Anfang 63. von 300 (Teil 2)

(Ausnahmsweise ist dieser Anfang etwas länger als die bisherigen, und daher in zwei, vielleicht auch mehr Kapitel aufgeteilt. Sorry, aber ich wollte ein bißchen experimentieren. Aber es wird ein Anfang bleiben, keine Sorge)

Es war die Analogie, die bestechend die Geschichte der irdischen Handelswege nach spielte. Wir waren die Meuterer, das waren die Piraten. Grobschlächtige, in Kometenhagel gestählte Reisende, die uns Jahrtausende voraus waren, schneller manövrierten und wendiger beim Entern waren. Sie traten unsere Türen ein, als wären sie aus Pappe. Sie atmeten irgendwas ein, dass wohl im luftleeren Raum vorhanden war, und waren uns folglich auch da überlegen. Ihre Haut bestand aus einer Art natürlichem Kevlar, und alles, was wir dazu benutzten, sie zu knacken, versagte. Unsere Hirne drohten zu platzen, und die Köpfe wurden uns zu eng, wenn sie sich uns nur näherten. Sie trugen keine Waffen, doch was sie uns an taten, sofern es physischer Natur war, geschah alleine mit ihrer Muskelkraft. Der Rest war eine psychische Aura, die uns in die Knie zwang und zu spuckenden Idioten machte. Wir erbrachen uns auf dem kompletten Weg in den Bauch ihres Schiffes. Sie hatten uns Ketten aus Licht angelegt, trieben uns zusammen, wie wir es mit einer Herde Büffel getan hätten und leiteten uns durch eine grelle Röhre, die aus nichts als Licht bestand, aus unseren Schleusen in ihr Frachtschiff.

Sie sahen alle aus wie Anführer, doch einer trat hervor, machte merklich ruhigere Bewegungen und deutet auf seine Zunge. Er sprach zu uns. In klarem Englisch mit einem sauberen Akzent aus Inner-Boston. 

Seine Augen betrachteten uns mit einer Mischung aus Missgunst und Wohlgefallen. Ich war nicht sonderlich gut darin, die Gefühlsregungen von fremden Wesen zu verstehen. Kann sein, dass ich alles falsch interpretiert habe.

“Ihr seht vollkommen orientierungslos aus! Ihr seid vom Weg abgekommen. Ihr wisst nicht mehr wo ihr seid. Ihr gehört nicht hierher und alles ist euch fremd. Ist es nicht so?”

Er sah sich um. Und fuhr fort. 

“Es ist so. Ich weiß das. Ich kann in euch hineinschauen. Ihr dürft froh sein, dass wir zu euch gekommen sind. Preist uns. Wir geben euch die Führung, die ihr braucht. Die Ordnung, die euer Innerstes begehrt. Ihr dürft eurer Freude Ausdruck verleihen. Die Zeit, in der ihr nicht wusstet, wo ihr hingehört, ist vorbei.”

Er schwieg für einen Augenblick. Verharrte für einen Moment und wartete die Wirkung seiner Worte ab.

“Ihr gehört uns, ihr verwahrlostes Pack. Uns und niemanden sonst. Ihr seid mein verdammtes Eigentum. Hier ist eure Reise zu ende. Hier geht es nicht mehr weiter. Hier ist euer Ziel. Wir werden euch von euren Seuchen befreien. Wir werden uns so um euch kümmern, wie es nicht mal eure Mütter für euch getan hatten. Wir sind eure verdammten Mütter.”

Er trat einen Schritt zurück.

“Ihr seid ein erbärmlicher, lumpiger Haufen. Macht euch auf einige Modifizierungen gefasst. “

Während er sich abwandte erhob sich ein Stimmengemurmel. Ruckartig schnellte er zurück, drehte sich um und schritt die Mannschaft ab. Er roch an den bärtigen Gesichtern, fühlte den Stoff ihrer Kleidung und beschnüffelte auch diesen.

“Ihr seid, Meuterer, nicht wahr? Ihr seid Autoritäten nicht mehr gewohnt? Ihr meint, ihr habt besseres verdient? Ihr dachtet, ihr seid am Ziel? Machen wir es einfach: ich kann eure Köpfe platzen lassen, wie reife Früchte. Ich werde das tun, sobald ich feststelle, dass einer von euch dazu neigt eine Ernte zu zerstören. Ich gehe selektiv vor. Ich bin gut darin. Ich halte nichts davon eine ganze Ernte weg zu kippen, nur weil sie zum Teil verdorben ist. Ihr habt viele Flüssigkeiten in euch. Glaubt mir, ich kann sie zum Kochen bringen. So wie ich es sage, wird es geschehen, wann immer ich das will.”
Pentat hielt sich einen ganzen Zoo aus Sklaven. Die verschiedensten Reiche und Planeten hatte bereits geplündert. Er liebte dieses Leben. Und das Leben liebte ganz offensichtlich ihn. Er befand sich damit in einer langen Tradition der Sklavenjäger. Ging man seinen fruchtbaren Stammbaum zurück, dann fand man nicht nur eine schier unendliche Zahl an Nachkommen, Kinder und Enkelkinder, die weit verstreut überall lebten, wo Leben überhaupt möglich war, sondern auch eine klare Linie und handwerkliche Kunst im Halten und Züchten von Sklaven. Für Pentat und die Seinen war es eine logische Schlussfolgerung, dass es da draußen Wesen gab, die ihrer Führung bedurften. Dahinter befand sich kein böser Wille, sondern lediglich die Einhaltung einer galaktischen Ordnung. So musste das sein. So war es halt.
Sie selbst gaben sich ausgesprochen schöngeistige Namen und waren bereit ihr Tun und Handeln jederzeit zu glorifizieren. Sie waren Weltenklärer. Ihre Aufgabe war es, die Dinge, die in Unordnung gerieten, in Ordnung zu bringen. 
Ihr Schiff war ein organisches und mechanisches Wunder zugleich. Es war, wie das meiste, dem wir begegneten, aus gefestigtem Licht. Scheinbar atmete es auch, es lebte irgendwie. Wir hörten überall ein asmathisches Schnaufen, und konnten es nicht zuordnen. 
„Meinst wir sind im Bauch eines Wals?“

