Anfang 50. von 300

Kühlschranklyrik. Ihr kennt das Spiel?

Immer wenn von einer wahren Geschichte gesprochen wird, dann verbirgt sich dahinter keine wahre Geschichte. Überlegt mal.

Die Vorgeschichte war schnell erzählt. Es begann alles mit einem Barren Haschisch, den wir im Kühlschrank von Georg aufbewahrten, und einigen Wörtern, die wir aus den Tageszeitungen heraus rissen.

Wir hatten alles versucht. Bis zu diesem Zeitpunkt. Wenn Georg heute die Hände schüttelt, dann befinden wir uns hinter den Linien. Uns ist das verdammt bewusst.

Damals lebten wir alle unter einem Dach. Piet bumste die Jungs vom schwarzen Block. Und das nur, weil er auf ihre Springerstiefel stand. Ich hatte mich an einem Abend, an dem wir einige Gramm zu viel durch die Mühlen jagten, in Claudia, die Hebamme verliebt. Ich hatte gehofft, wir würden das Körperliche nie überwinden und dafür menschlich auseinander gehen. Aber irgendwie hatte das danach nicht funktioniert. Claudia blieb einfach. Beklagte sich jedoch manchmal mit einem Kichern, ich würde sie nicht gehen lassen. Die Wahrheit liegt noch immer dazwischen.

Georg war im Untergrund eine Art Star, auch wenn ihn niemand kannte. Asketisch, blonde Haare, eine Nase wie eine Nahkampfwaffe und eine Schreibe, nach der ich mir immer die Finger lecken werde. Er fetzte sich in den sozialen Medien, rotzte einen Blog herunter, nur um einen Podcast, der lediglich aus Schreien und Brüllen bestand, hinterher zu schicken. Ihn mein Vorbild zu nennen, wäre untertrieben. Der Mann ist ein Getriebener. Pure Kunst, purer Wahnwitz.

Wir lagen unanständig mit offenen Hosen, und sichtbaren Geschlechtsmerkmalen in der Sofalandschaft unseres gemeinsamen Wohnzimmers. Super Mario und seine Freunde warteten auf unseren Einsatz, aber die Pads verblieben ambossschwer auf dem Beistelltisch und keiner von uns war in der Lage eines der Teile zu heben. Wer hätte das gedacht.  So beleuchtete ein Fernseher die Szene, während Georg begann ausgerissene Wörter im Duktus des Feindes zu zitieren, als wäre er der perverse Joseph Goebbels im Rausch der Kühlschranklyrik.

Er schnarrte und würgte die Sätze mit einer Betonung heraus, die keinen Widerspruch aber auch keine gute Diagnose hinterließen. Es waren nur Wörter, die er ziellos aus Zeitschriften heraus gerissen oder geschnitten hatte. Er trug sie wie ein Vogelnest in seinen schmalen Händen. Einige Male wirbelte er sie durcheinander, nur um sie wieder neu zu sortieren und zu mischen. Immer wieder ging es um den Weg, den Deutschen, den Deutschen auf dem Weg. Und im Grunde macht er heute nichts anderes.

Auch wenn ihn nun die kräftigen Männer in Uniform vor seinen Fans abschirmen wollen, und er das schreckliche Gefühl hat,  im Feuer einer Horde Brandstifter zu stehen, achtete er auf dieselben Regeln, wie wir damals aufstellten.

Diese waren immer noch verbindlich.

Während Claudia den dritten Joint mischte, rannte Piet in das Schlafzimmer, küsste den nackten Hintern eines verhinderten Widerstandskämpfers und schleppte sein Notebook zusammen mit den guten Mikrofonen herein. Er platzierte beides auf den Tisch. Klickt auf das Programm, das Podcasts zu einem Kinderspiel machte, und erklärte die Regeln. So dicht konnte er gar nicht sein, als dass er nicht genau wußte, worum es ging. Wir schrieben die Regeln auf einen Bierdeckel.

Wörter, die nicht verwendet werden durften, waren „Migranten“,“Asylanten“ oder Bezeichnungen, die Bevölkerungsgruppen benennen. Wir wollten eine rein gewaschene Blut und Boden-Lyrik schaffen, wie sie Rockgruppen am rechten Rand schon seit Jahren benutzen.  Ein Sammelsurium an Deutbarkeiten in allen Richtungen, einen Quark, so stark wie Parmesan.

Der Aufstieg von Georg kam mit einem undeutlichen, halb verschlucktem Geschwubbel über das Traditionsbewusstsein, dass der Deutsche auf seinem Weg nicht vergessen sollte, wenn er in die Fusstapfen seiner Väter tritt, um an historischer Bedeutung zu gewinnen. Er unterstrich die Aussage, mit einem Verweis darauf, dass dieser Weg in der deutschen Geschichte schon immer von Väter auf die Söhne übertragen wurde, und daher an Fußstapfen reich war, die auf unser Traditionsbewussten hinwiesen. Und ähnliches in diesem Tonfall.

Wir jagten das Ding in die sozialen Medien der Jungs, die auf sowas standen, und hatten plötzlich 5634 Freunde, die Georgs Stimme toll fanden und seine bedenklichen Äußerungen vom Weg der Deutschen erfolgversprechend fanden.

Die Kugel rollte.

Nachts aber, trunken und entsetzt,  mussten wir den Wert dieser Freundschaften in Rauch auflösen, sonst wäre uns der Kopf zu schwer geworden.

Georg nannte sich Paul Grota. Und bald ging es nur noch um Grotas Weg.

Heute brüllen sie diesen Namen mit einer Begeisterung, die dazu führen sollte,diesen Menschen Medikamente zu geben, aber es ist nicht mehr aufzuhalten. Der Landesverband hat sein Interesse bekundet.

Selbst wenn wir uns auf Saaltoiletten in die Augen schauen, neige ich dazu, ihn mit  Paul anzusprechen.

Unsere Haare sind gescheitelt. Ich wurde mit Erschrecken der Tatsache gewahr, dass mir in jedem Spiegel mein Vater entgegensah. Wir rauchen nur noch heimlich, und fühlen uns dann wie zwei Rockstars, die weit weg vom Tourbus hinter der Raststätte ihre Kippen kreisen lassen.

Es ging alles viel zu schnell. Als wären sie süchtig nach Idolen oder Rednern gewesen. Wir hatten den Verdacht schon immer gehabt. Das erfundenes Charisma besser war als gar keins.

Piet beobachtet uns. Er wollte sich nicht die Haare schneiden lassen,und auch nicht von diesen Burschen lassen, die er mit einer fiesen Rangelei in sein Bett beförderte. Wir halten Kontakt zu ihm, aber wir haben keinen Plan. Die Zentrale zahlte sehr schnell alle Auslagen, organisierte die Reisepläne und fragten sogar, ob sie etwas für mein Mädel tun könnten. Ich hätte doch eins, oder? Ja, nein, ich verleugnete Claudia dreimal und fühlte mich wirklich nicht wohl.

