Anfang 63. von 300 (Teil 6-10)

(Für Neueinsteiger:  Dieses ist natürlich ein viel zu langer Artikel, doch ich mache jetzt hier  einen Schnitt, um diesen Anfang nicht zu überstrapazieren. Alle die es bisher hierher geschafft haben, bekommen nun zwei Möglichkeiten die Geschichte weiter zu verfolgen.

Wer aktuell so schnell wie möglich alle Teile mitlesen will – sie sind in meinem Blog zu finden: Jazznrhythm.com. Dort wird die Geschichte weitergeführt. Es geht auf dieser Seite natürlich noch um viele andere Dinge, aber die Geschichte um Misa hat in Zukunft ein Cover und ist daher schnell zu finden.

Wer es lieber etwas langsamer angehen will, dem sei Wattpad angeboten. Dort findet sich die Erzählung ebenfalls. 

BTW:Wem das zu mühselig ist, nun alle Teile im Blog zusammen zu suchen, der darf mich auch um ein PDF-File bitten. Ich schicke es gerne zu. Nochmal gelesen, nochmal bereinigt, mit , hoffentlich, viel weniger Fehlern.

Und: Ich freue mich über Emails, Kommentare, Ideen und Vorschläge.

Merci fürs Mitlesen.)

Ich hatte mir ein chaotisches Muster ins Gesicht geschnitten. Das sah nicht unbedingt besser aus als der Bart, erweckte aber durchaus ein zivilisatorisches Vertrauen.

Die Tür neben meinem Bett war noch immer verschlossen und ich wagte es nicht sie zu öffnen. Die Räume hier hatten Eigenschaften, die mir nicht behagten. Die Dimensionen waren uneinheitlich, nicht erklärbar und nicht zu erfassen mit meinen Verständnis von Raum und Zeit. Frisch rasiert, und das obwohl es aussah wie ein Gemetzel, zog ich meine Uniform aus und suchte mir aus der Schublade eine Hose, ein paar Strümpfe, ein Hemd mit nicht allzu vielen Rüschen und begann mich anzukleiden. Mein Haupthaar liess ich unbeschnitten, wohlwissend, dass diese Art der Kleidung lange Haare voraussetzte. Ich wusch es ausgiebig mit der Seife, entfernte einige Verfilzungen und hatte danach etwas, was ich nicht Frisur nennen wollte, aber mir passend schien.

Ich sah aus wie der verstoßenes Sohn an den Hof des Sonnenkönigs. Eine gewisse Wildheit wurde ich damit nicht los. In meinen Augen glimmte ein böser Wahnsinn, der selbst mir auffiel. Das konnte nicht gut enden.

Ich roch parfümiert, hatte saubere Kleidung an und das Bett wirkte frisch und bequem. Es war nicht das Leben, das ich mir wünschte, aber gewissen Annehmlichkeiten waren der Situation nicht abzusprechen.

Ich hatte Hunger. Mein Magen fühlte sich leer an, meine Muskeln schmerzt immer wieder, und das Gefühl eines Mangels liess mich in den letzten Minuten oftmals in einer melancholischen Stimmung verharren.

Ich öffnete kurzentschlossen die Tür neben dem Bett. Denn wenn ich einer Speise näher kommen wollte, musste ich dieses Zimmer verlassen, andere Räume betreten oder einfach nur wissen, was sich hinter dieser Tür verbarg.

Geblendet durch die Sonne wich ich wieder zurück. Vor mir erstreckte sich ein Park, in dem verschiedene Wesen, die mir alle bekannt vorkamen, ihren Zeitvertreib nach gingen. Sie spielten Karten, Cricket, Frisbee und Boule. Sie hielten nicht innen, wandten mir aber interessiert den Blick zu. Einige nickten und winkten mir, ganz so als wären wir vertraut und bekannt.

Es waren offensichtlich Zwerge, Orks, Elfen und eine Herde Zentauren, die sich wohl sinnlos betrunken hatten. Wenn man ihren Taumel über das Grün deuten wollte.  Inmitten einiger Weinflaschen gaben sie sich ungestüm ihrem Rausch hin.

„Was zum Teufel?“ entfuhr es mir.

Und ich schmiß die Tür wieder zu. War die Existenz von Abraham Lincoln schon eine Irrwitz, so war ich nun sicher, dass ich mich in einen komatösen Drogenzustand befand. Irgendein beneidenswert gutes Zeug war mir verabreicht worden. Stoff von einer Güte, wie er mir nie zuvor begegnet war.

