation anschließen, und hatten auch sonst eher den Status gutwilliger Tiere.
„Ich werde dich so lange vögeln, bis dir der Matsch aus den Ohren rauskommt, du blödes Vieh !“ schrie mich der kuschligste aller Bekanier an. Wären die Bekanier eine Erfindung, so wären sie die Ausgeburt eines irdischen Großmauls gewesen. Einer, der sich in dem Sprechgesang typischer Knastinsassen üben wollte. Immer einen vollkommen falschen Spruch im Slang der charmantesten Sprache der Erde. Und das vorgetragen mit einer Stimme, die ausnehmend harmlos klang. Eben genau jene Stimme, die der Herrgott den Kuscheltieren gab. 
Der Bekanier mit dem mächtigsten Fell hinter den Ohren stieß mich unsanft vor sich her, und gab seinen Kollegen einen anzüglichen Schlag in die Höhe, in der man einen Beutel vermutete. Wenn sie nicht sprangen, dann wirkten sie tölpelhaft, desorientiert und wie unter Drogen. Das passte zu ihrer Stimme, nahm aber meiner Situation die Ernsthaftigkeit. Ich ahnte, was mit meiner Crew geschehen war, wusste aber nicht, wie es sich tatsächlich verhielt. Das flackernde Licht der letzten Halle verbarg mehr, und egal in welche Richtung ich mich wendete, stand ein Bekanier vor mir. Mit demselben Grinsen, denselben Knopfaugen und einem dämlichen Spruch auf den Lippen.
„Maier, du bist verloren. Du bist mein und verloren. Euer Analytiker hat es gewagt…nicht der..der andere.“

Er deutete erst auf das, was von unserem letzten Analytiker übriggeblieben war und dann mit der Waffe in die Luft. Der Andere. Unsere Analytiker waren sensible Wesen, und ich hatte nicht die geringste Ahnung, warum sich so einer in das Haustier der Bekanier verliebte. Und sich mit ihm davonstahl. In die Tiefen des Alls. Und warum das überhaupt so ein Thema war. Dieses Monster sah aus wie eine Pflanze, und ich konnte nicht einmal den Namen aussprechen.
„Er hat es gewagt, sich unsere Geheimnisse zu eigen zu machen. Er hat sie gefickt und mitgenommen. Und ihr alle, ihr alle werdet dafür büßen.“

Die Waffe schwang vor meinen Augen, zielte auf meine Stirn und wurde mir in den Magen gestoßen. Ich knickte ein. Der Boden war mit einer feuchten Nebelschicht bedeckt. Ich war mir sicher, dass die Schimmelkulturen sich sofort meiner bemächtigen würden. Wir standen schließlich im Wohntrakt des größten Datenspeichers der Galaxie. Einem puddingfarbenen Schimmelpilz aus dem vierten Sprungquadranten. Analytiker gedeihen prächtig, und wenn man Glück hatte, dann teilten sie sich während einer Fahrperiode. Aus einem Analytiker wurden dann zwei. Wir hatten Glück, und dann zwei Analytiker, von denen sich einer wohl unnütz fühlte. Jetzt hatten wir keinen mehr, und die Bekanier vermissten das Schoßtier ihres Tyrannen.
Ich atmete Nebel ein,spuckte Wasser aus, stöhnte und versuchte mich am zotteligen Bein meines Gegners hoch zu ziehen. Er stieß mich weg. Er tat das ausgesprochen galant, trotzdem fuhren seine Krallen über meine Backen, und der Nebel drückte sofort als eine brennende Flüssigkeit in die Wunden. Die Narben würden bleiben, also packte ich seinen Fuß, klammerte mich daran, riss daran, bis hinein und lies ihn nicht mehr los.
„Vieh!“ brüllte mich der Bekanier an und stieß wieder und wieder mit dem hinteren Teil seiner Waffe auf mich ein. Er traf Kopf und Schulter, aber ich spürte nur die Schläge, keinen Schmerz. Eine Dumpfheit versuchte sich meiner zu bemächtigen, aber ich ließ nicht los. Ich schwöre. Und hörte dennoch nur noch sein Gebrüll. „Du verdammtes Vieh!“ bevor es dann doch endgültig schwarz wurde.

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Anfang 60. von 300

„Du wirst deinen Vater töten müssen!“
Ich nickte.
„Du wirst es bald tun müssen!“
Ich nickte wieder.
Ich sah den Rauch, hörte die Hörner und kannte die Zeichen. Die Fliegenden lockten sie hierher. Alles geschah, wie es immer geschah. Kendall hob die Hand zu einem letzten Gruß, und verliess mich. Er schritt gemächlich auf den Versammlungsplatz zu. Im Gehen hörte ich seine letzten Worte noch, die nicht mehr mir galten.
„Wir töten Fliegende!“
Ich wußte das, wir alle wußten das.

Im Laufe der Zeit, die noch immer namenlos war, zogen die verschiedensten Mächte durch unser Land, verwüsteten die Wälder und leiteten die Flüsse um. Das geschah meist sehr schnell. Und mein Volk konnten den Katastrophen, die Naturgewalten glichen, einfach nichts entgegenstellen. Wir hatten starke Zähne, ganz kapitale Klauen, aber keine Waffen, die schon aus der Ferne Löcher in unsere Gegner reißen konnten. Uns friedlich zu nennen, wäre nicht der richtig Ausdruck gewesen, aber Widerstand leisteten wir keinen.

Unsere Zähne waren vorstehend. Und wir kannten kein anderes Volk, dass sie so einsetzen konnten, wie wir das taten. Wir schnitzten mit unseren Zähnen, fällten Bäume, raspelten die Steinrüben klein und bereiteten Mahlzeiten mit ihnen vor. Nicht immer zur gleichen Zeit, durchaus mit dem gehörigen Maß an Hygiene, aber, ja, wir nutzen sie vielseitig. Meine Vorfahren waren Bauern, so wie ich einer war. Ich tat dasselbe wie sie, und mein Vater hatte mir einst alles beigebracht, was wichtig war, bevor er sich die Haut abzog, in die Lüfte erhob und fortan in den Baumwipfeln lebte. Er hatte nun ein andere Familie, vergass uns und legte wilde Netze von Baum zum Baum, die von einem furchtbaren Klebstoff bedeckt waren. Wir reinigten die Netze, wenn wir ihnen beim Fällen der Bäume habhaft wurden, zogen sie immer wieder durchs Wasser bis diese Masse auf den Fasern verschwunden war und webten daraus unsere Kleidung.

Der Klebstoff schmeckte süßlich, weil in den Baumwipfeln all die Früchte wuchsen, an die wir nicht kamen. Alles, was die Fliegenden absonderten, war von Zucker bedeckt. Doch wir mochten keinen Zucker, er machte uns wehrlos, schadete unseren Zähnen und so wuschen wir mit emsigen Bewegungen das Zeug in jenen Fluss, der sich reißend um unsere Siedlung schlängelte.

Es war meine Aufgabe über uns zu wachen, während die Jüngsten den Netzhaufen über die Wiese zum Wasser schleppten. Sie hatten noch das weiße Fell, dass sie durch ihre Wintergeburt bekamen, aber bald, wenn die Sonnen auf ihrem höchsten Punkt standen, sollten sie es verlieren, und wir stopften mit dem, was davon übrig blieb, unsere Kissen aus. Die meisten Dinge hatten wir ganz gut geregelt, und es bereitete uns Freude, zu sehen, wie die Kreise einen Sinn bekamen und sich schlossen.

Die Fliegenden zogen unablässig über uns. Doch weder wachten sie mit uns, noch fühlten sie sich verbunden. Ich glaubte manchmal, meinen Vater zu sehen, aber immer wenn ich nach einem Speer griff, merkte ich, dass er es doch nicht war. Wir konnten sie kaum unterscheiden, dort oben unter den Sonnen. Nahmen uns nicht die Wolken die Sicht, blendeten uns die Sonnen. Sie wirkten wie die Fliegen, die sich auf unsere Hinterlassenschaften stürzten. Ihr Anblick bereitet uns kein Unbehagen, aber auch keine Freude. Tatsächlich verriet ihre andauernde Anwesenheit jedoch unser Lager. Und das wäre Grund genug gewesen, meinen Vater zu töten.

