Anfang 63. von 300 (Teil 5)

(Ausnahmsweise ist dieser Anfang etwas länger als die bisherigen, und daher in zwei, aber jetzt sind es schon mehr, Kapitel aufgeteilt. Sorry, aber ich wollte ein bißchen experimentieren. Aber es wird ein Anfang bleiben, keine Sorge.

BTW:Wem das zu mühselig ist, nun alle Teile im Blog zusammen zu suchen, der darf mich auch gerne um ein PDF-File bitten. Ich schicke es gerne zu. Nochmal gelesen, nochmal bereinigt, mit , hoffentlich, viel weniger Fehlern.)

Ich betrat ein Universum. Einen Sternenhimmel. Eine Karte, die dreidimensional begann mich einzukreisen. Um mir flogen kleine mechanische Planeten, umkreist von ihren Monden, folgend einer Sonne, die glühend in der Mitte stand. Und dann gab es eine Zweite, die die Planeten zu sich riss, sie aus ihrer elliptischen Bahn zog, um sie in einem wilden Tanz zu verführen. All das spielte sich in vollkommener Dunkelheit ab. Das schummrige Licht offenbarte mir erst nach und nach die Dimensionen, die sich in einer Weite auftaten, die ich nicht in einem solchen Raum vermutete hätte. Kaum erkennbar waren die Fäden und Drähte, an denen diese Objekte unablässig gezogen und bewegt wurden. Nur hin und wieder konnte man an den winzigen Reflexionen der künstlichen Sonnenstrahlen erkennen, dass es sich tatsächlich um ein technisches Wunderwerk handelte, dem ein ausgeklügeltes System zu Grunde liegen musste. Ich wurde gewahr, dass ich auf einer Plattform stand und vor mir ein Geländer hatte. Gerne hätte ich mich darauf gestützt und die Details näher betrachtet, doch nach wie vor war ich von den glimmenden Fesseln gefangen.

Lincoln stellte sich neben mich, legte einen Finger an seine Lippen und berührte das Licht um meine Hände. Die Fesseln verschwanden. Ich stand frei auf der Plattform, rieb mir die Gelenke, fuhr mir durch meine Haare und stützte mich dann auf das Geländer. Ich konnte kein Ende des Raumes erkennen, noch sah ich die Maschine, die dieses Wunderwerk antrieb. Alles schien so unendlich und unberührt, dass es mir schien, als sei es aus sich selbst gewachsen. Meine Gedanken suchten verzweifelt nach einer Erklärung, und diese konnte nur sein, dass wir uns im Inneren einer schwarzen Kugel befanden, die den Raum um uns, das ganze Weltall versuchte nachzubilden. Die Sternbilder, die ich hier sah, waren mir fremd. Die Konstellationen schienen keiner Logik zu folgen, die mir bekannt war. Die Formen und Bahnen, die diese Planeten umeinander zogen waren, nach den mir bekannten Regeln, unmöglich. Zwei Sonnen, die gleichermaßen die Planeten, die sie umkreisten, anzogen, führten scheinbar zu einer geschwungenen Acht und wechselten sich in ihrer zentralen Funktion ab. Das konnte nicht sein. Planeten kamen sich dabei so nahe, dass ihre Gravitation zur gegenseitigen Beeinflussung führen musste. Katastrophen konnten auf ihnen ausgelöst werden. Das Gefüge wirkte instabil und fragil. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass auch nur eine Zivilisation hier eine Chance erhalten sollte. Es war unmöglich, sich auf einem solchen Planeten zu entwickeln und eine nennbare Größe zu erreichen. Es war ein Irrwitz. Sollte dieses die Realität auf dieser Welt sein, dann lud sie eher zum Flüchten als zum Verweilen ein.

Abraham hatte sich neben mich gestellt und besah das Werk mit mir zusammen. Er machte einen zufriedenen Eindruck. Hin und wieder deutete er auf einen besonderen Planeten, als wollte er mir etwas darüber erklären, doch aus seinem Mund kam nur besänftigende, glucksende Laute. Es wirkte wie ein unterdrücktes Lachen. Es ließ mich vermuten, dass er meine Sprache nicht beherrschte, und dennoch davon ausging, dass ich irgendetwas verstand.

„Ich verstehe nicht, Sir!“

Es war mir unmöglich ihn anders anzureden. Er war der 16te Präsident der Vereinigten Staaten. Seine Statue stand in Washington seit Jahrhunderten am Ende der National Mall. Am Mount Rushmore hatte man sein Antlitz verewigt. Es war mir eine verdammte Ehre hier mit ihm zu stehen, auch wenn er ein wenig wie der Hausmeister in einem Museum wirkt.

Er sah mich erschrocken an, dann wieder auf das Kunstwerk und schwieg schließlich. Sein Glucksen hatte geklungen wie das Lachen eines Kleinkindes, aber so ganz ohne diesen Ton kam ich mir noch verlassener vor. Ich beobachtete wie er auf einen Planeten, der ungefähr in der Mitte der treibenden Kreise lag, besonders konzentriert deutete. Er befand sich zwischen den Sonnen, also in der Linie, in der sich die Kreise der Acht gerade kreuzen. Seine beiden Seiten wurden nun von den Sonnen beschienen. Tatsächlich war es sicherlich überall auf dem Planeten gerade taghell. Keine Nacht.

Mir war unklar, wo ich mich eigentlich befand, und daher deutete ich ebenfalls auf den Planeten, und nickte, weil mir nichts besseres einfiel. Als nächstes deutete ich auf mich, auf ihn und zurück auf den Planeten. Wenn das unsere Kommunikation sein sollte, dann war sie mühselig, aber reichte aus, um wenigstens etwas zu erklären. Er nickte ebenfalls. Ich befand mich also auf einer Kugel, die um zwei Sonnen kreiste. Sollte ich dieses jemals, außerhalb dieses Raumes, jemanden erklären wollen, dachte ich, würde ich wahrscheinlich als der größte Lügner der Galaxis bezeichnet. Diesen Planeten musste es förmlich zerreißen, wenn er an den Kreuzpunkt der beiden Umkreisungen geriet. Naturkatastrophen kamen hier sicherlich so zuverlässig wie eine Jahreszeit.

Noch immer sah ich kein Ende des Raumes. Im Gegenteil, je stärker sich meine Augen an das Licht gewöhnten, um so eher erblickte ich eine Tiefe, die weitere Systeme offenbarte. Jedoch war es mir nicht möglich tiefer in das System einzudringen. Die Plattform gewährte mir keinen weiteren Schritt. Ich stand auf eine Aussichtspunkt, der kleiner und kleiner wirkte, aber mir keine variable Möglichkeit gab, all dieses zu erfassen. Der Präsident schien zu verstehen, was mich bewegte, denn ich beugte mich soweit über das Geländer, dass mir übel wurde, als ich versuchte die tatsächliche Tiefe zu erfassen. Es gab einfach keinen sichtbaren Endpunkt, denn auch nach unten, wo sich zwar alle Schnüre, Fäden und Drähte mehr und mehr zu einem Strang vereinigten, sah ich schwach das Leuchten und Glimmen ferner Sterne.

Er berührte meine Schulter, und als ich nicht sogleich reagierte, griff er mit einer Hand an mein Kind und drehte meinen Kopf zu sich. Seine Augen blickten mich an, sein Mund gab wieder diese gluckernden Laute von sich und mit der anderen, freien Hand malte er einen Kreis in die Luft. Die Maschine bewegte sich wohl. Sehr langsam zwar, aber die Positionen aller Objekte konnte sich verändern, und ermöglichte wohl innerhalb eines Zeitraumes einen jeweils anderen Blick darauf. Somit war es durchaus möglich tiefer hinein zu dringen, aber ich hatte keine Hoffnung, dass mich das näher an die Erde oder an ein bekanntes Gestirn brachte. All das hier war mir unbekannt. Es gehorchte nicht mal meinem Verständnis. Und überwarf alles, was ich als Vorkoster jemals gelernt hatte. Ich stöhnte leise, und Abraham zog mich mit sich. Wir verließen den Raum auf demselben Weg, auf den wir ihn betreten hatten.