„Das war nur eine dumme Idee..“

„Wir ziehen das jetzt durch.“

Ich setze mich auf den Kühlschrank für crushed Ice und schaue zu, wie in den LKWs die Lichter an und ausgehen. Es ist Nacht. Es ist ein Rasthof. Und die Praktikanten und einige Skinheads schlafen im Bus.

Wir haben etwas Großes vor. Aber jeder von uns glaubt an den Plan des Anderen, aber keiner kennt diesen. Ich werde ein Enthüllungsbuch schreiben. Besser Georg schreibt es selber. Soviel zum Plan.

Als sie auf uns zukamen. Da waren das konspirative Treffen. Sie luden uns zu weiteren ein. Sie zogen uns in ihren Zirkel ein. Überall wo Paul schnarrte und rotzte, und dummes Zeug über Asche und Staub des Weges verbreitete, trafen wir auf träumende Augen, die den Teppich für uns ausrollten. Es war schlicht zu einfach.

 

 

 

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Anfang 49. von 300

Das beste Wort, das ihrer Erscheinung gerecht wurde, war ein karibisches und nannte sich Zombie. Doch sie war kein Zombie, sie war nur mit Schnittwunden übersät, trug ein helles Kleid, dessen Farbe rötlich schien. Das kam durch ihr eigenes Blut.

Sie stand in der Eingangstür des Restaurants. Glich damit einer Erscheinung. So kam es, dass Gläser zu Boden fielen, Frauen Schreie ausstiessen und Männer erstarrt da saßen. Manche sprangen auch zur Tür. Allerdings die Wenigsten.

Kurz zuvor war sie durch die Straße getrottet. Sie trug keine Schuhe, bewegte sich sehr langsam, und hinterliess überall ein paar Tropfen Blut. Die Spur, die sich bei ihrem Gang bildete, hatte eine Regelmäßigkeit, die zu einer Kreuzung führt.

An dieser Kreuzung hatte sie einem Mann die Glock in den Mund gesteckt, und wortlos abgedrückt. Ihr Augen waren dabei weit aufgerissen, die des Mannes ebenfalls. Ihr Mund war geschlossen, aus seinem Hals gluckste es, als wollte er Wort ausspeien. Passanten konnten nichts verstehen.

Doch die Umstehenden schilderten später, sie sei aus der Tür des Unfallwagens gekrochen, zu dem gegnerischen Auto fast gerobbt, und hätte sich dann aufgerafft, und den scheinbar bewußtlosen Mann aus dem Auto gezerrt. Sie war eine sehr zierliche Person und es bedeutete eine enorme Kraftanstrengung für sie. Die Glassplitter steckten in ihrer Haut und bedeckten den Boden. Doch zu diesem Zeitpunkt war sie schon barfuss.

Der Unfall ereignete sich sehr plötzlich, an einem wohl ansonsten friedlichen Tag. Weder die Ampelschaltung, noch eine unbedachte Handlung hatte dazu geführt. Tatsächlich hatte sich ein SUV, typischerweise schwarz, vor den Honda gestellt, und damit den Unfall verursacht. Der Honda war zu schnell gefahren. Fast als wäre er auf der Flucht gewesen. Die Insassen knallten ohne Airbag gegen die Scheibe, aber hatten einen Gurt genutzt. Der Fahrer des Hondas fiel zurück in seinen Sitz, nach dem sein Gesicht Kontakt mit der Frontscheibe aufgenommen hatte. Es glitzerte blutverschmiert. Die eine Seite des SUVs wurde von dem Honda komplett eingedrückt. Die Schreie des Beifahrers im SUV begleiteten alles folgende. Der Fahrer des SUV hing seitlich aus dem Fahrzeug, seine Tür hatte sich durch den Verzug geöffnet. Eine Situation, die sehr selten eintritt.

Kurz zuvor war der Honda die Hauptstraße entlang gerast. Die Frau, gekleidet in einem leichten, weißen Sommerkleid, schoss aus dem Beifahrerfenster. Und ihre schwarzen Haare flatterten im Wind, während sie die schwere Glock nach hinten richtete. Nichts an ihrer Haltung erleichterte ihr das Zielen. Das Bemühen des Fahrers, allem Verkehr, der ihm entgegen kam, auszuweichen, machte es unmöglich etwas, dass sie ins Visier nahm, zu treffen. Wäre nicht ein Passant blutüberströmt zusammen gesunken, und hätten einige Frauen nicht in Panik die Kontrolle über ihre Kinderwägen verloren, hätte all das nur eine abschreckende Wirkung gehabt. So jedoch klammerte sich ein Mann, der gerade für seine Mittagspause einkaufen war, an einen Laternenpfahl und sank daran zu Boden. Er starb wenig später auf dem Weg ins Krankenhaus.

Noch während des Besteigen des Hondas, als der Fahrer etwas in einer Sprache schrie, die niemand verstand, aber jeder interpretierte, kam es zum ersten Schusswechsel. Die Frau verlor ihre Schuhe auf den Stufen des Justizpalastes und liess sie einfach liegen. Sie hastete weiter, in den bereitstehenden Wagen. Während der Fahrer startete, küßte sie den ihn wie einen Geliebten, schrie ihn an, jubelte und schoss in die Luft.Sie wirkte, so sagten Zeugen, aufgeregt, und aufgewühlt. Ihre Schuhe, die sie verloren hatte, waren teuer und glänzend. Es gab Vermutungen bezüglich der Marke, denn das Design wirkte erlesen.

Innerhalb des Justizpalastes sind sie die Stufen wie Kinder heruntergesprungen. Als wäre der Streich gelungen, dabei klingelte der Alarm schon alle Soldaten und Polizisten aus den Stuben und umliegenden Garnisonen. Sie hatten die Stadt aufgeweckt. Aber eigentlich wollten sie den Staat wecken. Sie waren sehr jung,  und ihre Kleidung entsprach der Unschuld ihres Alters. Er trug ein helles T-Shirt, mit einem Logo, dass es wertvoll machte und Qualität versprach. Sie war dem Sommer entsprechend gekleidet, trug das Haar offen, und leichte Schminke auf den Augenbrauen und auf ihre Lippen. Ihre Zähne, die beim Lachen hervortraten, waren glänzend weiß. Beide wirkten gesund, ausgeruht und übermütig. Er nahm zwei Stufen auf einmal, sie konnte nicht mithalten und zog daher ihre Schuhe einfach aus.

Ihr letzter Blick auf den Justizminister war eine Versicherung, das sein Tod eingetreten war. Sie wußte nicht,  wer die anderen Männer waren, die mit einem erstaunten Blick starben. Vermutlich handelte es sich um Bodyguards, Assistenten oder Praktikanten. Menschen, mit denen sich ein Justizminister gemeinhin umgab, wenn er seiner Arbeit nachging. Sie standen noch immer in demselben Raum, so wie sie ihn betreten hatten, und er hielt die Waffe, die nun eine erschreckende Hitze ausstrahlte, noch immer in der Hand.  Sie ging einen Schritt vor, auf den toten Justizminister zu, bewegte mit dem Fuß seinen Kopf und schüttelte ihren. Er war tot.