Wenn man mich beschrieb, dann sprach man in den höchsten Tönen von meiner Ruhe und Gelassenheit, doch dieses beschrieb nur mein äußeres Wesen, nicht das, was sich in mir abspielte. Der Groll, der mich zunehmend erfasste, wenn ich sah, wie die Wolken ferner Feuer auf uns zukamen, und die, die zu meinem Vater gehörten, nicht in der Lage waren Abstand von uns zu gewinnen. Sie alle stammten von uns, aber keiner von ihnen fühlte sich noch irgendwie in der Verantwortung. Wir waren aus ihren Eiern gekrochen, hatten uns in ihre Nester gelegt. Nester, die unsere Eltern aufbereitet haben. Das Schicksal meines Volkes nahm unsere Eltern von uns, machte sie zu eingebildeten Fliegern. Und mir wäre es egal gewesen, ob ein Sturm oder eine Distanzwaffe, die sie in der Luft zerfetzt hätte, zu ihrem Absturz beigetragen hätte. Sie waren sowieso schon tot.

Kendall war ein alter Mann. Sein Fell war grau, seine Zähne gelb, doch sein Körper beinhaltete eine Kraft, die mich Staunen machte. Derbe Muskeln durchzogen seine Arme und Beine, und traten merklich hervor, wenn er seinen Worten Ausdruck verleihen wollte. Seine Stimme wurde gerne gehört, wenn wir gemeinsam sprachen, doch etwas schwebte über seiner Existenz, die ihn wirken ließ wie einen Verdammten. Als ob ein Fluch auf ihn lastete, hatte er sich nie zu einem Fliegenden entpuppt. Es gab nicht viele wie ihn. Die Anderen, die Wenigen, die ich kennen lernen konnten, verliessen die Herde und töteten sich selbst. Sie zerfiele in sich, gaben auf, und suchten
sich einen Abgrund oder eine Schlucht, in die sie sich stürzen konnten.

„Wachst du über uns, Tenda?“
„Ja“, erwiderte ich und sah, wie die Sonnen auf meinen schneeweißen Sohn schienen. Er sah mir überhaupt nicht ähnlich. Er wirkte wie ein zusammgefegtes Fellknäul, das eigentlich über den Boden rollen sollte. Er hatte keine Füße, und seine Stimme klang wie das Plätschern einer Quelle. So leicht, ohner Ernst und unablässig plapperte er mich an.
„Ja, das tue ich.“
„Wie weit sind sie von uns entfernt?“
„Eine Tagesreise, aber sie werden langsamer.“
„Werden sie uns töten?“
„Ich denke schon, sie werden unsere Hütten abbrennen, uns das Fell über die Ohren ziehen und die dicksten von uns auf einem Spieß braten.“
Er kicherte in sich hinein, und rannte davon. Also doch Füße. Man mag darüber streiten, was wir unseren Kindern erzählen sollten. Aber selbst wenn eine der Doppelsonnen auf den Wald fallen würde, unsere Kinder hatten keine Angst davor. Es war der Vorteil der Kinderheit, dass ihnen eine Angstfreiheit gewährt wurde. Unser Schrecken und unser Schmerz belastete sie nicht. Sie hätten es sowieso nicht verstanden.

Die Fliegenden wirkten wie Insekten. Sie hatten eine zerbrechliche Gestalt, durchsichtige Flügel und schlanke Körper. Manche von uns neigten dazu sie schön zu nennen, und die eigene Existenz als Mühsal zu betrachten. Als sei die Fähigkeit zu fliegen eine Art Belohnung für ein rechtschaffendes Leben. Ich sah zu ihnen hoch und mich verwirrte die Nutzlosgkeit ihrer Existenz. Wenn dieses eine Belohnung war, warum war es dann unser erklärtes Ziel sie zu töten? Wo Fliegende waren, da waren wir auch. Nicht wir folgten ihnn, sondern sie folgten uns. Die Gründe dafür waren uns nicht bekannt, denn es gab nichts, was sie uns mitteilten. Sie suchten unsere Nähe, doch berührten uns nicht. Sie lockten die Zwerge, Trolle, Orks und Elfen auf unsere Fährten, und keiner von diesen Wesen war uns wohlgesonnen.

Gegen Mittag saß ich alleine am Fluß. Die Netze lagen zum Trocknen aus, und meine Augen brannte entsetzlich. Ich war es nicht gewohnt, in den hellen Mittagssonnen in die Helligkeit zu starren. Die beiden Sonnen waren unbedeckt, und die Schatten, die sie erzeugten bildeten im Wald ein schwarzes Netz, dass sich flirrend über mein komplettes Sichtfeld erstreckte. Der Rauch in der Ferne verschwand fast hinter dem blendenden Licht, und ich musste mich konzentrieren, um überhaupt zu erahnen, wie weit sie noch von mir entfernt waren.

Kendall brachte mir eine Tasse kaltes Rübenwasser. Kleine Stücken schwammen darin, die ich mit den Nägeln meiner Klauen herausfischte und lutschte. Er wendet seine Augen in die Richtung, in die ich starrte.

„Ich kann nichts erkennen!“
„Du bist ein alter Mann, Kendall!“
„So alt nun auch nicht.“
„Ich meinte, gräme dich nicht, es ist normal, das ich mehr sehe als du. Sie haben ihre ursprüngliche Geschwindigkeit wieder aufgenommen. Sie scheinen besser voran zu kommen. Das ist nicht gut.“
„Wie lange noch?“
„Nicht mehr ein Tag.“
„Was werden sie tun?“
„Das hat mich mein Sohn auch schon gefragt, und ich habe ihm gesagt, dass sie uns töten werden. Die Dicksten kommen auf einen Spieß.“ Ich sah ihn an. „Das betrifft dich nicht, Kendall. Sie werden unsere Frauen vergewaltigen…“
„Das glaube ich nicht.“
„Wenn es Orks sind.…“
„“Was sind sie?“
„Verfluchte Elfen, und wir müssen heute abend, in der Dunkelheit verschwinden. Die Fliegenden dürfen es nicht mitbekommen. Sonst haben wir keine Chance.“

Ich hasste es, Kendall zu belügen, aber der Geruch, der über den Fluss schwebte, verriet mir, dass die Zeit wesentlich knapper war. Doch wir konnten unmöglich tagsüber fliehen. Die Fliegenden würden uns folgen, als wären sie Motten und wir das Licht. Mit jeder Brise wehte der Geruch der Elfen herüber. Schwefelminze. Sie waren Ausgeburten ihrer verdammten Hölle. Schwarz glitzernden blinkten sie im Wald, doch das Sonnelicht der Doppelsonne hinderte sie daran, hinter den Blättern hervor zu kommen. Zwischen ihrer Vorhut und uns lag nur noch der Fluss. Sie verhielten sich ruhig. Kein Ton kam über ihre Lippen, aber der stechende Geruch der Schwefelminze wurde wieder und wieder über das kräuselnde Wasser getragen. Kendall roch vieles nicht mehr, sah manches nicht, aber hatte bestimmt eine Ahnung, das ich ihn belog. Er beugte sich zu mir, sein alter Atem strich über mein Gesicht, als er mit seiner Klaue mein Kinn hob, in meine Augen sah und mich leise und unterdrückt anheischte. „Du bist es nicht, Tenda. Du bist nicht der, der uns führen kann, und so sehr ich dich schätze, mein Sohn, ich werde es verhindern, dass deine Eitelkeit mein Volk verführt. Lüge mich nie mehr an, Bauer, nie mehr, sage ich dir.“ Er sah kurz über den Fluss. „Ich warne jetzt die Versammlung, und die Frauen und Kinder werden das Dorf verlassen. Komme dazu, wenn die Sonnen untergehen, wir werden bereit sein. Du hättest es vermasselt, dass sollte dir immmer bewusst sein.“

Mein Fluchen vernahm er nicht, es ging unter im Rauschen des Flusses. Ich schloss die Augen für einen Moment, sah die Elfen und schwang in Gedanken einen Speer. Doch rührte mich nicht. Fluchte wieder und wieder. Ich hatte noch niemals jemanden mit einem Speer angegriffen. Mein Vater würde der Erste sein.