Ich setze mich auf das Bett, befühlte mein brennendes Kinn und versuchte eine Art klaren Gedanken zu fassen. Die Schuhe waren so, unbequem wie sie aussahen. Ich kam mir vor wie eine Anziehpuppe. Ein Spielzeug mit dem jemand seine Scherze trieb. Nehmen wir an, dachte ich, das hier ist ein Traum, dann wäre alles was ich hier tun könnte, vollkommen irreal. Ich sprang auf, schnappte mir das Rasiermesser und riß die Tür auf. Ich wollte einen dieser verdammten Zwerg aufschlitzten.

Misa lachte an dieser Stelle.

Sie mochte jede Art von Metzelei.

Es machte sie ganz hibbelig.

Es war eine englische Parklandschaft. Ein Rasen, als wäre er mit der Nagelschere zurecht getrimmt , und Büsche, wie sie nur begnadete Gärtner schneiden konnten. Figuren aus jeder Mythologie säumten meinen Weg. Ich eilte mit großen Schritten voran, das Rasiermesser fest in meiner rechten Faust. Ich wich einem spielwütigen Ork und umrundete einen dumpfen Troll, der mich geradezu debil angrinste. Ich verspürte eine tiefe Abneigung, und eine große Lust auf ein Massaker. Klitzekleine Elfen umschwirrten mich als wäre ich das Licht, und sie die Motten. Sie verstreuten einen nervtötenden Glitzerstaub und ich versuchte sie mit der linken Hand loszuwerden, so wie ich das im Allgemeinen mit jeglichem fliegenden Getier tat, das mich nervte. Es versprach lustig zu werden. Mit meinem zerschnittenen Gesicht sah ich wahrscheinlich aggressiv genug aus, doch ich hatte mir meinen Zwerg schon ausgesucht. Ich wiederhole: Ich hatte ihn mir schon ausgesucht.

Diesen bärtigen kleinen Weihnachtsmann, der mich erwartungsvoll ansah, als er bemerkte wie ich auf ihn zustürmte. Er war das Bild eines gütigen Großvaters. Dunkle Augen strahlten unter seiner weißen Brauen hervor, und seine Mütze war mindestens so groß wie er und strebte dem wolkenlosen Himmel entgegen. Wie ein würdevoller Oberzwerg verschränkte er die Hände hinter seinem Rücken, drückte den Bauch heraus, der bedeckt von einem faltenfreien Hemd in der gefüllten Mitte von einem groben Seil zusammengehalten wurde.

Er sah nach fleißiger Arbeit, sauberer Moral und vorbildhaftem Lebenslauf aus. Es war wahrlich kein Wunder, das ich ihn ausgesucht hatte. Neben ihm lag eine Proviantbüchse, eine obligatorische Pfeife, in der der Tabak noch glühte und eine umgekippte Flasche Wein. Seine Nase hatte einen leicht rötlichen und glänzenden Teint, wie man es öfters bei Alkoholikern sah, und auch das Weiß seiner Augen hatte etwas gelbe Farbe angenommen. Näher betrachtet war er alles andere als ein gütiger Opa. Zu gut gelebt, zu viel gesoffen, reif für alles, was nun kommen sollte.

Neben ihm sprangen einige minderjährige Elfen herum, als hätten sie nichts besseres zu tun, und die Zentauren lagen bereits auf dem Rücken und strampelten mit ihren Füßen in der Luft. Das ganze Treiben sollte ausgelassen wirken, hatte aber etwas geradezu zwanghaft wollüstiges an sich. Und keiner von diesen Burschen sprach auch nur ein vernünftiges Wort. Sie grunzten, schnaubten, gurrten wie Tauben und Funkgeräte, aber waren wohl nicht in der Lage sich einer verständlichen menschlichen Sprache zu bedienen.

Der Bart des Zwerges erstreckte sich bis runter zu seinem Hosenbund, und war von dem reinsten Weiß, das man sich vorstellen konnte. Ich packte ihn daran, zog ihn zu mir her, zischte bösartiges Zeug und hieb ihm das Rasiermesser in den Wanst. Seine Augen weiteten sich, sein Mund öffnete sich, seine Zunge schlackerte herum, aber er brachte keinen Ton heraus. Seine Augen traten immer weiter aus seinem Gesicht heraus als hätten sie ein Eigenleben. Bis sie zu Kugeln wurden, und plötzlich heraus ploppten. Sie fielen zu Boden.  Dort lagen sie, drehten sich verwirrt im Kreis und rollten davon wie kleine Murmeln. In einer Geschwindigkeit als hätten sie ein Ziel. Sein Körper erschlaffte mit einem lauten Zischen. Ich wagte nicht auf mich herab zu sehen, glaubte ich doch in einem Blutbad zu stehen. Ich fühlte mich wie ein Schlachter. Ich mußte folglich aussehen wie einer.

Die Elfen, die eben noch singend und tanzend um mich herum gehüpft waren, blickten mich entsetzt an und öffneten ihre schönen Münder, um mir ihre  weißen, spitzen Zähnchen zu zeigen.