Gemeinsam hatten sie den Raum betreten. Der Justizminister trat ihnen mit einem strahlenden Lächeln entgegen, reichte ihnen die Hand. Jovial, mit dem Gestus eines Landbesitzers, der seine Gäste begrüßt. Sie sah auf den Boden, lächelte, gleich jemanden, der gerade beschenkt wurde, und ihr Begleiter teilte begeistert ihre Haltung und sprach den Justizminister mit seinem vollen Titel an. Der Justizminister kam ihnen näher, breitete gerade einen Arm aus, um sie zu sich zu holen, und einzuladen in der Ecke, in der schon Kaffee und Gebäck bereitstand, Platz zunehmen, als die beiden jungen Leute ihre Waffen zogen. Deren Herkunft ungeklärt und erstaunlich war. Der Justizminister wurde gezielt ins Herz getroffen. Dreimal. Aus nächster Nähe. So etwas verriet Übung und Kaltblütigkeit. Die Art, wie sie die Glock hob, breitbeinig dastand und mit ausgestreckten, festen Armen ihr Ziel fixierte, um in kurzer Abfolge, noch während der Minister zu Boden sank, schoß, deutete daraufhin, dass der kalkulierte Rückstoß von ihr gekonnt abgefangen wurde. Die Kugeln traten aus seinem Rücken wieder aus, und fanden sich im Parkettboden, wie in den Wänden. Die Begleiter des Justizministers, es waren deren drei, die sich gerade in seinem Büro aufhielten, fielen etwas zu Opfer, dass einer Maschinenpistole glich, aber unbekannter Bauart war. Der Praktikant, der seit einem Vierteljahr sehr viel dokumentierte, aber all diese nur machte um seinen Lebenslauf aufzuwerten, stürzte zwischen dem Schreibtisch und dem Besuchersessel mit einer zerfetzten Kehle zu Boden. Der Bodyguard, der im Sprung den Minister schützen wollte, muss sofort tot gewesen sein, denn sein Körper fing die meisten Kugeln ab. Eine Salve schlitzte ihn praktisch vom Unterleib bis zur Kehle wie mit einem Schwert auf. Der Sekretär war dem Landwirtschaftsministerium zugeordnet, und wollte den jungen Leuten Grüße überbringen. Er war der Kollateralschaden, der langsam auf dem Teppich verblutete.  Seine Beschreibung, kurz vor seinem Tod, war geprägt von dem Erstaunen, über die Unschuld, die die beiden jungen Leute anfänglich ausstrahlten. Niemand hatte das kommen gesehen.

Anfang 48. von 300

Das Gefecht ist schon in vollem Gange. Die Bank ist umlagert, der Fluchtwagen zersiebt. Du stehst auf der richtigen Seite, aber dein Kolleg ist gerade neben dir zusammen gesunken und du hast nicht mal die Zeit ihn zu fragen, ob er es schaffen wird. Oder was du sonst so in den Filmen gesehen hast. Eigentlich musst du über jede Kugel Rechenschaft ablegen, aber du feuerst unkontrolliert auf die Scheiben der Bank. Du kannst nicht mal richtig zielen, weil keine Zeit bleibt, sich auch noch darum zu kümmern.

Du willst endlich da rein. Es ist ein Sommertag, einer von denen, die für ihre  Hitzerekorden bejubelt werden.  Die Straßen sind abgesperrt, die Springbrunnen abgestellt. Die Wohnungen, in denen die Scharfschützen sitzen, geräumt. Immer wieder steigen zwei Drohnen auf und überfliegen die Bank. Es ist nur eine kleine Filiale, eingebettet in eine Wohnsiedlung, nicht weit von einem Kindergarten und einer Schule entfernt. Es ist vollkommen unmöglich hier wirklich eine große Beute zu machen. Vollkommen unmöglich. Zeitschaltuhren, niedrige Bargeldreserven. Es hat sich soviel gewandelt. Du weißt das, aber die dämlichen Bankräuber scheinbar nicht.

Sie hatten einen Fluchtwagen gewollt, du hast die Waffe abgelegt, die Uniform ausgezogen und den Wagen vor die Tür gefahren. Die Leitung wollte das so.  Es war keine einfach Sache, und du wußtest auch nicht so recht, wann und wie du aussteigen solltest. Du bist dann ausgestiegen und langsam, mit erhobenen Händen über das Niemandsland gegangen. Den Bereich, den alle einsehen können, aber in dem dich keiner wirklich schützen kann. Du hast dir das verbissen, aber eigentlich wolltest du zu den Scharfschützen hoch schauen, ob alles okay ist. Der Weg war endlos, aber als du schon fast auf der richtigen Seite warst, da pfiffen die Kugeln an dir vorbei und du ranntest mit einer Scheissangst einfach los.

Nun sitzt du hinter einem gigantischen Blumentopf aus Beton. Die Knie schmerzen gewaltig, und du müsstest die Position verändern, aber du wagst es nicht. Du gehst also wieder hoch und schiesst noch mal. Du machst das, bis du nachladen musst. Dann lauscht du. Wie alle anderen bist du mit der Zentrale verbunden, aber es kommt nichts. Du fragst dich, warum du hier unten im Feuer sitzt, und diese Scharfschützen nicht eingreifen. Du kannst dir das nicht erklären. Du bist 28 Jahre alt, und hast keine Ahnung, was mit deinem Kollegen ist, der sich hinter dem anderen Topf nicht mehr rührt.

Es regt sich etwas. Du hörst etwas. Das, was aus dem Funk kommt, hört sich an wie das Flapp-Flapp einer Drohne. Du kannst nichts verstehen. Langsam schaust du über den Topf. Eine Gestalt, schwarz, schwer erkennbar, kommt langsam über das Niemandsland. Du weißt nicht, ob es eine Geisel ist. Es gibt wohl keine Absprachen über den Austausch, keine Information über Erkenntlichkeit und Kleidungstücke.Und das widerliche Geräusch im Kopfhörer erklärt gar nichts. Du fasst also die Waffe mit zwei Händen. Sie ist nachgeladen. Du hebst sie über den Topf, schaust darüber hinweg und bist bereit.

Du siehst niemanden sonst. Keine andere Person hält sich im Niemandsland auf, und nie könnte die Ruhe größer sein als nach einem Schusswechsel. Du hörst nun sogar deinen Kollegen wieder, der verhalten vor sich hin stöhnt.Du denkst erstaunlich kühl und sachlich, aha, er lebt noch. Und wunderst dich über dich selbst.

Du merkst das deine Waffe zittert. Egal wer nun noch eine Entscheidung fällen kann, du musst sie selbst fällen. Du achtest auf die Hände des Entgegenkommenden. Kannst du ein Gesicht nicht sehen, dann achte auf die Hände. Hat er etwas in den Händen, dann versuche heraus zu finden, was er in den Händen hält. Du konzentrierst dich. Du schaust genau hin, du glaubst etwas zu erkennen, du bist dir aber nicht sicher. Aber dann siehst du ein Handy.  Du siehst auf den Bauch. Direkt auf den Bauch und brüllst und brüllst wie von Sinnen und drückst ab. Du glaubst nicht mehr an eine Warnung, du hältst einfach drauf und wunderst dich warum auf den Schrei „Bombe!“ niemand reagiert hat.