„Eines Wals? Nein, wir sind im Inneren eines Schiffes. Wie kommst du auf einen Wal?“

Bengal, der in einem vernünftigen Leben in der Kombüse arbeitete, ständig gegen sein Übergewicht kämpfte, und auch sonst eher plump war, stand mühselig auf. Vorsichtig tastet er die Wände ab. 

„Es lebt. Es hat einen Puls. Oder so was ähnliches. Ich fühle es. Ich höre es schon die ganze Zeit.“
Wie vieles andere, erstrahlten die Wände in einem flackernden Leuchten, das immer wieder in sich zusammen zu sacken schien, um dann wieder neu zu erstehen. Man konnte durchaus einen Rhythmus erkennen, aber gleichzeitig, war auch eine durchgehende Unruhe zu spüren. Ich schloss wieder und wieder die Augen, doch in der höchsten Helligkeit durchbrach es selbst meine Lider. Mein Schlaf in diesem Raum war unruhig, wie der eines Tieres, das fern seiner schützenden Höhle war. 
Sie hatten uns zu viert eingesperrt, aber die zwei Burschen, mit der wir uns die Zelle teilten, beschäftigten sich vornehmlich mit sich selbst, sprachen eine mir unbekannte Sprache und suchten keinen Kontakt zu uns. Bengal war mir schon lange bekannt. Ich mochte seine Ruhe und Ausgeglichenheit. Selbst seine Naivität erschien mir klug. Sprach er doch einfach alles aus, was ihm in den Sinn kam. Es war schwer vorstellbar, aber er war ein begnadeter Tänzer. Und seine Augen waren geschaffen um jeder Seele Raum zu geben. 
Sie hatten ihn in die Kombüse gesteckt, weil er sich geschickt erwies im Anrichten der Speisen, und ein Auge für die Details hatte.
„Bengal war ein netter Junge.“

Misa sah zu mir auf. Ihr Lippen wölbten sich spöttisch nach vorne.

„Du hast schon von ihm erzählt. Du warst in ihn verliebt.“

„Nein!“

„Doch, ich weiß, wie die Liebe klingt!“

Sie wusste, wie die Liebe klingt. Ja, das wusste sie.
Bengal streckte sich neben mir aus. 

„Was wird geschehen?“

„Nicht mehr viel. Ich denke, das meiste ist schon geschehen.“

„Werden wir das überleben?“

„Nur wenn sie uns als Investition betrachten.“
Und sie betrachteten uns als Investition. Pentat hatte ganze Abhandlungen über die Haltung, Aufzucht und Jagd auf Sklaven geschrieben. Kontext war wohl, dass ein schneller Materialverschleiß nicht das Ziel sein konnte.  Würden wir zu schnell schwach, dann hatte sich die Jagd nicht gelohnt. Würden wir zu dick, dann wären die Investitionskosten ebenfalls zu hoch, weil dicke Wesen zur Unbeweglichkeit neigten, und damit nicht gewinnbringenden arbeiten. Die Portionen, die Bengal gereicht wurden, waren kleiner als die meinen. Er wurde zweimal am Tag aus dem Raum geholt und kam verschwitzt wieder. 
Nach seiner Information setzte man ihn nach seinen Fähigkeiten ein. Er wurde die meiste Zeit in einen Raum gebracht, den er gerne als Küche identifizierte. Dort musste er etwas klein hacken, was sich schrecklich quirlig bewegte, aber nicht zu bluten vermochte. Er jagte diese grünen Dinger stundenlang vor sich her, bis er ihnen habhaft wurde, schlug alles ab, was abzuschlagen war, und schmiss es in eine grüne Brühe. Er war nicht der Einzige, der das tat, aber nach seinem Empfinden, der langsamste, den sie auftreiben konnten.
„Sie sind verteufelt glitschig, diese Mistviecher. Ich weiß nicht, aus welchem Schleim sie kommen, aber ich habe den Eindruck, sie tunken sie vorher in Melkfett..“

„Melkfett?“

„..oder so etwas ähnliches. Keine Ahnung. Sie machen das wahrscheinlich, weil sie meine Jagd danach belustigt. Sie scheinen einen eigenartigen Humor zu haben.“
In der grünen Brühe erlahmte ihre Beweglichkeit, aber es war nicht zu sagen, ob sie dadurch verstarben, vorher schon tot waren, oder ob es für sie überhaupt einen Zustand gab, den man Leben oder Tod nennen konnte. Bengal wollte sie als Pflanzen sehen, denn er behandelte sie bestenfalls wie Zwiebeln und je kleiner er die Teile zusammen hackte, um so einfach war für ihn der Vorgang. 
„Zwiebeln?“

Er zuckte mit den Schultern. Machte die Bewegung des zerhackens, schob das imaginäre Gemüse in einer Pantomime zusammen und zeigte auf ein gedachtes Häufchen.

