Anfang 12. von 300

Anfang 12. von 300

Für Christine Koller: Sichel, Knollenblätterpilz,Kopftuch,Schornstein, Kartoffelsalat.

Du bist verrückt! Einen Knollenblätterpilz?“

Törnt…“

Rede gar nicht weiter, eine Prise davon und du bist Abfall!“

Paul nannte es einen der typischen Abende. Wie immer saß niemand im Wohnzimmer. Sie hatten die Brettspiele aufgebaut, aber es ging nur um die Salzstangen, das Bier in der Badewanne und die Küche. Karin suchte den Pfefferstreuer, Peter den Zucker für den Kaffee und Akif schrie nach dem Flaschenöffner. Nur der zuckende Klaus stand fasziniert hinter dem Mischpult, regelte was, wo es nichts zu regeln gab, und Birgit und Cenk hatten sich verdrückt. Der Kartoffelsalat stand neben den Frikadellen auf dem Tapeziertisch.

Dagegen lehnte sich Paul an den Schornstein. Sah sich den Fernsehturm an, und verliebte sich gerade in die Mitte. Wo die Sonne eben noch klar zu sehen war, vermischte ein wilder Impressionist die Farben. Und knapp über die Bügelflasche betrachtet, war das Leben wunderschön.

Die Dächer Berlin waren anders als alle Dächer, die bisher kannte. Sie wirbelten Wortfetzen zwischen sich hoch, die einem unbekannten Rhythmus folgten. Er lauschte in die Nacht.

Das ist ein verrückter Druide, der rennt noch mit der Sichel durch den Wald!“

Rede keinen Mist!“

Doch, der wollte mir einen Knollenblätterpilz andrehen! Einen Knollenblätterpilz! Der ist krank, der frisst alles, was ihm das Hirn wegbläst!“

Unweit von Paul saß ein Mädchen mit einem Kopftuch. Sie hielt sich umschlungen, als müsste sie sich wärmen. Er betrachte sie mit Wehmut, und das Bier tat sein übriges. Ein Profil, dachte er, wie eine Göttin. Aber er hatte schon viel getrunken. Und das wußte er auch.

In Berlin studieren war ein früher Traum. Er hatte ihn geträumt, er hatte daraufhin gearbeitet, er hatte es geschafft. Er saß am Schornstein. Er war in Berlin, die Party tobte. Die Nacht war voll Musik. Der Himmel unverkennbar hell. Keine Sterne zu sehen. Nicht wie bei ihm daheim. Ein Himmel, der nichts preisgab, weil die Stadt sich offenbarte.

Hast du Feuer?“

Das Mädchen schüttelte den Kopf. Und in der heftigen Bewegung fiel ihr eine Locke unter dem Tuch hervor. Wie eine Tuschezeichnung in der Silhouette.

Paul schmunzelte. Er stand auf, wankte, hielt sich am Schornstein, dachte an Deichhühner und bewegte sich auf sie zu. Ein kurzes und ein langes Bein. Er musste grinsen. Sie wären wie geschaffen für diese Dach. Diese Deichhühner.

Er rutschte ab. Legte den Finger an den Mund, als sie erschrocken zu ihm sah. Rutschte wieder. Fing sich. Breitete die Arme aus. Fing sich. Und stand im Licht einer vergehenden Sonne. Er grinste.

Sie war aufgesprungen.

Kein Problem!“ sagt er. Sie starrte ihn an. „Kein Problem! Warte…“

Und wieder. Er schlug die Länge nach hin, biss sich auf die Zunge, sah den Fernsehturm, während seine Hände in die Leere griffen, kratzte über die Ziegeln und spürte nichts mehr unter seinen Füßen.

 

Advertisements

Anfang 11. von 300

Anfang 11. von 300 für Katharina Rambeaud: Gänseblümchen, Rettungssanitäter, Sprunggelenk, Tigerauge, Radiergummi

Im Haus nebenan hatten sie einen Strauß Gänseblümchen in die Vase gestellt und diese auf die Veranda, damit man es von der Straße schon sehen konnte. Der Sommer war schwül und heiß. Die Feuchtigkeit sass im Hemd als gehöre sie da hin. Nicht mal das spanische Moos in den Bäumen zeigte eine Windbewegung. Tagsüber schaukelte Andrew auf der Veranda, spielte mit dem Smartphone und lauschte den Telefonaten seiner Mutter.