Die Tür schloss sich hinter uns und wir standen wieder in der bescheidenen Kargheit, die schon mein erster Eindruck war, als ich seine Behausung betrat. Allerdings erblickte ich nun weitere Türen, aus ganz unterschiedlichen Materialien, die sich scheinbar nahtlos in das natürliche Mauerwerk integrierten. Dieser fensterlose Raum, der wohl einer Höhle glich, war in erster Linie die Empfangsstätte, die ihre Geheimnisse nicht preisgab, wenn man sie durch die Vordertür betrat. Hatte man seine Augen an die schummrige Umgebung gewöhnt, so gab es mehr zu sehen, und alles was mich umgab war mitnichten eine bloße Schlichtheit, sondern ein verzwicktes System an Zugängen, von denen Abraham abermals einen öffnete und mich sogleich mit hinein bat.

Es handelte sich um einen spartanischen Raum, ausgestattet mit einem Bett, einer Kommode, über der ein Spiegel angebracht war, vor dem wiederum eine Waschschüssel, ein Stück Seife, ein Kamm und Handtuch lag. Erstaunlicherweise fand sich hier auch ein Rasiermesser. Ich bemühte mich, meiner Verwunderung keinen Ausdruck zu verleihen. Da sich hier Abraham Lincoln befand, machte die Ausstattung Sinn. Zeitgemäß war sie nicht. Diese Dinge waren mir nur aus Museen bekannt. Gemessen an meiner Verwahrlosung brauchte ich sie aber unbedingt. Ich warf ihm einen Blick zu, er nickte, wies mich hinein und verließ den Raum. Ganz offensichtlich war das alles für mich gedacht. In der Schüssel befand sich warmes Wasser, in das ich vorsichtig meine Hand sinken ließ. Ich zog sie wieder heraus, leckte daran wie eine junge Katze an der Milch, und stellte beruhigt fest, dass es sich tatsächlich nur um Wasser handelte. Die Seife roch nach Rosen, doch trotzdem schien mir die Ausstattung nicht vollständig. Ich stand vor der Kommode, legte das Handtuch, nachdem ich mir die Hände getrocknet hatte, wieder beiseite, besah mir die Sammlung und überlegte.

Die Handhabung dieser Gegenstände war mir nur aus Dokumentationen vertraut, daher erschlossen sich nicht sofort die Fehler, aber bei genauerer Betrachtung schien es mir nicht vollständig. Die Kommode hatte vier Schubladen. Die sich alle in ihrer Breite über die komplette Kommode erstreckten. Der Raum selber besaß keine Fenster, was den Eindruck einer Höhle verstärkte. Gleichzeitig schien all das hier genau für mich bestimmt. Gegenüber der Tür, durch die ich eingetreten war, gab es eine weitere Tür zwischen Bett und Kommode. Sie war in einem Weiß gestrichen, dass sich dem Gelb verblichener Fensterahmen angeglichen hatte. So als hätte sie ihre beste Zeit schon hinter sich. Meine erste Vermutung war, dass es sich bei dem Raum hinter dieser Tür um ein Badezimmer handelte, aber das ergab keinen Sinn, wenn die Waschüssel vor dem Spiegel stand.

Ich zog die oberste Schublade der Kommode auf. In ihr befanden sich einige Schriftstücke mit unverständlichen Hieroglyphen. Das Material glich eindeutig Papier, aber als ich versuchte, es zu zerreißen, war dieses nicht möglich. Ich wog ein dickes Buch in der Hand. Der Einband ließ auf eine Bibel schließen, auch die Bilder darin, die ich bei einem flüchtigen Durchblättern erblickte, hatten biblische Motive. Einige erschlossen sich sofort. So waren Adam und Eva im Paradies ein Motiv, dass es in dieser Form nur in der Bibel geben konnte. Aber alle Zeichen, die sich an einer mir fremden Keilschrift orientierten, hatten so gar nichts mit den Schreibweisen zu tun, die ich in meinem bisherigen Leben gesehen hatte. Ich versuchte Hinweise auf bekannte Wörter zu finden. So mussten die Namen Adam und Eva doch in irgend einer Weise wiederholt werden und mich in die Lage zu versetzen, zu mindestens einen Teil dieser Schriften zu entziffern. Doch meine Kenntnisse erwiesen sich als nicht ausreichend. Ich hoffte auf mehr Ruhe und eine zweite Chance. Also legte ich die Bibel zurück. Neben der Bibel fand ich ein Superhelden-Comic im Stil von Jack Kirby, ebenfalls in allen Sprechblasen und Panels mit dieser unerklärlichen Schrift ausgestattet, sowie einige handgeschriebenen Briefe mit einer wunderschönen schwungvollen Handschrift, die sowohl Zeit, wie auch Übung und einen Sinn fürs Detail verriet. Unter all dem lag noch eine zerlesene Ausgabe eines Playboys, noch in Papierformat, angenehm bieder, ausgestattet mit Mädchen, die alle aussahen wie die Großmutter meiner Großmutter in deren Jugend. Ich bemühte mich die Biografie des Playmates vom Mittelteil zu entziffern, aber auch das gelang mir nicht. Ich schloss die Schublade wieder, und zog die zweite, darunter liegende auf.

Im Anbetracht der Rede von Pentat ergab nichts einen Sinn, schon gar nicht die Tatsache, dass sich in der zweiten Schublade Bekleidungstücke befanden, die irgendwo im Rokoko angesiedelt waren. In einer abstrus dekadenten Welt musste man Dinge wie diese roten Westen mit Goldborten, ebensolchen Knöpfen und aufgerüschten Hemden getragen haben. Die Hosen waren knielang, ebenso wie die Strümpfe, nur in die entgegen gesetzte Richtung. Die Teile dieser Ausstattungen zogen sich bis hinunter in die letzte Schublade, in der sich unbequeme Lackschuhe befanden, mit denen man vielleicht tanzen konnte. Sollte ich diese Dinge anziehen, würde ich aussehen, wie ein Geck am Hofe des Sonnenkönigs.

Das Rasiermesser war vollkommen unnütz. Zwar war es erschreckend scharf und trug dazu bei, dass ich rote Spuren im Handtuch zurück ließ, aber ohne Schaum oder zu mindestens einen Pinsel zerschnitt ich mir nur fachgerecht mein Kinn. Und genau das tat ich dann. Ich sah aus als hätte mich Bengal als eines seiner Kleinstlebewesen betrachtet.

Zur Erklärung: 

Da ich an diesem Anfang nun etwas länger schreibe, möchte ich euch bitten, mir mit zu teilen, ob ihr ein Interesse an weiteren Fortsetzungen habt. Natürlich dürft ihr mir auch alles andere mitteilen. Ich bitte darum. Hinweise auf Fehler nehme ich ebenfalls gerne entgegen, sowie jede andere Art von kritischer Betrachtung. Zwar kann ich noch nicht sagen, ob ich darauf eingehe, aber ihr dürft auch gerne Vermutungen äußern, wie es weiter gehen könnte.)

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Anfang 63. von 300 (Teil 4)

(Ausnahmsweise ist dieser Anfang etwas länger als die bisherigen, und daher in zwei, aber jetzt sind es schon mehr, Kapitel aufgeteilt. Sorry, aber ich wollte ein bißchen experimentieren. Aber es wird ein Anfang bleiben, keine Sorge.

BTW:Wem das zu mühselig ist, nun alle Teile im Blog zusammen zu suchen, der darf mich auch gerne um ein PDF-File bitten. Ich schicke es gerne zu. Nochmal gelesen, nochmal bereinigt, mit , hoffentlich, viel weniger Fehlern.)

Die Gabe der Stadt war offenkundig. Als wir durch Gänge gestossen wurden, verloren wir die Orientierung. Es war müßig die Treppen zu zählen, die verschiedenen Aufzüge zu beschreiben, oder all die Stahlröhren, die irgendwas mit uns machten, bis wir woanders wieder zu Bewusstsein kamen. Während wir am Anfang einer Strafkolonne glichen, die im Gänseschritt vorgeführt werden sollten, wurden wir langsam aber sicher getrennt. Ich verlor Bengal schneller aus den Augen, als ich diesem Umstand gewahr werden konnte. Keine Chance sich zu verabschieden. Er verschwand einfach, und Türen schlossen sich geräuschvoll, während ich gleichzeitig wieder eine Treppe tiefer nach unten geführt wurde. So ging das immer weiter. Tiefer und tiefer ging es in den Bauch der Stadt. Ich kam an prunkvollen Hauseingängen vorbei. Ich sah Ornamente, die mir bekannt vorkamen, aber auch Malereien, die mir fremder nicht sein konnten. Stilistisch grenzenlos versammelte sich hier alles, was Wesen, unabhängig von ihrer Herkunft schaffen konnten. Die Wesen jedoch selbst bekam ich kaum zu Gesicht. Sie verbargen ihr Antlitz, wenn wir vorüberschritten, oder versteckten sich hinter Vorsprüngen. Sie eilten uns voraus, oder hinterher, aber niemand sah mich direkt an. Das. was ich als Ordnung begriff, als ich von oben herab sah, löste sich in eine angstvolle Gemeinschaft auf, die mir auswich.