„Sie zerfallen in Schichten und am Schluss wirkt es eher wie bei Zwiebeln. Schichten über Schichten. Aber ich muss nicht weinen dabei. Eigentlich lässt es mich ziemlich kalt.“
Für einen Vorkoster gab es erstmals keine Aufgaben. So blieb ich lange Zeit alleine, wälzte mich über den Boden, versuchte mir in die Zehen zu beißen und mir vorzustellen, welche Dinge ich in meinem Leben noch erleben wollte. Einige waren so schmutzig, dass ich sie nicht mehr erwähnen werde.
„Nein, Misa, ich werde sie auch dir nicht erzählen.“

„Aber das kannst du. Mir ist nichts menschliches fremd.“

„Du bist kein Mensch!“

„Eben, mein Appetithappen!“

Sie schmatzte genüsslich, aber ihre Augen hatten einen sehr gierigen Blick auf mich gerichtet. Was Stabheuschrecken mit dir machen können, dass möchtest du irgendwann nicht mehr missen.
Ich dachte an Bücher, die ich mal gelesen hatte, an Filme, die ich einst sah. Ich erzählte sie mir neu, flüsterte sie den Wänden zu, aber schmückte sie auch aus. Ich sang Lieder, die mir einst meine Eltern beigebracht hatte. Trommelte auf die Wände und versuchte zu tanzen. Die Reaktionen des Schiffes waren ganz unterschiedlich. Zwischendurch fühlte mich berührt, aber ich befürchtete, es handle sich hierbei um die Vorstufe zu einem kochenden Hirn. Ich ging der Sache nicht nach. Ich tanzte einfach weiter. Später, wenn Bengal wieder zurück war, fragte ich ihn nach Schrittfolgen, und so ein begnadeter Tänzer wie er war, reizte es ihn sehr, mir alles bei zu bringen. Er nahm sich die Zeit, schloss mich in seine Arme und führte mich. 
Ich begann mit meinem Leben abzuschließen. Die wahre Aufregung konnte nur noch in meinem Kopf geschehen, am Ende meines Lebens, da war ich mir sicher, würde ich erkennen, dass ich meine Zeit in Kajüten und Gefängnissen verplempert hatte. Ich war nicht dafür gemacht, herausragendes zu schaffen, oder etwas zu entdecken. Ich wollte auch gar nichts mehr davon.

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Anfang 62. von 300

Im Hinterhof fand ich das Zeichen.  Also drehte ich mich um, ging zurück in die Küche, holte die Bürste, einen Eimer und trug die Seifenlauge in den Hof. Ich stellte ihn vor die Mauer, tränkte die Bürste und versuchte mein Glück.
“Was, zum Teufel, machst du da? Es ist fünf Uhr morgens!”
“Der Scheiß muss weg!” Ich kämpfte mit der Lackschicht, die Wand war nach kurzer Zeit feucht, aber die Farbe zog zu schnell in den Putz. Ich hatte keine Chance.
“Mit Seife? Du brauchst Lösungsmittel dafür.”
“Wir haben kein Lösungsmittel, verdammt!”
Melissa spielte Roller-Derby, trug Tattoos von der Fuß- bis zur Nasenspitze, schlug sich mit den stärksten Jungs, und war die schläfrigste Schwester, die ich mir vorstellen konnte. Das war die Großstadt, wie wir sie uns vorgestellt hatten. Seit ich hier lebte, waren mir meine T-Shirts zwei Nummern zu groß und ich rauchte wie ein Schlot. Meine helle Haut wurde picklig, die Baseballkappe stank nach Schweiß und meine Sprache klang nach einem Land, in dem ich noch nie war. Die Dinge hatten sich gut entwickelt, seit unsere Eltern tot waren.  Besser als jeder gedacht hatte. Die Jungs waren auf meiner Seite, die Mädels mochten Melissa wirklich.
Ich warf die Bürste wieder in den Eimer, der Schaum spritzte zur Seite und bildete eine Lache auf dem Asphalt. Das war unser Hinterhof. Hier waren unsere Zeichen, unsere Schrift, unsere Spuren und unsere Kippen. Die, die nicht hier gehört, hatten ihr Zeichen heute Nacht an die Wand geschmiert. Und ich hatte es zu spät gemerkt. Ich konnte das unmöglich so lassen.
Ich spuckte auf den Boden, schnappte mir wieder den Eimer und schleppte ihn zurück in die Küche.

„Das geht nie wieder weg! Scheiße!“

Melissa trank ihren Kaffee so schwarz, dass er der Haut ihrer nubischen Prinzessin glich. Die schlief wahrscheinlich noch in dem Hochbett. Als untere Eltern sich überschlugen, wollten wir keine neuen. Und ich weiß nicht genau, wie es Melissa gemacht hatte, aber wir lebten hier. Ich war sechzehn, sie dreiundzwanzig und wenn Paula bei uns war, dann nannten wir das eine WG, und für alle schien es okay. Zwei Jahre, sagte sie immer wieder, das bringen wir rum. Reiß dich zusammen. Wir packen das.
Paula war die nubische Prinzessin. Sie modelte für die großen Labels, und manchmal fanden wir ein Bild von ihr im Internet. Auf Seiten, auf die es nicht hin gehört. Nichts zu machen, lachte Paula. Sie hatte viele Fans. Sie schlief meistens, wenn sie bei uns war. Das lag an den Flügen, den Städten, den Arschlöchern ganz allgemein und an Melissa, die sie nicht loslassen wollte.
„Was willst du machen?“ Melissa sah mich über den Kaffee an. Sie blies den Dampf beiseite, grinste und wiederholte die Frage. „Was willst du machen, kleiner Frosch?“

„Was wohl? Ich hole mir Scheiß-Lösungsmittel, um diese Scheiße wegzumachen. Verdammt!“

