Anfang 51. von 300

Ich habe das Gesicht eines Kindermörders, und die Gestalt eines Kamels. Mein Gang ist schwerfällig, meine Füße kämpfen mit dem Untergrund, wenn sie ihn betreten und vor allem, wenn sie vorwärts kommen wollen. Die Menschen weichen mir aus, wenn ich ihnen entgegenkomme. Ich schlurfe sie an, keuche dabei und mein Schweiß lässt mein Gesicht glänzen.

Das ist das, was ich weiß. Die Dinge sind nun einmal so, ich habe gelernt damit zu leben. Das fiel mir zeitweise schwer. Mittlerweile sind ist für mich alles im Lot, für andere Menschen vielleicht nicht.

Ich verlasse das Haus nicht mehr so gerne. Meistens gehe ich zum Supermarkt, weiche denen aus, die davor rumstehen, nehme auch keine Flyer mit, und kaufe mir den Kram , mit dem ich das, was sie Leben nennen, rum bringe. Seit 30 Jahren warte ich auf den Tod. Und weil er nicht kam, habe ich selbst getötet. Das ändert viel weniger, als man so gemeinhin glaubt.

Ich hasse es, wenn Menschen mir zu nahe kommen. Ich mag es nicht, wenn sie mich unabsichtlich berühren. Ich bekomme Schüttelfrost, wenn es an meiner Tür klingelt. Ich bekomme dann kein Wort heraus. Meistens schleiche ich in meinen Socken durch die Wohnung. Ich hoffe, dass mich niemand hört. Ich falle nicht sonderlich auf, wenn man mich in Ruhe lässt. Darauf baue ich. Ich will die Zeit nur rumbringen. Es wird bestimmt anders danach.

Am Ende der Lichtjahre, wie ich sie mir vorstellen kann, gibt es wohl einen Planeten, der bewohnbar ist. Wenn ich mir denke, dass alles miteinander verwoben ist, dann macht einiges Sinn. Ich denke viel nach. Ich habe Zeit. Das ist der Fluch an der Geschichte.  Aus dem Supermarkt  bringe ich wenig mit. Das Bier in der 1-Liter-Dose hat es mir seit ein paar Jahren angetan. Es ist genau die richtige Menge für die Schwere, die ich benötige. Ich schlafe wie ein Raubtier. Ich wache auf, wenn die Träume mich übermannen wollen. Dann bekomme ich einen Schreck und wache auf.

Die Muscheln im Glas schmecken mir. Sie sind teuer, aber ich kaufe sie gerne. Ich schütte sie in eine Schüssel und löffle sie aus. Nichts sonst. Nur das Bier und die Muscheln. Sonntags esse ich den Ziegenkäse, den laktosefreien, mit dem Kümmel. Ich nehme leicht zu, daher mache ich ihn mir nur auf das Knäckebrot.

Das erste Mal war es keine Absicht. Ich hatte nicht das Verlangen, das ich heute oft habe. Das war mir alles noch unbekannt. Ich wusste ja nicht, wie der Tod aussieht. Ich hatte keine Ahnung, welche Ruhe und welcher Friede sich danach ausbreitet. Mir war Angst und Bange. Als sie auf diesem Stuhl vor meinem Fernseher saß, und ich die Wäscheleine lockerte, waren ihre Augen zu meiner Zimmerdecke gerichtet. Sie hatte etwas Schminke verschmiert, aber ihr Mund sprach nicht mehr, sie war still. Es sah nicht so aus, wie ich mir das vorgestellt hatte. Es war, wie gesagt sehr, sehr ruhig.

Wenn ich jetzt darüber nachdenke, nach all den Jahren, dann habe ich alles richtig gemacht, und dennoch lief vieles falsch. Hätte man mich damals gefunden, dann würden die Anderen vielleicht noch leben. Die, die sie suchen. Sie wurde damals nicht gesucht. Sie wollte mir nur Zeitschriften verkaufen. Sie hat viel geredet. Zuviel. Sie war sehr schnell in meiner Wohnung, und erzählte mir von ihrem Leben. Ich konnte gar nicht sprechen. Ich hatte nicht aufgeräumt. Das Bücken fiel mir schwer, und tut es immer noch. Ich räume selten auf, ich habe keinen Besuch. Ab und zu schaut eine Behörde hier rein, und tut so, als hätte sie das Recht dazu. Es ist übergriffig, aber die Vorgänge und Gesichter ändern sich, ehe ich etwas dagegen zu tun wage.

Kein Mensch hat sie gesucht.  Ich hatte keine Zeitschriften abonniert. Praktisch war sie gar nicht da. Das Töten war nicht einfach. Nur, weil ich es spontan tat, und mit Verzweiflung zur Tat schritt, hatte ich überhaupt die Kraft dazu. Sie schlug um sich, ihre Füße wollten aufstehen und ich musste sie mit meinem Gewicht in den Stuhl drücken. Sie konnte nicht schreien. Sie gab keinen Laut von sich. Aber sie schlug um sich. Sie drückte nach oben. Sie wehrte sich. Sie war viel kräftiger, als ich gedacht habe.

