Anfang 52. von 300

„Ich werde dich töten!“

All die heißen Tage bisher, wurden von diesem locker überboten. So schnell  ich hoch fuhr, so stark funkelte mich die Sonne an. Nichts, von dem was ich sehen konnte, gab mir auch nur einen Hinweis .Eine Silhouette verschwamm in anderen Silhouetten. Jans Hand lag immer noch in der meinen, seine Stimme war gleichbleibend aufgeregt, und erst jetzt erstarrte ich. Und blickte geblendet dem  untersetzen Schatten nach. Er hatte sich gerade an mir vorbei gedrängelt.

Und sprach zu mir: „Ich werde dich töten!“

Ich drückte Jans Hand viel zu fest. Er schrie erschrocken, wollte sie mir entziehen, sah schließlich zu mir hoch.

„Michael! Du tust mir weh!“

Ich ließ ihn los. Es war fast unmöglich einen Gedanken zu halten. Viele stürmten gerade auf mich ein. Ich musste Jan beschützen. Jan störte. Ich musste ihn festhalten. Loslassen. Mitnehmen. Wegtragen. Dem Mann hinterher. Hier weg. Ich musste hier weg.

Jan hob ich hoch. Er war ein leichter Dreijähriger. Zu klein für sein Alter, daher genoss er die Aufmerksamkeit von uns allen. Ich war sein Onkel. Nicht tatsächlich, aber das war Jan egal. Seine Eltern und ich wohnten schon so lange zusammen, dass wir als Familie galten. Für Jan, aber vor allem für uns selbst.

Ich sprintete durch die Straßen, Jan an mich gedrückt, als könnte er wegfliegen. Und sein kleines Kindergemüt sah sich entrissen von all den Leckereien, die der Markt bot. Unerklärliches geschah gerade. Er weinte, klammerte sich an mich, bis ich all die Feuchtigkeit, die von ihm ausging, an meinem Hals fühlte. Jan weinte immer sehr viel. Ich ging davon aus, dass er ein sensibles, musisches Kind war. Aber vielleicht war er auch nicht musisch begabt, und einfach nur sensibel. Oder einfach nur ein Kind, das viel weinte. Ich kannte mich da nicht aus. Bei mir hatte es nie lange genug gedauert, um eine Familie zu gründen. So ein bisschen orientierungslos war ich schon immer. Eine Flipperkugel, die nicht zur Ruhe kommen will, nannte Marta das in den  Monaten bis zu Jans Geburt.

Sie war eine wunderschöne, begehrenswerte Mutter. Sie war während ihrer Schwangerschaft umhüllt von einer Magie, die sich wie ein träger Zauber über unsere kleine Wohngemeinschaft legte. Sie begann in meinen Träumen zu wandern, wie eine wilde Verheißung, wie die süßeste Frucht am Baum. Ich war hingerissen und bedauerte mehr als je zuvor mein Schicksal. All das, was sie verkörperte, wandelte sich zu einem elementaren Ziel, das ich nicht erreichen konnten.

Wir durften nicht darüber reden, aber Benjamin und ich hatte uns auf einer Mission kennen gelernt, die wir nicht in unseren Uniformen durchführen durften. Es schien alles ganz einfach. Wir wurden hinter den Linien abgesetzt. Was bedeutete, dass wir aus einem Flugzeug sprangen, viel zu lange stürzten, und kurz vor dem Aufprall erst den Schirm öffnen durften. Man knallt auf den Wüstenboden, als wollte man sich die Beine in den Leib rammen. An eine gesunde Wirbelsäule mag man nicht mehr denken.

Bei solchen Missionen wird hundertmal erwähnt, wie sehr man auf sich alleine gestellt ist. Kein Funkgerät. Kein Handy, keine persönlichen Kennzeichen, kein Verweis auf die Auftraggeber. Kein Fetzen Uniform. Wir hatten fünf Tage Zeit gehabt immer wieder in ein Haus zu rennen, die Türen darin aufzutreten und auf Pappkameraden zu ballern. Fünf Tage in den wir uns so gut kennen lernen sollten, dass wir uns im Dunkeln erkannten. Fünf Tage, die wir von morgens bis Abends miteinander verbrachten. Das wir nicht mit einander schliefen, das war geradezu ein Wunder. Dann ab ins Flugzeug, dann springen, und dann standen wir nach einem halben Tagesmarsch vor dem echten Haus.

Das Schlimme an internationalen Absprachen ist, dass jeder davon spricht, aber sie einfach nicht funktionieren. Gerade als wir das Haus betreten wollten, krachte aus heiterem Himmel etwas da rein, dass alles – inklusive unser Ziel – pulverisierte. Soweit zu den Absprachen. Tatsächlich stand der Bursche, den wir im Visier hatten, auf einer ganzen Menge Fahndungslisten. Und keiner legte Wert darauf, ihn jemals in ein Gefängnis zu stecken. Sein Überleben war also keine Option. Jedenfalls keine wichtige. Unsere Leute dachten,  wir machen das einfach ohne viel Aufsehen zu erregen. Musste ja auch keiner wissen, dass wir das waren. Anders die Amerikaner. Wir hatten schon viel zu lange den Verdacht, dass denen alles egal war. Und das war es auch. Sie machten das verdammte Haus einfach dem Erdboden gleich. Fünf Tage sind wir da rein gerannt, fünf Tage hatten wir einen wirklich guten Zeitvertreib.

Nach unserem Plan wären wir rein, und dann wieder raus, und dann zum Treffpunkt. Die Amerikaner hatten überhaupt keinen Plan. Als der Staub sich verzog, standen wir in einer Menschenmenge, die drauf und dran war uns zu lynchen. Um es kurz zu machen, was mal als eine 24 Stunden Aktion geplant war, kostete uns 8 Monate unseres Lebens, und danach waren wir uns so nahe, dass wir auch gleich den Rest des Lebens miteinander verbringen konnten.

Benjamin und Marta hatten sowieso eine Wohnung in der Stadt gesucht. Ich selbst brauchte eine Basis, und Menschen, die einfach mal spontan abends mit mir Halma spielten. Ich hatte die Clubs alle gesehen, und meine Angst vor Beziehungen war genauso groß wie meine Sehnsucht danach. Ich musste zur Ruhe finden. Benjamin und Marta dagegen waren dabei ihr Fahrwasser mit mir zu teilen, weil alles, was sie sonst Familie nennen konnten,  nicht angenehm genug für den Rest des Lebens war. Kinder von Alkoholikern sind prädestiniert dazu ihr Leben miteinander zu teilen. Zu groß ist die Sehnsucht nach Ordnung und Zuneigung, zu sehr sind sie mit ungewöhnlichen Lebenstilen verhaftet.

Jan kam ein Jahr später. Und wir liebten ihn, wie man nur den Erstgeborenen und Einzigen lieben konnten. Benjamin und ich achteten darauf, dass unsere Missionen, die immer seltener, aber auch immer härter wurden, nicht mehr zur selben Zeit statt fanden. So blieb immer einer von uns Jan erhalten und konnte die Zeit mit ihm genießen. Während Benjamin also gerade irgendwo in der Tundra den Dreck wegräumte, über den niemand reden wollte, spazierte ich mit Jan über den Markt. Marta lag an solchen Tagen in der Badewanne und tat Dinge, über die ich nicht nachdenken durfte.

Natürlich war das keine normale WG und natürlich rechneten wir mit allem. Aber nicht hier, nicht jetzt, nicht im Angesicht von Jan. Ich hatte nicht mal eine Waffe dabei. Fuhr es mir durch den Kopf, während ich Jans Zittern an mir spürte. Verdammt.