„Yo! Mach das, Bruder!“
Ich war das schmächtigste Kerlchen. Ich war schon immer dünn, und lang, aber niemals groß genug um ein Basketballstar zu werden. Ich war der, den die anderen zur Seite schoben, wenn der Ärger zur Tür hereinkam. Sie mochten meine Skizzenbücher. Sie mochten es, wie schnell ich die Tags an die Wand haute, den Stift über die Seiten zog, und das ich ihnen jedes Comic-Wesen zeichnen konnte. Sie wollten sie sich später mal stechen lassen. Ich sollte das doch machen. Ein Tattoo-Studio. Das sei gut. Ich könnte mir einen Namen machen. Ich lachte dann immer, sprach nicht mehr davon und hoffte, niemals in die Nähe eines solchen Studios zu kommen. Ich wollte Comics machen. Einfach nur Comics. Heldengeschichten schreiben. Kerle, die die Welt aufräumen. Sich nicht mit Lösungsmittel und verdammten Zeichen im Hinterhof beschäftigen.
Meine Muskeln hatten die Eigenschaft sich irgendwo in meinen Körper zurück zu ziehen, die Hosen rutschten ständig, und meine Beine staken in den Turnschuhen wie dünne Fremdkörper. Ich hätte nicht gewusst, was ich ohne die anderen Jungs machen sollte. Hier sollte unser Zeichen sein. Nicht ein Fremdes.
Paula brachte Matzenbrot in die Küche, und eine dunkle Marmelade von ihrer Oma. Meistens mischte die gute Frau Feigen mit irgendwelchen roten Früchten für ihre Enkelin. Bestrich man das Matzen mit etwas Butter, und das war schon hohe Kunst, gab darauf dann die Marmelade, dann hatte man entweder eine unglaubliche Schmiererei oder eine Offenbarung auf dem Teller. Alles möglich.
Paula war eine unwirkliche Schönheit. Ihre Bewegungen waren fließend, und passten weder in diese Küche, noch in diese Stadt. Sie war von irgendwas runter gefallen und Melissa hatte sie gefangen. Melissa sagte immer, es war der Himmel, und Paula lachte dann und erzählte etwas von einem Tisch und einer Glühbirne. Ich konnte mir keinen gemeinsamen Ort auf dieser Welt vorstellen, an dem sich solche Leute wie Melissa und Paula wirklich treffen konnten. Außer einer Lesbenbar oder einer komischen Seite im Internet.
Die meiste Zeit ihres Lebens verbrachte Melissa in einer Halle, die die Bezeichnung „Sportpalast“ gekonnt entwertete. Es war ein Höllenlärm, wenn die Mädels auf ihren Rollschuhen über die Bahnen sausten. Sie rempelten sich andauernd, flogen gegen die Bande und lachten dabei, als wäre es das größte Vergnügen der Welt. Sie trugen einen Mundschutz, aber trotzdem hatten ein paar von ihnen Zahnlücken, weil der Krach natürlich nicht in außerhalb dieser Sportstätte plötzlich aufhörte. Das zwischen Paula und ihr war vielleicht nur eine Phase, oder die wirklich einzige Liebe. Ich konnte das nicht so genau sagen. Sie war schon mit Johns und Joes zusammen, und die waren manchmal weiblich, manchmal wusste ich es nicht, und manchmal waren es eben Jungs. Die Welt ist nicht so einfach.
Paula biss in ihr Matzen. Sie hob es mit zwei Finger, an denen nichts haften blieb, was dort nicht haften sollte, bleckte ihre Zähne und zeigte mir wieder mal, dass Menschen auch perfekt sein können. Selbst wenn sie gerade aus dem Bett gefallen sind.

„Gehst du zum Baumarkt? Ich komme mit.“

„Ist okay.“

Wenn Paula dabei war, dann konnte ich den Baumarkt komplett ausräumen. Keiner hätte auf mich geachtet.  Mit Paula im Baumarkt, das war so, als ob der Papst durchs Bahnhofsviertel marschieren würde. Das war kein Auflauf, das war eine Parade.

„Warum zeichnest du nicht selber etwas auf die Wand? Ein großes Graffiti, und dann ist Ruhe.“

„Sie würden es taggen.“

„Kein Mensch würde irgendwas von dir taggen, du kleines Genie. Ernsthaft! Tobe dich aus.“

„Was…“

„Kunst. Große Kunst. Keine Namen. Zeichne was. Große Kunst, Bruder!“

Sie fuhr mir durchs Haar.

„Du kannst das.“
Würde ich irgendwann eine große Geschichte erzählen, dann wäre das der Punkt gewesen für die Weichen in die Zukunft. Paula ging mit mir in den Baumarkt. In den Baumarkt. Die Jungs. Wenn sie das gesehen hätten.

Anfang 53. von 300

Die beiden Taucher wirkten wie Synchronschwimmer. Beide sprangen gleichzeitig in das Hafenbecken, versanken fast auf die Sekunde genau darin, und über ihnen schloss sich  die Schicht aus Dreck und Öl. Ich hoffte inständig, sie würden nichts finden, doch machte gute Miene zum bösen Spiel.

Der Komissar reichte mir eine Zigarette, weil er selbst eine rauchen wollte, und wackelte unruhig von einem Fuß auf den Anderen. Einer seiner Jungs in Uniform eilte, um sie ihm an zu zünden.

Natürlich sah er mich erwartungsvoll an.  Er war ein alter Mann, und ich der Fall, den er nicht mehr gebrauchen konnte. Aber die Stadt war nun ein elender Scherbenhaufen, und auch wenn sie das schon immer war, jetzt sah man es . Keiner konnte es mehr ignorieren. Reporter riefen ihn an, und die Blogger verbreiteten jeden Unsinn viel schneller.