Neben mir schritten zwei von Pentats Leuten. Sie waren schweigsam, trugen eine stark ausgeprägte Rüstung, und waren, wie ich jetzt erkannte, auch gegenüber den übrigen Bewohnern verhältnismäßig groß. Ihre Hände glichen Pranken, in denen mein Kopf verschwinden konnte. Sie verzichteten darauf mich mehr als notwendig zu berühren, aber das konnte auch durchaus daran liegen, dass sie mich eher als niederes Wesen sahen. Ich lief gebückt, meine Kleidung, einst eine Uniform, schlotterte an mir, und ich musste meine Hosen halten, damit sie nicht rutschten. Unter meinen Haaren juckte es, als ob Insekten ein Nest darin gebaut hatten. Ich konnte meine Hände nicht nutzen, um das nachzuprüfen, denn nach wie vor betrachteten sie es als notwendig mich zu fesseln. Es gab keinen Ort, an den ich hätte flüchten können. Es gab keine Technologie, die ich auch nur ansatzweise begriffen hätte, und ich stank in jede Windrichtung. Aber sie musste mich fesseln. Außer Pentat selbst, und dieser fast akzentfrei, sprach niemand mit uns. Auch diese beiden Exemplare schwiegen mich geflissentlich an. Es war überhaupt sehr ruhig um mich herum. Menschenansammlungen hatten immer einen Grundpegel an Lärm. Vor allem, wenn es sich um eine Stadt handelte. Um eine Stadt dieser Größenordnung, die in ihrer Tiefe kein Ende nehmen wollte. Doch hier war nichts zu hören. Es war viel zu ruhig. Ich hörte das Reiben meiner Kleidung, verhuschte Schritte, wenn jemand an uns vorbei eilte, aber sonst nichts.

Fast hätte ich unseren Spaziergang ziellos genannt, als sie an eine Tür klopften. Es war eine Tür, die eher altertümlich wirkte. Ich hätte das Material, das unter ihrem Klopfen dumpf klang, Holz nennen wollen, aber es war schwierig an solch einem Ort Vergleiche zu ziehen. Hier in dieser Tiefe wirkten die Weg, eigentlich Höhlen, ungleich älter, verkommener, technologiefeindlich. Tageslicht erreichte uns praktisch überhaupt nicht mehr, und die Wände waren von einem leuchtenden, seltsam verteilten Material bedeckt. Ich hätte es gerne berührt. Die Behausung vor der wir standen,  wirkte eher wie aus einem Felsen gewaschen als künstlich aufgebaut. Die Zeichnungen und Schnitzereien, die sich hier über die Wände zogen waren so unterschiedlich im Detail, dass alles darauf hindeutete, dass hier schon Generation an Handwerkern ihr Glück versuchten. Wenn ich mir das erklären wollte, dann nur damit, dass diese Stadt aus sich selbst gewachsen war und die Höhe gesucht hatte. Wir mussten sehr tief unten sein. Ich bezweifelte fast, das es noch mehr Ebenen in die Tiefe gab.

Als sich die Tür öffnet, trat mir ein vertrautes Gesicht entgegen. So vertraut, dass ich fast Freude empfand. Der prägnante Bart, dieser glasklare Blick und überhaupt diese asketische Figur hatte ich schon in so manchen Geschichtsbüchern gesehen. Er trug eine Schürze, sah mich erstaunt an, zog die Stirn kraus und warf dann ein Auge auf meine Begleiter. Mit bleckenden Zähnen grunzte er einige unverständliche Laute, die zornig wirkten. Es gab einen zischenden Disput, der von Schnalzlauten begleitet wurde, aber dann trat er beiseite und liess uns hinein. Seine Wohnung war karg. Wir befanden uns in einem spärlich beleuchtenden Zimmer. Hier war nichts, was auf Dekoration oder Erholung deutete. Trotzdem wirkte alles bekannt und sehr irdisch.

Mir wurde schwindlig, da ich dem Geschehen nicht glauben wollte. Dieses war entweder ein fiebriger Traum oder, so beschlich mich das Gefühl, hier erlaubte sich jemand einen bösen Streich. So sehr einige Erklärungen möglich waren, so wenig konnte ich  fassen, was ich hier sah.  Der Mann, der ganz offensichtlich aus Fleisch und Blut, und noch immer in einer eigenartigen Diskussion mit den beiden Wächtern verwickelt war, war seit tausenden von Jahren tot. Es sahen ihn so viele Menschen sterben, dass er sich unmöglich hier befinden konnte.

Ich stützte mich an die Wand, mein Herz pochte wie wild. Die Schläge polterten hörbar in mir und Schweiß trat auf meine Stirn. Auch wenn es keiner so nannte, aber das musste der Moment sein, in dem sie das Hirn weichkochten. Oder dieses war nur der Übergang von allem, und mein Wahnsinn liess mich nicht mehr los. So oder so konnte das nicht Abraham Lincoln sein.

„Es war nicht Abraham Lincoln!“

„Er sah aber aus wie Abraham Lincoln,Misa!“

„Ich kenne deinen Abraham Lincoln zwar nicht, aber er kann es nicht gewesen sein!“

Die beiden Wächter wirkten unschlüssig. Sie bewegten sich ein klein wenig nach vorne, traten näher an Lincoln und bleckten ihre Zähne. Er musste ihren Atem spüren. Ihre Zuschaute, die sie durch die Zähne stießen, klangen nun wütender. Sie achteten überhaupt nicht mehr auf mich, und für einige verwirrende Millisekunden sann ich über eine Flucht nach. Doch ich schätze, ich wäre nicht weit gekommen. Abraham Lincoln war der erste Mensch, den ich – außer den Meuterern – hier gesehen hatte.

Der Mann stand unbeirrt vor den Beiden. Er sah sie durchdringend an, wich keinen Schritt zurück und ahmte ihre Laute gekonnt nach. Doch er sprach mehr, blähte die Nüstern, beschrieb mit kleinen Handbewegungen die Umstände und drängte sie schliesslich hinaus. Einen letzten mißmutigen Blick auf mich, dann hatten sie uns verlassen. Und wir waren alleine.

Abraham Lincoln wischte sich die Hände an der Schürze ab. Er betrachtete mich ruhig, sein Kopf nickte ein zwei mal, dann wandte er sich ab von mir und liess mich alleine stehen. Er ging an die gegenüberliegende Seite des schmucklosen Raumes, an der sich wiederum eine Tür befand, die der Eingangstür glich und öffnete diese. Ich ging davon aus, dass hier der Weg in seine Privatgemächer führte. Dem Drang ihm zu folgen, wollte ich nicht nachgeben, so verharrte ich und wartete auf ein Zeichen.

Alles, in diesem Raum, schien aus Holz, Stein oder Metallen gefertigt, wie ich sie aus Dokumentationen kannte. Die Türen hatten beide schwere Beschläge und Schlösser, die einen mechanischen Ursprung und Grund haben mussten. Die Räumlichkeiten, die Abraham betreten hatte, lagen für mich im Dunkeln, kein Licht drang heraus, wohl aber schnarrende Geräusche, als ob ein ein gut justiertes Räderwerk seine Dienste tat.

Abrahams Hand zeigte plötzlich aus der geöffnete Tür, machte einige rotierende, ungewöhnliche Bewegungen und lockte mich dann hinter sich her. Der Zeigefinger krümmte sich, und deutete, gleich dem Nicken eines Hahnes, hinein in die Dunkelheit hinter dem Türrahmen. Ich folgte ihm.