Sie wirkten wie kleine Mädchen mit Insektenflügeln, aber in ihrem Mund verbargen sich scharfe, freistehende Zähne, die dringend einer Korrektur bedurften. Ich wirbelte herum, das kleine Rasiermesser immer noch in der Hand und machte damit hektische Bewegungen in alle Richtungen. Nur um sie auf Abstand zu halten. Der Zwerg war eine zusammen gesackte Hülle, die noch kleine Blasen in sich behielt, aber ansonsten war die Luft raus. Keine Spur von Blut, Fleisch, Gedärmen oder etwas anderem, was ich erwartet hatte. Ich starrte ihn ungläubig an. Das war definitiv nicht mein Traum.

Ich brüllte, ich stampfte mit dem Fuß auf, ich senkte meinen Kopf und stürmte aus dem Kreis, der sich um mich bildete. Die Elfen stoben zur Seite, selbst ein Troll flüchtet vor mir, und die Zentauren bildeten eine Gruppe wie eine Horde Büffel, um sich zu verteidigen. Die Wege waren kunstvoll mit verschiedenfarbigen Schotter bedeckt, in kleinen Teichen schwammen Kois und ziemlich gelangweilte Goldfische. Ich rannte vorbei. Die Steinchen stoben unter meinen Füßen zur Seite, regneten auf die Seerosenblätter, verfingen sich in diesen unmöglichen Schuhen und spritzten nach allen Seiten. Ich rannte einfach weiter, sprang über Hecken und Büsche, und überall sah ich sie wieder, die Zwerge, die Orks, die  Trolle und  die Elfen. Sie lagerten, saßen, picknickten, machten seltsame Dinge, spielten ihre Spiele, sprangen nackt in einen der Seen, von denen ich schon drei umrundet hatte, und mindestens dreimal sah mir der Oberzwerg an verschiedenen Orten hinterher. Dieser aufgeblasene Wicht.

Der Park selbst schien sich zu verändern, doch das Szenario blieb gleich. Immer wieder sah ich Grüppchen der Zentauren. Ich glaubte einzelne zu erkennen. Und wohin ich rannte, dort waren auch sie. Ich schlug Haken wie ein Hase, hetzte mal in die eine und mal in die andere Richtung, stürmte durch Rosengärten und an Gewächshäuser vorbei, aber die trinkenden Zentauren waren schon vor mir da. Sie prosteten sich zu, warfen die Köpfe in den Nacken und galoppierten auch mal neben mir her. Geradeso als sei es der größte Spaß ein Wettrennen mit mir zu veranstalten. Ihr Lachen war gehetztes Meckern, aber mit ihren strahlenden Augen war erkennbar, dass ihr anfängliche Angst gewichen war. Und kaum erblickte ich eine identische Gruppe vor mir, verschwanden meine Begleiter, und die neue Gruppe übernahm eine Funktion.

Meine Schuhe waren eine Erfindung durchtriebener Foltermeister. Die Steinchen rieben an meiner Ferse, und es war spürbar, dass ich nicht mehr lang durchhalten würde. Das Hemd klebte bereits an meinem Oberkörper, meine Lunge fühlte sich an, als würden Krallen durch sie jagen und mein Herz schlug wie verrückt. Ich hatte mich seit langer Zeit kaum noch so ausdauernd bewegt, und Rennen gehörte noch nie zu den Sportarten, in denen ich merkliches geleistet habe. Ich musste langsamer werden, ich hatte komplett die Orientierung verloren. Nachdem ich mehrmals die Richtung gewechselt hatte, konnte ich nicht mehr feststellen, aus welcher ich ursprünglich kam. Das Bild hatte sich kaum geändert. Zwar war der Bewuchs ein anderer, denn nun stand ich inmitten kunstvoll angerichteter Farne, die in den verschiedensten Farben ein gigantisches Wappen darstellten, während sich darüber eine kleine Gruppe Bäume filigran in einer schwachen Brise bewegten, aber Häuser, Schlösser und kleine Pavillons, die ich immer wieder in der Ferne erblickte, waren unerreichbar.

Ich näherte mich ihnen nicht, sondern sie verschwanden einfach hinter flachen Erhebungen, die ich im Lauf überqueren wollte. Sah ich ein Gebäude, so musste ich auf dem Weg dahin, einen Hügel erklimmen. Zumeist kleine Anhöhen, mit Gras oder einer niedrigen Vegetation bedeckt. Rannte ich die Anhöhe hinauf, erreichte dann ihren höchsten Punkt, so war mein Ziel, das mögliche Gebäude verschwunden, als wäre es nur eine optische Täuschung gewesen. Ich traute meine Augen nicht, und wiederholte den Versuch mehrmals. Ich sah eine Villa, rannte auf sie zu, verlor sie durch den kleinen Berg, auf den ich hoch sprintete, kurz aus den Augen, den er verstellte mir die Sicht, kam dann oben an und die Villa war weg.