Bis er morgens seinen Kaffee getrunken hatte, kochte die Welt schon über. Wir standen am Hafenbecken, weil er eine Handvoll Leichen darin vermutete.

Und ich stand mit ihm hier, da es wohl meine Party war, die ausgeartet war. Ich sagte  ihm nicht, dass der Wagen wie eine überdimensionierte Kanonenkugel  über mich flog. Einen Stapel Paletten als  Sprungschanze nutzend. Ich stand quasi darunter, und staunte nicht schlecht, als die Schießerei aufhörte, das Rauschen zu einem Getöse über mir anschwoll und das Wasser wie eine Fontäne nach oben schoss. Die Insassen hatten nicht die Chance eines Schreies, nicht mal eines gemeinsamen. Und ich musste mich zurückhalten, der Schüssel nicht noch ein paar Kugeln hinterher zu schicken.

Angefangen hatte es alles damit, dass sich einige Wirte bedrohter fühlten als andere. Wie gesagt, die Stadt war schon immer ein Scherbenhaufen. Seitdem ich hier war, spiegelte sich auch noch das Licht darin, und keiner konnte es ignorieren. Man hatte mich angerufen, weil ich gut mit Menschen konnte.  Manchmal half mein Rat. Also öffnete ich den Hummer rückseitig, lies Bodo und Hans hinein, und startete durch. Bodo und Hans waren aus einem Wurf. Wer sie kannte, fragte sich, warum ich sie mitschleppe. Wer sie nicht kannte, war schockiert, über den katzenhaften Gang dieser Doggen und ihrem Blick, den sie immer frontal auf denjenigen lenkten, der sich von ihnen einschüchtern ließ.

Bodo und Hans hatte ich aus einem verdreckten Zwinger geklaubt, in dem sie inmitten ihrer toten Geschwister lagen. Sie liebten mich abgöttisch, horchten auf die Wörter, die ich nicht aussprach und waren in ihrer Wirkung mehr Wert als jede Waffe, die ich am Leib tragen konnte. Sie gingen unbeleint vor mir her, wie zwei riesige dunkle Bodyguards, hatten die Situation schon viel früher als ich ihm Griff und verliehen allen meinen Aussagen den nötigen Nachdruck.

Eine Stadt hat den Untergrund, den sie verdient, und den Komissar, der damit leben kann. Edgar Meyer litt sicherlich schon seit Jahren unter seinem Beruf, aber er hatte es geschafft, die Attraktivität seiner Region so zu herunterwirtschaften, dass er wohl bis zu seiner Rente auf die Erlösung warten musste. Ich fiel ihm auf, weil er hier dazu gehörte wie die alten Plakatsäulen und die Pissbuden, die das Wahrzeichen so mancher Straßen waren. Ich fiel ihm auch schon auf, weil ich in seinen Augen das falsche Auto fuhr. Meine Hunde durfte ich nicht rauslassen. Auch jetzt befanden sie sich ihm Wagen, und allein das war schon ein Grund mit diesem Menschen nicht zu kooperieren.

Er trug einen grauen Bart, hinter dem er seine Mimik zu verstecken suchte, und seiner Behäbigkeit einer Art Altersweisheit angedeihen lassen wollte. Tatsächlich jedoch prägte ihn die pure Verzweiflung, die ihn auch hier am Hafenbecken sichtlich Schmerzen bereitete. Er verzog das Gesicht, wie jemand, dem die Magensäure bis in die Mundwinkel stand.

Ich stattete also allen Parteien einen Besuch ab. Schon um den Haufen kennen zu lernen, der es geschafft hat, eine Viertel-Millionen Menschen quasi als Geiseln zu nehmen. Zwei befeindete Motorrad-Gangs führten sich auf wie Franchise-Nehmer internationaler Konzerns. Sie präsentierten ihre Logos gleich Wikingerwappen, eröffneten Geschäfte, wo man sie nie vermutete hätten, und änderten einfach mal so die Machtverhältnisse. Aber das Dumme an der Geschichte ist, egal in welchem Ort du heute bist, du schaffst es einfach nicht, einen sauberen Zwei-Parteien-Krieg hinzu bekommen. Sofort hängen irgendwelche Clans mit drin, Familien pflegen ihre Zusammengehörigkeiten, und das Ding wird viel internationaler als man sich das vorstellen kann.

Was da Nachts über mir geflogen war, und nun vom Schreibtisch des Komissars ins Hafenbecken führte, waren nicht etwa die Mitglieder einer der Rockergruppen, sondern fehlgeleitete Dealer, die meinten, sie hätten Ansprüche auf Dinge, die bisher öffentliche Plätze waren. Sie waren nur zufällig in meinen Focus geraten, weil sie dachten, dass ich – langhaarig, blond, zwei Hunde und Springerstiefel, Jeans sowieso -irgendeine Verwandtschaft mit den Gangs pflegte.

War nicht der Fall, doch ich konnte sie nicht überzeugen.  Sie waren zu fünft, ich mit Hans und Bodo zu dritt. Hatten sie falsch durchgerechnet. Ich scheue zwar körperliche Auseinandersetzungen, aber wer am Ende des Tages das Krankenhaus aufsuchen will, der darf ruhig mal einiges versuchen.

Sobald Hans und Bodo Distanzregeln eingeführt hatten, machten wir uns auf den Rückzug, und das endete in einer Verfolgungsjagd, die uns durch die halbe Stadt zum Hafen führte. Ich hatte fünf Minuten genug Vorsprung, doch zur Waffe zu greifen, einen Stapel Paletten zu suchen und mich dahinter zu verschanzen. Den Rest kennen sie. Ich vermute einfach mal, ich habe einen erwischt. Schon deswegen wünschte ich den Tauchern alles mögliche. Nur kein Glück.

