Anfang 53. von 300

Die beiden Taucher wirkten wie Synchronschwimmer. Beide sprangen gleichzeitig in das Hafenbecken, versanken fast auf die Sekunde genau darin, und über ihnen schloss sich  die Schicht aus Dreck und Öl. Ich hoffte inständig, sie würden nichts finden, doch machte gute Miene zum bösen Spiel.

Der Komissar reichte mir eine Zigarette, weil er selbst eine rauchen wollte, und wackelte unruhig von einem Fuß auf den Anderen. Einer seiner Jungs in Uniform eilte, um sie ihm an zu zünden.

Natürlich sah er mich erwartungsvoll an.  Er war ein alter Mann, und ich der Fall, den er nicht mehr gebrauchen konnte. Aber die Stadt war nun ein elender Scherbenhaufen, und auch wenn sie das schon immer war, jetzt sah man es . Keiner konnte es mehr ignorieren. Reporter riefen ihn an, und die Blogger verbreiteten jeden Unsinn viel schneller.

Bis er morgens seinen Kaffee getrunken hatte, kochte die Welt schon über. Wir standen am Hafenbecken, weil er eine Handvoll Leichen darin vermutete.

Und ich stand mit ihm hier, da es wohl meine Party war, die ausgeartet war. Ich sagte  ihm nicht, dass der Wagen wie eine überdimensionierte Kanonenkugel  über mich flog. Einen Stapel Paletten als  Sprungschanze nutzend. Ich stand quasi darunter, und staunte nicht schlecht, als die Schießerei aufhörte, das Rauschen zu einem Getöse über mir anschwoll und das Wasser wie eine Fontäne nach oben schoss. Die Insassen hatten nicht die Chance eines Schreies, nicht mal eines gemeinsamen. Und ich musste mich zurückhalten, der Schüssel nicht noch ein paar Kugeln hinterher zu schicken.

Angefangen hatte es alles damit, dass sich einige Wirte bedrohter fühlten als andere. Wie gesagt, die Stadt war schon immer ein Scherbenhaufen. Seitdem ich hier war, spiegelte sich auch noch das Licht darin, und keiner konnte es ignorieren. Man hatte mich angerufen, weil ich gut mit Menschen konnte.  Manchmal half mein Rat. Also öffnete ich den Hummer rückseitig, lies Bodo und Hans hinein, und startete durch. Bodo und Hans waren aus einem Wurf. Wer sie kannte, fragte sich, warum ich sie mitschleppe. Wer sie nicht kannte, war schockiert, über den katzenhaften Gang dieser Doggen und ihrem Blick, den sie immer frontal auf denjenigen lenkten, der sich von ihnen einschüchtern ließ.

Bodo und Hans hatte ich aus einem verdreckten Zwinger geklaubt, in dem sie inmitten ihrer toten Geschwister lagen. Sie liebten mich abgöttisch, horchten auf die Wörter, die ich nicht aussprach und waren in ihrer Wirkung mehr Wert als jede Waffe, die ich am Leib tragen konnte. Sie gingen unbeleint vor mir her, wie zwei riesige dunkle Bodyguards, hatten die Situation schon viel früher als ich ihm Griff und verliehen allen meinen Aussagen den nötigen Nachdruck.

Eine Stadt hat den Untergrund, den sie verdient, und den Komissar, der damit leben kann. Edgar Meyer litt sicherlich schon seit Jahren unter seinem Beruf, aber er hatte es geschafft, die Attraktivität seiner Region so zu herunterwirtschaften, dass er wohl bis zu seiner Rente auf die Erlösung warten musste. Ich fiel ihm auf, weil er hier dazu gehörte wie die alten Plakatsäulen und die Pissbuden, die das Wahrzeichen so mancher Straßen waren. Ich fiel ihm auch schon auf, weil ich in seinen Augen das falsche Auto fuhr. Meine Hunde durfte ich nicht rauslassen. Auch jetzt befanden sie sich ihm Wagen, und allein das war schon ein Grund mit diesem Menschen nicht zu kooperieren.