 

Anfang 59. von 300

In seinen jungen Jahren trug Peter seine Haare lang, färbte sie silbern und ging mit einem blau angemalten Gesicht zur Schule. Er war damals 16, bevorzugte gelbe Kleidung mit Warnhinweisen und war der feste Überzeugung in keinster Weise der irdischen Rasse anzugehören. Im Unterricht beantwortete er alle Fragen charmant und glänzte mit einer bestechenden Logik. Es gab nichts gegen sein Aussehen zu sagen, wenn man bedachte, dass seine Mitschüler gerne mal in einer Verkleidung kamen, die auf japanische Zeichentrickserien beruhten. Sein Lehrer war Paul Witschel, und der hatte schon vieles gesehen. Und einiges schon durchgemacht. Paul behauptet im Kollegium, dass ihn Schüler mit Schnittwunden am ganzen Körper mehr interessierten, als irgendwelche verkleideten Spinner. Damit war das Thema vom Tisch, und alle bissen vergnügt in ihr Pausenbrot. So war das mit Peter. Sehr viele Jahre später verhaftete man Paul, weil er im Darknet Drogen kaufte, aber Peter war zu dem Zeitpunkt schon Multimilliardär, und somit bekam letzterer gar nicht mit, dass ersterer im Knast verreckte. Die Dinge passierten einfach so. Manches konnte man sowieso nicht verhindern.

Als Melanie Peter kennenlernte, balancierte er auf einem Brückengeländer in Köln und sorgte damit für beträchtliches Aufsehen. Im Grunde war der Ausdruck Balancieren falsch gewählt, denn was Peter machte, war von einer unbeschreiblichen Lässigkeit. Er starrte auf den Rhein, achtete gar nicht auf seine Füße, und ging einfach weiter, als handle es sich um einen Sonntagsspaziergang. Unter ihm hielt eines dieser gigantischen Schiffe, das reiche Amerikaner in tollen Kajüten durch Deutschland schipperte. Es blieb stehen, weil die Passagiere mit offenem Mund auf dem Deck standen und zu Peter hinauf starrten. Hinter diesem Schiff hielt ein Zweites, und dahinter noch eins, und ganz aufgeregt bewegte sich ein Polizeiboot durch den Stau, um ihn wohl irgendwie aufzulösen.

Melanie sah ebenfalls hinunter zum Rhein, war bisher aber Peter nicht gewahr geworden. Sie wunderte sich über die aufgeregten Rufe der Passagiere, und winkte bemüht hinab, aber es schien wohl nicht um sie zu gehen. Sie war nun 23, ein bißchen arg schwanger und überhaupt nicht verliebt. Sie wußte, sie musste mit irgendjemand darüber reden, aber es fiel ihr nicht ein, wer das sein sollte. Der vermeintliche Vater des Kindes war, nach ihrer Berechnung, zu diesem Zeitpunkt gerade in einem Land, dass sie nie betreten wollte, weil da eben so ganz normale Dinge wie Bürgerkrieg drohten. Die anderen jungen Frauen im Coffeeshop sprachen, während sie Pappbecher durchreichten durchgehend von bevorstehenden Hochzeiten, guten Jungs in schnellen Autos und über all die anderen Sachen, die für ein langes, glückliches Leben notwendig waren. Sie dagegen hatte ein abgebrochenes Literaturstudium und ein Bauch, der drohte dicker zu werden. Und nur einen einzigen Beruf, und diesen in einem Coffeeshop. Sie war diejenige, die die Namen der Gäste auf die Pappbecher schrieb und sie so behandelte, als wären alle beste Freunde. Ihr Aufgaber war es auch erfundene italienische Kaffee-Namen dem hübschen Mädchen an der Espressomaschine mittzuteilen.

Das hübsche Mädchen war viel zu jung, viel zu sportlich, hörte auf den Namen Irina, hatte ein Schild mit der Aufschrift Barista auf dem Shirt und war ihre beste Freundin. Das war einfach, denn viele Freundinnen hatte Melanie nicht. Die meisten wohnten in Toronto, Bangladesh und Shanghai, aber mehr als verrückte kleine Skype-Telefonate waren mit denen nicht möglich. Sie alle verband die Zuneigung für einen indischen Sänger, der in unglaublich vielen Filmen mitspielte, von denen nur 5 Prozent überhaupt in deutscher Sprache vorlagen. In Bangladesh war dagegen alles anders. Glückliches Bangladesh, dachte Melanie.

Nach seiner blauen Phase hatte es Peter vorgezogen, sich nicht mehr zu schminken, und die Erde aus der Anonymität der Normalität zu erobern. Mit ungefähr 17 Jahren kaufte er sich 40 weiße T-Shirts, 10 schwarze Hosen, eine Waage, eine ganze Menge schwarze Strümpfe und erstmal vier Paar weiße Turnschuhe mit einem omnipräsenten schwarzen Logo des Herstellers. Er achtete fortan peinlichst auf sein Gewicht, stellte sich einen überaus vernünftigen Ernährungsplan zusammen und zog tagtäglich die gleichen Farben an. Seine Mutter behauptete, er sei ein Autist, und sie sagte das mit einem so guten Willen, dass sie ihn nicht daran hinderte, die Rituale einzuhalten. Im Gegenteil, sie servierte immer, minutengenau, sein Essen, bedrängte ihn nicht, von sich zu erzählen, respektierte sein Bedürfnis nach Ruhe und bekam gar nicht mit, wie der Außerirdische in ihrem Haus sich daran machte, die Welt zu okkupieren.

Peter hatte seit Jahren den Kontakt zu seinem Heimatplaneten verloren. Die irdische Technologie war nicht in der Lage Nachrichten nach Kenturian zu übermitteln. Die bisherigen Systeme basierten auf poröser Hardware mit der er sich abmühen mußte, bis sein Gehirn endlich die Pubertät überwunden hatte. Davor war alles grau. Aber es war auch ihm bekannt, dass es sich dabei nur um eine verwirrte Entwicklungsstufe handelte, die nicht mehr als eine Prüfung war, die vor dem Erreichen eines Reifegrads eben durchlaufen werden musste. Bestand man diese Prüfung nicht, dann wurde man Künstler und konnte zeitlebens seinen infantilen Bedürfnissen freien Lauf lassen. Wurde Maler, Musiker oder Autor. Mischte Kleckse über die Leinwand, erzeugte Töne oder versuchte andere Menschen zu unterhalten. Nichts gescheites, aber sowas eben. Die Verehrung dieser Menschen führte laut Peter zu einer Vernachlässigung der menschlichen Entwicklung, und so war es für ihn kein Wunder, dass die Autos noch nicht schwebten und die Kommunikation mit Kenturian einfach nicht möglich war.

Sie erschrak nicht, als Peter neben ihr stand. Melanie nahm die Dinge wie sie kamen. Aus einem Grund, den sie selbst nicht verstand, war es ihr unmöglich sich zu erschrecken. Sie hörte seine Worte nicht deutlich genug, um sie zu verstehen und sah ihn einfach nur an.

„Ich sagte, kann ich bitte an dir vorbei?“

Seine Schuhe berührten fast ihre Arme, die immer noch auf dem Geländer lehnten. Obwohl ihr diese Sneaker mit dem viel zu großen Herstellerabzeichen bekannt waren, kannte sie niemanden mehr, der diese Marke immer noch trug. Im Grunde trugen nur minderjährige Jungs, die auf BMX-Rädern Kurstückchen vor nicht ansprechbaren Mädchen vorführten, solche Schuhe. Sie wirkten zu groß, zu klumpig, als wollte man damit auf dem Mond herum hopsen.

„Ja.“ Ihre Worte wirkten gleichmütig, gelangweilt. Ihr Blick dagegen wendete sich von ihm ab, zurück auf die Boote unter ihr, die sehr unterschiedliche Formen der Aufregung zeigten.