Dort, wo sie zuvor gewesen war, erstreckte sich nun wiederum der Park bis zu einem vermeintlichen Horizont. Und vermutlich, davon ging ich aus, war dahinter wieder nur Park, und egal wohin ich mich wenden konnte, war nur Park. Mit denselben Bewohnern, überall, die ihrem Müßiggang frönten. Zentauren, die taumelten, als hätten sie ihr Gehirn in Wein gebadet, Zwerge, die mich angrinsten und mir winkten, und Elfen verschiedener Größen, die einfach sinnlos herumflogen. Nur die Orks und Trolle waren andauernd am Spielen.  Selbst federballspielende Orks waren zu erkennen. Die Trolle humpelten der Frisbeescheibe hinterher, oder versuchten sich in anderen Sportarten.

Es war vollkommen sinnlos, egal in welche Richtung ich lief. Zwar änderte sich der Park an sich durchaus, und offenbarte immer neue Meisterleistungen der Gartenkunst, so wechselten z.b. die geschnitten Büsche ihre Thematik, aber wie in einem Hamsterrad gab es kein Ende, nur wechselnde Bilder. Statt mythologische Figuren, waren die Büsche nun nach Comicfiguren geformt. All die bekannten Wesen, die die Zeitungsstrips bevölkerten, waren nun das Vorbild für die herausragende, bildhauerische Arbeit der Gärtner. Doch ich konnte keinen von ihnen entdecken. Hier waren keine Gärtner. Ich hatte nicht einen einzigen erblickt. Man sollte doch davon ausgehen, dass es hier mindesten einen Gärtner gab. Oder Gehilfen, oder Roboter. Nichts, nur die Zwerge, die wieder unweit von mir standen, sich an ihren Pfeifen hielten und mir grinsende zunickten.

Nun gut, dachte ich, dann wollen wir mal.

Ich ging auf das nächste Grüppchen dieser kleinen Wesen zu. Ihr Mützen waren verschiedenfarbig. Während der Oberzwerg immer noch aussah, wie der wichtigste aller Windbeutel, mit seinem spitzen steifen Hut, trugen die Anderen, sieben an der Zahl, auch Mützen, die ihnen eher schlaf vom Kopf hingen. Gemeinsam war ihnen, dass sie irgendwo eine Pfeife hatten. Entweder gerade im Mund, oder neben sich oder in der Hand, wo sie einfach so verharrte und nicht zum Mund geführt wurde. Sie beobachteten mich mit aufmerksamen Augen. Ich spürte förmlich, wie sie meine Schritte auf sie zu, verfolgten. Wahrscheinlich waren sie gewarnt. Der Zwergenschlitzer kam.

Bei ihrer Gruppe angekommen, schnappte ich mir eine der Pfeifen, die auf dem Boden lagen, und still vor sich hin kokelten,  nahm sie an mich und entfernte mich schnellen Schrittes wieder. Ich hörte etwas, was ich als Protest deuten konnte, aber achtete nicht weiter darauf. Gezielt ging ich auf die Rosenbeete zu. Ich hatte nie verstanden, warum man zu Füßen der Rosen Stroh auslegte. War wohl ein geheimer Tipp der Gärtner. Egal. Ich sah mir das Stroh an, beugte mich herunter, prüfte die Erde und nahm einen Halm, hielt ihn in die Pfeife, lies ihn glimmend zu Boden fallen. Nahm den zweiten, tat dasselbe, liess ihn glimmend zu Boden fallen. Dritten. Pfeife. Glimmen. Boden. Vierten. Fünften.

Hinter mir zischte es ein bisschen, aber das Glimmen verbreitete sich, ich blies noch mal in die Glut und eine kleine Flamme fraß sich über den Boden des Rosenbeetes. Dann eine zweite. Sie tanzten beide umeinander herum, sprühten einige Funken, fraßen sich zur Seite, züngelten an den Rosen hoch  und kletterten wild zischelnd dem Stamm entlang. Die Blätter rollten sich ein, die Blüten sackten in sich zusammen und der Rauch eilte gen Himmel.

„Das bringt doch nichts.“

Ich sprang herum, und sah in ein Gesicht, das irgendwann mal einen Bären geküsst haben musste. Die Nase war schief, Narben zogen sich über eine Glatze, die Haare wuchsen ungebändigt an den Seiten, und der Bart trug alle Farben, die Salz und Sonne zuliessen.

„Du kannst hier alles verbrennen, so oft und so lange du willst.“ sprach er weiter, und deutete bei diesen Worten auf seinen Bauch. „Du hast Hunger, oder? “

Er wartete.