Er trug einen grauen Bart, hinter dem er seine Mimik zu verstecken suchte, und seiner Behäbigkeit einer Art Altersweisheit angedeihen lassen wollte. Tatsächlich jedoch prägte ihn die pure Verzweiflung, die ihn auch hier am Hafenbecken sichtlich Schmerzen bereitete. Er verzog das Gesicht, wie jemand, dem die Magensäure bis in die Mundwinkel stand.

Ich stattete also allen Parteien einen Besuch ab. Schon um den Haufen kennen zu lernen, der es geschafft hat, eine Viertel-Millionen Menschen quasi als Geiseln zu nehmen. Zwei befeindete Motorrad-Gangs führten sich auf wie Franchise-Nehmer internationaler Konzerns. Sie präsentierten ihre Logos gleich Wikingerwappen, eröffneten Geschäfte, wo man sie nie vermutete hätten, und änderten einfach mal so die Machtverhältnisse. Aber das Dumme an der Geschichte ist, egal in welchem Ort du heute bist, du schaffst es einfach nicht, einen sauberen Zwei-Parteien-Krieg hinzu bekommen. Sofort hängen irgendwelche Clans mit drin, Familien pflegen ihre Zusammengehörigkeiten, und das Ding wird viel internationaler als man sich das vorstellen kann.

Was da Nachts über mir geflogen war, und nun vom Schreibtisch des Komissars ins Hafenbecken führte, waren nicht etwa die Mitglieder einer der Rockergruppen, sondern fehlgeleitete Dealer, die meinten, sie hätten Ansprüche auf Dinge, die bisher öffentliche Plätze waren. Sie waren nur zufällig in meinen Focus geraten, weil sie dachten, dass ich – langhaarig, blond, zwei Hunde und Springerstiefel, Jeans sowieso -irgendeine Verwandtschaft mit den Gangs pflegte.

War nicht der Fall, doch ich konnte sie nicht überzeugen.  Sie waren zu fünft, ich mit Hans und Bodo zu dritt. Hatten sie falsch durchgerechnet. Ich scheue zwar körperliche Auseinandersetzungen, aber wer am Ende des Tages das Krankenhaus aufsuchen will, der darf ruhig mal einiges versuchen.

Sobald Hans und Bodo Distanzregeln eingeführt hatten, machten wir uns auf den Rückzug, und das endete in einer Verfolgungsjagd, die uns durch die halbe Stadt zum Hafen führte. Ich hatte fünf Minuten genug Vorsprung, doch zur Waffe zu greifen, einen Stapel Paletten zu suchen und mich dahinter zu verschanzen. Den Rest kennen sie. Ich vermute einfach mal, ich habe einen erwischt. Schon deswegen wünschte ich den Tauchern alles mögliche. Nur kein Glück.

Das ich augenblicklich noch eine Art diffuser Zeuge war, merkte ich daran, dass man mir noch einen Kaffee reichte. Auf den Zucker hätte ich verzichten können, aber die Erfahrung zeigte, dass 90% aller Polizisten ihren Kaffee so weich tranken wie möglich. Zu einem gescheiten Espresso taugte keiner von ihnen.  Ich mochte das Spiel des Dampfes, der fast die gleiche Farbe hatte, wie der Nebel am äußersten Rand des Beckens.

Der Komissar fragte mich immer wieder Dinge wie: „Werden wir etwas finden? Was meinen Sie? Glauben Sie nicht?“

Ich schüttelte den Kopf. Ich mochte ihn nicht, aber noch viel weniger eine mögliche Auseinandersetzung mit ihm, oder die pure Zeitverschwendung, zu der es führen konnte, wenn er seinen Blick in mich tiefer hinein bohren wollte.