„Das geht aber nicht, wenn du da stehst.“

„Das mag sein, aber die Frage, ob du es kannst, habe ich dir so versucht zu antworten, dass du den Mut nicht verlierst. Wenn es nach mir geht, dann kannst du alles.“

„Du müsstest das Geländer loslassen und einen Schritt zurücktreten. Damit…“

„Nein.“

„Nein?“

„Nein, du kannst es nicht. Was deine erste Frage ehrlicherweise beantwortet“

 

Man sollte an dieser Stelle erwähnen, auch wenn es nicht zur Handlung beiträgt, dass just in diesem Moment, Paul Witschel begann Crack zu rauchen, weil er wissen wollte, was da eigentlich dran ist. Vielleicht aus pädagogischem, experimentellem Interesse oder weil ihn seine intelligente Freundin aus guten Gründen verlassen hatte. Er ging davon aus, dass irgendetwas sensationelles passieren musste. Und sah dabei die Nachrichten. Während das, was er hinterher als einen „Quasi-Orgasmus“ bezeichnet, sein Empfinden durchflutete, berichtete der Sprecher von einem ausgebrochenen Bürgerkrieg in einem afrikanischen Land, dessen Namen sich Melanie nie merken konnte. Aber genau in diesem Moment erwischte den Vater ihres Kindes eine Kugel, die gar nicht ihm galt. Und damit gab es einen Halbwaisen mehr, obwohl dieser noch nicht mal geboren war. Melanie erfuhr das nie. Trotzdem war das der Anfang von Paul Witschels Ende. Seine Freundin hieß Irina und arbeitete bereits in einem Coffeeshop.

Auf dem Boot unter Melanie und Peter befand sich unter anderem eine Gruppe amerikanischer Rentner aus Baltimore, die in einer Tippgemeinschaft viel zu viel Geld gewonnen hatten. Sie hießen John und Joe und George und Paul, und nannten sich die glücklichen Käfer. Was im englischen irgendwie nach Beatles klingt, und das war ja der Witz daran. Als sie im Lotto gewannen kamen sie auf ganz lustige Ideen. Und so investierte John sein ganzes Geld in ein kleines Studio, in dem er nun die besten Mundharmonikasongs aus den Appalachen aufnahm, während George endlich mal glutenfreies Brot für den Süden von Baltimore produzierte und Joe suchte eine Prostituierte mit bestimmten Körpermaßen, die er aus der Prostitution befreien konnte. Das war sehr teuer. Und so kam es, dass Paul der Einzige war, der sein Geld gewinnbringend ins virtuelle Drogengeschäft investierte und dabei noch reicher wurde, und keinen Gedanken an Paul Witschel verschwendete, der jetzt, und noch lange Zeit danach, einer seiner Kunden war. Sie sahen nach oben, starrten auf die Brücke, zückten ihre Handys und nahmen synchron die Szene über ihnen auf. So kam es dazu, dass alles, was sich über ihnen abspielte, aus verschiedenen Kamerawinkeln im Nachhinein betrachtet werden konnten.

In dem Boot waren noch mehr Amerikaner, und zwei Asiaten, die sich sehr verloren vorkamen, aber es lohnt nicht weitere Handlungsfäden zu Melanie und Peter aufzubauen, weil es schlicht keine mehr gab. Nicht jeder Mensch kennt einen anderen, und der wieder einen anderen. Wir kennen uns nicht alle. Peter dachte sowieso, dass sich alle viel zu fremd seien und verstand Melanie überhaupt nicht. Er versuchte eine bequeme Haltung einzunehmen.

„Ich komme nicht an dir vorbei. Willst du mich nicht vorbei lassen?“

„Tatsächlich will ich das nicht. Ich habe den Eindruck, dass du dich umbringen willst. Und ich frage mich, warum du es nicht gleich tust, statt diese fotografierenden Idioten da unten vor Spannung platzen zu lassen.“

Es war Herbstanfang, das Wetter spielte ein klein wenig verrückt und versuchte den Menschen zu zeigen, wer noch am Ruder war. Das heißt, die Winde kamen oftmals ganz plötzlich, die Blätter flogen dann durch die Gegend, und überhaupt konnte es erstaunlich dunkel werden, obwohl es vielleicht noch mitten am Tag war. Manchmal ging das schnell, und nicht jeder war darauf vorbereitet. Manchmal ging es langsam. Wenn es schnell kam, dann wurden die Gondeln über den Rhein nicht mehr genutzt, und die Decks der Ausflugsschiffe waren komplett leer. Oder sie fuhren gar nicht mehr. Die meisten Menschen waren sehr daran interessiert, dem Wetter ein Schnippchen zu schlagen und wollten schon sehr früh erfahren, wie es denn so wird.

In den Nachrichten, die Paul ziemlich bedöst daheim sah, während er in sein Kissen biss und es voll sabberte, wurde aufgrund des Zusammentreffens einer Kaltfront von links und warmen Luftmassen von rechts oben, von einem Orkan gesprochen, der irgendwie, warum auch immer, den Rhein als Autobahn betrachtete und sich darauf gen Köln bewegte.

Melanie hatte schöne lange Haare, deren Enden vom Spliss bedroht waren, und so stand schon lange ein Friseurbesuch an, aber das war noch nicht geschehen. Also wehten sie jetzt unbekümmert im Wind, der immer stärker aufkam. Plötzlich. Hatte keiner mit gerechnet. Nicht jede Wettervorhersage taugt etwas. Und manchmal erreichte sie nur Leute wie Paul, der nun bereits vom Sofa heruntergefallen war, und die Unebenheiten der Decke betrachtete. Alles was kurz vorher in seinem Mund war, blubberte ungehemmt aus ihm heraus.

Der Wind wurde, als Melanies Haare nicht mehr wehten, sondern begannen ihr Sichtfeld komplett zu verdecken, so stark, dass es für den Kenturianer neben ihr vollkommen logisch war, nun zu fallen. Und das tat er, und weil er es freiwillig, konzentriert und entschlossen tat, glich es einem Flug, von dem die Menschen noch lange sprachen. Vor allem die fünf glücklichen Käfer, die synchron ihre Smartphones zur Seite schmissen und ihn auffingen. Als wäre er ein Cheerleader und sie in derselben Gang. Sie gaben sich noch Jahre später Hi-Fives für diese gelungene Aktion, und das Webvideo bekam ca. 1,5 Millionen Klicks. Tendenz steigend, auch noch nach Jahren.

Anfang 58. von 300

Am 23. Oktober schwamm der erste Wal vor meinem Fenster vorbei, und schon als ich ihn sah, wußte ich, dass mir das niemand glauben würde. Das Akku meines Handys war leer, der Nebel hing noch satt über dem Wasser und die Touristen trauten sich noch nicht auf die Veranda.

Ich hatte in den letzten Jahren eine blühende Fantasie entwickelt, und ihr leidlich freien Lauf gelassen. Ich war ein kleiner Geschichtenerzähler, und meine Eltern, die beide eher nichts mit Büchern zu tun hatten, fanden das toll. Aber nicht immer. Sie mochten es nicht, wenn ich zwischen den Sommergästen herumsprang, und von den neuen Wölfen erzählte, die nun unsere Wälder unsicher machten. Ich schwor, es gäbe ein Rudel, dass des Nachts Jagd auf Laufenten, die Hühner des Nachbarn und unsere Ziegen machten. Wir hatten nicht viele Ziegen, aber sie waren die Grundlage für den hausgemachten Käse, denn wir morgens beim Frühstücksbüffet anboten.

Wir lebten seit fünf Jahren an diesem verwunschenen Ort, hatten Sicht auf drei weiße Kapellen und einen großen See, der zu unseren Füßen lag, und das Ganze befand sich an einer touristisch erträglichen Ecke in Bayern. Das Restaurant hatte ein Pächter vor meinen Eltern „Seerestaurant“ genannt, und meine Eltern behielten den Namen bei. Weil kaum noch jemand gewerblich fischte, kauften wir die Fische von einem großen Händler, der sie von überall auf der Welt importierte, und unsere Gäste feierten sie als urige, bayrische Küche. Meine Eltern kamen eigentlich aus Berlin, und hatten sich dort politisch so verrannt, dass sie in ständigem Streit mit den anderen Mitgliedern der Kommune lagen. Wir mussten uns was anderes suchen, denn übrig geblieben wäre nur noch so eine Bauwagensiedlung, und das war nicht so attraktiv. Ursprünglich waren meine Eltern, glaube ich, Anarchisten und Punks, aber das ist lange her.

Der Wal war dieser Filmwal, mit den großen weißen Flächen auf der Unterseite. Und nein, er sprang nicht. Ich glaubte, das war auch gar nicht so die Intention von Walen, zu springen. Ich dachte mir das jedenfalls so, und ich wußte auch nicht, warum er sich gedreht hatte und mir die Unterseite zeigte. Ich hatte sehr wenig Ahnung von Tieren, die so groß waren und im Meer schwammen. Ich hatte mich nie für Dinosaurier interessiert, ich war nie am Meer und ich war ein Stadtkind. Ich heiße Samuel, und mit zwölf Jahren war ich definitiv für alles zu jung.