Alle waren kräftiger als ich gedacht habe. Ich unterschätze das sehr leicht. Die Menschen denken, dass ich kräftig bin, aber das ist nur mein Körper. Der ist nicht kräftig, der ist schwerfällig. Meine Oberarme sind vergleichsweise dünn, meine Handgelenke kann man mit einer Hand umfassen. Und es muss keine sehr große Hand sein. Mädchenhände können das schon. Ich berühre Menschen nicht oft. Ich bin überrascht, wie weich ihre Haut ist. Nach einiger Zeit vermisse ich das. Schmerzlich. Das ist wahrscheinlich einer der Gründe, aber ich will es nicht darauf schieben. Das wäre zu einfach. Ich denke viel nach.

Ich öffne das Bier und stelle mich ans Fenster, so wie ich es immer wieder danach tat. Ich sah immer wieder aus dem Fenster. Es geht sehr tief nach unten. Von hier oben sehen die Menschen nicht echt aus, die Autos auch nicht, und manchmal wenn der Tag nicht vergehen will, dann wundere ich mich über die hellen und dunklen Tage. Sie beeinträchtigen meine Stimmung nicht, sie sind nur unterschiedlich lang. Ich trinke das Bier langsam. Wenn es eiskalt in meinen Gedärmen landet, dann könnte ich gar nicht mehr aufhören zu trinken. Mir ist immer so warm. Werden meine Hände kalt beim Umfassen der Dose, dann wird alles ruhig. Kühler. Ruhiger.  Kommt dann noch die Schwere, dann schlafe ich auf der Toilette beinah ein, und stütze mein Kopf an die glatten Kacheln. Mit kalten Händen, den kühlen Backen und der Schläfrigkeit muss dieser Zustand dem Tod sehr nahe kommen. Ich genieße das.

Ich bemerke sehr spät, dass ein Auto die Straße verlässt, über den Gehweg, die Feuerwehrzufahrt auf das Treppenhaus zufährt. Die Männer steigen aus, verstauen Dinge in ihren Taschen und schauen zu mir hoch. Ich zwinkere ihnen zu, aber weiß natürlich, dass sie mich nicht sehen. Sie sind so jung.

Ich habe eine Tasche. Direkt neben der Garderobe. Dieses ist ein sehr großes Haus, aber auch ein sehr altes. Schon vor Jahren habe ich den Durchgang entdeckt, der die Häuser dieser Straße miteinander verbindet. Diese Gänge gibt es nicht mehr oft. Sie wurden gebaut als sich die Menschen noch an die Kriege erinnerten. Es war sehr einfach von einem Keller in den anderen zu kommen. Wenn Bomben fallen, dann kann das Leben retten. Große Stahltüren versperren die Durchgänge, doch als Notausgänge sind sie offen. Dieses System ist nicht verzeichnet, aber wer es kennt, der kann weite Wege durch diese Stadt gehen und an manchen Stellen, unter manchen Häusern in die Kanalisation gelangen.

Ich verlasse die Wohnung, schließe die Tür und gehe den Weg, den ich so oft mit viel mehr Last ging.

 