Ich blickte ihn stumm an. Das Rasiermesser war immer noch in meiner Hand. Wog fast nichts. Ich war bereit zu zustechen. Zu schlitzen. Ich war auf alles gefasst.

„Verstehst du mich? Ich-habe-auch-Hunger.Wollen-wir-etwas-essen?“

Er rührte mit einer Hand über seinen Bauch, machte Kaubewegungen und deutete auf etwas in der Ferne, das außerhalb unseres Sichtfeldes lag. Er deutete mehrmals darauf, wurde etwas hektischer, bis ich schließlich das Messer sinken ließ.

„Ok!“

Er war ein stattlicher, stämmiger Mann, sein Gang deutete auf eine unbekümmerte Robustheit, die ihn sowohl durch die Wildnis der Natur, wie auch der Menschen tragen könnte. Nichts an ihm deutete auf eine Luftfüllung hin. Seine Stimmlage verriet etwas hinterwäldlerisches, wie es Menschen in den Bergen pflegten, die sich nur mit ihresgleichen beschäftigen.

„Bald John Peacock“ brummte er.

„Pardon?“

„Bald John Peacock. Das ist mein Name. Falls du dich das gefragt haben solltest.“

„Deine Eltern nannten dich Bald? Warum, um Himmels willen, nennen Eltern ihr Kind Bald?“

Er dreht sich um. Sah mich irritiert an. „Was für ein gottverdammter Grünschnabel bist du denn? Meine Eltern nannten mich John. Natürlich nannten sie mich John. Warum sollten sie mich Bald nennen? Verdammt!“

Er stapfte weiter.

„Ich heiße Martin. Christopher Martin. Also, Christopher mit Vornamen.“

„Ich weiß. “ Er winkte ab. „Ich weiß alles. Du bist Vorkoster. Das ist ja lächerlich. So wie du aussiehst gab es schon lange nichts mehr zum vorkosten, was? Wer braucht den einen Vorkoster?“

„Das ist eine wichtige Aufgabe!“

„Für wen? Für einen erwachsenen Mann? Ich denke, ihr habt Maschinen für so etwas.“ Er lachte das Lachen einer Hyäne. Als gackerte er den Himmel an, und beendete es mit einem langzogenen  „Yahooo!“

„Du musst das verstehen, junger Freund. Zu meiner Zeit hat man die alles mal probiert, und es vielleicht überlebt. Dann war es essbar. Manchmal wurde einem etwas wirr im Kopf, aber das verging und gehörte nicht zu den schlechtesten Dingen dieser Welt..“

„Wann war ihre Zeit?“

„Keine Ahnung. Wir haben uns nicht sehr darum geschert. Ich habe keine Zeitung gelesen. Oder sowas. Ich war ein verdammter Trapper.“ Er überlegte. „Es muss 1820 gewesen sein. Früher oder später. Es war ein verdammter Winter. Blizzards fegten über die Berge. Ich war sichtbar wie ein Blutfleck auf einer Bettdecke. Man konnte mich schon von weitem sehen. Die Wölfe hatten mich eingekreist. Es war ein wildes Geheul. Ich mitten im Schnee. Tja, und da hatten sich mich geholt. Seitdem habe ich diesen Fummel an und muss mich mit diesen tumben Gesellen abgeben“. Er deutete auf die Zwerge und Trolle. „Am Anfang hatte ich jedem, der mir über den Weg lief, den Kopf abgeschlagen. Aber das kannst du jahrelang machen, es werden immer mehr. Es ist eine kleinwüchsige Armee. Hüte dich vor den Elfen. Die sind die Pest. Kleine, bissige Gören. Verdammte Mistviecher. Möchte nur mal wissen, wer auf die Idee mit den Zähnen kam. Das passt doch gar nicht!“

Ich hatte Mühe mit ihm Schritt zu halten. Ich war ausgepumpt, fühlte mich matt, und zweifelte immer noch daran, dass ich das richtige tat. Ein Trapper, also ein Mensch, der 1820 aus den Rocky Mountains entführt wurde?

Er schien einen Weg zu kennen, der in einem schlängelnden Pfad um alte Bäume, hohe Büsche und über wirre Wurzeln führte.