Ich hatte ein Handy mit Kindersicherung, meine Zeit am Computer war vorgeschrieben und viel zu kurz, und ich hatte einfach keine Chance über Fische zu recherchieren. Trotzdem war das ein Wal. In einem See, den ich locker durchschwimmen konnte. Wenn ich mich anstrengte. Und zwar in alle Richtungen. Der See war viel zu grün, daher war die Idee mit dem Schwimmen nicht die Beste. Ich mochte das Schlick nicht an den Füßen. Ich hatte es einmal versucht, und ich war Stadtkind genug, um das nie wieder zu machen.

In Bayern gab es alle möglichen Schlangen, die es in Berlin eigentlich überhaupt nicht gab.

Wenn mein Vater in der Küche die Fische durch das Mehl rollte, während meine Mutter für unsere fünf Hotelgäste, durch die Zimmer eilte, die kleinen Shampoo-Fläschchen aufstellte und die Betten machte, hörte er ziemlich laute Musik aus seiner Jugend. In seiner Jugend war Jungsein ungleich härter als zu meiner Zeit, und all die Kinder, die nicht das Glück hatten, an einem See zu leben, sondern in Londoner Plattenbauten, gründeten Bands und schrieen ihren Frust heraus. Sie nannten sich Punks, und mein Vater, wie gesagt, fand das toll. Und auch wenn er heute graue Schläfen hatte, wäre er wahrscheinlich immer noch gerne mit dieser Sicherheitsnadel in der Backe rumgerannt. Meine beiden Eltern viel zu alt für mich. Meine Mutter war sicher, das wird nichts mehr, und mein Vater auch, dann liessen sie das mal mit der Verhütung sein, und, zack, hatte es geklappt, sie wurde schwanger, und er dachte zum ersten mal über Heirat nach. Und zwölf Jahre später sass ich in einem sehr angenehmen Kinderzimmer und sah meinen Wal vorbei schwimmen.

Ich hätte es getwittert. Und dann 50.000 Follower gehabt. Aber so starrte ich nur auf das toteste aller Smartphones und sagte: „Sackmist!“
Und „Fuck!“
Und „Fuck! Fuck! Fuck!“
Und dann war der Wal weg. Das Wasser beruhigte sich, der Nebel lichtete sich und George Stropinski trat unter meinem Fenster auf die Veranda. Der George Stropinski. Der einzige George Stropinski.
Er hatte mir das mal erzählt.

Früher, als Berlin kleiner war, aber zweimal auf der Landkarte, und als es zwei deutsche Staaten um diese zwei Berlins gab, und unglaublich komplizierte Reiseregeln, hatte ein Musiklehrer zu ihm gesagt:
„Stropinski, so wird das nichts! Du kannst zwar besser als jeder anderer die Instrumente spielen, ja und hast sogar Ahnung vom Komponieren, aber mit diesem bescheuerten polnischen Namen, da ist das alles vergeudetes Talent. Das wird nichts, Stropinski, das sage ich dir.“
„Das ist kein polnischer Name!“
„Na, nun denn, wird trotzdem nichts!“

Das hatte seinen Ehrgeiz angestachelt. Unglaublich. Er wurde zwar weder ein toller Musiker, noch ein guter Komponist, aber er war der Polonäse-König der deutschen demokratischen Republik. Es gab wohl auch einen im Westen. Gerüchteweise. Aber der George Stropinski war der Kracher. Gelbes Jacket, blaue Hosen, karierte Krawatten, und einen donnernden Krawall in der Stimme, wie es sich für einen König gehörte.

Später spielte er Blues, verschwand irgendwie aus den Medien, und wollte bei uns ein dauerhaftes Hotelzimmer, aus dem er nicht mehr auszog. Er wurde dick, dicker, ziemlich arg dick, brauchte einen Stock, stolzierte täglich auf die Veranda, und benahm sich wie ein Gentleman. Ich mochte ihn sehr. Er war gemütlich, höflich, hatte ein donnerndes Lachen, und ich rannte kurzentschlossen zu ihm.

„Ich habe einen Wal gesehen, Stropinski!“ Kein Mensch nannte ihm beim Vornamen oder verwendete eine andere Anrede als Stropinski und er liess alle gewähren.

„Ja, Samuel, er wird das UFO gesucht haben, dass letzte Woche über den See schwebte. Als du nachts aufgewacht bist, und zum ersten mal versucht hattest, den Kontakt zu den XOX aufzunehmen.“

„Nein, das glaube ich eigentlich nicht!“

Und unter mir verspürte ich die Wärme der verbrannten Erde, die mich unruhig werden liess. Es war kaum noch etwas übrig von meiner Glaubwürdigkeit. Gottseidank jedoch, eilte mir Hans Glockenhell zur Hilfe. Hans Glockenhell wurde uns immer am Anfang irgendwelcher Herbstferien übergeben. Auch in den Sommerferien verlief das so. Sein Kinder fuhren dann mit dem Porsche vor, zogen ihn mit vereinten Kräften aus der Rückbank, und hievten den achtzigjährigen Mann vor unsere Stufen. Er murmelte dann meist etwas von dem wunderbaren Schloss, oder warum man ihn jetzt in die verdammte Fabrik bringen wollte oder was er denn getan hätte, und warum er dafür ins Gefängnis komme. Am Ende der Ferien kam seine schicken Kinder wieder, schleiften ihn zurück in den Porsche und düsten wieder ab.

Dazwischen war er meist still, wünschte sich Tunkbrot zum Frühstück und löffelte zu Mittag seine Suppe. Er war gertenschlank, und ich dachte immer, dieser Ausdruck käme von der Zerbrechlichkeit einer solchen Gerte, aber tatsächlich ist eine Gerte zäh. Und das war er auch. Und so kam er immer wieder.

Und wie ein Geist trat er hinter uns, stützte sich auf meinen Kopf, weil er sich immer auf etwas stützen musste, und meinte geheimnisvoll: „Es war kein UFO zu sehen, aber der Wal begrüßte uns mit Heiterkeit“

Naja, Heiterkeit..

Stropinski tippte sich an die Stirn, blickte Hans Glockenhell eindringlich an und betonte seine Worte extrem langsam, fast an mich gewandt „Haben sie ihr Brot heute schon genossen, Herr Glockenhell?“

Hans Glockenhell deutete zittrig auf das Wasser: „Ich habe es dem Wal gegeben!“

Und dann kam meine Mutter, die immer Angst hatte, dass sich ihre Gäster von der Veranda ins Wasser stürzten, schnappte sich Herrn Glockenhell, während Stropinski ihr mit einem kleinen Glitzern in seinen Augen nachsah. Also keiner auf das Wasser achtete, aus dem sich eine Fontäne erhob, die kurzzeitig den letzten Nebel in Richtung Sonne durchschlug.

Anfang 57. von 300

Meine einzige Aufgabe war es, die zerplatzten, blutigen Gehirne zu fotografieren.

Sie stand am Waldrand, stemmte die Hände in die Hüften, strahlte mich an und ihre Stimme hatte den Klang eines angenehmen Lebens. Ihre Augen vermittelten die gesunde Wärme eines Menschen , der mit sich im Reinen war. Normalerweise fällt es mir sehr leicht, mich in solche Menschen sofort zu verlieben.

„Ich sah ihn heute morgen auf der Ebene. Er war ein Monster, und ich wusste sofort, das packe ich nicht mit dem, was ich bei mir habe. Also ging ich zurück ins Lager, versuchte die anderen nicht zu wecken, und schnappte mir die Z-456. Ich musste vorsichtig sein. Der Geruchssinn wird oft unterschätzt, doch ich kam nahe genug ran.  Ich dachte, der Rückstoß würde mich töten. Ich krachte mit dem Rücken an einen Baum. Knapp an einem gebrochenen Ast  blieb ich an der Rinde kleben. Der Kopf ist nicht zu gebrauchen, aber ich werde die Füße mitnehmen. Hocker oder ähnliches. Die Z ist wirklich ein unglaubliches Ding, aber du kannst dir am Schluss die Teile mit einem Rechen zusammensuchen.“

Ihre Zähne waren weiß wie poliertes Elfenbein, und dieses kehlige Lachen, dass ihre Worte unterstrich erzählte mir von all den Abenden bei guter Gesellschaft, gutem Sex und vorzüglichem Wein. Ihre Hand, die auf meinem Arm lag, und mich sanft drückte, wenn die Dramatik sich steigerte, hatte lange, schöne Nägel, die dezent betont und fein manikürt waren. Ich bemerkte so etwas, seit der Begriff Reichtum schwammig wurde, und die Dollarmillionäre sich für ihren Luxus zu schämen begannen.