Anfang 44. von 300

„Dieses elende ADHS-Kind! Was erzählt er da? Was, frage ich dich, erzählt der da?“
Die Sache war die: Ich hatte von dem Business keine Ahnung. Ich halte mich mit der Tatsache über Wasser, dass es Leute gibt, die entweder bestimmte Dinge nicht tun wollen oder nicht in der Lage sind sie zu tun.
Ich grabe dir also gerne den Garten um. Wir müssen es aber nicht dabei belassen. Ich bin vielseitiger. Wesentlich vielseitiger.
Ich wollte mir das mal anschauen, was Mikesch so macht. Er schuldete mir mittlerweile mehr als nur einen Gefallen, und guckte mich dieser Tage an, was andere Menschen für ihren Lebensunterhalt tun müssen.
Mikesch traf ich immer nur an ganz obskuren Orten. Clubs, Kebabläden oder Nagelstudios. In letzteres fuhr er seine unzähligen Schwestern. Er hatte mehrere, alle bildhübsch, aber mir verriet er noch nicht mal ihre Namen. Aber wir trafen uns da, während er gelangweilt in Modemagazinen blätterte, deren Sprache ich nicht kannte. Nagelstudios hatte ich noch nie zuvor betreten.
Er verdient sein Geld im Musikgeschäft. Sagte man mir. Rap, sagte man mir.
Nun habe ich keine Ahnung von Rap. Von Musik im allgemeinen wahrscheinlich auch nicht. Ich höre seit Jahren die letzten Alben von Johnny Cash, und da führt einfach kein Weg vorbei: Der Johnny Cash ist Gott. Oder war es Zeit seines Lebens. Rap ist für Wichtigtuer, denen der Schwanz fehlt etwas im Leben richtig zu machen. Nur Gelaber.
Um mir etwas zu erklären, lud mich zum Fernsehen ein. Und Fernsehen heißt bei ihm, dass man quasi im Bild drin sitzt. Ich weiß nicht, wann das losging, mit diesem Wunsch nach dem eigenen Kino, aber die Technik heutzutage ist wirklich abgefahren. Ich versank in einem Sessel, der mich in die Tiefe ziehen wollte und sah mir ein Interview an, in dem die Moderatorin einem professionellen Nägelkauer richtig gute Fragen stellte. Das Kind war zwar schon 32, aber warf der klugen Frau und seinem Publikum immer noch einen Hündchenblick zu. So ein Blick, der unverhohlen ausspricht: „Verzeiht mir, ich muss das tun.“
Seine Gesten waren groß, seine Sprache gespickt mit Ausdrücken, die ich nicht kannte. Manche davon schlugen bei mir Saiten an, die mich dazu brachten, den Rest seiner Rede in Frage zu stellen. Wären wir vor Gericht gestanden, und ich sein Anwalt, dann hätte ich ihm ein durchgängiges Redeverbot erteilt. Das war eine üble Nummer aus Abgebrühtheit und Mamas Liebling.
Nach einigen Minuten war er bei mir durchgefallen und es wurde nicht besser. Mikesch deutete ein „Ssschttt“ an, um mich leise zu stellen. Er sah mir wohl an, dass ich all das in Frage stellen wollte. Aber ich hielt meinen Mund. Scheinbar stellte er mir gerade seinen wichtigsten Goldesel vor und wartete jetzt auf eine ganz bestimmte Stelle
Während bei ihm die Spannung stieg, machte ich im Kopf einer Inventur, von den Dingen, die hier in seinem Büro herumlagen. Playstation, X-Box,  verschiedene, ungeöffnete Sportschuhe mit bekannten Markennamen, aber auch Zeug, das wohl aus Korea oder einem anderen Ort importiert wurde. Eine Shisha, die ziemlich verdreckt in der Ecke stand. Polstermöbel, die dich fraßen, wenn du in sie reinplumst. Diese aber in einem cremigen Weiß, wie es meine Oma schon liebte. Und dazwischen technischer Klavierlackkram. Notebooks, Smartphones und ähnliche DInge, die man so oft in den Händen hält, dass sie nach einem halben Tag vor Fettspuren glänzen. Hier jedoch war alles klinisch sauber. Es schien alles gut zu laufen. Wenn jemand hereinschaut, dann wurde Mikesch mit „Big Mikesch“ angesprochen.
Wie Popcorn-Kino, nur in echt.
An einer bestimmten Stelle des Interviews verlor er vollkommen die Beherrschung. Er stöhnte wie ein Mann so stöhnt, wenn er seine leibliche Fülle erreicht.  Sehr animalisch, und griff in eine Schüssel, die wohl Go-Steine enthielt. Wie ein prasselnder Regen knallten die Dinger an den Fernseher.  Tote Pixel waren jetzt kein Thema mehr, sondern schlicht vorhanden.
Er fluchte in einer Sprache, die viel vermuten liess. Aber sich mir nicht erschloss. Ich hatte einfach etwas verpasst und zwischen Xbox und purem Neid den Faden verloren. Ich war draußen.
Aber Mikesch wollte nun ständig wissen was der kleine Wicht gesagt hatte.
„Hat er gesagt, das er aufhört? Hat er das gesagt? Hat diese kleine Tunte gesagt, das sie aufhört?“
Ich hatte nicht den blassesten Schimmer, was der von sich gegeben hat. In solchen Fällen schaut man im Netz nach. Folglich zuckte ich mit den Schultern,und bereute jede Minute, die ich dem Unsinn widmete.
Aber Mikesch war außer sich. Er war ein großer, schwerer Kerl im Maßanzug. Aber wenn er sich ärgert, dann passte gar nichts mehr. Und die Muskeln unter dem Anzug blähten sich auf, als wollten sie ihn zerreißen. Es war wie bei diesem grünen Monster.
Er brüllte jemanden herbei, der aussah, als käme er gerade von einem Hanteltraining und liess sich von ihm einen Energydrink bringen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass dieses flüssige Zuckerzeug den besten Geist mürbe macht. Nachdem ich einmal meine Zunge in diesen Kram getunkt hatte, weigerte ich mich fortan, mich damit näher zu beschäftigen. Diese Brühe macht die Menschheit zu Killer. Ich bin wirklich, wirklich fest davon überzeugt.
Und das beste Beispiel dafür war Mikesch, der drauf und dran war mir einen Auftrag zu geben.
„Der Typ taugt nur noch für Gedenkscheiben. Wenn er da rausgeht, dann verdienen wir keine Kohle mehr an ihm. Wenn du ihn direkt vor der Studiotür abknallst, dann werden wir Millionäre. Du und ich. Wir beide!“
Mir fiel es schwer mit solchen Vorschlägen richtig umzugehen. Die Logik war bestechend, und ich erblickte gerade ein Teil von Mikeschs Genie. Vom Sofa aus gesehen, vor der X-Box und der Playstation, war er gerade dabei, die Geschichte der deutschen Rapmusik auf ein neues Level zu drehen. Ich war so erschüttert von seiner  Radikalität, dass ich einfach nur fragte:
„Soll ich?“
Er hob beschwichtigend eine Hand, die so groß wie mein Kopf war, und lauschte wieder dem Fernseher. Seine Mimik glich einem störrischen Rindvieh. Er signalisierte den Aufprall. Den Moment. Den Break-Even-Point.
Ich stand auf und ging zur Toilette. Auf dem Weg dorthin versuchte ich mir klar zu werden, ob meine Sorgen unbegründet waren, oder irgendjemand tatsächlich gerade in meinem Leben rum scratchte.
Gemessen an der Kohle, vermutete ich, würde ich es wohl nicht verhindern können, dass ich es machen würde.  Was interessierte mich diese überdrehte Ratte?