Sie lehnte am Kühlschrank, stellte mit einer Hand den Wasserhahn an und aus, und sprach über George. Er war einfach gegangen. Krabben aus der Brühe, meinte er, geht gar nicht. Es ist etwas passiert. Er war ein Krabbenfischer und ein Bulle von einem Kerl. Dunkel wie Mahagoni, ein Tänzer von Gottes Gnaden. Er war für den Two-Step geboren. Er war eine Naturgewalt auf der Tanzfläche, ein Kerl, der den Boden beben liess und jeder Frau zuzwinkerte. Dann zog er sich die Uniform an, und ward nicht mehr gesehen. Seit einem Jahr. Der Sold kam regelmäßig. Die verdammten Bilder im Fernsehen auch. Seine Mutter verbarg ihre Tränen und dämpfte ihre Worte. Im Topf war noch etwas Jambalaya, sie würde es später warm machen. Mit Krabben aus Asien.

Andrew sprang auf. Kickte eine Büchse von der Veranda und ging runter zur Straße. Der Nachbarskatze warf er einen so fiesen Blick zu, dass das Tier zuckte und blitzartig mit einem gebauschten Schwanz unter dem Haus verschwand. Andrew grinste. Aber sein Bruder würde bald kommen.

Sein Bruder hatte alles von George, den wiegenden Gang, das freche Grinsen. Und den Blick zum Himmel, der gespielte Verzweiflung offenbarte. Er tänzelte mehr, als das er ging. Vielleicht ein bißchen zu provokant. Seine Mutter stemmte hin und wieder die Hände in die Hüften, und fragte, ob der junge Mann, der sich da nicht benehmen konnte, wirklich bei ihr wohne. Aber sie lachte ihr kehliges Lachen. Und Welt war so rund und in Ordnung, wie ihr Gesicht, wenn es so strahlte.

Als Carl nun seinem kleinen Bruder entgegen kam, da fehlte dieses Federnde im Sprunggelenk, die Leichtigkeit, die ihn so oft voran trieb. Er kam näher als ob er eine Bürde trug. Sein Schritt war schleppender als jemals zuvor. Für Andrew streckte er den Arm aus, umarmte den Junge, legte die Hand auf seine Schulter und führte ihn zurück zum Haus.

Hey, Beat! Alles okay daheim?“

Sie waren alle Tänzer gewesen in dieser Familie. Andrew war der Poet. Ein kleiner, abgefahrener Rapper, der den Reim in den Beat zwingt. Daher Beat. Was sonst?

Sie weint.“

Das tut sie immer, oder?“

Andrew nickte mit dem Kopf, wollte die Stufen heraufspringen, doch Carl hielt ihn zurück.

Sie setzten sich nebeneinander. Jetzt, als er es ablegte, konnte Andrew erkennen, dass Carl sein Uniformhemd in der Hand zusammengeknüllt hatte. Er war Rettungsanitäter. Er war damals, als hier alles unter Wasser stand, geblieben. Und er blieb bis heute.

Er hatte sein durchschwitztes T-Shirt an. Es spannte an den Armen und zeigt das Tigerauge mit Andrews Geburtsdatum darunter. 29.August 2005. Die Welt ging unter, die Palmen bogen sich zur Erde, die Blätter flogen wie Hagel an ihnen vorbei, und Andrew tat seinen ersten Schrei. Der kleine Rapper war geboren, wie ein Tiger in eine Welt geworfen, die nicht mehr für ihn geschaffen schien.

Ich werde gehen. Die wollen mich nicht mehr haben, Beat.“

Andrew sah ihn fassunglos an. Er war zu alt um nicht zu verstehen. Es gab keinen Moment, in dem er nicht gewusst hätte, um was es geht.

Du bist verrückt.“

Schau, Dad ist dort. Alles ist okay. Es passiert nichts, und wir brauchen das Geld.“

Andrew zuckte, schlug mit der Hand auf das Holz und schluckte Wörter und Flüche hinunter. Er zuckte noch, als Carl ihm wieder den Arm über die Schulter legte.

Beat, hör auf! Bitte höre auf damit!“

Das Wort war mehr gespuckt als gesagt: „Wann?“ Es bestand aus Silben, die er hervorbrach, die nichts mehr bedeuteten außer alles, was er für sich behielt.