Es gab mal ein Problem, das nannte sich „Schmertterlingseffekt“. Es ging so: Wer eine Zeitreise macht, zu den Dinosauriern reist, der braucht nur einen Schmetterling verletzten, und die Zukunft, seine Gegenwart, in die er zurück kehrt, ist total verändert. Dieses Problem wurde vor ca. 15 Jahren gelöst. Das war noch nicht offiziell. Aber nach meinem Artikel sollte es jeder wissen. Im Augenblick beteiligte ich mich an einer Studie. Doch ich war hier nur Zaungast.

Tatsächlich logen mich alle an. Aber ich war Reporter und hatte mich an so etwas gewöhnt. Ich genoss den Ausblick über die Ebene, diesen unglaublich klaren Himmel, wie ich ihn noch nie zuvor gesehen hatte, und die Tatsache, dass noch nirgendwo , wo ich hin trat, jemals zuvor ein Mensch gewesen war.

Wenn jemand, der im Fach Physik versagt hat, versuchte einem anderen physikalischen Versager, einen so komplexen Zusammenhang zu erklären, wie jenen, in dem ich mich gerade befand, dann wurde jede Aussage zur Lüge. Darum war ich hier. Ich konnte das schlicht nicht erklären, was sich hier gerade abspielte. Der Trick an der Geschichte war, dieses war überhaupt nicht die Erde, wie ich sie kannte. Hier würde ich zwar irgendwann mal leben, aber das wäre nicht ich.

Als ich darüber länger nachdenken wollte, sass ich schon in einer Art Kapsel, die mit einer Flüssigkeit, zäh wie Gelee,  gefüllt wurde, in der ich erstaunlicherweise atmen konnte.  Menschen in Ganzkörperkondomen, die ihr Gesicht verbargen, erklärten mir mit einem hörbaren Lachen, dass dieses wohl der teuerste und wildeste Vibrator sei, der jemals mit einem Menschen in Berührung kommen würde. Um die Schläge abzumildern und mir nicht den Verstand zu rauben, würden sie mich in einer Schutzflüssigkeit quasi konservieren. Sie lachten wieder. Und es klang wirklich nicht fröhlich.

Ich war hier, weil mich mein Redakteur für eine Art humanen Crash Test Dummy hielt. Ich wurde überall hingeschickt, wo Menschen aufplatzten, Raumschiffe abstürzten und U-Boote explodierten.  Ich hatte einen Schutzengel, der Schwerstarbeit leistete, und überlebte alles. Doch meine Freunde verlor ich, meine Frauen verschwanden und Haustiere verstarben unter meiner Obhut. Weil ich dort hin ging, wo keiner hin wollte, durfte ich schreiben, wie ich wollte. Ich pflegte einen wüsten Gonzostil, der ständig mit der Zensur kollidierte, aber ich gewann meistens und dafür liebten mich diejenigen, die ihr Haus nicht verließen.

50% meiner Leser hielten mich für einen üblen Kerl, der schamlos übertrieb,  und 50% glaubten mir alles. Aber die glaubten sowieso jeden Mist, und so gab es keinen Grund stolz darauf zu sein. Es war nicht der Job, den ich haben wollte, aber eben jener, in dem ich gut war.

Wer gierig genug gewesen war und sich Zeit seines Lebens um die Vermehrung seiner Kohle gekümmert hat, dem wurden irgendwann Angebote gemacht, von deren Existenz kaum jemand vorher wusste. Die Tatsache, dass es Zeitebenen und Linien gab, die sich gegenseitig nicht berührten, führten zu einem Tourismus, der erstmal so ganz profane Punkte besuchte, wie den Bau des Eifelturms  oder die Krönung von Cleopatra.  Dieses alles im Rahmen von langjährigen, geheimen Studien, die irgendwann zu einer Kommerzialisierung des Zeitreisetourismuses führen sollte. Kultur war ein gutes Deckmäntelchen dafür, einfach mal wild und sinnlos durch die Zeit zu reisen.

Er hieß John, und saß mir bei fast jeder Mahlzeit gegenüber. Er lehnte sich zurück, nahm noch einen Schluck Kaffee und lächelte jovial. Er wirkte wie ein großartiger Mäzen aus einem der vergangenen Jahrhunderte. Sein Selbstbewusstsein war so beeindruckend, wie die Pranke, mit der er mich kraftvoll begrüßt hatte. Er war für mich der Mann der ersten Stunde.

Von seiner Stimme blieb der vertrauensvolle Basston hängen, mit dem er die Worte quasi summend über die Stille poltern ließ.

„Wir waren uns bewusst darüber, dass das eben jenes große Ding war, auf das wir alle gewartet hatten. Wir leben in einer komplizierten Zeit, mein Junge.“

Er nannte mich „mein Junge“, und es klang, als meinte er es ernst.

„Wir leben in einer komplizierten Zeit.“ Dabei bekamen seine Augen einen Blick, der von mir ab und in die Ferne glitt, wo scheinbar das Nichts war, aber sich tatsächlich Herden von Dinosauriern aufhielten.

„Es ist uns nicht mehr gestattet, auf Großwildjagd zu gehen. Es gibt Gesetze, die überall auf der Welt ihre Gültigkeit haben. Meinesgleichen setzen sich als Investoren und Spender für eine Chancengleichheit ein. Kurz, die Welt ist so gut, dass sie zum Kotzen ist. Wir haben die Möglichkeit alles zu sehen, zu riechen, aber wir dürfen nichts mehr leben. Das hier ist die Realisierung eines Traums.“

„Dinos killen?“

„Ja, wenn du es auf diese einfache Formel bringen willst. Ja. Lass uns sagen, dass der Sinn und Zweck ist, Dinos zu killen. Vielleicht geht es im ganzen Leben nur darum, etwas zu killen.“

Er erhob sich und fuhr mit der Hand wie ein streichelnder Gott über das Land, als berühre er es. Vorsichtig zog er die Konturen der Berge, die weit entfernt kleine Silhouetten darstellten nach, und leichte Erschütterungen einer Erregung führten zu einem raschen Luftholen, bevor er wieder ansetzte.

„Mein Junge, du siehst das große Ganze nicht. Seit Jahrzehnten, wahrscheinlich Jahrhunderten träumen wir davon einen Planeten zu finden, der dem unseren gleicht. Einer Welt, die alles enthält, was wir kennen, aber nicht verschmutzt wurde. Wir suchen eine Welt wie diese. Vollkommen unversifft und jungfräulich. Wir haben sie gefunden.“

Wir hatten einen bitteren Rotwein auf dem Tisch stehen, der irgendeiner Trockenheit im südamerikanischen Kontinent abgetrotzt wurde. Es war eine Brühe mit dem zähen Geschmack von Tod und dem Metall des Blutes. Ich trank ihn wie Medizin, um die Bilder im Kopf loszuwerden und den Saurierbraten hinunter zu würgen. Es gehörte zu meinem Beruf, dass Mahlzeiten nicht als Genuss empfunden wurden, und die Wahrheiten erst in einem bestimmten Grad der Trunkenheit erkennbar waren. Ich nahm einen weiteren Schluck, um die Gedanken zu fokussieren.

„Wir sind hier am Anfang der Zeit?“

„Nicht ganz, mein Junge! Am Anfang der Zeit gabs einen Knall, der nicht für unsere Ohren bestimmt war, und es macht Sinn, die Zeitrechnung zu beginnen,  als die Fische sich entschlossen an Land zu kommen. Tatsächlich ist es hier kurz vor Mensch. Zeit genug also, alles richtig zu machen. Hast du schon mal über Terraforming nachgedacht?“

Eine meiner besten Eigenschaften ist, dass Menschen mich ansehen können und in mir nichts vermuten, was ihnen irgendwann mal Schwierigkeiten machen könnte. Manche sehen mich an, haken mich ab, und wären bereit mir ein paar Münzen für den nächsten Drink zu zu stecken. Andere kennen den Blick der vollkommenen Verblödung, den ich gerade offensichtlich drauf hatte.

