Anfang 51. von 300

Ich habe das Gesicht eines Kindermörders, und die Gestalt eines Kamels. Mein Gang ist schwerfällig, meine Füße kämpfen mit dem Untergrund, wenn sie ihn betreten und vor allem, wenn sie vorwärts kommen wollen. Die Menschen weichen mir aus, wenn ich ihnen entgegenkomme. Ich schlurfe sie an, keuche dabei und mein Schweiß lässt mein Gesicht glänzen.

Das ist das, was ich weiß. Die Dinge sind nun einmal so, ich habe gelernt damit zu leben. Das fiel mir zeitweise schwer. Mittlerweile sind ist für mich alles im Lot, für andere Menschen vielleicht nicht.

Ich verlasse das Haus nicht mehr so gerne. Meistens gehe ich zum Supermarkt, weiche denen aus, die davor rumstehen, nehme auch keine Flyer mit, und kaufe mir den Kram , mit dem ich das, was sie Leben nennen, rum bringe. Seit 30 Jahren warte ich auf den Tod. Und weil er nicht kam, habe ich selbst getötet. Das ändert viel weniger, als man so gemeinhin glaubt.

Ich hasse es, wenn Menschen mir zu nahe kommen. Ich mag es nicht, wenn sie mich unabsichtlich berühren. Ich bekomme Schüttelfrost, wenn es an meiner Tür klingelt. Ich bekomme dann kein Wort heraus. Meistens schleiche ich in meinen Socken durch die Wohnung. Ich hoffe, dass mich niemand hört. Ich falle nicht sonderlich auf, wenn man mich in Ruhe lässt. Darauf baue ich. Ich will die Zeit nur rumbringen. Es wird bestimmt anders danach.

Am Ende der Lichtjahre, wie ich sie mir vorstellen kann, gibt es wohl einen Planeten, der bewohnbar ist. Wenn ich mir denke, dass alles miteinander verwoben ist, dann macht einiges Sinn. Ich denke viel nach. Ich habe Zeit. Das ist der Fluch an der Geschichte.  Aus dem Supermarkt  bringe ich wenig mit. Das Bier in der 1-Liter-Dose hat es mir seit ein paar Jahren angetan. Es ist genau die richtige Menge für die Schwere, die ich benötige. Ich schlafe wie ein Raubtier. Ich wache auf, wenn die Träume mich übermannen wollen. Dann bekomme ich einen Schreck und wache auf.

Die Muscheln im Glas schmecken mir. Sie sind teuer, aber ich kaufe sie gerne. Ich schütte sie in eine Schüssel und löffle sie aus. Nichts sonst. Nur das Bier und die Muscheln. Sonntags esse ich den Ziegenkäse, den laktosefreien, mit dem Kümmel. Ich nehme leicht zu, daher mache ich ihn mir nur auf das Knäckebrot.

Das erste Mal war es keine Absicht. Ich hatte nicht das Verlangen, das ich heute oft habe. Das war mir alles noch unbekannt. Ich wusste ja nicht, wie der Tod aussieht. Ich hatte keine Ahnung, welche Ruhe und welcher Friede sich danach ausbreitet. Mir war Angst und Bange. Als sie auf diesem Stuhl vor meinem Fernseher saß, und ich die Wäscheleine lockerte, waren ihre Augen zu meiner Zimmerdecke gerichtet. Sie hatte etwas Schminke verschmiert, aber ihr Mund sprach nicht mehr, sie war still. Es sah nicht so aus, wie ich mir das vorgestellt hatte. Es war, wie gesagt sehr, sehr ruhig.