Das ich augenblicklich noch eine Art diffuser Zeuge war, merkte ich daran, dass man mir noch einen Kaffee reichte. Auf den Zucker hätte ich verzichten können, aber die Erfahrung zeigte, dass 90% aller Polizisten ihren Kaffee so weich tranken wie möglich. Zu einem gescheiten Espresso taugte keiner von ihnen.  Ich mochte das Spiel des Dampfes, der fast die gleiche Farbe hatte, wie der Nebel am äußersten Rand des Beckens.

Der Komissar fragte mich immer wieder Dinge wie: „Werden wir etwas finden? Was meinen Sie? Glauben Sie nicht?“

Ich schüttelte den Kopf. Ich mochte ihn nicht, aber noch viel weniger eine mögliche Auseinandersetzung mit ihm, oder die pure Zeitverschwendung, zu der es führen konnte, wenn er seinen Blick in mich tiefer hinein bohren wollte.

„Ich habe praktisch nichts mitbekommen. Erst nach dem Aufspritzen des Wasser. Ich vermute mal, es war ein Auto, aber ich kenne mich damit nicht aus.“

„Sie fahren einen Hummer?“

„Ebenso wie große Teile der amerikanischen Armee…“

 

Anfang 44. von 300

„Dieses elende ADHS-Kind! Was erzählt er da? Was, frage ich dich, erzählt der da?“
Die Sache war die: Ich hatte von dem Business keine Ahnung. Ich halte mich mit der Tatsache über Wasser, dass es Leute gibt, die entweder bestimmte Dinge nicht tun wollen oder nicht in der Lage sind sie zu tun.
Ich grabe dir also gerne den Garten um. Wir müssen es aber nicht dabei belassen. Ich bin vielseitiger. Wesentlich vielseitiger.
Ich wollte mir das mal anschauen, was Mikesch so macht. Er schuldete mir mittlerweile mehr als nur einen Gefallen, und guckte mich dieser Tage an, was andere Menschen für ihren Lebensunterhalt tun müssen.
Mikesch traf ich immer nur an ganz obskuren Orten. Clubs, Kebabläden oder Nagelstudios. In letzteres fuhr er seine unzähligen Schwestern. Er hatte mehrere, alle bildhübsch, aber mir verriet er noch nicht mal ihre Namen. Aber wir trafen uns da, während er gelangweilt in Modemagazinen blätterte, deren Sprache ich nicht kannte. Nagelstudios hatte ich noch nie zuvor betreten.
Er verdient sein Geld im Musikgeschäft. Sagte man mir. Rap, sagte man mir.
Nun habe ich keine Ahnung von Rap. Von Musik im allgemeinen wahrscheinlich auch nicht. Ich höre seit Jahren die letzten Alben von Johnny Cash, und da führt einfach kein Weg vorbei: Der Johnny Cash ist Gott. Oder war es Zeit seines Lebens. Rap ist für Wichtigtuer, denen der Schwanz fehlt etwas im Leben richtig zu machen. Nur Gelaber.
Um mir etwas zu erklären, lud mich zum Fernsehen ein. Und Fernsehen heißt bei ihm, dass man quasi im Bild drin sitzt. Ich weiß nicht, wann das losging, mit diesem Wunsch nach dem eigenen Kino, aber die Technik heutzutage ist wirklich abgefahren. Ich versank in einem Sessel, der mich in die Tiefe ziehen wollte und sah mir ein Interview an, in dem die Moderatorin einem professionellen Nägelkauer richtig gute Fragen stellte. Das Kind war zwar schon 32, aber warf der klugen Frau und seinem Publikum immer noch einen Hündchenblick zu. So ein Blick, der unverhohlen ausspricht: „Verzeiht mir, ich muss das tun.“
Seine Gesten waren groß, seine Sprache gespickt mit Ausdrücken, die ich nicht kannte. Manche davon schlugen bei mir Saiten an, die mich dazu brachten, den Rest seiner Rede in Frage zu stellen. Wären wir vor Gericht gestanden, und ich sein Anwalt, dann hätte ich ihm ein durchgängiges Redeverbot erteilt. Das war eine üble Nummer aus Abgebrühtheit und Mamas Liebling.
Nach einigen Minuten war er bei mir durchgefallen und es wurde nicht besser. Mikesch deutete ein „Ssschttt“ an, um mich leise zu stellen. Er sah mir wohl an, dass ich all das in Frage stellen wollte. Aber ich hielt meinen Mund. Scheinbar stellte er mir gerade seinen wichtigsten Goldesel vor und wartete jetzt auf eine ganz bestimmte Stelle
Während bei ihm die Spannung stieg, machte ich im Kopf einer Inventur, von den Dingen, die hier in seinem Büro herumlagen. Playstation, X-Box,  verschiedene, ungeöffnete Sportschuhe mit bekannten Markennamen, aber auch Zeug, das wohl aus Korea oder einem anderen Ort importiert wurde. Eine Shisha, die ziemlich verdreckt in der Ecke stand. Polstermöbel, die dich fraßen, wenn du in sie reinplumst. Diese aber in einem cremigen Weiß, wie es meine Oma schon liebte. Und dazwischen technischer Klavierlackkram. Notebooks, Smartphones und ähnliche DInge, die man so oft in den Händen hält, dass sie nach einem halben Tag vor Fettspuren glänzen. Hier jedoch war alles klinisch sauber. Es schien alles gut zu laufen. Wenn jemand hereinschaut, dann wurde Mikesch mit „Big Mikesch“ angesprochen.
Wie Popcorn-Kino, nur in echt.
An einer bestimmten Stelle des Interviews verlor er vollkommen die Beherrschung. Er stöhnte wie ein Mann so stöhnt, wenn er seine leibliche Fülle erreicht.  Sehr animalisch, und griff in eine Schüssel, die wohl Go-Steine enthielt. Wie ein prasselnder Regen knallten die Dinger an den Fernseher.  Tote Pixel waren jetzt kein Thema mehr, sondern schlicht vorhanden.
Er fluchte in einer Sprache, die viel vermuten liess. Aber sich mir nicht erschloss. Ich hatte einfach etwas verpasst und zwischen Xbox und purem Neid den Faden verloren. Ich war draußen.
Aber Mikesch wollte nun ständig wissen was der kleine Wicht gesagt hatte.
„Hat er gesagt, das er aufhört? Hat er das gesagt? Hat diese kleine Tunte gesagt, das sie aufhört?“
Ich hatte nicht den blassesten Schimmer, was der von sich gegeben hat. In solchen Fällen schaut man im Netz nach. Folglich zuckte ich mit den Schultern,und bereute jede Minute, die ich dem Unsinn widmete.
Aber Mikesch war außer sich. Er war ein großer, schwerer Kerl im Maßanzug. Aber wenn er sich ärgert, dann passte gar nichts mehr. Und die Muskeln unter dem Anzug blähten sich auf, als wollten sie ihn zerreißen. Es war wie bei diesem grünen Monster.
Er brüllte jemanden herbei, der aussah, als käme er gerade von einem Hanteltraining und liess sich von ihm einen Energydrink bringen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass dieses flüssige Zuckerzeug den besten Geist mürbe macht. Nachdem ich einmal meine Zunge in diesen Kram getunkt hatte, weigerte ich mich fortan, mich damit näher zu beschäftigen. Diese Brühe macht die Menschheit zu Killer. Ich bin wirklich, wirklich fest davon überzeugt.
Und das beste Beispiel dafür war Mikesch, der drauf und dran war mir einen Auftrag zu geben.
„Der Typ taugt nur noch für Gedenkscheiben. Wenn er da rausgeht, dann verdienen wir keine Kohle mehr an ihm. Wenn du ihn direkt vor der Studiotür abknallst, dann werden wir Millionäre. Du und ich. Wir beide!“
Mir fiel es schwer mit solchen Vorschlägen richtig umzugehen. Die Logik war bestechend, und ich erblickte gerade ein Teil von Mikeschs Genie. Vom Sofa aus gesehen, vor der X-Box und der Playstation, war er gerade dabei, die Geschichte der deutschen Rapmusik auf ein neues Level zu drehen. Ich war so erschüttert von seiner  Radikalität, dass ich einfach nur fragte:
„Soll ich?“
Er hob beschwichtigend eine Hand, die so groß wie mein Kopf war, und lauschte wieder dem Fernseher. Seine Mimik glich einem störrischen Rindvieh. Er signalisierte den Aufprall. Den Moment. Den Break-Even-Point.
Ich stand auf und ging zur Toilette. Auf dem Weg dorthin versuchte ich mir klar zu werden, ob meine Sorgen unbegründet waren, oder irgendjemand tatsächlich gerade in meinem Leben rum scratchte.
Gemessen an der Kohle, vermutete ich, würde ich es wohl nicht verhindern können, dass ich es machen würde.  Was interessierte mich diese überdrehte Ratte?