Du wirst zur Seite geschmissen, jemand tritt auf deine Hand, und die Waffe fliegt davon, ein Anderer hält dich auf den Boden und der Typ im Anzug verflucht dich mit seinem ganzen Sprachschatz.

Das war eine Geisel!

Sie Idiot!

Er hat eine Bombe, gluckst du, und merkst, dass dir irgendwas aus dem Mund tropft. Du versuchst dir über den Mund zu wischen, doch es hält jemand deine Hände.

Es gab keinen Schießbefehl. Wie kommen sie darauf zu schießen?

Er hatte eine Bombe, verdammt. Ich habe es genau gesehen. Da war eine Bombe.

Der Tote liegt im Niemandsland und färbt das Pflaster rot. Das Handy war ihm aus der Hand gerollt und liegt nun neben ihm. Es klingelt. Aber keiner wagt es den Anruf entgegen zu nehmen.

Sie haben dich nach hinten gezogen. Die sind aus deiner Einheit, aber du erkennst niemanden. Nur Helme, Schutzkleidung und sie reden sowieso nicht. Nur der Anzugträger droht dir, dir den Arsch aufzureissen, und dich ein für allemal fertig zu machen. Du hast den Einsatz versaut. Du hast eine Geisel umgebracht, du bist für die ganze Scheisse verantwortlich.

Du schliesst die Augen. Es gibt einen Bauchgürtel. Sie werden die Bombe sehen, wenn das hier vorbei ist. Sie werden sie sehen und alles wird sich aufklären. Du lehnst dich zurück, weil du sowieso nichts machen kannst.

Du sitzt da und lauschst. Es fallen wieder Schüsse.  Es gibt Schreie. Jemand spricht durch ein Megaphone. Ihr kriegt einen anderen Fahrer.

Ihr habt keine Verhandlungsbasis.

Ok. Ok, warten sie.

Jemand rüttelte an deiner Schulter. Und da ist er wieder, der Anzugträger. Er sieht verärgert aus. Erschüttert. Und so , als müsste er sich zurückhalten, nicht dein Gesicht zu Brei zu schlagen. Du starrst ihn erschrocken an. Willst sagen, dass du das alles nicht wolltest.

Doch er lässt dich nicht zu Wort kommen. Er sagt, Arschloch, sie wollen einen neuen Fluchtwagen, und sie wollen dich als Fahrer.

Du sagst, Mich?

Und er sagt, Ja!

Und dann stehst du auf,sie nehmen deine Handfesseln ab und er führt dich nach hinten, legt dir seinen Arm über die Schulter, und sagt, dass du noch nicht raus bist aus der Sache, und du unter gar keinen Umständen da schnell rauskommst, aber das du eine Chance hast, dein Schicksal positiv zu wenden.

Und du glaubst ihm gar nichts,aber du gehst darauf ein, weil du nicht weißt, was du sonst machen solltest. Und ein Menschen ermordet hast, und dein Gehirn ist ein schwerer unbeweglicher Stein ist, der in deinem Schädel donnert wie ein Glockenschlag.

Du gehst zu dem Auto, das schon bereit steht, erhältst ein paar Instruktionen, die nichts taugen und fährst los.

Anfang 47. von 300

Ich lebe in einem Land, in dem sie dich einfach mitnehmen können. Es klingelt an der Tür, ich stehe auf, öffne sie, die zwei Männer stehen draußen und begleiten mich dann zum Auto.

Einer von ihnen ist dicker, sitzt auf dem Beifahrersitz und dreht sich jovial nach hinten. Er hat eine Narbe über den Augen, und die werde ich mir einprägen. Seine Haare sind schwarz, werden aber an den Schläfen grau, und je weiter er sich nach hinten beugt, umso mehr nehme ich seinen Geruch wahr. Er trägt ein weibliches, fruchtsüßes Parfüm, das in direktem Kontrast zu seiner braunen Kleidung steht.

Er ist zivil gekleidet, wie sein Kollege, der den Wagen lenkt. Trotzdem weiß natürlich jeder, der sie erblickt, dass sie zur Polizei gehören. Schon klar.

Mir ist der gestrige Abend verloren gegangen. Zuviel Wodka, vermute ich. Mein Blick in den Spiegel half nicht bei der Aufklärung. Die Striemen auf meiner Brust könnten alles mögliche bedeuten, aber ich tippe mal auf Sex.  Die Augen waren so blutunterlaufen, dass wohl noch anderes im Spiel war. Mein Atem war quasi nicht vorhanden. Ich hustete ins Waschbecken, spuckte den Schleim aus und wollte mir gerade die Zähne putzen, da kamen sie.

Für ein neues T-Shirt hat es noch gereicht. Der Wagen ist bequem wie ein Taxi. Und während wir den Hügel herunterfahren, sehe ich wie die Sonne ihre Strahlen über die Stadt streut. Ich sehe die Bäcker, die die Fladenbrote ausfahren und die Lebensmittelhändler ihre Kisten voll Obst und Gemüse entladen. So spät es ist es noch gar nicht. Der Dicke grinst mich an, als wollte er Freundschaft mit mir schliessen, und will wissen, ob die Party gut war.

Welche Party?, frage ich.

Und er sagt, dass ich aussehe, als sei ich auf einer scheissguten Party gewesen.

Ich sage nichts mehr. Der Fahrer hupt die Jungen weg, die bestimmt gerade auf den Weg zur Schule sind. Und die Burschen strecken ihm den Mittelfinger entgegen. Meine Sympathie haben sie.

Ich schaue auf die Stadt, wie auf eine fremde Stadt, und sehe Dinge, die ich nie sah. Ich präge sie mir ein. Ich kenne die Viertel, die wir durchfahren. Ich kenne den Geruch, den sie ausstrahlen, aber hier in diesem Wagen bin ich nicht mehr in meiner Stadt.

Wir stoppen ziemlich ruppig vor einer Villa, in deren Fenster alle Lichter brennen. Sieht aus wie ein Privathaus. Viele Menschen rennen rein und raus, die meisten uniformiert und beflissen in Gang und Haltung. Es wirkt als hätten sie die Villa erobert, denn niemand von ihnen scheint hierher zu gehören, aber sie bestimmten wohl die Abläufe. Wir steigen aus. Der Dicke und der Fahrer grüßen und werden gegrüßt. Es sieht nicht nach Freundschaft aus, aber nach Respekt. Der Dicke geht voraus, und ich sehe nur noch seinen ausrasierten Nacken und den brüchigen Kragen seines Hemdes. Seine Jacke hat er geschultert. In den nächsten Minuten wird es noch wärmer, und schon jetzt zeichnet sich der Schweiß unter seinen Achseln ab.