Anfang 40. von 300 (ow)

Das Geld war so dreckig, dass die Frauen, die es zählten, wie alte Bergarbeiter husteten. Sie rauchten natürlich auch viel. Tranken das billige Zeug, aber nur in der Freizeit. Um den Staub der Jutesäcke aus dem Mund zu spülen.

Birgit sah zehn Jahre älter aus als sie war, trug eine weiße Kutte, und starrte die Zählmaschine an. Sie legte die Scheine rein. Es gab ein schnarrendes Geräusch, dann führte sie die bereitgelegte Banderole herum, und legte die Scheine auf ein Tablett. War das Tablett voll, trug man die Pakete auf einen Tisch. Dort war eine Plastiktüte ausgelegt.  In sie wurden die Geldbündel gelegt und  eine Vakumpumpe zog die Luft aus der Tüte . Die Scheine waren verpackt.

Neben Birgit saß Paula. Und neben Paula saß Frida. Zu dritt stellten sie die Nachtschicht dar. Irgendwo im Raum stand ein Wachmann, breit genug für sein Alter, mit einem Bauch, der von einem schwarzen Hemd eingezwängt wurde. Seine Mütze hatte er auf einen Tisch gelegt. Die Fenster waren aus Panzerglas, die Tür zu dem Raum aus massivem Stahl. Einen Fluchtweg gab es nicht. Aber Notfallpläne.

Der Computer in diesem Raum stand in einem Plexiglasgehäuse, damit die Jutefasern ihn nicht zum Erliegen brachte. Als die IT das Ding geöffnete hatte, und 10 Zentimeter Staub darin fanden, kam man zu dem Entschluss, die Geräte besser zu schützen. Die Frauen sprachen nicht viel. Birgit war geschieden, Paula seltsamerweise auch und Frida kam nicht zum heiraten. Sie redeten ungern darüber.

Birgit kannte die Zeiten, in denen das Geld kam. Die Fahrer fuhren immer die gleiche Strecke. Jeden Abend. Die Discounter hatten in jedem Dorf eine Filiale. An guten Tagen reichte es nicht, das Geld abends abzuholen, und die Transporter fuhren auch schon früher los. Aber auch an schlechten Tagen landeten die kompletten Einnahmen von 200 Discount-Geschäften in diesem kleinen Raum. Das Geld wurde dann auf Paletten gestapelt und mit Hubwagen verladen.

Einige der Fahrer blinzelten Birgit zu, wenn sie das Geld in Jutesäcken, oder den Farbboxen brachten. Es lief mal etwas schief, und die Farbbox explodierte in der Einfahrt. Niemand traute sich für Stunden das Ding anzurühren. Die verfluchte Farbe war kaum noch abwaschbar.

Helmut und Karl konnten verschiedener nicht sein. Helmut war bäriger Riese,  Karl sah etwas gedrungener aus und wirkte immer hungrig. Irgendwie hatte er es in Birgits Bett geschafft und Helmut verzieh ihm das nie. Aber er gab es nicht zu, winkte Birgit während er das Geld hineinschob und lächelte in einer Art und Weise, die er liebevoll nennen wollte. Doch sein Gesicht war nur seltsam verzerrt. Birgit bedauerte die Nacht mit Karl, doch jeder wußte davon, weil Karl schnell und hochtönig allen davon erzählte. Es war durch. Nichts mehr zu machen und sie hatte gar keine Zeit sich darüber aufzuregen.

Gut die Hälfte von dem Lohn, den Helmut erhielt, fraß eine konfuse Alimentenregelung mit zwei Frauen, die er nicht verstand. Er hatte sich geschworen nie wieder zu heiraten, denn er hatte nie kapiert, wie es dazu kam, dass er heute für etwas zahlen musste, was ihm vor 10 Jahren passiert war. Sein Sohn schrieb ihm, dass er ihn hasste, und auch das verstand er nicht. Seine Tochter lebte in einem Dorf in Bayern, dass er schon aus Zeitgründen niemals besuchen würde.

Seine Schichten waren zu lang, seine Nächte zu kurz. Er las den Waffenjournal, übte dreimal in der Woche die tiefsten Löcher in eine Scheibe zu machen, und lernte überhaupt keine Frauen mehr kennen. Karl hatte sich vorgenommen, sein Sperma wahllos zu streuen, wo immer er eine Chance dazu hatte. Birgit lief ihm da einfach nur über den Weg.  Wozu sonst sind Betriebsfeiern da?