Bald!“ Carl griff in die Tasche zog einen zerknüllten Zettel raus, entfaltete ihn auf seinem Knie.

20.August? Du bist verrückt, das ist vor meinem Geburstag. Sag, du hast den Brief nie bekommen. Sag es. Radiere es aus. Mache ein neues Datum rein, Carl.“ Er reichte ihm ein Radiergummi. Hielt es Carl hin.

Der nahm es nicht.

„Beat! Das geht nicht. Du weißt das. Du bist clever. Du weißt, das wir hier keine Chance mehr haben. Sie brauchen mich hier nicht mehr. Andere haben jetzt den Auftrag. Hier ist es vorbei. Und das ist die einzige Chance. Sie brauchen Sanis dort. Das weißt du.“

Andrews Anlitz zerbrach, sein Kehle zuckte. Seine Augen weiteten sich, enthielten nur noch Angst. Er öffnete den Mund, brachte kein Ton mehr raus.

Beat!“ schrie Carl.

 

Anfang 10. von 300

10. von 300 für Maruschya Markovic: Wald, Musik, Sehnsucht, Dunkelheit, Winter

Die ursprüngliche Idee dahinter, früher, vor uns – meine ich – war ein Trailerpark.“ Er deutete hinter sich, aus dem Fenster hinaus „Aber jetzt sind wir die verdammte Wabentechnik los. Gottseidank. Sehen sie. Es geht nicht mehr um Start und Landung.“

Ihr Blick auf ihn wirkte irritiert. Sie folgte ihm zwar, schien ihn aber nicht zu verstehen.

Warum erzählen sie mir das alles?“

Weil sie mit einer Waffe auf mich deuten!“

Ich hatte sie nicht darum gebeten!“

Nein, sicherlich nicht, aber ich verstehe weder ihr Anliegen, noch wie sie auf das Schiff gekommen sind. Und sie bitten ja auch nicht. Sie sitzen einfach nur da. Aber von hier aus geht es nicht weiter. Das sollte ihnen klar sein. Wir landen nicht.“

Als ihre Blicke sich trafen, für eine Zehntelsekunde vielleicht, glaubten sie sich zu kennen. In dieser Zehntelsekunde sah sie in die Augen ihres Vaters, und er in die Augen seiner Tochter. Aber wie sie kurz blinzelte, sich von ihm abwandte und dann kälter als zuvor auf ihn sah, da wußte er, dass er sich getäuscht hatte. Seine Tochter war Welten von ihm entfernt. Und hatte aufgehört mit ihm zu sprechen.

Ich möchte nicht landen.“

Nun, wie gesagt, das werden wir auch nicht. Schauen sie, im Grunde bewegen wir uns auch nicht. Das mag sie verwirren, aber es geht hier um Effizienz. Ihnen ist das vielleicht nicht klar, aber auch wenn wir ein Ziel haben, so sind wir doch schon angekommen.“

Unter ihrer Pupille sammelte sich ein feuchter Glanz, und nun war er es, der sie irritiert anblickte.

Sie weinen?“

Nein!“

Das war keine Frage, junge Frau, sie weinen!“

Er hielt ihr ein Taschentuch hin, sie stiess seine Hand weg und stand auf. Er hatte recht. Das Schiff hing in einer tiefen Dunkelheit. Wie vor der Scheibe eines Aquariums fühlte sie sich von allem ausgeschlossen was dahinter geschah. Sie sah ein emsiges Treiben. Kleine Boote, die um ihr Schiff kreisten wie Insekten. Lichter, die versuchten etwas zu erhellen und sich einfach im Nichts verloren. Und Planeten. Ferne Planeten. Von denen kein Ton, keine Nachricht hierher gelangte, außer einer Sehnsucht nach einer neuen Welt.

Sie liess ihn nicht aus den Augen. Doch auch er beobachtete sie nur. Er machte keine Anstalten, sie zu stoppen oder ihr zu folgen. Er dachte, dann vielleicht warten.