Ein guter Vorkoster muss eine gesunde Mischung aus Unerschrockenheit, Tapferkeit und Furcht vorweisen können. Ich war es gewohnt, mich auf ungewöhnliche Dinge einzulassen. Es war Teil meiner Ausbildung, meine Vernunft nicht ausschließlich vor meine Neugier zu stellen. Es war üblich, einen Vorkoster mit seinem Instrumentarium immer im zweiten oder gar ersten Trupp auf unbekanntes Terrain zu senden. Es bestand ja durchaus die Möglichkeit, dass Vorräte  zur Neige gingen, und die Mannschaft, die betreut wurde, auf neue Speisevarianten angewiesen waren. Natürlich war ich als Vorkoster ausgestattet mit allerhand Gerätschaften, die ich in der Regel in verschiedenen Taschen meiner Uniform verstaute, und konnte daher Gefahren ausschliessen oder eben rechtzeitig erkennen. Aber am Schluss, angesichts der Konfrontation mit neuen Speisen, blieb mir tatsächlich nur der Selbsttest. Ich musste mich auf das Unbekannte einlassen.

Ich folgte ihm also und trat in das Zimmer.

Da ich an diesem Anfang nun etwas länger schreibe, möchte ich euch bitten, mir mit zu teilen, ob ihr ein Interesse an weiteren Fortsetzungen habt. Natürlich dürft ihr mir auch alles andere mitteilen. Ich bitte darum. Hinweise auf Fehler nehme ich ebenfalls gerne entgegen, sowie jede andere Art von kritischer Betrachtung. Zwar kann ich noch nicht sagen, ob ich darauf eingehe, aber ihr dürft auch gerne Vermutungen äußern, wie es weiter gehen könnte.)

Anfang 62. von 300

Im Hinterhof fand ich das Zeichen.  Also drehte ich mich um, ging zurück in die Küche, holte die Bürste, einen Eimer und trug die Seifenlauge in den Hof. Ich stellte ihn vor die Mauer, tränkte die Bürste und versuchte mein Glück.
“Was, zum Teufel, machst du da? Es ist fünf Uhr morgens!”
“Der Scheiß muss weg!” Ich kämpfte mit der Lackschicht, die Wand war nach kurzer Zeit feucht, aber die Farbe zog zu schnell in den Putz. Ich hatte keine Chance.
“Mit Seife? Du brauchst Lösungsmittel dafür.”
“Wir haben kein Lösungsmittel, verdammt!”
Melissa spielte Roller-Derby, trug Tattoos von der Fuß- bis zur Nasenspitze, schlug sich mit den stärksten Jungs, und war die schläfrigste Schwester, die ich mir vorstellen konnte. Das war die Großstadt, wie wir sie uns vorgestellt hatten. Seit ich hier lebte, waren mir meine T-Shirts zwei Nummern zu groß und ich rauchte wie ein Schlot. Meine helle Haut wurde picklig, die Baseballkappe stank nach Schweiß und meine Sprache klang nach einem Land, in dem ich noch nie war. Die Dinge hatten sich gut entwickelt, seit unsere Eltern tot waren.  Besser als jeder gedacht hatte. Die Jungs waren auf meiner Seite, die Mädels mochten Melissa wirklich.
Ich warf die Bürste wieder in den Eimer, der Schaum spritzte zur Seite und bildete eine Lache auf dem Asphalt. Das war unser Hinterhof. Hier waren unsere Zeichen, unsere Schrift, unsere Spuren und unsere Kippen. Die, die nicht hier gehört, hatten ihr Zeichen heute Nacht an die Wand geschmiert. Und ich hatte es zu spät gemerkt. Ich konnte das unmöglich so lassen.
Ich spuckte auf den Boden, schnappte mir wieder den Eimer und schleppte ihn zurück in die Küche.

„Das geht nie wieder weg! Scheiße!“

Melissa trank ihren Kaffee so schwarz, dass er der Haut ihrer nubischen Prinzessin glich. Die schlief wahrscheinlich noch in dem Hochbett. Als untere Eltern sich überschlugen, wollten wir keine neuen. Und ich weiß nicht genau, wie es Melissa gemacht hatte, aber wir lebten hier. Ich war sechzehn, sie dreiundzwanzig und wenn Paula bei uns war, dann nannten wir das eine WG, und für alle schien es okay. Zwei Jahre, sagte sie immer wieder, das bringen wir rum. Reiß dich zusammen. Wir packen das.
Paula war die nubische Prinzessin. Sie modelte für die großen Labels, und manchmal fanden wir ein Bild von ihr im Internet. Auf Seiten, auf die es nicht hin gehört. Nichts zu machen, lachte Paula. Sie hatte viele Fans. Sie schlief meistens, wenn sie bei uns war. Das lag an den Flügen, den Städten, den Arschlöchern ganz allgemein und an Melissa, die sie nicht loslassen wollte.
„Was willst du machen?“ Melissa sah mich über den Kaffee an. Sie blies den Dampf beiseite, grinste und wiederholte die Frage. „Was willst du machen, kleiner Frosch?“

„Was wohl? Ich hole mir Scheiß-Lösungsmittel, um diese Scheiße wegzumachen. Verdammt!“

„Yo! Mach das, Bruder!“
Ich war das schmächtigste Kerlchen. Ich war schon immer dünn, und lang, aber niemals groß genug um ein Basketballstar zu werden. Ich war der, den die anderen zur Seite schoben, wenn der Ärger zur Tür hereinkam. Sie mochten meine Skizzenbücher. Sie mochten es, wie schnell ich die Tags an die Wand haute, den Stift über die Seiten zog, und das ich ihnen jedes Comic-Wesen zeichnen konnte. Sie wollten sie sich später mal stechen lassen. Ich sollte das doch machen. Ein Tattoo-Studio. Das sei gut. Ich könnte mir einen Namen machen. Ich lachte dann immer, sprach nicht mehr davon und hoffte, niemals in die Nähe eines solchen Studios zu kommen. Ich wollte Comics machen. Einfach nur Comics. Heldengeschichten schreiben. Kerle, die die Welt aufräumen. Sich nicht mit Lösungsmittel und verdammten Zeichen im Hinterhof beschäftigen.
Meine Muskeln hatten die Eigenschaft sich irgendwo in meinen Körper zurück zu ziehen, die Hosen rutschten ständig, und meine Beine staken in den Turnschuhen wie dünne Fremdkörper. Ich hätte nicht gewusst, was ich ohne die anderen Jungs machen sollte. Hier sollte unser Zeichen sein. Nicht ein Fremdes.
Paula brachte Matzenbrot in die Küche, und eine dunkle Marmelade von ihrer Oma. Meistens mischte die gute Frau Feigen mit irgendwelchen roten Früchten für ihre Enkelin. Bestrich man das Matzen mit etwas Butter, und das war schon hohe Kunst, gab darauf dann die Marmelade, dann hatte man entweder eine unglaubliche Schmiererei oder eine Offenbarung auf dem Teller. Alles möglich.
Paula war eine unwirkliche Schönheit. Ihre Bewegungen waren fließend, und passten weder in diese Küche, noch in diese Stadt. Sie war von irgendwas runter gefallen und Melissa hatte sie gefangen. Melissa sagte immer, es war der Himmel, und Paula lachte dann und erzählte etwas von einem Tisch und einer Glühbirne. Ich konnte mir keinen gemeinsamen Ort auf dieser Welt vorstellen, an dem sich solche Leute wie Melissa und Paula wirklich treffen konnten. Außer einer Lesbenbar oder einer komischen Seite im Internet.
Die meiste Zeit ihres Lebens verbrachte Melissa in einer Halle, die die Bezeichnung „Sportpalast“ gekonnt entwertete. Es war ein Höllenlärm, wenn die Mädels auf ihren Rollschuhen über die Bahnen sausten. Sie rempelten sich andauernd, flogen gegen die Bande und lachten dabei, als wäre es das größte Vergnügen der Welt. Sie trugen einen Mundschutz, aber trotzdem hatten ein paar von ihnen Zahnlücken, weil der Krach natürlich nicht in außerhalb dieser Sportstätte plötzlich aufhörte. Das zwischen Paula und ihr war vielleicht nur eine Phase, oder die wirklich einzige Liebe. Ich konnte das nicht so genau sagen. Sie war schon mit Johns und Joes zusammen, und die waren manchmal weiblich, manchmal wusste ich es nicht, und manchmal waren es eben Jungs. Die Welt ist nicht so einfach.
Paula biss in ihr Matzen. Sie hob es mit zwei Finger, an denen nichts haften blieb, was dort nicht haften sollte, bleckte ihre Zähne und zeigte mir wieder mal, dass Menschen auch perfekt sein können. Selbst wenn sie gerade aus dem Bett gefallen sind.