Als Birgit an einem heißen Sommertag in der Einfahrt stand, schnell versuchte die Zigarette vor ihm zu verstecken, da sah Helmut sie zum ersten Mal in stehender Haltung außerhalb des Zählraums. Er sprang aus dem Transporter, behend wie nie zuvor. Karl tat es ihm auf der andren Seite gleich, doch eilte zur Toilette.  Und so stand er unschlüssig vor der Frau, die ihm plötzlich so frisch und ungewohnt wie ein freier Tag vorkam. Sie roch nach Rauch, einem süßen Parfüm und sie nagte wie ein schüchternes Mädchen an der Lippe herum.

Sein Schweigen war eine Herausforderung, ihre Reaktion eine Verheißung, und als sie sagte :“Könnten wir.“, erschrak er als wäre er ertappt.

Sie lächelte.

„Bitte?“

„Du wolltest mich fragen, ob wir mal was trinken gehen könnte. Ich sagte, das könnten wir.“

„Ähem..“ Er nestelte an seinem Gürtel, grub die Daumen tief zwischen dem Leder und der Hose, zog sie wieder raus und formte Wörter, als seien sie ihm unbekannt. Es dröhnte in seinen eigenen Ohren als er sprach.

„Ja, gerne, klar, sicher. Wann?“

„Schichtende?“

„23 Uhr?“ ,staunte er.

„Ja.“ Sie wirkte jünger, verspielter, anziehender als je zuvor. Eine Schönheit ergriff sie, die sich ihm einbrennen wollte. Er fühlte sich beschenkt, beschämt und so jung, wie er sich zuletzt in seinen Teenagerjahren gefühlt hatte. Als ob Puzzelteile ineinander sprangen.

„Gerne!“

„Gut! Abgemacht!“ Sie drehte sich um, warf die Kippe, die sie noch immer in einer Hand hielt, in den Abfalleimer und strebte wieder in das Innere des Gebäudes. Das restliche Geld würde kommen.

Birgit setzte sich neben Paula und Frida. Keine sagte ein Wort. Sie starrten geradeaus. Frida hatte gefährliche Augenringe. Sie schlief schlecht. All das Geld, das nur mehr Papier war und all die Nächte, die keine mehr waren. Sie brauchten nicht mal darüber zu reden, womit sie ihre Zeit verbrachten. Und Birgit wußte immer noch nicht, ob sie mit ihnen darüber sprechen konnte.

Vor zwei Wochen hatte sie zum ersten Mal Blut gespuckt, und der Geschmack glich den Münzen, die sie rollte. Metall schmeckt im Mund wie Tod. Und es liegt daran, dass es dem Blut so ähnlich ist, und man es erst dann wahrhaben will, wenn im Kopf die Migräne tobt, die ein Ableben fordert. An manchen Tagen wußte sie nicht mehr, wie das ging, dass man die Nächte einfach so rum bringt. Und dann auch noch das Blut. Sie hatte panische Angst vor Ärzten. Panische Angst vor dem Tod. Panische Angst, dass sie einfach erstickte, und es keiner merkt. Panische Angst vor dem Weiterleben. Und so blieb ihr nur das Geld, um das ihre Gedanken kreisten bis sich die Bausteine aufeinander setzten, als gehörten sie zusammen. Als sie Helmut ansah, und die Tränen erkannte, die sich in ihm nicht lösen konnten, wußte sie, dass er es war, auf den sie gewartet hatte.

Es ging ums Geld.

 

Anfang 39. von 300 (O.W.)

Einer von Beiden, der auf der linken Seite, hatte seinen Ellenbogen auf das heruntergelassene Fenster gelehnt. Der andere, der Fahrer, rief mich zu sich her.  Er winkte, als wollte er mich kaufen, und stoppte den Wagen.

Er sagte, „Du da!“ und „Komm mal her!“

Ich sah mich um. Der Park war morgens leer. Es gab noch keine Flaschensammler, gejoggt wurde noch sehr zurückhaltend, und die Tore hatten sie erst vor einer Stunde geöffnet. An meinen Turnschuhen sammelte sich der Tau und zog sich die Jeans hoch. Die Wiesen glitzerten. Und an einigen, wenigen Stellen wollte sich der Bodennebel nicht vertreiben lassen.

Ich ging langsam auf sie zu.

Der Fahrer stieg aus, sein Beifahrer tat es ihm nach. „Dein Name?“

„Bitte?“

„Kann ich deinen Ausweis mal sehen?“

Ich kramte in meinem Beutel. Dort fanden sich Bücher von Percy B. Shelley und Keats. Dann noch ein paar Blättchen, ein billiger Tabak, eine Tüte mit Filter und ein Notizblock. Mein Ausweis, den ich sicherheitshalber immer mitnahm, und viel zu wenig Geld.

Ich war siebzehn Jahre alt, und wenn ich die Chance hatte, dann dröhnte ich mir schonungslos die Birne zu. Aber ich hatte nie etwas dabei.  Die Haare fielen mir in die Stirn, und versteckten mich manchmal vollkommen. Ich rasierte mich selten, aber es gab auch nicht sehr viel Grund dazu.