Es war einfach.“ fing sie an. „Es war viel zu einfach. Es bedurfte Planung, gute Vorbereitung. Ich schlief mit dem Richtigen, und knackte ihr Schiff. Das war es wert.“

So einfach geht das?“

Nicht ganz.“ Sie fuhr sich mit der freien Hand durch die kurzen roten Haare. „2087 wurde die Einheitskiste für Versorgungsgüter eingeführt. Sie ist standarisiert unter Berücksichtigung dessen, das niemals ein Mensch da hinein passt. Es gab Tests und Untersuchungen und eine qualitativ hochwertige Doktorarbeit, die alle Varianten beschrieb, die ein Mensch als Liegepositon schätzt. Sie hat den Vorteil, das man alles, wenn man es zerlegt, darin transportieren kann. Und sie ist frei erhältlich. Sie ist luftdicht, und wird eher nachlässig nach Lebenszeichen gescannt. Eigentlich wird sie nur auf Wärme und Herzgeräusche überprüft. 2095, da war ich 15 Jahre alt, war die Kiste kein Problem mehr. Ich habe zwei Rippen weniger. Narbenlos. Das reichte. Es ist eine reine Zirkusnummer.“

Und die Luft?“

Dürfte ihnen bekannt sein. Die variable, komprimierte Saustofftasche passt sich jeder Form, Kleidung und Gegebenheit an. Ich nahm eine mit. Aber das war eher erschreckend.“

Warum haben sie zwei Rippen weniger, um Gotteswillen?“

Es ist eine sexuelle Spielart. Körpermodifikation. Keiner fragt, warum sie sich das machen lassen. Jeder denkt nur an das klassisches Korsett und eine Wespentaille.“

Aber wieso sind sie hier?“

Gibt es hier Kameras? Können sie sie ausschalten? Sie sind der Kommandeur!“

Es würde auffallen.“

Aber nicht sofort, oder?“

Sie zog ihn vorsichtig am Kragen hoch, drängte ihn zur Tür „Schalten sie alle bis Hangar 9 aus“.

Hangar 9 ist außer Betrieb!“

Ich weiß.“ Sie lächelte ihn plötzlich an, nahm seine weiche Hand und legte sie vorsichtig auf den Scanner.

Ein Teppich aus fremdländischen und vertrauten Klängen begleitete sie auf den Weg zu Hangar 9. Sie kannte diese Musik. Es war die Mischung aus Naturgeräuschen und unaufdringlichen Melodien, die den Stunden einen Rhythmus und eine Angleichung an Tag und Nacht geben sollten. Gemessen an diesem Modus war nun Nacht, und nur einige Schichtarbeiter kam an ihnen vorbei. Die Waffe schmiegte sich an ihre Hand und passte sich automatisch den Bewegungen des Kommadeurs an, so dass er sie nie los wurde.

Sie zog die Tür zu Hangar 9 manuell zur Seite. Sie war nicht verschlossen, schien aber auch unbenutzt. Kalte Luft strömte ihr entgegen. Er zuckte die Schultern.

Es ist Winter. Was hatten sie erwartet?“

Sie lächelte wieder, trat hinein, streckte die Hand aus, fing eine Flocke auf und sah dem kleinen Kristall beim Schmelzen zu.

Sie werden in diesem Wald umkommen!“ sagte er mit trauriger Stimme. Er kam sich viel älter vor als noch vor einer Stunde.

Aber es ist der Letzte“ flüsterte sie und senkte die Waffe.

Anfang 9. von 300

9. von 300 für Mareile A. Raphael: Sperling, Fantasie, Seelenverwandte, Korb , Hochbeet.
 
Chetimus 5 bremste ab, rollte aus, hielt seine Nase in die Luft und hetzte wieder um das nächste Hochbeet. Er war leise, wurde langsam, zog die Schultern an und blieb stehen. Mit spitzen Ohren schaute er über die Erde. Seinen Augen forschten, fokussierten sich und warteten. Er rührte sich nicht. Die LEDs waren runter gedimmt, so dass nur noch ein schwaches Leuchten von ihm zu sehen war.
 
Er bewegte sich nicht mehr. Er könnte eine Drohne starten. Eine Option. Eine sehr kleine Drohne. Er könnte den ganzen Raum mit Drohnen fluten. Er spielte es durch. Zog die Figuren durch die Felder und verwarf es. Er ging die Varianten durch und suchte den Fehler. Das Glasdach war geschlossen. Der Mond arbeitete sich, wie jede Nacht, schleichend von der einen Seite des Hauses zur anderen. Heute hatte er die volle Größe erreicht, alle Pflanzen warfen kleine. dunkle Schatten auf die Erde und wogen sich leise zur Musik. Es machte den Basilikum robuster, wenn er kontinuierlich bewindet wurde. Nur die Musik war Aberglaube. Trotzdem schwor jeder darauf, dass dieser Basilikum intensiver roch, sich stärker auf den Geschmackswurzeln austobte und der asiatischen Küche den speziellen Kick gab. Chetimus 5 ignorierte den Geruch, er filterte ihn ebenso aus wie die Musik.
 