„Sie sind ein Mensch?“

„Ja, was zum Teufel, soll ich sonst sein? Ein Bär?“

„Ich dachte nur.“

„Sehe ich aus wie ein Bär?  Verdammt! Ich sehe, verdammt noch mal, nicht aus wie ein Bär! Natürlich bin ich ein Mensch.“

„Ich glaube, ich habe Abraham Lincoln getroffen.“

„Ah, verstehe. Ja, ich habe auch schon Daniel Boone getroffen, Buffalo Bill ebenso und selbst Jesse James ist mir schon vor der Nase rumgetanzt. Ich habe ihn geköpft. Ich habe mir geschworen, dass ich solche Typen nicht in meine Nähe lasse. Aber lasse dir gesagt sein, die kommen immer wieder. Die kommen immer wieder.“

„Warum sprechen sie meine Sprache?“

Er drehte sich auf dem Absatz um, starrte mich an und seine Augen verengten sich. „Verdammt, reiß dich zusammen. Sie haben mich aus den verdammten Bergen geholt. Mit diesem Drecksteil von einem Metallding. Flach wie eine Scheibe. Warum sollte ich nicht deine verdammte Sprache sprechen? Was denkst du, mit wem du es hier zu tun hast. Du musst meinen Namen schon gehört haben. Ich bin Bald John Peacock. Was gibt es daran nicht zu verstehen?“

Wir erreichten, nach einem Weg, der keiner klaren Linie folgen sollte, eine Hütte. Aus rohem Holz gezimmert, mit Erde, Stroh und etwas, das aussah wie Wolfskot dazwischen, stand sie auf einer Lichtung inmitten von alten, knorrigen Bäumen. Davor eine Bank, eine Feuerstelle, und einige Pflanzen, die wohl eher zum Rauchen gedacht waren. Er öffnete die Tür, die ohne Schloss auskam und führte mich in seine Stube. Auch hier fand sich eine Feuerstelle in der Mitte des Raums. Darüber ein roher Abzug, der aus Gips oder Ton gefertigt war, darunter stand ein dampfender Topf, der langsam vor sich hin köchelte, und das ganze Haus mit einem würzigen Geruch erfüllte. Er hängte seine lederne Jacke an einen Nagel, der wahrscheinlich ansonsten für Eisenbahnschwellen genutzt wurde, und sich eben nun in der richtigen Höhe für seine Kleidung befand. Ich sah keine Küche, aber einige primitive Möbel, die alles zu enthalten schienen, was er wohl so benötigte. Töpfe,Teller, Tassen; es wirkte als sei alles da. Nichts schien zu fehlen. Ich sah mich um, vor den Fenstern standen diverse Gegenstände, von denen manche eine Funktion hatten, aber andere sollten wahrscheinlich nur den Einblick verhindern. Einige Krüge, die nicht ganz dicht schienen, Strohgestecke, die sinnlos drapiert waren und keiner Ästhetik folgten, sowie kleine Bücherstapel mit der unlesbaren Schrift, die mir ebenfalls schon begegnet war.

„Keine Sorge, das verdammte Zeug ist nicht zum Lesen da, aber es eignet sich hervorragend zum Feuer machen. Ich finde sie überall. Ich habe keinen Schimmer, warum sie das machen. Sie denken wohl dieses verdammte Zeug würde mir irgendwas bedeuten, aber so habe ich immer einen Vorrat an Papier.  Manchmal muss man auch auf die Toilette. Zu irgendwas taugt es auf jeden Fall.“

Ich nickte.  Er deutete auf den Topf.

„Bohnen mit Speck“ Es klang nicht begeistert. “ Es ist genug da. Ich esse das seit Jahren, gibt nichts anderes, aber das wiederum satt. Mein Magen ist mit dem Zeug um das doppelte gewachsen. Ich fühle mich wie diese verdammten Luftzwerge. Kann man nichts machen. Tausende von Blumen, die meisten echt, aber sonst nur ungenießbares Zeug.“

Er griff sich eine Schüssel, einen steinernen Löffel, füllte die Schüssel und reichte sie mir.

Ich umgriff sie mit beiden Händen, zog den Geruch ein. „Riecht gut!“

„Jaja, „nickte er „, klar, beim ersten mal. Riecht es verdammt gut. Aber mittlerweile hängt mir das Zeug in den Kleidern, in meinen Haaren, ich furze es und schlafe damit ein. Dieser verdammte Topf füllt sich immer von alleine. Ich bekomme ihn nicht leer, die Glut nicht aus und wenn ich was geraucht habe, könnte ich den Kram fressen bis ich, verdammt noch mal, umfalle. In tödlichen Dosen. Das macht mich noch fertig.“

Mit der Schüssel in der Hand trat ich vor die Tür und sah in die Sonne. Ein kleines Wäldchen erstreckte sich vor mir,  das ruhig verharrte, da sich kein Wind regte. Er trat neben mich, hob ein welkes Marihuana-Blatt nach oben, hielt es mir vor die Nase  und wartete bis ich den Geruch einsog.