„Ich habe praktisch nichts mitbekommen. Erst nach dem Aufspritzen des Wasser. Ich vermute mal, es war ein Auto, aber ich kenne mich damit nicht aus.“

„Sie fahren einen Hummer?“

„Ebenso wie große Teile der amerikanischen Armee…“

 

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Anfang 51. von 300

Ich habe das Gesicht eines Kindermörders, und die Gestalt eines Kamels. Mein Gang ist schwerfällig, meine Füße kämpfen mit dem Untergrund, wenn sie ihn betreten und vor allem, wenn sie vorwärts kommen wollen. Die Menschen weichen mir aus, wenn ich ihnen entgegenkomme. Ich schlurfe sie an, keuche dabei und mein Schweiß lässt mein Gesicht glänzen.

Das ist das, was ich weiß. Die Dinge sind nun einmal so, ich habe gelernt damit zu leben. Das fiel mir zeitweise schwer. Mittlerweile sind ist für mich alles im Lot, für andere Menschen vielleicht nicht.

Ich verlasse das Haus nicht mehr so gerne. Meistens gehe ich zum Supermarkt, weiche denen aus, die davor rumstehen, nehme auch keine Flyer mit, und kaufe mir den Kram , mit dem ich das, was sie Leben nennen, rum bringe. Seit 30 Jahren warte ich auf den Tod. Und weil er nicht kam, habe ich selbst getötet. Das ändert viel weniger, als man so gemeinhin glaubt.

Ich hasse es, wenn Menschen mir zu nahe kommen. Ich mag es nicht, wenn sie mich unabsichtlich berühren. Ich bekomme Schüttelfrost, wenn es an meiner Tür klingelt. Ich bekomme dann kein Wort heraus. Meistens schleiche ich in meinen Socken durch die Wohnung. Ich hoffe, dass mich niemand hört. Ich falle nicht sonderlich auf, wenn man mich in Ruhe lässt. Darauf baue ich. Ich will die Zeit nur rumbringen. Es wird bestimmt anders danach.

Am Ende der Lichtjahre, wie ich sie mir vorstellen kann, gibt es wohl einen Planeten, der bewohnbar ist. Wenn ich mir denke, dass alles miteinander verwoben ist, dann macht einiges Sinn. Ich denke viel nach. Ich habe Zeit. Das ist der Fluch an der Geschichte.  Aus dem Supermarkt  bringe ich wenig mit. Das Bier in der 1-Liter-Dose hat es mir seit ein paar Jahren angetan. Es ist genau die richtige Menge für die Schwere, die ich benötige. Ich schlafe wie ein Raubtier. Ich wache auf, wenn die Träume mich übermannen wollen. Dann bekomme ich einen Schreck und wache auf.

Die Muscheln im Glas schmecken mir. Sie sind teuer, aber ich kaufe sie gerne. Ich schütte sie in eine Schüssel und löffle sie aus. Nichts sonst. Nur das Bier und die Muscheln. Sonntags esse ich den Ziegenkäse, den laktosefreien, mit dem Kümmel. Ich nehme leicht zu, daher mache ich ihn mir nur auf das Knäckebrot.

Das erste Mal war es keine Absicht. Ich hatte nicht das Verlangen, das ich heute oft habe. Das war mir alles noch unbekannt. Ich wusste ja nicht, wie der Tod aussieht. Ich hatte keine Ahnung, welche Ruhe und welcher Friede sich danach ausbreitet. Mir war Angst und Bange. Als sie auf diesem Stuhl vor meinem Fernseher saß, und ich die Wäscheleine lockerte, waren ihre Augen zu meiner Zimmerdecke gerichtet. Sie hatte etwas Schminke verschmiert, aber ihr Mund sprach nicht mehr, sie war still. Es sah nicht so aus, wie ich mir das vorgestellt hatte. Es war, wie gesagt sehr, sehr ruhig.

Wenn ich jetzt darüber nachdenke, nach all den Jahren, dann habe ich alles richtig gemacht, und dennoch lief vieles falsch. Hätte man mich damals gefunden, dann würden die Anderen vielleicht noch leben. Die, die sie suchen. Sie wurde damals nicht gesucht. Sie wollte mir nur Zeitschriften verkaufen. Sie hat viel geredet. Zuviel. Sie war sehr schnell in meiner Wohnung, und erzählte mir von ihrem Leben. Ich konnte gar nicht sprechen. Ich hatte nicht aufgeräumt. Das Bücken fiel mir schwer, und tut es immer noch. Ich räume selten auf, ich habe keinen Besuch. Ab und zu schaut eine Behörde hier rein, und tut so, als hätte sie das Recht dazu. Es ist übergriffig, aber die Vorgänge und Gesichter ändern sich, ehe ich etwas dagegen zu tun wage.