Wenn ich jetzt darüber nachdenke, nach all den Jahren, dann habe ich alles richtig gemacht, und dennoch lief vieles falsch. Hätte man mich damals gefunden, dann würden die Anderen vielleicht noch leben. Die, die sie suchen. Sie wurde damals nicht gesucht. Sie wollte mir nur Zeitschriften verkaufen. Sie hat viel geredet. Zuviel. Sie war sehr schnell in meiner Wohnung, und erzählte mir von ihrem Leben. Ich konnte gar nicht sprechen. Ich hatte nicht aufgeräumt. Das Bücken fiel mir schwer, und tut es immer noch. Ich räume selten auf, ich habe keinen Besuch. Ab und zu schaut eine Behörde hier rein, und tut so, als hätte sie das Recht dazu. Es ist übergriffig, aber die Vorgänge und Gesichter ändern sich, ehe ich etwas dagegen zu tun wage.

Kein Mensch hat sie gesucht.  Ich hatte keine Zeitschriften abonniert. Praktisch war sie gar nicht da. Das Töten war nicht einfach. Nur, weil ich es spontan tat, und mit Verzweiflung zur Tat schritt, hatte ich überhaupt die Kraft dazu. Sie schlug um sich, ihre Füße wollten aufstehen und ich musste sie mit meinem Gewicht in den Stuhl drücken. Sie konnte nicht schreien. Sie gab keinen Laut von sich. Aber sie schlug um sich. Sie drückte nach oben. Sie wehrte sich. Sie war viel kräftiger, als ich gedacht habe.

Alle waren kräftiger als ich gedacht habe. Ich unterschätze das sehr leicht. Die Menschen denken, dass ich kräftig bin, aber das ist nur mein Körper. Der ist nicht kräftig, der ist schwerfällig. Meine Oberarme sind vergleichsweise dünn, meine Handgelenke kann man mit einer Hand umfassen. Und es muss keine sehr große Hand sein. Mädchenhände können das schon. Ich berühre Menschen nicht oft. Ich bin überrascht, wie weich ihre Haut ist. Nach einiger Zeit vermisse ich das. Schmerzlich. Das ist wahrscheinlich einer der Gründe, aber ich will es nicht darauf schieben. Das wäre zu einfach. Ich denke viel nach.

Ich öffne das Bier und stelle mich ans Fenster, so wie ich es immer wieder danach tat. Ich sah immer wieder aus dem Fenster. Es geht sehr tief nach unten. Von hier oben sehen die Menschen nicht echt aus, die Autos auch nicht, und manchmal wenn der Tag nicht vergehen will, dann wundere ich mich über die hellen und dunklen Tage. Sie beeinträchtigen meine Stimmung nicht, sie sind nur unterschiedlich lang. Ich trinke das Bier langsam. Wenn es eiskalt in meinen Gedärmen landet, dann könnte ich gar nicht mehr aufhören zu trinken. Mir ist immer so warm. Werden meine Hände kalt beim Umfassen der Dose, dann wird alles ruhig. Kühler. Ruhiger.  Kommt dann noch die Schwere, dann schlafe ich auf der Toilette beinah ein, und stütze mein Kopf an die glatten Kacheln. Mit kalten Händen, den kühlen Backen und der Schläfrigkeit muss dieser Zustand dem Tod sehr nahe kommen. Ich genieße das.

Ich bemerke sehr spät, dass ein Auto die Straße verlässt, über den Gehweg, die Feuerwehrzufahrt auf das Treppenhaus zufährt. Die Männer steigen aus, verstauen Dinge in ihren Taschen und schauen zu mir hoch. Ich zwinkere ihnen zu, aber weiß natürlich, dass sie mich nicht sehen. Sie sind so jung.

Ich habe eine Tasche. Direkt neben der Garderobe. Dieses ist ein sehr großes Haus, aber auch ein sehr altes. Schon vor Jahren habe ich den Durchgang entdeckt, der die Häuser dieser Straße miteinander verbindet. Diese Gänge gibt es nicht mehr oft. Sie wurden gebaut als sich die Menschen noch an die Kriege erinnerten. Es war sehr einfach von einem Keller in den anderen zu kommen. Wenn Bomben fallen, dann kann das Leben retten. Große Stahltüren versperren die Durchgänge, doch als Notausgänge sind sie offen. Dieses System ist nicht verzeichnet, aber wer es kennt, der kann weite Wege durch diese Stadt gehen und an manchen Stellen, unter manchen Häusern in die Kanalisation gelangen.