Noch immer verharrte er. Die Protokolle flogen vor seinem inneren Auge vorbei. Seine Hinterläufe pulsten vorsichtig. Er musste die Temperatur beibehalten. Die Physik machte immer die größten Probleme. Die Gummimatten zwischen den Hochbeeten dämpften seine Rollen, so dass er sich fast lautlos auf die Körbe zu bewegen konnte. Er kickte sie vorsichtig an, sah hinein, tastete sie mit einem Laser ab. Scannte sie mit Schall und wand noch ein kompliziertes Verfahren an, das etwas mit Volumen und Gewicht zu tun hatte. Aber er fand nichts.
 
Er wusste, dass Hunde in der größten Verwirrung ihren Schwanz jagten. Er war kein Hund. Sonst hätte er jetzt gejault. Er hielt still. Wieder Protokolle, Reports. Er liess das Innere seiner Schnauze mahlen. Die Zahn-Ketten bewegten sich auf einer dünnflüssigen Gleitschicht, die sich in der Geschmackserfassung sammelte. Er liess die Flüssigkeit mit einer abrupten Bewegung in den Restverwerter gleiten. Und wartete. Er besass eine unendliche Anzahl an logarithmischen Darstellungen, Wahrscheinlichkeitsberechnungen, aber keine Fantasie. So musste er warten. Er ging die Datenbanken durch, glich Bilder ab, und arbeitete sich durch Verhaltensmodelle. Das ging sekundenschnell. Chetimus 5 hatte definitiv eine Menge Vorteile gegenüber einem richtigen Hund.
 
Sein Warten wurde kurz darauf belohnt. Seine Augen schnellten heraus, als wären sie an einem Gummiband, und bogen sich zu dem Hochbeet links von ihm. Der ganze Kopf folgte kurz darauf. Der Sperling, grau, zerrupft, erstarrte mit einem dümmlichen Blick. Sie sahen sich an. Chetimus 5 Augen gingen vor und zurück. Er überprüfte die Fokussierung, suchte Bewegungsdaten, doch der Sperling stand im Wind wie eine kleine Statue. Die Federn wurden im Takt der Musik kurz angehoben, und das Basilikum schunkelte in friedlicher Einigkeit um ihn herum. Chetimus 5 öffnete die Schauze. Die Gleitflüssigkeit perlte an dem Metall seines Unterkiefers ab. Des Sperlings Schnabel zittert, er schloss die Augen. Und fiel um.
 
Chetimus 5 zuckte zurück. Das war ein Sperling. Sein Kopf fuhr nach links und rechts. Sperlinge fliegen. In der Regel weg. Er öffnete die Schnauze und aktiviere die Warmluft. Hauchte den Sperling an und beobachtete sehr genau, wie sich die Brustfedern anhoben und senkten. Seine Vorderläufe stützten sich auf das Hochbeet. Kontamination war eines der Wörter, die an ihm vorbei rauschten. Sperling und Kontamination. Er öffnete vorsichtig die Schnauze, besprühte den kleinen Vogel mit Flüssigkeit und seine Zahnketten testeten die Konsistenz des Kleinen. Knochen, wenig Haut, Flügel. Sein gummierter Zungenlappen sog sich um den Vogel zusammen, und diesen in die geöffneten Reihen zwischen Kiefer und Unterkiefer. Er spürte in seinen Sensoren ein kleines, warmes Pulsen im Brustbereich des winzigen Tieres. Und das führte zu einem helleren Leuchten seiner SchwanzLEDs. Etwas, was so gar nicht in seinem Script verzeichnet war.
 
Eigentlich war dieses die erste Begegnung zwischen Chetimus 5 und dem kleinen Sperling. Man konnte sie nicht seelenverwandt nennen, denn Chetimus 5 hatte keine Seele, aber die Tatsache, dass der kleine Sperling fortan in den Basilikumfeldern leben durfte, deutete auf etwas hin, was sich der logischen Deutung entziehen wollte.