Kein Mensch hat sie gesucht.  Ich hatte keine Zeitschriften abonniert. Praktisch war sie gar nicht da. Das Töten war nicht einfach. Nur, weil ich es spontan tat, und mit Verzweiflung zur Tat schritt, hatte ich überhaupt die Kraft dazu. Sie schlug um sich, ihre Füße wollten aufstehen und ich musste sie mit meinem Gewicht in den Stuhl drücken. Sie konnte nicht schreien. Sie gab keinen Laut von sich. Aber sie schlug um sich. Sie drückte nach oben. Sie wehrte sich. Sie war viel kräftiger, als ich gedacht habe.

Alle waren kräftiger als ich gedacht habe. Ich unterschätze das sehr leicht. Die Menschen denken, dass ich kräftig bin, aber das ist nur mein Körper. Der ist nicht kräftig, der ist schwerfällig. Meine Oberarme sind vergleichsweise dünn, meine Handgelenke kann man mit einer Hand umfassen. Und es muss keine sehr große Hand sein. Mädchenhände können das schon. Ich berühre Menschen nicht oft. Ich bin überrascht, wie weich ihre Haut ist. Nach einiger Zeit vermisse ich das. Schmerzlich. Das ist wahrscheinlich einer der Gründe, aber ich will es nicht darauf schieben. Das wäre zu einfach. Ich denke viel nach.

Ich öffne das Bier und stelle mich ans Fenster, so wie ich es immer wieder danach tat. Ich sah immer wieder aus dem Fenster. Es geht sehr tief nach unten. Von hier oben sehen die Menschen nicht echt aus, die Autos auch nicht, und manchmal wenn der Tag nicht vergehen will, dann wundere ich mich über die hellen und dunklen Tage. Sie beeinträchtigen meine Stimmung nicht, sie sind nur unterschiedlich lang. Ich trinke das Bier langsam. Wenn es eiskalt in meinen Gedärmen landet, dann könnte ich gar nicht mehr aufhören zu trinken. Mir ist immer so warm. Werden meine Hände kalt beim Umfassen der Dose, dann wird alles ruhig. Kühler. Ruhiger.  Kommt dann noch die Schwere, dann schlafe ich auf der Toilette beinah ein, und stütze mein Kopf an die glatten Kacheln. Mit kalten Händen, den kühlen Backen und der Schläfrigkeit muss dieser Zustand dem Tod sehr nahe kommen. Ich genieße das.

Ich bemerke sehr spät, dass ein Auto die Straße verlässt, über den Gehweg, die Feuerwehrzufahrt auf das Treppenhaus zufährt. Die Männer steigen aus, verstauen Dinge in ihren Taschen und schauen zu mir hoch. Ich zwinkere ihnen zu, aber weiß natürlich, dass sie mich nicht sehen. Sie sind so jung.

Ich habe eine Tasche. Direkt neben der Garderobe. Dieses ist ein sehr großes Haus, aber auch ein sehr altes. Schon vor Jahren habe ich den Durchgang entdeckt, der die Häuser dieser Straße miteinander verbindet. Diese Gänge gibt es nicht mehr oft. Sie wurden gebaut als sich die Menschen noch an die Kriege erinnerten. Es war sehr einfach von einem Keller in den anderen zu kommen. Wenn Bomben fallen, dann kann das Leben retten. Große Stahltüren versperren die Durchgänge, doch als Notausgänge sind sie offen. Dieses System ist nicht verzeichnet, aber wer es kennt, der kann weite Wege durch diese Stadt gehen und an manchen Stellen, unter manchen Häusern in die Kanalisation gelangen.

Ich verlasse die Wohnung, schließe die Tür und gehe den Weg, den ich so oft mit viel mehr Last ging.