Meine Augen entzündeten sich häufig, doch Augentropfen kreisten ebenso gut wie alles, das man rauchen konnte.

Der Polizeiwagen war ganz langsam durch den Park gefahren. Als wollten sie cruisen.  Die Sonne schien und sie hatten alle Zeit der Welt. Ich war alleine, also zogen sie die ganze Show durch und ich wußte wirklich nicht, ob sie das für mich taten oder um sich selbst einen Kick zu verschaffen. Sie kannten meinen Namen. Sagten sie. Ich wußte nicht woher. Es gab nichts über mich.

Sie sprachen in das Funkgerät, benutzten Codes, die ich nicht verstand und nannten wieder meinen Namen. Natürlich musste ich mich breitbeinig an ihren Wagen lehnen, als wären das die Bronx und ich ein Idiot, der ein Vergnügen daran fand ihnen in die Arme zu laufen.

Sie wollten wissen, warum ich nicht in der Schule war. Die  wußten nicht einmal, dass Ferien waren. Und meine Eltern konnten sich wirklich nicht erlauben, mich in jeder freien Minute durch die Welt zu schicken. Ich blieb daheim, lieh mir die ältesten Bücher aus der Bibliothek und schrieb Gedichte, an die ich mich später nicht mehr erinnern konnte.

Sie fanden nichts über mich.

Aber drei Spaziergänger stand beobachtend herum. Und diese Leute wußten das nicht.

Ich sah den Unterschied. Es gab ein davor und danach.

Ein magerer Junge mit einem schleichenden Gang kreuzte meinen Weg zum See, und flüsterte kaum hörbar. „Das machen sie immer!“

Es gab ein davor und ein danach.

Man muss es nur ein einziges Mal erleben. Das Gefühl unrecht zu haben, wenn man sich im Recht glaubt.

Wenige Wochen später wurde die Innenstadt abgeriegelt. Die Fußgängerzone gesperrt, die Straßenbahnen umgeleitet und ich trug neben meinem „Anti-Atomkraft“-Sticker, einen Aufkleber mit einem Fadenkreuz und dem Untertitel „Schieß doch, Bulle!“. Die Punks waren auf unserer Seite und bildeten den Beginn des Zuges. Die Polizisten rannten an den Seiten entlang, hielten das Publikum ab zu  uns zu kommen, und passten auf, dass wir unsere Flugblätter nicht weitergeben konnten.

Einige zogen ihre Skimützen herunter, als sie die Kameras erkannten. Wir erklärten uns solidarisch mit dem Häuserkampf in Berlin, den Krakern in Amsterdam und überhaupt mit allen, die für bezahlbaren Wohnraum kämpften. Wir waren laut, jung, ungestüm, und argumentativ einzeln nicht immer stark genug. Aber zusammen hatten wir einiges vor.

„Und Gewalt gegen Sachen?“, hatte Harald  gefragt, als wir Tage zuvor im Gras saßen.

Er reichte es weiter an mich. Ich nahm einen Zug und gab die letzten zwei Zentimeter an ihn zurück.

Ich war mir uneins. Haralds Eltern lebten in einem verdammt großen Haus, sie hatten zwei Autos, er ging auf das Gymnasium und sah so harmlos aus. Der Traum jeder Schwiegermutter. Seine Haare waren nicht mal lang. Seine Kleidung teuer.

„Ich bin mir nicht sicher.“

„Hm. Du meinst, es ist etwas zu erreichen durch Demonstrationen?“

„Ja, auf jeden Fall. “

„Aber du hast schon gehört, dass du in die DDR gehen sollst, wenn es dir hier nicht gefällt?“

„Ich habe alles gehört.“ Ich lehnte mich in das Gras zurück, blinzelte in die Sonne, und beobachtete die Silhouetten der Blätter.

Harald sprach über die RAF wie ich über Frank Zappa. Die Flugblätter waren unlesbar, aber die Zeichen fanden sich auf Toiletten, die Aufkleber zirkulierten und es gab Soli-Konten für die, die bei den harten Demos verhafteten wurden.

Meine Eltern waren sich sicher, dass ich Drogen nahm. Sie beobachteten mich wie einen Kranken, der auf Heimaturlaub war. Sie suchten nach Anzeichen. Sie beobachteten wie ich aß, wie ich las und ob ich Freunde hatte. Wir entfremdeten uns. Ich mied sie, weil ich ihre Blicke nicht ertrug.

Meine Lehrer bescheinigten mir bei jeder dummen Gelegenheit in einem Atemzug Faulheit und Intelligenz. Sie sahen mich herausfordernd an, wenn es um Tagespolitik ging, nahmen mich aber nicht mehr in den naturwissenschaftlichen Fächern wahr. Ich war so hoffnungslos wie bedauerlich. In den Pausen vertrieben sich die restlichen Loser ihre Zeit am Brombeergestrüpp, und ich gesellte mich zu ihnen, um eine Mauer zu bilden, die es uns erlaubte, einige Züge zu nehmen, und den Rest des Tages zu verpennen.