„Gehst du zum Baumarkt? Ich komme mit.“

„Ist okay.“

Wenn Paula dabei war, dann konnte ich den Baumarkt komplett ausräumen. Keiner hätte auf mich geachtet.  Mit Paula im Baumarkt, das war so, als ob der Papst durchs Bahnhofsviertel marschieren würde. Das war kein Auflauf, das war eine Parade.

„Warum zeichnest du nicht selber etwas auf die Wand? Ein großes Graffiti, und dann ist Ruhe.“

„Sie würden es taggen.“

„Kein Mensch würde irgendwas von dir taggen, du kleines Genie. Ernsthaft! Tobe dich aus.“

„Was…“

„Kunst. Große Kunst. Keine Namen. Zeichne was. Große Kunst, Bruder!“

Sie fuhr mir durchs Haar.

„Du kannst das.“
Würde ich irgendwann eine große Geschichte erzählen, dann wäre das der Punkt gewesen für die Weichen in die Zukunft. Paula ging mit mir in den Baumarkt. In den Baumarkt. Die Jungs. Wenn sie das gesehen hätten.

Anfang 51. von 300

Ich habe das Gesicht eines Kindermörders, und die Gestalt eines Kamels. Mein Gang ist schwerfällig, meine Füße kämpfen mit dem Untergrund, wenn sie ihn betreten und vor allem, wenn sie vorwärts kommen wollen. Die Menschen weichen mir aus, wenn ich ihnen entgegenkomme. Ich schlurfe sie an, keuche dabei und mein Schweiß lässt mein Gesicht glänzen.

Das ist das, was ich weiß. Die Dinge sind nun einmal so, ich habe gelernt damit zu leben. Das fiel mir zeitweise schwer. Mittlerweile sind ist für mich alles im Lot, für andere Menschen vielleicht nicht.

Ich verlasse das Haus nicht mehr so gerne. Meistens gehe ich zum Supermarkt, weiche denen aus, die davor rumstehen, nehme auch keine Flyer mit, und kaufe mir den Kram , mit dem ich das, was sie Leben nennen, rum bringe. Seit 30 Jahren warte ich auf den Tod. Und weil er nicht kam, habe ich selbst getötet. Das ändert viel weniger, als man so gemeinhin glaubt.

Ich hasse es, wenn Menschen mir zu nahe kommen. Ich mag es nicht, wenn sie mich unabsichtlich berühren. Ich bekomme Schüttelfrost, wenn es an meiner Tür klingelt. Ich bekomme dann kein Wort heraus. Meistens schleiche ich in meinen Socken durch die Wohnung. Ich hoffe, dass mich niemand hört. Ich falle nicht sonderlich auf, wenn man mich in Ruhe lässt. Darauf baue ich. Ich will die Zeit nur rumbringen. Es wird bestimmt anders danach.

Am Ende der Lichtjahre, wie ich sie mir vorstellen kann, gibt es wohl einen Planeten, der bewohnbar ist. Wenn ich mir denke, dass alles miteinander verwoben ist, dann macht einiges Sinn. Ich denke viel nach. Ich habe Zeit. Das ist der Fluch an der Geschichte.  Aus dem Supermarkt  bringe ich wenig mit. Das Bier in der 1-Liter-Dose hat es mir seit ein paar Jahren angetan. Es ist genau die richtige Menge für die Schwere, die ich benötige. Ich schlafe wie ein Raubtier. Ich wache auf, wenn die Träume mich übermannen wollen. Dann bekomme ich einen Schreck und wache auf.

Die Muscheln im Glas schmecken mir. Sie sind teuer, aber ich kaufe sie gerne. Ich schütte sie in eine Schüssel und löffle sie aus. Nichts sonst. Nur das Bier und die Muscheln. Sonntags esse ich den Ziegenkäse, den laktosefreien, mit dem Kümmel. Ich nehme leicht zu, daher mache ich ihn mir nur auf das Knäckebrot.

Das erste Mal war es keine Absicht. Ich hatte nicht das Verlangen, das ich heute oft habe. Das war mir alles noch unbekannt. Ich wusste ja nicht, wie der Tod aussieht. Ich hatte keine Ahnung, welche Ruhe und welcher Friede sich danach ausbreitet. Mir war Angst und Bange. Als sie auf diesem Stuhl vor meinem Fernseher saß, und ich die Wäscheleine lockerte, waren ihre Augen zu meiner Zimmerdecke gerichtet. Sie hatte etwas Schminke verschmiert, aber ihr Mund sprach nicht mehr, sie war still. Es sah nicht so aus, wie ich mir das vorgestellt hatte. Es war, wie gesagt sehr, sehr ruhig.

Wenn ich jetzt darüber nachdenke, nach all den Jahren, dann habe ich alles richtig gemacht, und dennoch lief vieles falsch. Hätte man mich damals gefunden, dann würden die Anderen vielleicht noch leben. Die, die sie suchen. Sie wurde damals nicht gesucht. Sie wollte mir nur Zeitschriften verkaufen. Sie hat viel geredet. Zuviel. Sie war sehr schnell in meiner Wohnung, und erzählte mir von ihrem Leben. Ich konnte gar nicht sprechen. Ich hatte nicht aufgeräumt. Das Bücken fiel mir schwer, und tut es immer noch. Ich räume selten auf, ich habe keinen Besuch. Ab und zu schaut eine Behörde hier rein, und tut so, als hätte sie das Recht dazu. Es ist übergriffig, aber die Vorgänge und Gesichter ändern sich, ehe ich etwas dagegen zu tun wage.

Kein Mensch hat sie gesucht.  Ich hatte keine Zeitschriften abonniert. Praktisch war sie gar nicht da. Das Töten war nicht einfach. Nur, weil ich es spontan tat, und mit Verzweiflung zur Tat schritt, hatte ich überhaupt die Kraft dazu. Sie schlug um sich, ihre Füße wollten aufstehen und ich musste sie mit meinem Gewicht in den Stuhl drücken. Sie konnte nicht schreien. Sie gab keinen Laut von sich. Aber sie schlug um sich. Sie drückte nach oben. Sie wehrte sich. Sie war viel kräftiger, als ich gedacht habe.

Alle waren kräftiger als ich gedacht habe. Ich unterschätze das sehr leicht. Die Menschen denken, dass ich kräftig bin, aber das ist nur mein Körper. Der ist nicht kräftig, der ist schwerfällig. Meine Oberarme sind vergleichsweise dünn, meine Handgelenke kann man mit einer Hand umfassen. Und es muss keine sehr große Hand sein. Mädchenhände können das schon. Ich berühre Menschen nicht oft. Ich bin überrascht, wie weich ihre Haut ist. Nach einiger Zeit vermisse ich das. Schmerzlich. Das ist wahrscheinlich einer der Gründe, aber ich will es nicht darauf schieben. Das wäre zu einfach. Ich denke viel nach.

Ich öffne das Bier und stelle mich ans Fenster, so wie ich es immer wieder danach tat. Ich sah immer wieder aus dem Fenster. Es geht sehr tief nach unten. Von hier oben sehen die Menschen nicht echt aus, die Autos auch nicht, und manchmal wenn der Tag nicht vergehen will, dann wundere ich mich über die hellen und dunklen Tage. Sie beeinträchtigen meine Stimmung nicht, sie sind nur unterschiedlich lang. Ich trinke das Bier langsam. Wenn es eiskalt in meinen Gedärmen landet, dann könnte ich gar nicht mehr aufhören zu trinken. Mir ist immer so warm. Werden meine Hände kalt beim Umfassen der Dose, dann wird alles ruhig. Kühler. Ruhiger.  Kommt dann noch die Schwere, dann schlafe ich auf der Toilette beinah ein, und stütze mein Kopf an die glatten Kacheln. Mit kalten Händen, den kühlen Backen und der Schläfrigkeit muss dieser Zustand dem Tod sehr nahe kommen. Ich genieße das.