Anfang 8. von 300

Für Sandra Foltin : Hoffnung, Liebe, Blut, Dämon, Strafe
 
Es war ein hagerer, alter Mann, der die Flasche wütend über seinen Kopf schwang. Er schrie aus Leibeskräften. Seine Zehen vergrub er fest in den Sand.Und er war drauf und dran die Flasche so weit wie möglich ins Meer zu schmeissen. So wütend wie er war. So breitbeinig wie er da stand.
 
Der Himmel über Den Haag hatte sich geschwärzt, zusammen gezogen und irgendwo hinter sich die Sonne verschluckt. Das letzte Drittel des Strandes gehörte den Menschen, die den textilfreien Umgang mit dem Wasser pflegten. Aber wie so oft, wie man es hier kannte, war es weder besonders warm, noch windstill. Somit war der Strand leer. Aber die Wellen hoch. Unweit von dem alten Mann wurden die Kitesurfer über die Wellen geworfen, und die Möwen kämpften gegen den Wind.
 
Es war eigentlich ein fast typischer Tag hier in Den Haag. Die Flasche, die seltsamerweise immer noch nicht im Meer lag, blinkte in fröhlichen Farben vor sich hin. In ihr kräuselte sich eine Art Rauch, und die Blitze, die sie in sich barg, hätten gut zum Himmel gepasst, aber nicht in diese Flasche. Tatsächlich warf der Mann die Flasche nicht. Er hielt sie weit von sich. Und da er nackt war, und hager, und seine Haut daher an ihm lag, wie zusammengezogen und falsch gefaltet, sah man wie das Herz das Blut in hektischen Stößen durch ihn jagte.
 
Er bleckte die Zähne, und erinnerte damit an seine Vorfahren, wenn sie Abscheu ausdrückten. Aber dann, er sog den Wind und den herannahenden Sturm ein, begann er wieder zu brüllen.
 
„Du bist ein Vampir!“ fuhr er die Flasche an. Mit Augen wie heraus gepresste Litschis. Er war außer sich.
 
„Nein,“ entgegnet ihm die Flasche dumpf und hektisch.“Ich bin doch kein Vampir. Vampire sind dumm. Mentalerotiker. Tote Menschen mit einem Fetisch. Ich bin kein Vampir. Schmeisst Hirn herab, meine Götter!“
 
„Du bist gottlos! Du fliegst zurück ins Meer! Du gehst dahin zurück! Du Unwesen!“
 
Er sprach einfach weiter. Und die Flasche ebenso.
 
„Ich gebe dir Geld! Reichtum! Macht! Apple! Viagra! Die richtige Pille für den Mann! Aktien! Ein Heilmittel für jede Krankheit!“
 
„Das kannst du gar nicht!“
 
„Keine Ahnung, nimm es doch einfach!“
 
Die dumpfe Stimme begann die Worte zu wählen und zu würgen. Alles gleichzeitig.
 
„Lass es uns mit Freundschaft beginnen. Mit Liebe…“
 
„Hier gibt es keine Liebe mit der Sünde!“ Der alte Mann schüttelte die Flasche entrüstet.
 
„Hör mal zu, du Gestell, du kannst Sex haben.“
 
„Mit dir?“ Der alte Mann schmiss die Flasche auf den Boden, kickte sie vor sich her, und war drauf und dran ihre gurgelnde Worte zu übertönen.
 
„Himmel, nein, mit wem immer du willst. Sex, Mann! Schau dich an! Gut, kein Sex, kein Sex. Fröne der Völlerei! Friss dich satt und kugelrund. Nein, reise, reise, reise, Mann. Nimm die AIDA! Mach das.“
 
Er stiess die Flasche ins Wasser. Die Wellen schoben sie wieder zu ihm. Nahmen sie wieder, aber schoben sie auch wieder zu ihm. Sie spielten mit ihm. So hatte er sie ja auch gefunden. Die Wellen. Nicht wahr, die warfen ihm das gottlose Teil, dass ihm alles einflüstern wollte, direkt vor die Füße.
 
„Mann, ich mache dein Körper so stahlart wie Arnies. Alter, Alter, vergiss das Alter. Jugend!“ Die Stimme schnappte fast über. „Jugend, Jungbrunnen, ewig, ganz , ganz ewig für dich. Skateboard, Longboard, Parkourrennen, alles für dich, alter Mann.“
 
Die Hand, deren Arm von Adern wie Baumwurzeln umrankt war, griff sich wieder die Flasche und schleuderte das funkelnde Dinge weit von sich.
 