Der Fahrer geht hinter mir und achtet darauf das ich folge. Er hat eine Hand in der Hosentasche. Er hat nun seine Jacke ebenfalls ausgezogen, so daß man sein Schulterhalfter sieht. Der Dicke hat beim Aussteigen seine Waffe einfach in den hinteren Hosenbund geschoben. Ich habe gedacht, dass machen nur Drogenhändler. Es sieht provozierend einladend aus.

Wir gehen durch das Tor, vorbei an den zwei Polizisten, die sie davor abgestellt haben. Grüßen. Hand an die Mütze und so weiter.  Der Sand des kurzen Weges knirscht unter den Füßen, bis wir der Treppe in das Innere des Hauses folgen. Es ist eine dieser Kolonialistenvillas, die die Jahrhunderte überdauert hat. Man fühlt sich darin, wie zu Besuch bei einem englischen Landadel und erwartet, dass Butler und andere Bedienstete sich zur Begrüßung in einer Reihe aufstellen. Gigantische Portraits mit dem Antlitz toter Menschen säumen den Gang in die oberen Stockwerke, aber wir bleiben stehen.

Der Fahrer kommt mir von hinten sehr nahe. Ich drehe mich um, blicke in seiner wasserblauen Augen und diese stecknadelkleinen Pupillen, die mich herausfordernd ansehen. Ich glaube nicht, dass er auch nur ein Wort bisher gesagt hat. Seine Nase wirkt wie ein spitzer Felsen in einem Faltensee. Er ist um einiges älter als der Dicke. Und hager wie jemand, der es nicht begriffen hat, dass Sex und Essen die Essenzen des Lebens sind. Menschen, die so aussehen, sind mir suspekt.

In 10 Zentimeter Abstand fixiert er mich wie etwas, das man wegschaffen muss. Er schien nur noch nicht zu wissen, wohin mit mir.

Der Dicke greift sich meine Schulter und zieht mich in einen Nebenraum. Er spricht mit mir. Kennst du das? Warst du schon mal hier?

Ich antworte nicht. Ich kenne gar nichts. Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wo wir sind.

Aber er redet weiter. Du feierst gerne Parties? Nicht wahr?

Es ist heiß genug für Schweiß, aber was mir jetzt hervorbricht und meine Stirn glänzen läßt, dass legt sich wie ein eiskalter Film über mich. Ich fröstle. Ich habe nur dieses T-Shirt an, und ich wäre dankbar dafür gewesen, wenn man nicht sehen würde, was mein Körper gerade mit mir veranstaltet. Mein Magen ist ein nervöse, klumpiges Ding, dass sich zusammen klammert wie eine verklebte Tüte, wenn mein Gehirn versucht Sachen zu verstehen, die nicht gut ausgehen.

Wie in diesen Häusern üblich, dringt man immer tiefer in sie hinein, je mehr Türen sich von Zimmer zu Zimmer öffnen. Flure waren wahrscheinlich nur eine nebensächlich Erfindung. Wir gelangten über den dritten Raum in einer Art Wintergarten.

Durch das Spiel der Sonne liegt er in seiner vollen Pracht vor uns. Palmen, Kakteen, Sukkulenten und alles in einen rötlichen Schimmer getaucht, der sich wie Schlieren über das komplette Ambiente erstreckt. Ich würge und will mich umdrehen. Doch der Dicke nimmt meinen Kopf in seine Pranken und richtet ihn so aus, dass das angetrocknete Blut auf den Fensterscheiben und die Körperteile in meinem Focus liegen.

Der Raum sieht aus als hätte ein verrückter Maler eine Epos mit Körperflüssigkeiten erzeugt. Was da liegt, auf den Fliesen, ist nicht ein naßer Klumpen, sondern eine weibliche Brust. Ich schliesse daraus, dass der Rest einer Frau gehörte, aber erkennen lässt sich das nicht mehr. Die Teile sind im ganzen Raum verstreut, als hätte sie jemand voll Wut herumgewirbelt. Ich lasse es einfach heraussprudeln. Ich kotze den Tatort voll und der Dicke springt zurück.

Verdammt. Flucht er.

Scheisse.Scheisse. Ich zittere und sehe ihn an. Was soll das?

Das wollten wir sie fragen. Er wischt sich die Hände ab. Sieht mich bedauernd an. Und greift dann in seine Tasche.

Er zieht einen kleinen Plastikbeutel hervor, der auch für zehn Gramm Koks getaugt hätte, aber darin findet sich meine Visitenkarte. Und auf ihr Blutspuren.

Ich verstehe nicht. Und ich verstand es wirklich nicht.

Nun, sprach er freundlich weiter, die Visitenkarte lag hier. Und irgendwo müssen wir ja anfangen.

Sie glauben, ich hinterlasse meine Visitenkarte an so einem Ort?

Sagen sie es mir.

Das ist ein verdammt schlechter Film. Ich gehe in die Hocke und erkenne den Stoff, der an einem Kaktus hängt. Marie.

 

 

 

 

Anfang 46. von 300

Ich habe den Fuchs überfahren und den Fasan habe ich auch erwischt. Nichts zu danken. Ist ein Hobby.

Ich beschleunigte. Der Wind wirbelte die Prospekte auf der Rückbank hoch und es gab einen dumpfen Schlag. 23:32.

Die Büchsen sprangen vom Beifahrersitz. Ich öffnete eine weitere. Leerte sie in drei Zügen. Rülpste und warf sie zum Fenster hinaus.

Ich bin 36 Jahre alt. Hätte mein Leben eine Farbe, dann wäre es Ketchup-Rot und von Blut nicht zu unterscheiden.

Ich arbeite im Supermarkt. Ich komme, wenn der Fillialleiter auf dem Monitor die Spinde beobachtet und auf die Frauen wartet. Er achtet nie auf mich. Ich sehe alles. Ich leere den Mülleimer, in dem sich so viele Taschentücher sammeln. Alle gebraucht. Ich wische zwischen den Regalen auf. Ich mache das täglich. Den Jack Daniels nehme ich beim Rausgehen mit. Unterm Kittel, bevor die Mädels hinter den Kassen sitzen. Ich bin weg, wenn sie kommen.

Schon mittags kippe ich ihn mit dem Bastian. Er kommt stockbesoffen, haut sich fast die ganze Flasche rein und geht stockbesoffen. Ich muss noch die Prospekte austragen. An jedem Briefkasten hängt jetzt „Bitte keine Werbung!“. Ich schmeisse das Zeug trotzdem rein und trete jede Katze, die mir über den Weg läuft.

Ich bin nicht so blau wie Bastian, aber das ist auch nicht wichtig. Die Gören, die immer in den Straßen spielen, haßen mich, also strecke ich ihnen die Zunge raus, verdrehe die Augen und mache Kotzgeräusche. Es gibt Dinge, in denen ich gut bin. Ich stopfe soviel Werbung in die Kästen, damit die Runde ein Ende findet.