Ich bemerke sehr spät, dass ein Auto die Straße verlässt, über den Gehweg, die Feuerwehrzufahrt auf das Treppenhaus zufährt. Die Männer steigen aus, verstauen Dinge in ihren Taschen und schauen zu mir hoch. Ich zwinkere ihnen zu, aber weiß natürlich, dass sie mich nicht sehen. Sie sind so jung.

Ich habe eine Tasche. Direkt neben der Garderobe. Dieses ist ein sehr großes Haus, aber auch ein sehr altes. Schon vor Jahren habe ich den Durchgang entdeckt, der die Häuser dieser Straße miteinander verbindet. Diese Gänge gibt es nicht mehr oft. Sie wurden gebaut als sich die Menschen noch an die Kriege erinnerten. Es war sehr einfach von einem Keller in den anderen zu kommen. Wenn Bomben fallen, dann kann das Leben retten. Große Stahltüren versperren die Durchgänge, doch als Notausgänge sind sie offen. Dieses System ist nicht verzeichnet, aber wer es kennt, der kann weite Wege durch diese Stadt gehen und an manchen Stellen, unter manchen Häusern in die Kanalisation gelangen.

Ich verlasse die Wohnung, schließe die Tür und gehe den Weg, den ich so oft mit viel mehr Last ging.

 

Anfang 44. von 300

„Dieses elende ADHS-Kind! Was erzählt er da? Was, frage ich dich, erzählt der da?“
Die Sache war die: Ich hatte von dem Business keine Ahnung. Ich halte mich mit der Tatsache über Wasser, dass es Leute gibt, die entweder bestimmte Dinge nicht tun wollen oder nicht in der Lage sind sie zu tun.
Ich grabe dir also gerne den Garten um. Wir müssen es aber nicht dabei belassen. Ich bin vielseitiger. Wesentlich vielseitiger.
Ich wollte mir das mal anschauen, was Mikesch so macht. Er schuldete mir mittlerweile mehr als nur einen Gefallen, und guckte mich dieser Tage an, was andere Menschen für ihren Lebensunterhalt tun müssen.
Mikesch traf ich immer nur an ganz obskuren Orten. Clubs, Kebabläden oder Nagelstudios. In letzteres fuhr er seine unzähligen Schwestern. Er hatte mehrere, alle bildhübsch, aber mir verriet er noch nicht mal ihre Namen. Aber wir trafen uns da, während er gelangweilt in Modemagazinen blätterte, deren Sprache ich nicht kannte. Nagelstudios hatte ich noch nie zuvor betreten.
Er verdient sein Geld im Musikgeschäft. Sagte man mir. Rap, sagte man mir.
Nun habe ich keine Ahnung von Rap. Von Musik im allgemeinen wahrscheinlich auch nicht. Ich höre seit Jahren die letzten Alben von Johnny Cash, und da führt einfach kein Weg vorbei: Der Johnny Cash ist Gott. Oder war es Zeit seines Lebens. Rap ist für Wichtigtuer, denen der Schwanz fehlt etwas im Leben richtig zu machen. Nur Gelaber.
Um mir etwas zu erklären, lud mich zum Fernsehen ein. Und Fernsehen heißt bei ihm, dass man quasi im Bild drin sitzt. Ich weiß nicht, wann das losging, mit diesem Wunsch nach dem eigenen Kino, aber die Technik heutzutage ist wirklich abgefahren. Ich versank in einem Sessel, der mich in die Tiefe ziehen wollte und sah mir ein Interview an, in dem die Moderatorin einem professionellen Nägelkauer richtig gute Fragen stellte. Das Kind war zwar schon 32, aber warf der klugen Frau und seinem Publikum immer noch einen Hündchenblick zu. So ein Blick, der unverhohlen ausspricht: „Verzeiht mir, ich muss das tun.“
Seine Gesten waren groß, seine Sprache gespickt mit Ausdrücken, die ich nicht kannte. Manche davon schlugen bei mir Saiten an, die mich dazu brachten, den Rest seiner Rede in Frage zu stellen. Wären wir vor Gericht gestanden, und ich sein Anwalt, dann hätte ich ihm ein durchgängiges Redeverbot erteilt. Das war eine üble Nummer aus Abgebrühtheit und Mamas Liebling.
Nach einigen Minuten war er bei mir durchgefallen und es wurde nicht besser. Mikesch deutete ein „Ssschttt“ an, um mich leise zu stellen. Er sah mir wohl an, dass ich all das in Frage stellen wollte. Aber ich hielt meinen Mund. Scheinbar stellte er mir gerade seinen wichtigsten Goldesel vor und wartete jetzt auf eine ganz bestimmte Stelle
Während bei ihm die Spannung stieg, machte ich im Kopf einer Inventur, von den Dingen, die hier in seinem Büro herumlagen. Playstation, X-Box,  verschiedene, ungeöffnete Sportschuhe mit bekannten Markennamen, aber auch Zeug, das wohl aus Korea oder einem anderen Ort importiert wurde. Eine Shisha, die ziemlich verdreckt in der Ecke stand. Polstermöbel, die dich fraßen, wenn du in sie reinplumst. Diese aber in einem cremigen Weiß, wie es meine Oma schon liebte. Und dazwischen technischer Klavierlackkram. Notebooks, Smartphones und ähnliche DInge, die man so oft in den Händen hält, dass sie nach einem halben Tag vor Fettspuren glänzen. Hier jedoch war alles klinisch sauber. Es schien alles gut zu laufen. Wenn jemand hereinschaut, dann wurde Mikesch mit „Big Mikesch“ angesprochen.
Wie Popcorn-Kino, nur in echt.
An einer bestimmten Stelle des Interviews verlor er vollkommen die Beherrschung. Er stöhnte wie ein Mann so stöhnt, wenn er seine leibliche Fülle erreicht.  Sehr animalisch, und griff in eine Schüssel, die wohl Go-Steine enthielt. Wie ein prasselnder Regen knallten die Dinger an den Fernseher.  Tote Pixel waren jetzt kein Thema mehr, sondern schlicht vorhanden.
Er fluchte in einer Sprache, die viel vermuten liess. Aber sich mir nicht erschloss. Ich hatte einfach etwas verpasst und zwischen Xbox und purem Neid den Faden verloren. Ich war draußen.
Aber Mikesch wollte nun ständig wissen was der kleine Wicht gesagt hatte.
„Hat er gesagt, das er aufhört? Hat er das gesagt? Hat diese kleine Tunte gesagt, das sie aufhört?“
Ich hatte nicht den blassesten Schimmer, was der von sich gegeben hat. In solchen Fällen schaut man im Netz nach. Folglich zuckte ich mit den Schultern,und bereute jede Minute, die ich dem Unsinn widmete.
Aber Mikesch war außer sich. Er war ein großer, schwerer Kerl im Maßanzug. Aber wenn er sich ärgert, dann passte gar nichts mehr. Und die Muskeln unter dem Anzug blähten sich auf, als wollten sie ihn zerreißen. Es war wie bei diesem grünen Monster.
Er brüllte jemanden herbei, der aussah, als käme er gerade von einem Hanteltraining und liess sich von ihm einen Energydrink bringen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass dieses flüssige Zuckerzeug den besten Geist mürbe macht. Nachdem ich einmal meine Zunge in diesen Kram getunkt hatte, weigerte ich mich fortan, mich damit näher zu beschäftigen. Diese Brühe macht die Menschheit zu Killer. Ich bin wirklich, wirklich fest davon überzeugt.
Und das beste Beispiel dafür war Mikesch, der drauf und dran war mir einen Auftrag zu geben.
„Der Typ taugt nur noch für Gedenkscheiben. Wenn er da rausgeht, dann verdienen wir keine Kohle mehr an ihm. Wenn du ihn direkt vor der Studiotür abknallst, dann werden wir Millionäre. Du und ich. Wir beide!“
Mir fiel es schwer mit solchen Vorschlägen richtig umzugehen. Die Logik war bestechend, und ich erblickte gerade ein Teil von Mikeschs Genie. Vom Sofa aus gesehen, vor der X-Box und der Playstation, war er gerade dabei, die Geschichte der deutschen Rapmusik auf ein neues Level zu drehen. Ich war so erschüttert von seiner  Radikalität, dass ich einfach nur fragte:
„Soll ich?“
Er hob beschwichtigend eine Hand, die so groß wie mein Kopf war, und lauschte wieder dem Fernseher. Seine Mimik glich einem störrischen Rindvieh. Er signalisierte den Aufprall. Den Moment. Den Break-Even-Point.
Ich stand auf und ging zur Toilette. Auf dem Weg dorthin versuchte ich mir klar zu werden, ob meine Sorgen unbegründet waren, oder irgendjemand tatsächlich gerade in meinem Leben rum scratchte.
Gemessen an der Kohle, vermutete ich, würde ich es wohl nicht verhindern können, dass ich es machen würde.  Was interessierte mich diese überdrehte Ratte?