Anfang 41. von 300

„Ich würde sagen: Kopf in die Maschine, Tür dreimal zugeschlagen und das ist das Ergebnis.“

„Das ist der Betriebsrat!“

„Das war er.“ Jacques zog sein Handy heraus. Er ging in die Hocke, hielt das Display vor sein Gesicht und nahm die Trommel ins Visier. Eine rötliche Spur verlief an dem Fensterglas und er bemühte sich, sie wirkungsvoll ins Bild zu bekommen.

„Da sind sogar Haare dran.“ Mit zwei Fingern zoomte er sich näher. „Das ist mal richtig ekelhaft.“

„Sollen wir seine Familie informieren?“

Jacques dachte nach und schüttelte schließlich den Kopf. Er brachte sich in eine bequemere Position und ging in zwei Meter Abstand um den toten Betriebsrat herum.

„Nein, nein.“ Er wirkte, als ob er überlegte, aber die Antwort war im Grunde klar. „Die Polizei. Wir sollten die Polizei rufen.“ Er wählte die Nummer kurzentschloss selbst.

„Ibus, diese Vitamindinger und die Pille – was für eine Auswahl.“

„Grün, gelb und rot. Fast wie  Reggaefarben.“

„Bescheuert.“

Auf dem Boden lag Hans-Peter Stockmeier. 49 Jahre alt. Fisch. Vor drei Jahren wegen einem Burnout in Behandlung. Der Kopf war nun kleiner. Wirkte eingedrückt, und das Blut hatte sich mit dem Staub vermischt, der ihn bedeckte.

Alle um ihn hatten ihren Mundschutz heruntergezogen. Der Raum war nun sowieso kontaminiert, und die Coating-Maschine drehte sich nicht mehr. Auch das Abschleifen der Dragees wurde kurzentschlossen gestoppt. Die Bänder standen still und die Frauen an der Glastür zum Polierraum.

In den gigantischen Trommeln, die an der linken Wand des Raumes standen, wirbelten normalerweise einige Millionen Dragees herum, bis sie glänzten. Das sah aus, als ob sich eine Reihe Waschmaschinen nebeneinander drehten. Nicht alle hatte Trommelfenster. Das war nur eine nette Geste. Früher wuchsen in England einigen Fabrikarbeitern bei der Pillenproduktion Brüste. Grund genug, dem Staub ein bißchen mehr Beachtung zu schenken. Staub gab es dann auch in allen Farben. Und dieser bedeckte Hans-Peter wie eine Düne, die über ihn hinweg wandern wollte.