 

Anfang 41. von 300

„Ich würde sagen: Kopf in die Maschine, Tür dreimal zugeschlagen und das ist das Ergebnis.“

„Das ist der Betriebsrat!“

„Das war er.“ Jacques zog sein Handy heraus. Er ging in die Hocke, hielt das Display vor sein Gesicht und nahm die Trommel ins Visier. Eine rötliche Spur verlief an dem Fensterglas und er bemühte sich, sie wirkungsvoll ins Bild zu bekommen.

„Da sind sogar Haare dran.“ Mit zwei Fingern zoomte er sich näher. „Das ist mal richtig ekelhaft.“

„Sollen wir seine Familie informieren?“

Jacques dachte nach und schüttelte schließlich den Kopf. Er brachte sich in eine bequemere Position und ging in zwei Meter Abstand um den toten Betriebsrat herum.

„Nein, nein.“ Er wirkte, als ob er überlegte, aber die Antwort war im Grunde klar. „Die Polizei. Wir sollten die Polizei rufen.“ Er wählte die Nummer kurzentschloss selbst.

„Ibus, diese Vitamindinger und die Pille – was für eine Auswahl.“

„Grün, gelb und rot. Fast wie  Reggaefarben.“

„Bescheuert.“

Auf dem Boden lag Hans-Peter Stockmeier. 49 Jahre alt. Fisch. Vor drei Jahren wegen einem Burnout in Behandlung. Der Kopf war nun kleiner. Wirkte eingedrückt, und das Blut hatte sich mit dem Staub vermischt, der ihn bedeckte.

Alle um ihn hatten ihren Mundschutz heruntergezogen. Der Raum war nun sowieso kontaminiert, und die Coating-Maschine drehte sich nicht mehr. Auch das Abschleifen der Dragees wurde kurzentschlossen gestoppt. Die Bänder standen still und die Frauen an der Glastür zum Polierraum.

In den gigantischen Trommeln, die an der linken Wand des Raumes standen, wirbelten normalerweise einige Millionen Dragees herum, bis sie glänzten. Das sah aus, als ob sich eine Reihe Waschmaschinen nebeneinander drehten. Nicht alle hatte Trommelfenster. Das war nur eine nette Geste. Früher wuchsen in England einigen Fabrikarbeitern bei der Pillenproduktion Brüste. Grund genug, dem Staub ein bißchen mehr Beachtung zu schenken. Staub gab es dann auch in allen Farben. Und dieser bedeckte Hans-Peter wie eine Düne, die über ihn hinweg wandern wollte.

Seine Augen waren weit aufgerissen, und sein Mund, der ebenso offen stand, war bis zum Rand mit einer Handvoll Pillen gefüllt, die normalerweise ein langes Leben versprachen. Jacques war ein unglaublich großer Mann, der enge T-Shirts trug, und auf der anderen Seite des Rheins lebte. Da gab es besseres Essen, billigere Wohnungen, eine ausgeprägte Abneigung gegen die Deutschen, aber bei weitem nicht soviel Arbeit.

Seine Nachbarn arbeiteten in der deutschen Autofabrik. Er in der deutschen Pillenproduktion. Meistens starrte er in die Trommeln und hing seinen Gedanken nach, während die Dragees vor ihm wirbelten. Als hätten sie ein Eigenleben und wollten Universen bilden. Oder schwarze Löcher. Niemals kamen verschiedene Produkte zum selben Zeitpunkt in parallel laufende Trommeln.

Er hatte sich mal überlegt, ob er nicht vielleicht auch in den Betriebsrat sollte. Die Jungs im Lager munkelten etwas über Kurzarbeit. Aber er war ganz zufrieden mit seinem Leben. Vor allem lebte er noch. In der Pause surfte er auf amerikanischen Pornoseiten, und wenn er nach der Arbeit noch ein wenig Zeit hatte, dann angelte in einem Altrheinarm. Es gab nicht viel, was er in seinem Leben ändern musste.  Er machte noch ein paar Fotos von Hans-Peter Stockmeier, der in seinen Augen ein dummer, fauler Hund mit noch dümmeren Ideen war.