„Stell dir vor, wir haben die Chance die Zeit zu überholen. Ich bin nicht der Erste mit dieser Idee. Aber wir rotten die verdammten Dinos aus, und holen uns, was uns gehört, bevor die verdammte Eiszeit die Geschichte der Welt bestimmt.“

„Wir sind die Eiszeit.“

„Genau, im Grunde sind wir die Eiszeit. Die Natur hat kein Interesse daran, dass die Dinos überleben. Wir beschleunigen die Dinge, richten hier das Lager der Menschen ein und drehen die Uhr so schnell, dass uns schon schwindlig wird beim Nachdenken.“

Er lachte. Es war schön zu sehen, wenn er sich über sich selbst amüsierte. Wenn mir große Männer begegneten, die kleine Söldnertruppen durch den Dschungel führten, oder Diktatoren, die ihre Untertanen in Streifen schnitten, dann empfand ich eine erschreckende Sympathie für dieses väterlicher Selbstverständnis, dass sie ausstrahlten. Ich war immer überrascht, wie sehr sie dachten, gewaltsam die Dinge in eine Form zu bringen, die für sie die einzig richtige bedeutete. Diese Geste, mit der sie mich dann einbezogen in eine Welt, die sich sie selbst erklärte, und sie mich teilhaben lassen wollten daran, war so verführerisch, dass ich, wie in einem Sekundenschlaf für Momente, immer mal wieder diesem Ansinnen erlag. Mein Verhältnis zu Macht bestand immer aus der Sehnsucht ihr zu vertrauen. Das war meine eigentlich Gabe, die mich John so nahe brachte.

Aber was keiner von uns beiden wusste, das war, dass er gerade dabei war eine Dynastie der Johns zu gründen. Er war der erste John. Und wenn ich heute darüber schreibe, dann geht es nur darum, wie ich soviel von diesem Wein an diesem Abend ertragen konnte. Ohne zu begreifen, dass dieser Mann dabei war, uns allen den Boden unter den Füßen weg zu ziehen.

 

Anfang 56. von 300

Richtig besehen, hatte ich mir das Hirn weg gekifft und schmiss die Ibus nun hinterher. Wie jene, die mein Schicksal teilten, starrte ich das auf Kalendermädchen, fixierte ihre nackten Brüste an und wartete darauf, dass mir etwas aus der Hand fiel. In meinem Fall  der Schraubenschlüssel.

Meine Hose war voll Öl, mein Leben war voll Öl und ich war mir sicher, dass mein Atem nach Öl stank. Die Flecken gingen auch bei intensivem Waschen nicht aus den Klamotten, und hingen an mir, wie der komplette Dreck dieser Zivilisation.

Die Menschheit hatte sich solange für neue Energiequellen interessiert, bis sie hinter dem dritten Wurmloch einen Planeten fand, dessen Ozeane schwarz waren und alles Leben töteten. Und plötzlich ging es nicht mehr um Sonne, Wind und Wellen, sondern um Öl. Wir befanden uns also wieder in jener Zeit, in der die Engländer London als Drecksloch beschrieben und Monster die Straßen bevölkerten. Nur war das nicht London. Sondern so was ähnliches: Neu-London.  Ja, es gab auch zu meiner Zeit einfallsreiche Menschen.

Wenn alles auseinander bricht, und die Behörde dich pulverisiert, elektrofiziert und wieder neu zusammensetzt, dann weißt du die Zukunft ist ein schlimmer Ort und du bist genau da gelandet. Das einzige, was an einem Ort wie Neu-London noch irgendwie Bedeutung hatte, waren Freunde. Auch wenn sie woanders niemals deine Freunde hätten sein können.

Peter hatte Brüste wie das Kalendermädchen und zeigte sie gerne. Er stolzierte mit Riesenschritten durch die Werkstatt, hatte einen Hydraulikschlauch am Hosenbund hängen und war bereit jeden damit zurück in das Loch zu treiben, aus dem er gekrochen kam. Er trug sein Unterhemd wie ein Taschentuch in der hinteren Hosentasche und an seinem Oberkörper daher nichts. Er war eine so unbehaarte Masse an Kerl, dass man ihn für unschuldig und rein halten konnte, so rosa leuchtete seine weiche Haut. Doch tatsächlich gab es nichts liebenswertes an ihm. Und dennoch war seine Freundschaft so wichtig wie ein Transitschein nach Irgendwo.

Ich war zweiundzwanzig, schmal und meine Silhouette glich der eines Mädchens. In einer Welt, in der es keine Mädchen gab, war das von Vorteil und Nachteil. Man durfte es sich aussuchen. Ich hatte Arme wie Essstäbchen und meine Muskeln verbargen sich vor den Blicken.  Wenn ich ging, dann federter der Boden mich ab . So war mein Gang schwingend, und mein Arsch wackelte, als wäre er dafür gemacht. Es gab nichts als ein zerbrechliches Kalkmesser, das ich als Argument für mich nutzen konnte. Es hatte mir höllische Schmerzen bereit. Und als sie mich in tausend Funken auflösten, dachte ich, es würde sich auf alle Zeit mit mir verbinden und in mir stecken bleiben wie ein falsch gewachsener Stachel. Aber die Menschheit war erfindungsreich, unsere Gene codiert und die Zellen nahmen selten etwas an, was nicht zu ihnen gehörte. Ich hatte Glück. Ich kam hier, rammte es in meine Matratze, bis es fast darin verschwand, spürte es jede Nacht und ich schwor mir es zu nutzen.

Seit wir in Öl quasi badteen, schickten sie Transporter durchs All, die ganze Städte in sich aufnehmen konnten. Theoretisch. Praktisch wurden sie auf dem Weg zu uns mit allem angefüllt, was uns am Leben hielt und gleichzeitig zerstörte. Zum Ausgleich für die Strafe, die sie uns für leichte Vergehen bis zum groben Totschlag aufgedrückt hatten, und die sich so gar nicht mit dem Humanismus einer aufgeklärten Gesellschaft vertrug, schickten sie uns Keksriegel und Vitamine, als wären sie unsere Mutter mit dem schlechten Gewissen. Wir wurden überschwemmt mit Zuckerprodukten, Vitaminen in allen lustigen Formen, und Drogen, die die Mannschaft, die Caterer, die Lageristen, die Kapitäne und andere geldgeile Burschen dazwischen stopften. Wir konnten uns die Birne so zuknallen, dass sie uns komplett abhanden kam. Nur Frauen durften wir keine sehen.

Als mir der Schraubenschlüssel aus der Hand fiel, brüllte Thomas einfach los.

„Hey, du kleine Schwuchtel, was ist denn mit dir los?“

Wir waren alle Schwuchteln, aber wir gaben das natürlich nicht vor uns zu. Doch wir nutzen alles, was uns in die Hände kam für unsere Zwecke. Jedes essbare Teil, sogar das Öl, das uns umgab wie gefräßige Mikroben.

Wenn einem der Gleichgewichtssinn abhanden kommt, dann verwandelt sich die Welt in ein Schiff. Dieses Schiff bewegt sich in einem Sturm, der unhörbar um einen tobt, und den Gang kurvig, den Stand schräg macht und die Augen verdreht. Ich stand wie der schiefe Turm inmitten der Werkstatt. Kippelte vor und zurück, und war bereit mich in den Brüsten des Kalendermädchens zu vergraben.

Ich war zweiundzwanzig Jahre alt, und diese Drecksäcke hatten mich hierher geschickt, weil ich in einer Metrostation Blut gereihert habe. Ich traf dabei einen führenden UN-Beamten, der sich sofort als Opfer eines Anschlags sah. Der Livestream ging um die Welt, und meine Mutter erkannte mich nicht mal. Mein Vater verfluchte mich. Und ich konnte mich an nichts mehr erinnern.

Das Ganze hatte eine politische Dimension, die ich nicht mal verstand, denn außer wild getanzt und Schlafstunden auf ein Minimum gesenkt, hatte ich es noch nichts in meinem kurzen Leben gebracht. Mir war bis dato weder der Sinn noch das Glück klar, um das es ging, oder das ich hatte.

Nun war ich zweiundzwanzig und hatte nur noch eines im Kopf. Vergessen und ausbrechen.