„Hey, du altes Sackgesicht!“ kreischte es wie aus einem hohlen Fass.“Du mieses Drecksgestell. Du verdammte Leiche. Ich mache dich platt, wenn ich dich wieder treffe. Meine Strafe für dich wird fürchterlich. Du taube Nuss…“
 
Und so vergingen weitere 3 Jahre mit viel zu wenig Hoffnung für Jinnji, dem kleinen Dämon, der einfach nicht aus der Flasche kam.

Anfang 7. von 300

7.von 300 für Yvonne Lahmann: Erzengel, Troll, Wutanfall, Suzidversuch, Kettensäge

 

„Erzengel?“

„Oh?“

„Lege es weg!“

Der Erzengel senkte den Kopf, sah zu seinen Füßen und wagte kaum zu atmen. Seine Hände waren schweißnass. Er rieb vorsichtig den Daumen und den Zeigefinger aneinander, sah wieder langsam hoch und sog die abgestandene Luft verächtlich ein. Es war diese Lust einmal noch zu rauchen. Roch dafür an seinen Fingern. Nikotin hatte an den Innenflächen gelbliche Spuren hinterlassen. Sein Wasser würde hier drinnen verdampfen. Er würde sich auflösen. Es hatte seit einem Jahr nicht mehr geregnet. Nur Staub und Sonne. Überall.

Der Troll dagegen glotzte einfach nur aus dem Fenster. Die Idee mit dem Hippiebus war seine. In einer Welt, in der kleine Elfen mit Polaroidkameras herumrannten, würde ein VW-Bully überhaupt nicht auffallen. Sagte er. Und, lege das weg, Erzengel. Gewöhne dich an deine Rolle. Sprich mich mit Troll an. Nenne mich Vuldo.

Vuldo, der Troll und der Erzengel sassen sich gegenüber. Der Troll zog zwei Finger auf der Glasplatte auseinander, deutete auf einen Kreis und dann in das bleiche Anlitz des Erzengels.

„Du! Du stehst hier!“

Dann deutet sein haariger Zeigefinger auf sich selbst. Zitterte ein wenig über der eigenen Brust, und krümmte den langen Nagel nach innen. Der Erzengel beobachtete es genau. Dem Troll war nicht zu trauen. Bekam er ein Wutanfall, dann würde er wie eine Gummifigur im Bus gegen die Wände flippen. Eigentlich war der Troll das Klischee eines kleinen Mexikaners. Er betonte absichtlich die falschen Worte, baute Sätze zusammen, die schief klangen und sprach mit Absicht ständig von Tequilas, Chicas und Dollars. Seine Haare hingen struppig herab, seine Haut war braun und die Narben, die ihn zeichneten, zeugt von einem Leben hinter Gitter, mindestens einem Suizidversuch und was sonst noch so zählte. Er hatte seine Füße mit Schaumstoff und einer Heißklebepistole dreifach vergrößert, eine Lederweste und ein Tangahöschen aus demselben Material angezogen, und nannte sich nun Vuldo, der Troll.

Der Erzengel hatte Flügel, das Gesicht eines hageren Weissclowns, statt eines Schwertes eine Kettensäge und einen Umhang aus dem Samt eines elterlichen Vorhangs. Er begann sich aufzulösen. Dachte er. Und seine Schweisstropfen stiessen die Kreide aus seinem Gesicht, so dass er aussah, wie das Gemälde eines depressiven Malers. Er machte hier nur mit, weil ihm der Troll vor einigen Tagen noch clever erschien.

Mit einem Auge beobachtete er die schwarze Maschinenpistole, die so achtlos im Eck lag als könnte man sie greifen. Er würde nicht mehr die Hand danach ausstrecken. Oder sie, wie eben nehmen. Der Troll war wahrscheinlich verrückt. Aber der Troll sagte:
„Nicht mehr lange.“ Und dann spähte er wieder aus dem Fenster. Beobachtete die Straße. Die Palmen. Und die Elfen. Die mit den blauen, roten, grünen und gelben Haar.