Anfang 41. von 300

„Ich würde sagen: Kopf in die Maschine, Tür dreimal zugeschlagen und das ist das Ergebnis.“

„Das ist der Betriebsrat!“

„Das war er.“ Jacques zog sein Handy heraus. Er ging in die Hocke, hielt das Display vor sein Gesicht und nahm die Trommel ins Visier. Eine rötliche Spur verlief an dem Fensterglas und er bemühte sich, sie wirkungsvoll ins Bild zu bekommen.

„Da sind sogar Haare dran.“ Mit zwei Fingern zoomte er sich näher. „Das ist mal richtig ekelhaft.“

„Sollen wir seine Familie informieren?“

Jacques dachte nach und schüttelte schließlich den Kopf. Er brachte sich in eine bequemere Position und ging in zwei Meter Abstand um den toten Betriebsrat herum.

„Nein, nein.“ Er wirkte, als ob er überlegte, aber die Antwort war im Grunde klar. „Die Polizei. Wir sollten die Polizei rufen.“ Er wählte die Nummer kurzentschloss selbst.

„Ibus, diese Vitamindinger und die Pille – was für eine Auswahl.“

„Grün, gelb und rot. Fast wie  Reggaefarben.“

„Bescheuert.“

Auf dem Boden lag Hans-Peter Stockmeier. 49 Jahre alt. Fisch. Vor drei Jahren wegen einem Burnout in Behandlung. Der Kopf war nun kleiner. Wirkte eingedrückt, und das Blut hatte sich mit dem Staub vermischt, der ihn bedeckte.

Alle um ihn hatten ihren Mundschutz heruntergezogen. Der Raum war nun sowieso kontaminiert, und die Coating-Maschine drehte sich nicht mehr. Auch das Abschleifen der Dragees wurde kurzentschlossen gestoppt. Die Bänder standen still und die Frauen an der Glastür zum Polierraum.

In den gigantischen Trommeln, die an der linken Wand des Raumes standen, wirbelten normalerweise einige Millionen Dragees herum, bis sie glänzten. Das sah aus, als ob sich eine Reihe Waschmaschinen nebeneinander drehten. Nicht alle hatte Trommelfenster. Das war nur eine nette Geste. Früher wuchsen in England einigen Fabrikarbeitern bei der Pillenproduktion Brüste. Grund genug, dem Staub ein bißchen mehr Beachtung zu schenken. Staub gab es dann auch in allen Farben. Und dieser bedeckte Hans-Peter wie eine Düne, die über ihn hinweg wandern wollte.

Seine Augen waren weit aufgerissen, und sein Mund, der ebenso offen stand, war bis zum Rand mit einer Handvoll Pillen gefüllt, die normalerweise ein langes Leben versprachen. Jacques war ein unglaublich großer Mann, der enge T-Shirts trug, und auf der anderen Seite des Rheins lebte. Da gab es besseres Essen, billigere Wohnungen, eine ausgeprägte Abneigung gegen die Deutschen, aber bei weitem nicht soviel Arbeit.

Seine Nachbarn arbeiteten in der deutschen Autofabrik. Er in der deutschen Pillenproduktion. Meistens starrte er in die Trommeln und hing seinen Gedanken nach, während die Dragees vor ihm wirbelten. Als hätten sie ein Eigenleben und wollten Universen bilden. Oder schwarze Löcher. Niemals kamen verschiedene Produkte zum selben Zeitpunkt in parallel laufende Trommeln.

Er hatte sich mal überlegt, ob er nicht vielleicht auch in den Betriebsrat sollte. Die Jungs im Lager munkelten etwas über Kurzarbeit. Aber er war ganz zufrieden mit seinem Leben. Vor allem lebte er noch. In der Pause surfte er auf amerikanischen Pornoseiten, und wenn er nach der Arbeit noch ein wenig Zeit hatte, dann angelte in einem Altrheinarm. Es gab nicht viel, was er in seinem Leben ändern musste.  Er machte noch ein paar Fotos von Hans-Peter Stockmeier, der in seinen Augen ein dummer, fauler Hund mit noch dümmeren Ideen war.

Claude war auch Franzose und tippte ihm auf die Schulter, „Du solltest damit aufhören“

„Warum?“

„Du darfst überhaupt kein Handy hier drinnen haben.“

Jacques zuckte ein wenig. Menschen wie Claude trotten mal hierhin und mal dorthin. Hauptsache man hatte sie geschickt. Von alleine hatten sie nicht mal Ideen, geschweige den einen Willen.

Claude arbeitete am Autoklav. Er richte die Tabletts mit den Löffeln und Schöpfern, stellte die Geräte ein und bereitete die nächste Tabletts vor. Das war ein Leben voller Schadstoffe. Kein Wunder, dass er dumpf in der Birne war. Jacques sah lächelnd auf Claude herab, steckte das Handy unter den Kittel in die hintere Hosentasche und kam ihm dann mit seinem eigenen Gesicht so nahe, als wollte er ihn küssen.

„Welches Handy?“

Sie rochen gegenseitig ihr Frühstück, und Jaques war sich nicht sicher, ob das, was da in seine Nase kroch, Mundwasser oder Alkohol war.

Claude drehte sich wortlos um und ging zu den Frauen, die sich gefährlich an die Glastür quetschten.

„Und verscheuche die Frauen.“ , schickte ihm Jacques hinterher.

„Klar, klar, „,murmelte Claude. Und ganz leise,“Drecksack!“

Dabei gehörte Claude zu jenen Menschen, die sich sicher waren, dass man ihnen jeden Gedanken ansah. Auch wenn sie ihn nicht aussprachen. Er fühlte sich wie ein offenes Buch und in vollem Maß durchschaubar. Er hatte den Eindruck, als ob er selbst unhörbare Wörter laut aussprach. Er wollte unbedingt nach hinten spähen. Traute sich aber nicht. Frauen sahen ihn an, als würde er über sie herfallen. Und jetzt, da er bedrohlich und wütend näher kam, wichen sie freiwillig zurück und verstreuten sich zu ihren Bändern. Dort bildeten sie wieder Trauben. Kleinere zwar, aber es gab ja nichts zu tun.

Vor ein paar Tagen hatten sich Jacques und Hans-Peter in der Schleuse getroffen. Es war eher Zufall. Hans-Peter zog sich bereits an, Jacques desinfizierte seine Arme, so wie er es gelernt oder in einer Arztserie gesehen hatte. In Hans-Peters Spindtür hing das Porträt eines Kindes, dass sich in seiner Pudelmütze versteckte und darunter klebte ein Hundebild von einem Welpen mit glühenden Laseraugen. Damit waren die Eckpunkte definiert und Jacques sprach nie mit ihm über Kinder oder Hunde.

„Du wolltest doch in den Betriebsrat?“ ,begann Hans-Peter das Gespräch und fuhr sich vollkommen konfus durch seine verschwitzten Haare. Wer im Fabrikationsbereich arbeitete, trug nicht nur einen Mundschutz, sondern auch eine Haube, Handschuh und ein paar helle Hosen, so wie den Kittel, auf dem der Name stand. Sonst hätte man wahrscheinlich niemand mehr erkannt.

„Ah, nein.“, antwortete Jacques eher unwillig.

Hans-Peter wandte sich, nur noch bekleidet mit seiner Unterhose, seinem Unterhemd und bedeckt von einem dichten Pelz, in Jacques Richtung. „Aber du solltest mit dem Pornodreck aufhören. Die kommen dir auf die Schliche.“

Jacques antwortete nicht, nur aus dem Augenwinkel sah er vom Waschbecken auf, kurz in Hans-Peters Gesicht und wartete.