Harald gab mir die Flugblätter und bat sie mich sie zu verteilen. Ich gab sie dann allen Leuten weiter, die ich kannte. Ich machte kein großes Geheimnis darum, und den Großteil des Geschwubbels, der da stand, empfand ich als ebenso aufregend wie die Beschreibung auf einem Beipackzettels. Ich drückte sie den Burschen in die Hand, die mehr Fußball als sonst was im Kopf hatten. Und das war ein Fehler. Fortan hassten mich deren Eltern und nannten meinen Namen im Zusammenhang mit all den Gesichtern auf den Fahndungsplakaten.

Die Dinge begannen sich zu verselbständigen. Man sprach mir eine Haltung zu, bevor ich diese hatte.  Und wenn ich den Eltern der Fußballtypen beim Einkaufen begegnete, dann drehten sie sich um und sagten: „Ach Gott, du bist es, ich dachte ein Terrorist steht vor mir!“

Das war ein Humor zu dieser Zeit. Ich kann dir sagen.

Später wurde alles anders.

 

 

 

Anfang 38. von 300 (O.W.)

Der Sommer brannte wie die Maisfelder hinter dem Schülerhort. Morgens warfen wir die Pfennige zusammen, mittags leerte Roland seine Taschen zwischen uns und wenig später kletterte dunkler Rauch zum Himmel. Wir kauften nur noch die großen Streichholzpackungen und zündeten alles an, was auch nur im entferntesten brennbar war. Berches hatte ungewaschene Haare, ein fieses Lachen und keine Angst vor niemanden. Wir haßten ihn, aber Furcht und Hochachtung ergaben eine Mischung, die uns hörig machte. Ihm schien alles nur egal. Er foppte den Bauern, der durch das Maisfeld sprintete, während wir unsere Sachen zusammenrafften und in alle Richtungen flüchteten.

Du wirst es nie vergessen, wenn die Maisblätter an dir rieben, es überall raschelte und sie dir auf den Fersen waren. Das vergisst du nicht. Die Sonne brach sich im Stakkato und mein Schatten klebte furchterregend an mir. Ich war ein schwächlicher, kleiner Bursche, zu blöde zum Klauen und voll Angst vor fremden Menschen . Ich sprach nie viel mit Berches, und hatte keine Ahnung, warum ihm irgendjemand lauschte, obwohl er wie ein kleiner Verbrecher aussah. Wie jemand, vor dem ich mich fern halten sollte. Hatte man mir gesagt.

Als wir das Feuer für uns entdeckten, und feststellten wie billig die Streichhölzer waren, investierten wir unsere Taschengeld und fortan trug jeder von uns zwei bis drei Päckchen in den Hosentaschen. Berches passte uns ab, nahm uns die Hölzer ab, tunkte unsere Köpfe in die Toilettenschlüsseln und behauptete er würde die Packungen den Betreuern geben. Natürlich gab er sie nicht ab.

Stattdessen lehnte er sich an die rückwärtige Mauer des Schülerhortes, rauchte eine Zigarette und starrte auf die Felder.

„Gib sie uns zurück!“

„Halts Maul.“

„Sie gehören dir nicht, du kannst dir selber welche kaufen.“

„Wenn du die Schnauze nicht hälst, dann erzähle ich dem Bauern, was ihr im Feld macht!“

Ich hatte keine Ahnung, was er meinte. Ich hatte mich zu lange in dem Feld aufgehalten, um unschuldig zu sein. Wir hatten an den frischen Maiskolben genagt, die Blätter aufeinander gelegt und angezündet. Etwas Futter für die Hamster mitgenommen, die jeder  von uns hatte. Und wir hatten Martin gesagt, er solle die Hose ausziehen, weil wir wußten, dass er das macht. Martin machte alles, was man ihm sagte. Uns tat es dann leid, und wir sagten es nie wieder. Die Mädchen riefen es ihm dennoch auf dem Schulhof öfter zu. Dabei war Martin gar nicht doof. Nur seltsam.

Wir kannten uns alle schon seit der ersten Klasse. Heiner war mein bester Freund, und auch seine Eltern arbeiteten den ganzen Tag. So verbrachten wir unsere Zeit im Schülerhort. Wir bekamen dort zu essen, bastelten Pappmache-Tiere, tobten uns aus und kämpften mit den Hausaufgaben. Heiners Familie lebte zu sechst in einer drei-Zimmerwohnung, ich mit meinen Eltern in zwei Zimmer und  nur Markus Eltern wohnten in einem Haus. Markus trug immer Pullunder, hatte eine viel zu hohe Stirn und lachte sich kaputt, wenn jemand hinfiel. Wenn ich heute an ihn denke, dann vermute ich, dass er Moderator oder was anderes dämliches geworden ist. Irgendein Beruf, in dem Menschen dumme Dinge tun und er die ganze Zeit grinsen darf.