Ich verlasse die Wohnung, schließe die Tür und gehe den Weg, den ich so oft mit viel mehr Last ging.

 

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Anfang 39. von 300 (O.W.)

Einer von Beiden, der auf der linken Seite, hatte seinen Ellenbogen auf das heruntergelassene Fenster gelehnt. Der andere, der Fahrer, rief mich zu sich her.  Er winkte, als wollte er mich kaufen, und stoppte den Wagen.

Er sagte, „Du da!“ und „Komm mal her!“

Ich sah mich um. Der Park war morgens leer. Es gab noch keine Flaschensammler, gejoggt wurde noch sehr zurückhaltend, und die Tore hatten sie erst vor einer Stunde geöffnet. An meinen Turnschuhen sammelte sich der Tau und zog sich die Jeans hoch. Die Wiesen glitzerten. Und an einigen, wenigen Stellen wollte sich der Bodennebel nicht vertreiben lassen.

Ich ging langsam auf sie zu.

Der Fahrer stieg aus, sein Beifahrer tat es ihm nach. „Dein Name?“

„Bitte?“

„Kann ich deinen Ausweis mal sehen?“

Ich kramte in meinem Beutel. Dort fanden sich Bücher von Percy B. Shelley und Keats. Dann noch ein paar Blättchen, ein billiger Tabak, eine Tüte mit Filter und ein Notizblock. Mein Ausweis, den ich sicherheitshalber immer mitnahm, und viel zu wenig Geld.

Ich war siebzehn Jahre alt, und wenn ich die Chance hatte, dann dröhnte ich mir schonungslos die Birne zu. Aber ich hatte nie etwas dabei.  Die Haare fielen mir in die Stirn, und versteckten mich manchmal vollkommen. Ich rasierte mich selten, aber es gab auch nicht sehr viel Grund dazu.

Meine Augen entzündeten sich häufig, doch Augentropfen kreisten ebenso gut wie alles, das man rauchen konnte.

Der Polizeiwagen war ganz langsam durch den Park gefahren. Als wollten sie cruisen.  Die Sonne schien und sie hatten alle Zeit der Welt. Ich war alleine, also zogen sie die ganze Show durch und ich wußte wirklich nicht, ob sie das für mich taten oder um sich selbst einen Kick zu verschaffen. Sie kannten meinen Namen. Sagten sie. Ich wußte nicht woher. Es gab nichts über mich.

Sie sprachen in das Funkgerät, benutzten Codes, die ich nicht verstand und nannten wieder meinen Namen. Natürlich musste ich mich breitbeinig an ihren Wagen lehnen, als wären das die Bronx und ich ein Idiot, der ein Vergnügen daran fand ihnen in die Arme zu laufen.

Sie wollten wissen, warum ich nicht in der Schule war. Die  wußten nicht einmal, dass Ferien waren. Und meine Eltern konnten sich wirklich nicht erlauben, mich in jeder freien Minute durch die Welt zu schicken. Ich blieb daheim, lieh mir die ältesten Bücher aus der Bibliothek und schrieb Gedichte, an die ich mich später nicht mehr erinnern konnte.

Sie fanden nichts über mich.

Aber drei Spaziergänger stand beobachtend herum. Und diese Leute wußten das nicht.

Ich sah den Unterschied. Es gab ein davor und danach.

Ein magerer Junge mit einem schleichenden Gang kreuzte meinen Weg zum See, und flüsterte kaum hörbar. „Das machen sie immer!“

Es gab ein davor und ein danach.

Man muss es nur ein einziges Mal erleben. Das Gefühl unrecht zu haben, wenn man sich im Recht glaubt.