Nun war ich zweiundzwanzig, und am Anfang dachte ich noch, ich würde Peter erschlagen und ihm seine ID rauben. Und dann würde ich die Türen für alle öffnen, und wir würden uns wegbeamern,-lasern oder wie immer das hieß. Aber als ich feststellte, dass Peter nicht in dem Besitz einer ID war, mit der ich fliehen konnte, wollte ich keine weiteren Türen mehr öffnen. Es ging jetzt nur noch um eine. Meine.

Ich murmelte. So vor mich hin. Doch sagte: „Alte Sau, lass mich in Ruhe!“ Denn wenn du dich benahmst, wie einer, der seinen Kopf komplett von allen Fähigkeiten befreit hatte, dann ließen sie dich in Ruhe. Alle. War so.

Ich war unschuldig wie ein frisch geborenes Kaninchen. Ich hatte nie jemanden etwas zu leide getane. Wer nur fünf Minuten einen Film über einen Kampf in seinem Leben gesehen hatte, konnte mich verknoten und in den Ölpfützen versenken. Ich hatte nur ein Messer, und die beständige Gefahr, mich damit selbst zu verletzen, aber ich würde – und das wusste ich ganz genau – töten, um diese Hölle zu verlassen.

 

Anfang 55. von 300

Sie standen rum wie vergessenes Bier. Und einer von ihnen hatte meine Tochter vergewaltigt. So wie ich  die Kneipe betrat, erstarben die Gespräche und niemand wagte es sich zu rühren. Johannes sah mich traurig an, aber mit diesem Blick wurde er geboren. Schon als Ministrant blickte er so in die versammelte Meute. Überhaupt waren alle treue Mitglieder der Gemeinde.

An meinen Schuhe klebte der Matsch, in dem Profil steckte noch die Schafscheiße und so wie der Regen an mir hinab lief, begingen wir einen normalen Tag. Doch nicht einer von ihnen sagte ein Wort. Sie starrten in ihre Gläser, als hätten sich dort die Schmeißfliegen ihrer Seelen versammelt.

Wie sie alle war ich ein alter Mann. Ich kämmte mir meine Haare nur am siebten Tag, denn meine Frau war tot, und nichts von dem was einst in Ordnung war, fügte sich jetzt ineinander. Als ich begann die Menschen nicht mehr zu verstehen, wollte meine Tochter erwachsen werden und sich für sie öffnen.

Meine Tochter Karla und ich teilten uns dieses Leben, in dem wir die Konflikte vermieden, uns oft aus dem Weg gingen und ich ihr die Chance ließ ihr eigenes Leben zu formen. Dachte ich. Ich war stolz wie sonstwas, wenn sie mir ihre Meinung geigte. Und in den schlechten, wie in den guten Eigenschaften wurde sie ihrer Mutter so verdammt ähnlich.

Dieser Laden war nun meine persönliche Hölle. Und hätte draußen nicht der Sturm getobt, ich hätte keinen Fuß hier rein gesetzt. Aber bis zum Hof waren es noch gut  15 Kilometer und der Berg begann sein Geröll ins Tal zu schicken. Die Hänge rutschten herab und begleiteten meine Fahrt hinunter zum Dorf. Ich schlitterte um die Kurven, hing mit einem Rad bedenklich über den Abgrund und beschloss auf halber Höhe die Hütte aufzusuchen.

Früher, wenn der Regen um uns tanzte, und der Himmel zu einer schwarzen Soße verkam, war es sehr normal, dass wir uns hier einfanden. Wir übernachteten in der geschützten Ecke dieses Berges und harrten der Dinge. Wir rollten uns in Decken und Schlafsäcke auf den Eckbänken zusammen. Und auch Karla war immer mal wieder dabei. Solange sie das hier oben alles noch interessierte. Aber das hatte abgenommen. Karla ging immer seltener mit. Und jetzt hatte ich sie fast verloren. Alles hatte sich geändert.

Das waren also die Männer, mit denen ich früher die Nächte verbracht hatte. Alte, knorrige Baumstämme, die sich allem verweigerten, was sie nicht kannten. Die so waren wie ich. Brüder, nicht wahr? Familie, nicht wahr?

Die Schafscheiße klebt an meinem Leben wie der Dreck, der sich in den letzten Jahren ereignete. Wir hatten viel geraucht, wir hatten das falsche Zeug geraucht, und am Schluss erwischtes es meine Frau mit einer Wucht, die ihr die inneren Organe zerriss als handle es sich um Wackelpudding. Der Krebs fraß sich durch sie durch und nahm sie uns stückchenweise. Meine Frau hieß Emma, und weil ich so eine große Liebe für alle Frauennamen empfand, die mit a endeten, nannten wir unsere Tochter Karla.

Zu Beginn waren wir Städter, Zugereiste, Hippies, Intellektuelle und was weiß ich. All das waren Schimpfwörter. Ich fällte mit den Männern in diesem Dorf die Bäume, und wir liehen uns gegenseitig diese Landmaschinen. Die Dinger sind so teuer, dass man sich seinen Hof über sein Leben hinaus verschuldet. Nichts von dem, was wir hier taten, ergab am Anfang einen Sinn. Wir waren Außerirdische, und was wir machten war falsch und langte nicht mal zum Leben. Wir kamen so schwer in dieses Leben, wie wir aus dem anderen heraus kamen.

Vieles änderte sich mit Karlas Geburt. Wie alle Väter sah ich in meinem einzigen Kind, das süßeste, wunderbarste Wesen, das Gott jemals auf diese Erde geschickt hatte. Ich glaubte nicht an den alten Mann mit dem weißen Bart, aber diese Dankbarkeit, die ich empfand war nahe dran an einer bedingungslosen Gläubigkeit. Es sollte unser einziges Kind bleiben, und wir erfuhren das erstaunlich schnell, als die Ärzte beschlossen Emma so schnell zu operieren als sei ein Feuer ausgebrochen. In ihrem Körper. Und das war eigentlich der Fall.

Emmas Siechtum zog sich über die Jahre hin, in denen Karla aufwuchs. Für Karla war ihre Mutter immer ein launisches, gebrechliches Wesen, das im Wind des Schicksals herum flog wie ein ausgerissenes Blatt. Es gab keinen guten Tag, nur gute Momente, die so schnell schwanden, egal wie sehr wir uns an sie klammerten.  Emma verging über Jahre. Nicht wie eine Blume. Sie nahm alle Gestalten an. Und am Schluss war sie ein weicher, überwässerter Kaktus, der einfach in sich zerfiel und nicht viel übrig ließ, an das wir uns erinnern wollten. Ich hasste in diesen Jahren alles, was ich hassen konnte. Das Leben, die Krankheit, das Siechtum, das Glück der Anderen. Ja, ich hasste auch manchmal Emma und schämte mich dafür. Ich wurde hart. Ungerecht. Einsiedlerisch. Und manchmal böse. Es hätte nicht viel gefehlt, und ich hätte eines Nachts alle Lämmer und Schafe getötet. Ich war kurz davor. Nur der Suff machte meine Glieder so schwer, dass es nicht dazu kam.  Ich verhedderte mich in meiner Unterhose und flog der Länge nach hin. Ich zerschmetterte dabei einen Stuhl, auf den ich sehr stolz war, und hieb mir eine Ladung Spreißel ins Gesicht. Als Karla mich so sah, war in ihrem Blick eine Mischung aus Hass und Verachtung. Es gab ziemlich viel, was man sich einfach so versauen konnte. Unter diesem Blick hatte ich mehr gelitten als unter irgendetwas sonst.

Karla entfernte sich weiter von mir als ich sehen konnte. Oder sehen wollte. Sie tat es mit der Geschwindigkeit ihres Alters. Sie war 14, und ich alt genug, um im Spiegel meinen Vater zu entdecken.

Sie wurde in einem Graben gefunden. Und das war nur ein verdammter Zufall. Ihr Handy leuchtete wie ein irrsinnig großes Glühwürmchen, und das Licht hatte da nichts zu suchen. 20 Kilometer von unserem Dorf, in einem Graben, in dem das Wasser steigt, wenn der Regen die Fluten von den Bergen jagt. Und es regnete in dieser Nacht wie heute.  Warum sie ihr das Handy gelassen hatten, war niemanden von uns klar. Wahrscheinlich dachten sie, mein Kind hätten sie sowieso schon halb tot geschlagen. Da kann ja nichts mehr passieren.