„Die IT kam dir auf die Schliche. Sie melden nichts, aber du wärst bei uns besser aufgehoben. Das kann nicht mehr lange gut gehen.“

„Merci!“  Mit diesen Worten verliess Jacques die Schleuse, ballte kurz die Fäuste, lockerte sie wieder und war froh, dass niemand seine Grimassen sah. Der Tag begann ja erst.

 

 

 

 

Anfang 40. von 300 (ow)

Das Geld war so dreckig, dass die Frauen, die es zählten, wie alte Bergarbeiter husteten. Sie rauchten natürlich auch viel. Tranken das billige Zeug, aber nur in der Freizeit. Um den Staub der Jutesäcke aus dem Mund zu spülen.

Birgit sah zehn Jahre älter aus als sie war, trug eine weiße Kutte, und starrte die Zählmaschine an. Sie legte die Scheine rein. Es gab ein schnarrendes Geräusch, dann führte sie die bereitgelegte Banderole herum, und legte die Scheine auf ein Tablett. War das Tablett voll, trug man die Pakete auf einen Tisch. Dort war eine Plastiktüte ausgelegt.  In sie wurden die Geldbündel gelegt und  eine Vakumpumpe zog die Luft aus der Tüte . Die Scheine waren verpackt.

Neben Birgit saß Paula. Und neben Paula saß Frida. Zu dritt stellten sie die Nachtschicht dar. Irgendwo im Raum stand ein Wachmann, breit genug für sein Alter, mit einem Bauch, der von einem schwarzen Hemd eingezwängt wurde. Seine Mütze hatte er auf einen Tisch gelegt. Die Fenster waren aus Panzerglas, die Tür zu dem Raum aus massivem Stahl. Einen Fluchtweg gab es nicht. Aber Notfallpläne.

Der Computer in diesem Raum stand in einem Plexiglasgehäuse, damit die Jutefasern ihn nicht zum Erliegen brachte. Als die IT das Ding geöffnete hatte, und 10 Zentimeter Staub darin fanden, kam man zu dem Entschluss, die Geräte besser zu schützen. Die Frauen sprachen nicht viel. Birgit war geschieden, Paula seltsamerweise auch und Frida kam nicht zum heiraten. Sie redeten ungern darüber.

Birgit kannte die Zeiten, in denen das Geld kam. Die Fahrer fuhren immer die gleiche Strecke. Jeden Abend. Die Discounter hatten in jedem Dorf eine Filiale. An guten Tagen reichte es nicht, das Geld abends abzuholen, und die Transporter fuhren auch schon früher los. Aber auch an schlechten Tagen landeten die kompletten Einnahmen von 200 Discount-Geschäften in diesem kleinen Raum. Das Geld wurde dann auf Paletten gestapelt und mit Hubwagen verladen.

Einige der Fahrer blinzelten Birgit zu, wenn sie das Geld in Jutesäcken, oder den Farbboxen brachten. Es lief mal etwas schief, und die Farbbox explodierte in der Einfahrt. Niemand traute sich für Stunden das Ding anzurühren. Die verfluchte Farbe war kaum noch abwaschbar.

Helmut und Karl konnten verschiedener nicht sein. Helmut war bäriger Riese,  Karl sah etwas gedrungener aus und wirkte immer hungrig. Irgendwie hatte er es in Birgits Bett geschafft und Helmut verzieh ihm das nie. Aber er gab es nicht zu, winkte Birgit während er das Geld hineinschob und lächelte in einer Art und Weise, die er liebevoll nennen wollte. Doch sein Gesicht war nur seltsam verzerrt. Birgit bedauerte die Nacht mit Karl, doch jeder wußte davon, weil Karl schnell und hochtönig allen davon erzählte. Es war durch. Nichts mehr zu machen und sie hatte gar keine Zeit sich darüber aufzuregen.

Gut die Hälfte von dem Lohn, den Helmut erhielt, fraß eine konfuse Alimentenregelung mit zwei Frauen, die er nicht verstand. Er hatte sich geschworen nie wieder zu heiraten, denn er hatte nie kapiert, wie es dazu kam, dass er heute für etwas zahlen musste, was ihm vor 10 Jahren passiert war. Sein Sohn schrieb ihm, dass er ihn hasste, und auch das verstand er nicht. Seine Tochter lebte in einem Dorf in Bayern, dass er schon aus Zeitgründen niemals besuchen würde.

Seine Schichten waren zu lang, seine Nächte zu kurz. Er las den Waffenjournal, übte dreimal in der Woche die tiefsten Löcher in eine Scheibe zu machen, und lernte überhaupt keine Frauen mehr kennen. Karl hatte sich vorgenommen, sein Sperma wahllos zu streuen, wo immer er eine Chance dazu hatte. Birgit lief ihm da einfach nur über den Weg.  Wozu sonst sind Betriebsfeiern da?

Als Birgit an einem heißen Sommertag in der Einfahrt stand, schnell versuchte die Zigarette vor ihm zu verstecken, da sah Helmut sie zum ersten Mal in stehender Haltung außerhalb des Zählraums. Er sprang aus dem Transporter, behend wie nie zuvor. Karl tat es ihm auf der andren Seite gleich, doch eilte zur Toilette.  Und so stand er unschlüssig vor der Frau, die ihm plötzlich so frisch und ungewohnt wie ein freier Tag vorkam. Sie roch nach Rauch, einem süßen Parfüm und sie nagte wie ein schüchternes Mädchen an der Lippe herum.

Sein Schweigen war eine Herausforderung, ihre Reaktion eine Verheißung, und als sie sagte :“Könnten wir.“, erschrak er als wäre er ertappt.

Sie lächelte.

„Bitte?“

„Du wolltest mich fragen, ob wir mal was trinken gehen könnte. Ich sagte, das könnten wir.“

„Ähem..“ Er nestelte an seinem Gürtel, grub die Daumen tief zwischen dem Leder und der Hose, zog sie wieder raus und formte Wörter, als seien sie ihm unbekannt. Es dröhnte in seinen eigenen Ohren als er sprach.

„Ja, gerne, klar, sicher. Wann?“

„Schichtende?“

„23 Uhr?“ ,staunte er.

„Ja.“ Sie wirkte jünger, verspielter, anziehender als je zuvor. Eine Schönheit ergriff sie, die sich ihm einbrennen wollte. Er fühlte sich beschenkt, beschämt und so jung, wie er sich zuletzt in seinen Teenagerjahren gefühlt hatte. Als ob Puzzelteile ineinander sprangen.

„Gerne!“

„Gut! Abgemacht!“ Sie drehte sich um, warf die Kippe, die sie noch immer in einer Hand hielt, in den Abfalleimer und strebte wieder in das Innere des Gebäudes. Das restliche Geld würde kommen.

Birgit setzte sich neben Paula und Frida. Keine sagte ein Wort. Sie starrten geradeaus. Frida hatte gefährliche Augenringe. Sie schlief schlecht. All das Geld, das nur mehr Papier war und all die Nächte, die keine mehr waren. Sie brauchten nicht mal darüber zu reden, womit sie ihre Zeit verbrachten. Und Birgit wußte immer noch nicht, ob sie mit ihnen darüber sprechen konnte.

Vor zwei Wochen hatte sie zum ersten Mal Blut gespuckt, und der Geschmack glich den Münzen, die sie rollte. Metall schmeckt im Mund wie Tod. Und es liegt daran, dass es dem Blut so ähnlich ist, und man es erst dann wahrhaben will, wenn im Kopf die Migräne tobt, die ein Ableben fordert. An manchen Tagen wußte sie nicht mehr, wie das ging, dass man die Nächte einfach so rum bringt. Und dann auch noch das Blut. Sie hatte panische Angst vor Ärzten. Panische Angst vor dem Tod. Panische Angst, dass sie einfach erstickte, und es keiner merkt. Panische Angst vor dem Weiterleben. Und so blieb ihr nur das Geld, um das ihre Gedanken kreisten bis sich die Bausteine aufeinander setzten, als gehörten sie zusammen. Als sie Helmut ansah, und die Tränen erkannte, die sich in ihm nicht lösen konnten, wußte sie, dass er es war, auf den sie gewartet hatte.

Es ging ums Geld.