Als Kind bin ich in den Zaubertrank gefallen, deswegen bin ich jetzt viel zu stark, nicht sonderlich clever und zu dick. Ich hasse Tiere. An Frauen komme ich auch nicht.  Hatte ein Freundin, war eine furchtbar komplizierte Geschichte. Ist ein paar Jahre her. Sie hat geschrien, ich habe geschrien, am Schluss gab ich auf. Bastian meint, das war klug. Aber er ist selber nicht ganz gescheit. Daher zählt das nicht.

Wenn ich Füchse überfahre, dann muss ich mit dem Auto hinter der Gartenhütte parken. Dort ist ein Schlauch. Mit dem sprühe ich das Blut und die Reste weg. Igel sehen fies aus auf dem Kühlergrill. Ich erwische sie lieber mit dem Reifen. Sind sie platt. Macht kein Schmutz. Weniger Arbeit.

Tiere kommen in die Stadt. Raben fressen die Mülltonnen leer. Füchse hängen im Gebüsch rum. Igel fressen Katzenfutter. Und Katzen sind sowieso das Letzte. Pirschen sich an, sabbern auf die Hose, fressen jeden Dreck und glauben, sie wären schlauer.

Ich haue sie mit dem Besen und kicke sie einfach weg. Ich bin 36 Jahre alt, und wenn das so weitergeht, dann werde ich 72 und alles bleibt wie es war. Nochmal 36 Jahre in diesem Film ertrage ich nicht. Die Rolle könnte besser sein.

Das Auto habe ich vor Jahren gefunden. Wir leben hier auf dem Dorf. Wir kennen uns alle. Das mit dem Auto ist also gefährlich. Daher parke ich es auch hinter der Gartenhütte. Die gehört meinem Vater. Von dem rede ich nicht. Auf sein Grab würde ich spucken. Aber man hat ihn seit Jahren nicht gefunden. Gibt es also auch kein Grab. Ich spucke trotzdem, jedes Mal, wenn ich aus dem Garten fahre, spucke ich das letzte Kaugummi auf die Hütte.

Auf einer Seite sieht sie nun aus wie ein Kunstwerk. Genau auf dieser Seite hatte er mich in die Biotonne gestopft. Ich hatte seine kläffende Tölle in das Plumpsklo gesteckt. Sie kläffte weiter, klang nur dumpfer.

Mein Vater immer: „Das ist nicht mein Sohn!“ ,und „Das kann nicht mein Sohn sein!“. Wird schon noch eine Weile dauern, bis sie ihn finden.

Ich kurve jede Nacht durch die Gegend. Ich habe zwei Scheinwerfer mehr als erlaubt, damit leuchte ich die Wälder aus. Rehe sind nicht so intelligent. Aber ich habe keine Waffe. Es ist mir nicht erlaubt eine Waffe zu tragen. Es ist mir nicht erlaubt ein Auto zu fahren. Ich glaube, es ist mir nicht mal erlaubt zu heiraten. Aber das weiß ich nicht. Ich habe keine Frau. Ich bin 36 Jahre alt, das glaubt man nicht.

Keiner weiß von dem Auto. Keiner kommt zu dem Garten. Habe ich die Prospekte ausgetragen und den größten Teil in den Müll geworfen, nehme ich den Rest, stapfe an den Rapsfeldern vorbei, überquere den Saupfad und komme dann zu der Einfahrt des Gartens. Mein Vater hatte das Grundstück geerbt. Dort konnte er mich beackern und so tun als verstünde er, was er sonst so macht. Tatsächlich hatte mein Vater schon alles getan, um auch sein Resthirn möglichst schnell der Wissenschaft zu vermachen. Er stierte mich an wie der leibhaftige Tod und seine Stimme klang wie die eines Roboters, wenn er dieses Teil an den Hals hielt.

Heute stelle ich in dem ganzen Garten Mäusefallen auf und verbringe Stunden damit zu beobachten, wie der Mond alles entfärbt. Ich liege auf dem Dach des Autos und denke mir aus, was die Wolken zu bedeuten haben.

Ich bin 36 Jahre alt, und wenn nicht bald etwas passiert, dann verliere ich die Kontrolle über alles. Wenn ich nichts mache, dann machen alle anderen etwas. Das war schon immer so. Ich kenne das. Wenn ich es vergessen will, dann leere ich das Sixpack, steige in das Auto und ziele die verdammten Viecher weg.

Ich schlafe ein, wenn das Fenster nicht offen ist. Aber ich liebe es, wenn der Wind an den Haaren zieht. Wenn er sie so durchkämmt, wie mit einer Riesenhand, und an meinem Kragen zerrt, also wollte er mich zurückhalten. Aber ich habe das Auto, und mit ihm lasse ich die Alleen aufblitzen, und die Hasenaugen leuchten.

Einmal ist ein Hase hochgeflogen, an die Frontscheibe geplatscht, und mit einem fetten Geschmiere hinter mir gelandet. Ich bremste ab, stieg aus, und trat dem dämlichen Löffler auf den Kopf.

So kann das nicht weitergehen. Ich bin 36 Jahre. Ich habe weder Gören, noch ein Haus, noch ein richtiges Leben. Eine Wohnung mit Zimmer, Küche und Bad, kann das nicht ersetzen. Aber so sehr ich überlege. Er will mir nicht einfallen, der Kunstgriff, der vonnöten wäre. Also ziehe ich mir wieder die Stiefel an, stecke das Fahrtenmesser meines Vaters in den Schaft und fahre wieder los. Damit die Dinge sich ändern. Verdammt, ich bin 36 Jahre alt.

 

 

 

Anfang 45. von 300

Ich hatte nicht viel Geld dabei, und war auf der Suche nach dem günstigsten Sex, den diese Stadt bieten konnte. Deswegen sah ich in die Schaufenster, begutachtete die jungen Mädchen und fragte sie nach ihren Preisen. Das Rot der Beleuchtung vertuschte natürlich ihr Alter, und der Rausch, der in meinem Kopf hin und her schwappte, tat sein übriges. Es war leicht meine Urteilskraft in Frage zu stellen. Und ganz zum Schluss war es natürlich nur noch eine Frage des Preises. Daher hatte die Auswahl wenig mit meinem persönlichen ästhetischen Empfinden zu tun.

Zar-Zar war bestimmt nicht ihr Name. Aber sie war eine schweigsame Frau im geschlechtsreifen Alter, und ich wollte nicht viel reden. Nur weil sie darauf bestand, wusch ich mich. Aber ich glaube kaum, dass ich irgendwelche Krankheiten in mir tragen konnte, die die Schranken zwischen ihrer und meiner Rasse überwinden hätte können. Ich liess mein Gewand zu Boden fallen, stand nackt vor ihr und drehte mich zum Waschbecken um. Vorsichtig wusch ich meinen Genitalien, die ihre Bereitschaft auf das Folgende noch nicht zeigten. Ich beugte mich vor, um mich überall kräftig einzuseifen, und war sehr angetan davon, dass Zar-Zar sich bereit erklärte mir zu helfen. Tatsächlich war das schon das Vorspiel, denn sie achtete auch auf die Reinlichkeit der Stellen, in denen ich ein Eindringen nicht gewohnt war.