Berches hatte den weitesten Weg in den Schülerhort, und wir waren nie dort, wo er wohnte. Er musste über unbefestigte Wege gehen, und wenn es regnete, dann sah er noch dreckiger aus als sonst und stank nach Hamsterkäfig. Hinter dem Mais, und den Kartoffeln, nahe an der Autobahn, die meine Welt damals begrenzte, und so etwas wie der äußerste Punkt war, den ich erreichen konnte, standen einige Hochhäuser, als wären sie verloren gegangen und hätten sich verirrt. Ihre Straßennamen klangen nicht nach deutschen Widerstandskämpfern und die Menschen, die dort wohnten fuhren auch keine Autos, hatten dunklere Haut und grauere Klamotten. Dort wohnte Berches.

Wenn wir in der Schule waren, dann konnten wir aus dem Klassenzimmer den Schülerhort und dahinter den Mais und weiter hinten die Hochhäuser sehen. In den Pausen beobachtete ich von dort aus, wie die Menschen aus diesen Häusern zur Arbeit gingen. Sie gingen in Gruppen, gestikulierten miteinander, trugen Hüte, die flach auf den Köpfen lagen und ihre braune Gesichter betonten.

Ich sah oft aus dem Fenster. Meist saß ich hinten in der Klasse, las unter der Bank Comics, schälte Orangen und malte kleine Monster auf die Schulbank. Ich war gänzlich ohne Ehrgeiz, mit einer Note, die meine Versetzung nicht gefährdete, vollauf zufrieden und vergass vieles, so daß ich mich nie meldete, sondern immer tiefer in den Stuhl versank.

Berches dagegen schwänzte die Schule, und ich wußte nicht wie er das macht. Er wiederholte fast alle Klassen, und fand sich in jeder Strafstunde, winkte und lachte und all dass machte ihm nichts aus. Er wurde wahrscheinlich gottserbärmlich verprügelt, aber das war damals nicht unüblich. Wir konnten alle blaue Flecken vorweisen, doch Berches sprach nie darüber. Aber wir sahen es. Das blaue Auge und viel mehr im Schulsport.

Kaum das ich wußte, was Mädchen waren, war ich verliebt in sie. Ich liebte die dünne Anastasia, ich verehrte die wilde Michaela, die mit dreckigen Fingernägeln und einer komischen Sprache über den Schulhofe preschte, als wäre sie eine kleine Hexe , und am meisten mochte ich die schlaue Anja. Sie war die Tochter einer Betreuerin, und lachte lauter als ich, war frecher und küßte mich einfach, als ich noch überlegte, wie man das macht. Unsere Zähne knallten aneinander und sie kringelte sich. Berches saß damals auf dem Flachdach, und beobachtete mich. In den siebziger Jahren wurden nur noch Häuser mit flachen Dächern gebaut.  Man schüttete Kies darauf, und es knirschte, wenn man darüber lief. Menschen schmissen Dinger auf die Flachdächer und vergassen sie. Berches jubiliert, feixte und warf eine Gasmaske herunter.

„Na, du kleiner Wichser, liebst du sie? Du liebst sie. Ich sage es Frau Kerkes.“

Frau Kerkes war Anjas Mutter. Anja streckte ihm die Zunge raus. Und Berches führte einen verrückten Tanz auf. Er war nicht ganz klar im Kopf. Er tänzelte am Rand des Daches entlang und warf mit Steinen nach uns. Es war nur eine Frage der Zeit bis irgendjemand kommen würde.

„Das ist der Bursche!“ Ein Hausmeister eilte über den Schulhof auf uns zu.

Wir hatten zwei. Zwei Hausmeister. Sie teilten sich den Job.

„Ich kenne deinen Vater, du kleine, blonde Ratte.“, brüllte der kleinere Hausmeister, der einen grauen Kittel trug, und mit einem Maßstab in der Luft fuchtelte.

Berches schrie zurück: „Ich war das nicht!“

Ich glaube, das schrie er immer. Ich glaubte damals, das war seine Masche.

„Du kleine Drecksau, hast das Feuer gelegt.“

Tatsächlich hatten wir bereits so viele Feuer gelegt,  dass ich nun auch zusammenzuckte.

„Komm da runter!“

Berches rannte verwirrt auf dem Dach herum. Er hätte einfach runter kommen können, so hoch war das auch nicht. Unser Schülerhort befand sich schließlich in einem eingeschossigen Pavillon. Schnell zusammen gezimmert.

„Komm da runter, Bursche!“ brüllte der kleine Hausmeister wieder und rannte um das Gebäude. Der Größe gesellte sich zu mir und Anja. „Wie heißt ihr Kinder?“

Ich wagte nichts zu sagen, aber Anja schüttelte sich und fauchte ihn mit vorgerecktem Kopf an „Das geht Sie gar nichts an!“

Er holte aus. Damals konnte es durchaus noch sein, dass man sich eine Ohrfeige einfing, obwohl es natürlich verboten war. Aber Erwachsene stritten immer alles ab.

Doch in dem Moment erscholl eine strenge Stimme „Das werden sie schön sein lassen!“

Frau Kerkes stand an einem Fenster.

Aber es war zu spät, Anjas Gesicht verzerrte sich und sie taumelte mit einem Schrei an mir vorbei.