„Verdammt guter Stoff!“ Er bedeutete mir noch mal zu schnüffeln. „Verdammt guter Stoff. Das, was man hier braucht. Sie verstehen schon, wie es geht. Sie haben es eigentlich wirklich drauf. Aber im Detail, im verdammten Detail…“ Er liess das Blatt fallen und es stürzte wie ein Stein zu Boden. „…im verdammten Detail pfuschen sie einfach. Blödes Pack. Solche Fehler macht man nicht.“

Als er wieder reingehen wollte, hielt ich ihn zurück.

„Was bedeutet das?“

„Das bedeutet, mein lieber Christopher, das hier nichts stimmt. Du musst das Zeug kontinuierlich konsumieren, um nicht ganz neben der Spur zu laufen.  Ohne das verdammte Grass wäre ich schon lange vollkommen durchgeknallt. Aber du wirst alles erfahren. Alles. Warte es ab.““

Bald John Peacock war Trapper. So um 1820, als die Welt noch ganz anders und scheinbar in Ordnung war, verbrachte er seine Tage mit dem, was Trapper eben so machen. Er stellte Fallen, stapfte in den Bergen rum, mied menschliche Ansiedlungen und tötete Tiere, wo immer er sie antraf. Seinen Frühling genoss er, nach dem Verkauf der Felle, in Freudenhäuser, hielt alle Nutten aus, denen er habhaft werden konnten, und die ihn ertrugen, bis er den Sommer bei irgendwelchen Indianer verbringen konnten, die sich seiner erbarmten. Im Winter mordete er jeden Iltis, jeden Bären und jeden Fuchs, der ihm begegnete. Das Winterfell war kostbar. Das ging lange Zeit recht gut. Er kam in Gegenden, in denen sich keine Menschen rumtrieben,  war meistens alleine, und eigentlich mit dem Leben zufrieden. Viel hatte er nicht erwartet. Viel musste es nicht. Sein. Alles war okay, es ging zwar nicht voran, aber es bescherte ihm ein Auskommen und eine Möglichkeit das Jahr rum zu bringen.

Die Dinge hatten ihre Ordnung, und selbst wenn er zappelnd unter einer Lawine lag, und sich danach tropfnass, halb erfroren und verschwitzt wieder zurück in seine Behausung schleppte. Alles war gut. Es gab niemanden, dem er Rechenschaft ablegen musste. Und wenn er einen Finger in irgendwelche Körperöffnungen stecken wollte, dann tat er das einfach. Und wenn er im Sommer nackt drei Tage durch den Wald laufen wollte, dann tat er das auch. Die Indianer schüttelten den Kopf, aber liessen ihn am Leben. Er galt als harmlos. Das war zwar kein Prädikat, das er sich selbst geben wollte, aber so lange die Dinge so liefen, wie sie eben liefen, ertrug er das. Seine Waffen trug er immer bei sich. Schwere, eiserne Teile, die ihm die Sicherheit gaben aus jeder verdammten Situation wieder heraus zu kommen. Er trug den Gürtel tief, und wenn er die Hände baumeln liess, dann hatte er sie sofort im Griff. Er mochte keine Spielchen. Wenn es ums schießen ging, dann schoß er zuerst. Das klärte alles recht schnell. Und mit einem Fußtritt kickte er die Leichen den Abhang runter, ging seines Weges, und im Frühling, wenn die Schneeschmelze alles mit sich riß, dann verschwanden die Leichen, waren ein Festessen für die Wölfe oder fanden sich einfach hundert Meilen weiter.  Sachen passieren.

Misa grinste, strich mir über meinen Arm, und ich spürte, wie sich meine Haare aufstellten.

Eines Tages, als der Schnee dichter fiel als sonst, und die Hand vor den Augen schon vereist war, bevor man sie noch höher heben konnte, trieb der Wind ein übles Spiel mit Bald John Peacock. Die Wölfe kreisten ruhelos durch die Wälder, doch wagten nicht ihm näher zu kommen. John war nicht wehrlos, auch wenn sein Gang durch den Schnee gebückt war und sein Atem schneller ging. Die weiße Masse reichte ihm bis zu den Hüften, und ein Ende des Winters war nicht abzusehen sehen. Die kleineren Tiere hatten sich in ihre Höhlen verkrochen, die Menschen ihre Hütten abgeschlossen. Es war für kein Lebewesen ratsam in dieser weißen Hölle zu verbleiben.

Die Kälte klammerte sich an sein Herz, die Finger dagegen um seine Waffe. Er stützte sich auf sie, stocherte damit im Schnee, zog sich voran und nutzte sie als Krücke. Er schleppte sich nach Kräften durch den Wald, und jeder Gedanke war nur noch auf das Ziel geheftet. Seine Augen suchten nach irgendeinem Leben, einem Punkt in der Wildnis, der all das nicht sinnlos machte.