Ihre gespaltene Zunge flitzte mir über die unrasierten Wangen, leckten an meinem Salz. Mir fiel wieder ein, was ich über ihre Art wußte. Die Begeisterung für die rauschhafte Wirkung des Salzes erweckte in mir leichten Ekel, den ihre lange Zunge wickelte sich dreimal um meinen Hals. Sie riss meinen Kopf bedrohlich zurück, glitt unter meine Arme, leckte auch dort. Ich war schon drauf und dran den Preis neu  zu verhandeln. Schließlich labte sie sich an mir. Aber was dann kam, das war jede Öre wert, denn mein Hirn schnappte über und ich brabbelte wirres Zeug, bis es zu dem kam, weswegen ich hier war.  Ich explodierte im wahrsten Sinne des Wortes und brüllte den Namen meines Hergottes.  Voll der tierischen Inbrunst, die sie in mir geweckt hatte. War ich animalisch!

Ich hatte das Laken durchgeschwitzt, als ich wieder zu mir kam, und der Ventilator klapperte in einem hektischen Takt über uns. Es war mir bekannt, dass die Nächte keine Kühlung brachten, aber nass wie ich war wollte ich nicht mehr aufstehen. Sie dagegen saß bereits an einem Display. Die Rückenrüssel hatte sie schamhaft unter einem Tuch verborgen, und mit dem herabfallenden Haar, gelangte sie genau in die zärtliche Phase, die ich im Zustand der Erschöpfung immer danach empfand.

Ich fühlte mich klebrig, aber ausgelaugt und durch die Hitze zur Rückenlage gezwungen. Mein Körper lag schutzlos auf der Bettdecke, aber ich hätte es nicht gewagt, ihn zuzudecken. Ich wäre an der Wärme gestorben. Brennende Monde nannten die hiesigen Einwohner das Phänomen. Mein Shuttle hatte sich in einem gehörigen Abstand zu diesen Gebilden bewegt. Ich konnte nicht erkennen,  ob sie wirklich brannten.

Es war ratsam, unter dem Gewand der Hohenpriester nichts weiteres zu tragen .Jeder Schritt hätte sonst zu einem qualvollen Reiben der Textilien am  Körper geführt. Nun glich ich einem  nackten, demütigen Pilger.

Da meine Kirche hier nicht bekannt war, nahm ich  mit jener Währung vorlieb, die sich in kläglicher Zahl noch in meiner Tasche befand. Zar-Zar schien die Öre des dänischen Friedens zu schätzten, und so kamen wir ins Geschäft. Meine Priesterkleidung sagte ihr nichts, daher wog sie sich in Sicherheit.

Die genetische PräDisposition war die Lehre, die mich zum Werkzeug unseres zukünftigen Erlösers machte. Ich war einer der Missionare, die sich im Auftrag des einzigen Gottes auf dem Weg in die Randgebiete der bekannten Galaxie machten. Mein Gewand war ärmlich, denn die Buße, an der ich schwer trug, verbat mir eine ganze Reihe Annehmlichkeit. So auch die Möglichkeit persönliche Beziehungen einzugehen, die über das Produktive hinausgingen.

An der Zeugung unseres zukünftigen Erlösers beteiligt zu sein, würde meinem Leben den Sinn geben, auf dessen Suche ich mich vor vielen Jahren begab.

„Das was du denkst, ist nicht möglich!“

Ich stützte mich auf meine Ellenbogen „Pardon?“

„So heilig ist dein Sperma nicht, als das es die biologischen Grenzen überwindet. Tut mir leid. Und da kannst du tausendmal seinen Namen beim Orgasmus jubilieren.“

Sie hatte sich zu mir umgedreht, und nun sah ich ihr T-Shirt, auf dem die Symbolik der genetischen PräDisposition wie auf einem Schild durchgestrichen war. Sie war eine Verweigerin. Entweder ich hatte das nicht bemerkt, oder sie hatte es sich erst jetzt angezogen. Vielleicht schwieg sie deshalb.

Sie näherte sich mir, ohne dass ich ihr Gesicht erkennen konnte. Nur ihre Augen hatten diese Glühwürmchenpunkte, die typisch für ihresgleichen waren. Die Glühwürmchenpunkten hatten eine Bedeutung, je nachdem in welcher Farbe sie strahlten. Das grünliche Schimmern bedeutete Ärger? Liebe? Sex? Ich konnte mir das nicht merken.

Zar-Zar setzte sich an den Bettrand ohne mich zu berühren. Aber ihr Blick war unablässig auf mich fixiert.

„Das könnte in einer religiöse Diskussion ausarten? Willst du das?“

„Mit dir?“ Keine Ahnung warum, aber der Gedanke erregte mich sichtbar.

„Mit mir. Oder traust du mir das nicht zu?“

Ich schwieg und sah an mir runter.

„Ich frage mich, warum ihr es nicht zuerst mit euren dämlichen Kühen und Schafen auf der Erde getestet habt. Das hätte euch schon einiges erklären können, von dem was ihr nun einfach so verschleiert. “

„Haben wir, ich meine, wir wußten es. Es gibt Dinge, die sind unmöglich, aber wer sagt, dass unsere biologischen und physikalischen Regel im All gelten? Es ist vollkommen unmöglich, dass Engel mit Menschen Kinder zeugen. Trotzdem erzählen genau das unsere Bücher, also was willst du mir sagen? Das das göttliche Puzzle keine Varianten zu lässt?“

Zar-Zar bemerkte alles und nahm es in die Hand.

„Du willst Nachwuchs mit mir zeugen? “

„Wollen? Ist es nicht wichtig dem Leben und unserem Erlöser seine Chance zu geben? Er soll außergewöhnliche Fähigkeiten haben. Wie, wenn nicht so, sollte das zustande kommen? “

Undsoweiter undsoweiter. Ich verlor den Faden, als sie ihre Rüssel wieder offenbarte und sie einsetzte. Meine Augen kippten ohne den restlichen Körper nach hinten. Das war ziemlich übel. Und schön. Schwarz und Tanzen waren auch noch zwei Dinge, die mir einfielen. Ich konnte sie aber in keine Verbindung bringen. Ich konnte mir überhaupt nichts mehr zusammenreimen. Verflixt.