„Jetzt“. Schrie er plötzlich. Der Troll. Riss die Maschinenpistole hoch, die Türen auf, und rannte los. Der Erzengel sprang hintendrein. Liess die Kettensäge heulen. Eilte dem Troll nach.

Und so begann er, der Überfall auf die San Diego Comicon.

Und das brüllte der Troll nun auch: „Überfall!“

Anfang 6. von 300

Für Alexandra Richter :Nebel, Blut, Liebe, Freundschaft, Neid

Der Stein flog ein Stück, wurde verschluckt und versank in einem undurchdringlichem Weiß mit einem leisen, fernen Platschen. Herr Filbinger fegte über die Wiese, jagte in den Nebel und ward nicht mehr gesehen.

„Filby!“ schrie Marie. Schlug den Schlüssel in der einen Hand gegen ihre Hüfte, und tat dasselbe mit der Leine auf der anderen Seite. Zu früh schreien hatte keinen Wert, zu spät aber auch nicht. Sie wartete. Zertrat gezielt eine Gänseblümchen, dann ein zweites. Schaute sich um. Dann ein drittes. Der Nebel hing in der Luft wie eine diffuse Wand, gab ihr einen kleinen Raum, aber keine Welt mehr. Was konnte man nicht alles tun in einem solchen Raum. Gänseblümchen zertreten. Ein viertes und fünftes mußte daran glauben.

„Verdammt, Filby!“

Herr Filbinger war eine unglückselige Mischung aus allem, was sich in Spanien vor den Hundefängern verbarg. Marie behauptete er wäre ein Mutant. Ihre Mutter war der Meinung, der Hund wäre eine verkleidete Katze und ihr Vater hatte ihn nach einem störrischen, alten Marinerichter benannt. Er wollte den Namen brüllen, sagte er. Filby hätte schon den richtigen Charakter, nach ihm müsse man ständig brüllen.

Sie hätte sein Jaulen unter tausenden herausgehört. Sie hörte es durch die Nässe, die in der Luft hing, sie hörte es durch die Kälte, die sich von hinten anschlich und sie fluchte nun nur noch leise, rannte los und spürte alles mehr, als das sie es hörte. Sein Jaulen wurde quäkend, ängstlich, weichend und hilflos.

„Filby!“ schrie sie. Der Nebel teilte sich wie ein lebendiges Wesen, wich unwillig zur Seite. Gab nichts frei und warf die Töne hin und her. Sie blieb stehen.

Herr Filbinger hatte es nicht so mit Liebe. Er bestand auf seine Eigenständigkeit. Er hasste es gehoben zu werden, er starrte sie struppig und halsstarrig an, wenn die Leine auf ihn zu kam, er verbiss sich in sie und zerrte eher Marie hinter sich her. Marie fand ihn erst widerlich, dann umwerfend, und dann gab sie sich einfach mit seiner Freundschaft zufrieden. Der alte Marinerichter hatte gewonnen.

Das war nicht das, was Maries Mutter wollte. Sie war eine von jenen Müttern, die nicht älter wurden, auch wenn das Rot ihres Haares einer grauen Farbe wich. Die immer noch die Städten ihrer Jugend besuchte, und immer noch Hunde, Sänger und blau bemalte Teller mitbrachte. Für Herrn Filbinger sollte das nur eine Durchreise zu einer rettenden Familie sein. Aber irgendwas war geschehen. Und es lag ein gewisser Neid darin, wenn sich mancher fragte, wie dieser Hund es geschafft hatte, Maries Herz so schnell zu erobern.

Das Jaulen wich einem Kläffen. Marie fuhr herum. Ihr Augen verengten sich, sie brauchte eine Weile, um zu erkennen, wie sich der Hund gleich einem schwarzen Schatten aus dem Nebel löste. So groß war er ihr bisher nicht erschienen, aber auf so kleinem Raum, wie sie sich nun begegneten, war er einfach nur schwarz und nahe. Sie hielt ihm die Hand hin. Er kam näher, und wie sich so sein Fell aus dem Weiß löste, er seinen Formen bekam und sich ihr freudig näherte, erkannt sie das Blut. Das Blut, das wie einst die Milch, die sie ihm eingeflößt hatten, in kleinen Rinnsalen aus seiner Schnauze zum Boden tropfte. Sie behielt ihre Hand in der Luft, und beobachtete seine Zunge, die roten Spuren auf ihre Haut malte.