Seine Augen waren weit aufgerissen, und sein Mund, der ebenso offen stand, war bis zum Rand mit einer Handvoll Pillen gefüllt, die normalerweise ein langes Leben versprachen. Jacques war ein unglaublich großer Mann, der enge T-Shirts trug, und auf der anderen Seite des Rheins lebte. Da gab es besseres Essen, billigere Wohnungen, eine ausgeprägte Abneigung gegen die Deutschen, aber bei weitem nicht soviel Arbeit.

Seine Nachbarn arbeiteten in der deutschen Autofabrik. Er in der deutschen Pillenproduktion. Meistens starrte er in die Trommeln und hing seinen Gedanken nach, während die Dragees vor ihm wirbelten. Als hätten sie ein Eigenleben und wollten Universen bilden. Oder schwarze Löcher. Niemals kamen verschiedene Produkte zum selben Zeitpunkt in parallel laufende Trommeln.

Er hatte sich mal überlegt, ob er nicht vielleicht auch in den Betriebsrat sollte. Die Jungs im Lager munkelten etwas über Kurzarbeit. Aber er war ganz zufrieden mit seinem Leben. Vor allem lebte er noch. In der Pause surfte er auf amerikanischen Pornoseiten, und wenn er nach der Arbeit noch ein wenig Zeit hatte, dann angelte in einem Altrheinarm. Es gab nicht viel, was er in seinem Leben ändern musste.  Er machte noch ein paar Fotos von Hans-Peter Stockmeier, der in seinen Augen ein dummer, fauler Hund mit noch dümmeren Ideen war.

Claude war auch Franzose und tippte ihm auf die Schulter, „Du solltest damit aufhören“

„Warum?“

„Du darfst überhaupt kein Handy hier drinnen haben.“

Jacques zuckte ein wenig. Menschen wie Claude trotten mal hierhin und mal dorthin. Hauptsache man hatte sie geschickt. Von alleine hatten sie nicht mal Ideen, geschweige den einen Willen.

Claude arbeitete am Autoklav. Er richte die Tabletts mit den Löffeln und Schöpfern, stellte die Geräte ein und bereitete die nächste Tabletts vor. Das war ein Leben voller Schadstoffe. Kein Wunder, dass er dumpf in der Birne war. Jacques sah lächelnd auf Claude herab, steckte das Handy unter den Kittel in die hintere Hosentasche und kam ihm dann mit seinem eigenen Gesicht so nahe, als wollte er ihn küssen.

„Welches Handy?“

Sie rochen gegenseitig ihr Frühstück, und Jaques war sich nicht sicher, ob das, was da in seine Nase kroch, Mundwasser oder Alkohol war.

Claude drehte sich wortlos um und ging zu den Frauen, die sich gefährlich an die Glastür quetschten.

„Und verscheuche die Frauen.“ , schickte ihm Jacques hinterher.

„Klar, klar, „,murmelte Claude. Und ganz leise,“Drecksack!“

Dabei gehörte Claude zu jenen Menschen, die sich sicher waren, dass man ihnen jeden Gedanken ansah. Auch wenn sie ihn nicht aussprachen. Er fühlte sich wie ein offenes Buch und in vollem Maß durchschaubar. Er hatte den Eindruck, als ob er selbst unhörbare Wörter laut aussprach. Er wollte unbedingt nach hinten spähen. Traute sich aber nicht. Frauen sahen ihn an, als würde er über sie herfallen. Und jetzt, da er bedrohlich und wütend näher kam, wichen sie freiwillig zurück und verstreuten sich zu ihren Bändern. Dort bildeten sie wieder Trauben. Kleinere zwar, aber es gab ja nichts zu tun.

Vor ein paar Tagen hatten sich Jacques und Hans-Peter in der Schleuse getroffen. Es war eher Zufall. Hans-Peter zog sich bereits an, Jacques desinfizierte seine Arme, so wie er es gelernt oder in einer Arztserie gesehen hatte. In Hans-Peters Spindtür hing das Porträt eines Kindes, dass sich in seiner Pudelmütze versteckte und darunter klebte ein Hundebild von einem Welpen mit glühenden Laseraugen. Damit waren die Eckpunkte definiert und Jacques sprach nie mit ihm über Kinder oder Hunde.

„Du wolltest doch in den Betriebsrat?“ ,begann Hans-Peter das Gespräch und fuhr sich vollkommen konfus durch seine verschwitzten Haare. Wer im Fabrikationsbereich arbeitete, trug nicht nur einen Mundschutz, sondern auch eine Haube, Handschuh und ein paar helle Hosen, so wie den Kittel, auf dem der Name stand. Sonst hätte man wahrscheinlich niemand mehr erkannt.

„Ah, nein.“, antwortete Jacques eher unwillig.

Hans-Peter wandte sich, nur noch bekleidet mit seiner Unterhose, seinem Unterhemd und bedeckt von einem dichten Pelz, in Jacques Richtung. „Aber du solltest mit dem Pornodreck aufhören. Die kommen dir auf die Schliche.“

Jacques antwortete nicht, nur aus dem Augenwinkel sah er vom Waschbecken auf, kurz in Hans-Peters Gesicht und wartete.

„Die IT kam dir auf die Schliche. Sie melden nichts, aber du wärst bei uns besser aufgehoben. Das kann nicht mehr lange gut gehen.“

„Merci!“  Mit diesen Worten verliess Jacques die Schleuse, ballte kurz die Fäuste, lockerte sie wieder und war froh, dass niemand seine Grimassen sah. Der Tag begann ja erst.