Anfang 44. von 300

„Dieses elende ADHS-Kind! Was erzählt er da? Was, frage ich dich, erzählt der da?“
Die Sache war die: Ich hatte von dem Business keine Ahnung. Ich halte mich mit der Tatsache über Wasser, dass es Leute gibt, die entweder bestimmte Dinge nicht tun wollen oder nicht in der Lage sind sie zu tun.
Ich grabe dir also gerne den Garten um. Wir müssen es aber nicht dabei belassen. Ich bin vielseitiger. Wesentlich vielseitiger.
Ich wollte mir das mal anschauen, was Mikesch so macht. Er schuldete mir mittlerweile mehr als nur einen Gefallen, und guckte mich dieser Tage an, was andere Menschen für ihren Lebensunterhalt tun müssen.
Mikesch traf ich immer nur an ganz obskuren Orten. Clubs, Kebabläden oder Nagelstudios. In letzteres fuhr er seine unzähligen Schwestern. Er hatte mehrere, alle bildhübsch, aber mir verriet er noch nicht mal ihre Namen. Aber wir trafen uns da, während er gelangweilt in Modemagazinen blätterte, deren Sprache ich nicht kannte. Nagelstudios hatte ich noch nie zuvor betreten.
Er verdient sein Geld im Musikgeschäft. Sagte man mir. Rap, sagte man mir.
Nun habe ich keine Ahnung von Rap. Von Musik im allgemeinen wahrscheinlich auch nicht. Ich höre seit Jahren die letzten Alben von Johnny Cash, und da führt einfach kein Weg vorbei: Der Johnny Cash ist Gott. Oder war es Zeit seines Lebens. Rap ist für Wichtigtuer, denen der Schwanz fehlt etwas im Leben richtig zu machen. Nur Gelaber.
Um mir etwas zu erklären, lud mich zum Fernsehen ein. Und Fernsehen heißt bei ihm, dass man quasi im Bild drin sitzt. Ich weiß nicht, wann das losging, mit diesem Wunsch nach dem eigenen Kino, aber die Technik heutzutage ist wirklich abgefahren. Ich versank in einem Sessel, der mich in die Tiefe ziehen wollte und sah mir ein Interview an, in dem die Moderatorin einem professionellen Nägelkauer richtig gute Fragen stellte. Das Kind war zwar schon 32, aber warf der klugen Frau und seinem Publikum immer noch einen Hündchenblick zu. So ein Blick, der unverhohlen ausspricht: „Verzeiht mir, ich muss das tun.“
Seine Gesten waren groß, seine Sprache gespickt mit Ausdrücken, die ich nicht kannte. Manche davon schlugen bei mir Saiten an, die mich dazu brachten, den Rest seiner Rede in Frage zu stellen. Wären wir vor Gericht gestanden, und ich sein Anwalt, dann hätte ich ihm ein durchgängiges Redeverbot erteilt. Das war eine üble Nummer aus Abgebrühtheit und Mamas Liebling.
Nach einigen Minuten war er bei mir durchgefallen und es wurde nicht besser. Mikesch deutete ein „Ssschttt“ an, um mich leise zu stellen. Er sah mir wohl an, dass ich all das in Frage stellen wollte. Aber ich hielt meinen Mund. Scheinbar stellte er mir gerade seinen wichtigsten Goldesel vor und wartete jetzt auf eine ganz bestimmte Stelle
Während bei ihm die Spannung stieg, machte ich im Kopf einer Inventur, von den Dingen, die hier in seinem Büro herumlagen. Playstation, X-Box,  verschiedene, ungeöffnete Sportschuhe mit bekannten Markennamen, aber auch Zeug, das wohl aus Korea oder einem anderen Ort importiert wurde. Eine Shisha, die ziemlich verdreckt in der Ecke stand. Polstermöbel, die dich fraßen, wenn du in sie reinplumst. Diese aber in einem cremigen Weiß, wie es meine Oma schon liebte. Und dazwischen technischer Klavierlackkram. Notebooks, Smartphones und ähnliche DInge, die man so oft in den Händen hält, dass sie nach einem halben Tag vor Fettspuren glänzen. Hier jedoch war alles klinisch sauber. Es schien alles gut zu laufen. Wenn jemand hereinschaut, dann wurde Mikesch mit „Big Mikesch“ angesprochen.
Wie Popcorn-Kino, nur in echt.
An einer bestimmten Stelle des Interviews verlor er vollkommen die Beherrschung. Er stöhnte wie ein Mann so stöhnt, wenn er seine leibliche Fülle erreicht.  Sehr animalisch, und griff in eine Schüssel, die wohl Go-Steine enthielt. Wie ein prasselnder Regen knallten die Dinger an den Fernseher.  Tote Pixel waren jetzt kein Thema mehr, sondern schlicht vorhanden.
Er fluchte in einer Sprache, die viel vermuten liess. Aber sich mir nicht erschloss. Ich hatte einfach etwas verpasst und zwischen Xbox und purem Neid den Faden verloren. Ich war draußen.
Aber Mikesch wollte nun ständig wissen was der kleine Wicht gesagt hatte.
„Hat er gesagt, das er aufhört? Hat er das gesagt? Hat diese kleine Tunte gesagt, das sie aufhört?“
Ich hatte nicht den blassesten Schimmer, was der von sich gegeben hat. In solchen Fällen schaut man im Netz nach. Folglich zuckte ich mit den Schultern,und bereute jede Minute, die ich dem Unsinn widmete.
Aber Mikesch war außer sich. Er war ein großer, schwerer Kerl im Maßanzug. Aber wenn er sich ärgert, dann passte gar nichts mehr. Und die Muskeln unter dem Anzug blähten sich auf, als wollten sie ihn zerreißen. Es war wie bei diesem grünen Monster.
Er brüllte jemanden herbei, der aussah, als käme er gerade von einem Hanteltraining und liess sich von ihm einen Energydrink bringen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass dieses flüssige Zuckerzeug den besten Geist mürbe macht. Nachdem ich einmal meine Zunge in diesen Kram getunkt hatte, weigerte ich mich fortan, mich damit näher zu beschäftigen. Diese Brühe macht die Menschheit zu Killer. Ich bin wirklich, wirklich fest davon überzeugt.
Und das beste Beispiel dafür war Mikesch, der drauf und dran war mir einen Auftrag zu geben.
„Der Typ taugt nur noch für Gedenkscheiben. Wenn er da rausgeht, dann verdienen wir keine Kohle mehr an ihm. Wenn du ihn direkt vor der Studiotür abknallst, dann werden wir Millionäre. Du und ich. Wir beide!“
Mir fiel es schwer mit solchen Vorschlägen richtig umzugehen. Die Logik war bestechend, und ich erblickte gerade ein Teil von Mikeschs Genie. Vom Sofa aus gesehen, vor der X-Box und der Playstation, war er gerade dabei, die Geschichte der deutschen Rapmusik auf ein neues Level zu drehen. Ich war so erschüttert von seiner  Radikalität, dass ich einfach nur fragte:
„Soll ich?“
Er hob beschwichtigend eine Hand, die so groß wie mein Kopf war, und lauschte wieder dem Fernseher. Seine Mimik glich einem störrischen Rindvieh. Er signalisierte den Aufprall. Den Moment. Den Break-Even-Point.
Ich stand auf und ging zur Toilette. Auf dem Weg dorthin versuchte ich mir klar zu werden, ob meine Sorgen unbegründet waren, oder irgendjemand tatsächlich gerade in meinem Leben rum scratchte.
Gemessen an der Kohle, vermutete ich, würde ich es wohl nicht verhindern können, dass ich es machen würde.  Was interessierte mich diese überdrehte Ratte?