Claude war auch Franzose und tippte ihm auf die Schulter, „Du solltest damit aufhören“

„Warum?“

„Du darfst überhaupt kein Handy hier drinnen haben.“

Jacques zuckte ein wenig. Menschen wie Claude trotten mal hierhin und mal dorthin. Hauptsache man hatte sie geschickt. Von alleine hatten sie nicht mal Ideen, geschweige den einen Willen.

Claude arbeitete am Autoklav. Er richte die Tabletts mit den Löffeln und Schöpfern, stellte die Geräte ein und bereitete die nächste Tabletts vor. Das war ein Leben voller Schadstoffe. Kein Wunder, dass er dumpf in der Birne war. Jacques sah lächelnd auf Claude herab, steckte das Handy unter den Kittel in die hintere Hosentasche und kam ihm dann mit seinem eigenen Gesicht so nahe, als wollte er ihn küssen.

„Welches Handy?“

Sie rochen gegenseitig ihr Frühstück, und Jaques war sich nicht sicher, ob das, was da in seine Nase kroch, Mundwasser oder Alkohol war.

Claude drehte sich wortlos um und ging zu den Frauen, die sich gefährlich an die Glastür quetschten.

„Und verscheuche die Frauen.“ , schickte ihm Jacques hinterher.

„Klar, klar, „,murmelte Claude. Und ganz leise,“Drecksack!“

Dabei gehörte Claude zu jenen Menschen, die sich sicher waren, dass man ihnen jeden Gedanken ansah. Auch wenn sie ihn nicht aussprachen. Er fühlte sich wie ein offenes Buch und in vollem Maß durchschaubar. Er hatte den Eindruck, als ob er selbst unhörbare Wörter laut aussprach. Er wollte unbedingt nach hinten spähen. Traute sich aber nicht. Frauen sahen ihn an, als würde er über sie herfallen. Und jetzt, da er bedrohlich und wütend näher kam, wichen sie freiwillig zurück und verstreuten sich zu ihren Bändern. Dort bildeten sie wieder Trauben. Kleinere zwar, aber es gab ja nichts zu tun.

Vor ein paar Tagen hatten sich Jacques und Hans-Peter in der Schleuse getroffen. Es war eher Zufall. Hans-Peter zog sich bereits an, Jacques desinfizierte seine Arme, so wie er es gelernt oder in einer Arztserie gesehen hatte. In Hans-Peters Spindtür hing das Porträt eines Kindes, dass sich in seiner Pudelmütze versteckte und darunter klebte ein Hundebild von einem Welpen mit glühenden Laseraugen. Damit waren die Eckpunkte definiert und Jacques sprach nie mit ihm über Kinder oder Hunde.

„Du wolltest doch in den Betriebsrat?“ ,begann Hans-Peter das Gespräch und fuhr sich vollkommen konfus durch seine verschwitzten Haare. Wer im Fabrikationsbereich arbeitete, trug nicht nur einen Mundschutz, sondern auch eine Haube, Handschuh und ein paar helle Hosen, so wie den Kittel, auf dem der Name stand. Sonst hätte man wahrscheinlich niemand mehr erkannt.

„Ah, nein.“, antwortete Jacques eher unwillig.

Hans-Peter wandte sich, nur noch bekleidet mit seiner Unterhose, seinem Unterhemd und bedeckt von einem dichten Pelz, in Jacques Richtung. „Aber du solltest mit dem Pornodreck aufhören. Die kommen dir auf die Schliche.“

Jacques antwortete nicht, nur aus dem Augenwinkel sah er vom Waschbecken auf, kurz in Hans-Peters Gesicht und wartete.

„Die IT kam dir auf die Schliche. Sie melden nichts, aber du wärst bei uns besser aufgehoben. Das kann nicht mehr lange gut gehen.“

„Merci!“  Mit diesen Worten verliess Jacques die Schleuse, ballte kurz die Fäuste, lockerte sie wieder und war froh, dass niemand seine Grimassen sah. Der Tag begann ja erst.