Wenige Wochen später wurde die Innenstadt abgeriegelt. Die Fußgängerzone gesperrt, die Straßenbahnen umgeleitet und ich trug neben meinem „Anti-Atomkraft“-Sticker, einen Aufkleber mit einem Fadenkreuz und dem Untertitel „Schieß doch, Bulle!“. Die Punks waren auf unserer Seite und bildeten den Beginn des Zuges. Die Polizisten rannten an den Seiten entlang, hielten das Publikum ab zu  uns zu kommen, und passten auf, dass wir unsere Flugblätter nicht weitergeben konnten.

Einige zogen ihre Skimützen herunter, als sie die Kameras erkannten. Wir erklärten uns solidarisch mit dem Häuserkampf in Berlin, den Krakern in Amsterdam und überhaupt mit allen, die für bezahlbaren Wohnraum kämpften. Wir waren laut, jung, ungestüm, und argumentativ einzeln nicht immer stark genug. Aber zusammen hatten wir einiges vor.

„Und Gewalt gegen Sachen?“, hatte Harald  gefragt, als wir Tage zuvor im Gras saßen.

Er reichte es weiter an mich. Ich nahm einen Zug und gab die letzten zwei Zentimeter an ihn zurück.

Ich war mir uneins. Haralds Eltern lebten in einem verdammt großen Haus, sie hatten zwei Autos, er ging auf das Gymnasium und sah so harmlos aus. Der Traum jeder Schwiegermutter. Seine Haare waren nicht mal lang. Seine Kleidung teuer.

„Ich bin mir nicht sicher.“

„Hm. Du meinst, es ist etwas zu erreichen durch Demonstrationen?“

„Ja, auf jeden Fall. “

„Aber du hast schon gehört, dass du in die DDR gehen sollst, wenn es dir hier nicht gefällt?“

„Ich habe alles gehört.“ Ich lehnte mich in das Gras zurück, blinzelte in die Sonne, und beobachtete die Silhouetten der Blätter.

Harald sprach über die RAF wie ich über Frank Zappa. Die Flugblätter waren unlesbar, aber die Zeichen fanden sich auf Toiletten, die Aufkleber zirkulierten und es gab Soli-Konten für die, die bei den harten Demos verhafteten wurden.

Meine Eltern waren sich sicher, dass ich Drogen nahm. Sie beobachteten mich wie einen Kranken, der auf Heimaturlaub war. Sie suchten nach Anzeichen. Sie beobachteten wie ich aß, wie ich las und ob ich Freunde hatte. Wir entfremdeten uns. Ich mied sie, weil ich ihre Blicke nicht ertrug.

Meine Lehrer bescheinigten mir bei jeder dummen Gelegenheit in einem Atemzug Faulheit und Intelligenz. Sie sahen mich herausfordernd an, wenn es um Tagespolitik ging, nahmen mich aber nicht mehr in den naturwissenschaftlichen Fächern wahr. Ich war so hoffnungslos wie bedauerlich. In den Pausen vertrieben sich die restlichen Loser ihre Zeit am Brombeergestrüpp, und ich gesellte mich zu ihnen, um eine Mauer zu bilden, die es uns erlaubte, einige Züge zu nehmen, und den Rest des Tages zu verpennen.

Harald gab mir die Flugblätter und bat sie mich sie zu verteilen. Ich gab sie dann allen Leuten weiter, die ich kannte. Ich machte kein großes Geheimnis darum, und den Großteil des Geschwubbels, der da stand, empfand ich als ebenso aufregend wie die Beschreibung auf einem Beipackzettels. Ich drückte sie den Burschen in die Hand, die mehr Fußball als sonst was im Kopf hatten. Und das war ein Fehler. Fortan hassten mich deren Eltern und nannten meinen Namen im Zusammenhang mit all den Gesichtern auf den Fahndungsplakaten.

Die Dinge begannen sich zu verselbständigen. Man sprach mir eine Haltung zu, bevor ich diese hatte.  Und wenn ich den Eltern der Fußballtypen beim Einkaufen begegnete, dann drehten sie sich um und sagten: „Ach Gott, du bist es, ich dachte ein Terrorist steht vor mir!“

Das war ein Humor zu dieser Zeit. Ich kann dir sagen.

Später wurde alles anders.