Es war nicht der erste Blizzard, den Bald John Peacock in den Bergen erlebte. Und er kannte die Gefahren. Die Tannen, die sich im Sturm wogen, die Schneelast, die sie zur Erde drückten, und die Lawinen, die losgelöst durch das Gewicht alles mit sich rissen. Bald John Peacock lauschte in die Ferne auf das Stöhnen des Holzes, das Ächzen in den Ästen und das kreischende Brechen der jungen Stämme, die einfach nachgaben und andere mit hinabzogen. Er war nur ein Punkt in diesem ganzen Spiel. Aber genau dieser Punkt wurde beobachtet.

Er konnte die Einsamkeit lieben, soviel wie er wollte. Wenn sich die ganze Welt gegen ihn stellte, wurde sie ihm bewusster als je zuvor. Es gab nur einen, auf den er sich nun verlassen konnte, und das war er selbst. So kämpfte er sich weiter. Seine Hände gefroren an dem Metall seiner Waffe, seine Hosen versteiften sich vor eisiger Nässe und von seinen Haaren brachen die Zapfen ab. Er kannte das, was kam. Die bleierne Ruhe, die sich über alles legte, die Gedanken, die sich verlangsamten, und dieses schwere Gefühl, das nach einem Moment der Ruhe verlangte. Einfach nur sitzen, während der Schnee sich senkte, einfach nur sitzen. Er zog sich hoch, durfte dem nicht nachgeben, aber je mehr der Wald seine Farbe verlor, umso mehr beschlich ihn das Gefühl, den letzten Blizzard zu erleben.

„Verdammt, John, nicht jetzt!“

Zentimeterweise kämpfte er sich weiter. Schritt um Schritt. Wie hypnotisiert hörte er die Wölfe langsam näher kommen. In der Klarheit der kalten Luft konnte er ihre Wärme riechen. Ihren Atem bereits spüren. Sie kreisten ihn ein, das verendende Wild. Sie jagte in der Gruppe. Beneidenswert, dachte er. Ich werde mich in ihrem warmen Blut suhlen. Verdammt. Dachte er. Und zog sich an einem Ast hoch, hangelte sich weiter, stützte sich auf einen Baumstamm, gelangte in eine Lichtung und stand mitten im Sturm. Die Flocken kamen wie ein Teppich über ihn, aber trotzdem erblickte er die Wölfe, wie sie langsam zu ihm kamen. Er umklammerte sein Gewehr, zielte, drehte sich im Kreis, doch wo er sie eben noch gesehen hatte, da war jetzt keine Wölfe mehr. Sie umrundeten ihn. Er versuchte sich zu konzentrieren. Doch seine Augenlider begannen schwer zu werden, seine Gedanken lahmten und er stak fest. Es ging einfach nicht mehr weiter.

„John, du wirst sterben. Hier und jetzt, du verdammter Halunke. Sie werden nichts mehr von dir finden. Du wirst sterben. Mist. Mist. Mist!“

Er verzerrte das Gesicht, aber jede Regung war ein Schmerz, ein Stechen, seine Haut war wie alte Rinde. Sie gehorchte ihm nicht, sein Gesicht hing an ihm wie ein Fremdkörper, die Muskeln darunter gehörten ihm nicht mehr. Er zog Grimassen, es half nichts.

Seine Worte fielen nicht mehr aus seinem Mund. Sie widerhallten Kopf wie in einer leeren Höhle.

„So ist das also. Verdammte Wölfe. Verdammter Schnee. “ Er zuckte zurück, sah hinauf, legte den Kopf in den Nacken, schloss die Augen, öffnet den Mund, sog Schneeflocken ein und als er plötzlich wieder nach oben blickte, war der Himmel dunkel. Etwas hatte sich vor das Licht geschoben, den Schnee abgehalten und spiegelte ihn wieder, nur ungleich höher, einsam im Schnee. Ein Fleck von anderen Flecken umkreist, die er nun sah, und die langsam näher kamen. Und dann löste er sich auf, verlor dieses Bild und vergaß.

Er wachte in einem fensterlosen Raum auf, der schwach beleuchtet, unbeholfen zittrig flackerte. Aus der umgebenden Dunkelheit heraus wurde ihm eine Schale Bohnen mit Speck gereicht und nur daran konnte er festmachen, wie sich die Zeit fortbewegte. Die Wiederholung ergab ein Muster. Nach seiner Vorstellung war er über einem Monat in diesem Kerker gewesen, aber es können auch zwei Monate gewesen sein, oder weniger. Er wusste es nicht. Die Zeit dehnte sich wie zähes Rauchfleisch und wollte kein Ende nehmen. Sie hatten ihm seine Waffen gelassen, einen ganzen Patronengurt voll und sein Gewehr, doch egal worauf er schoss, ob es die Hand oder die Wand war, nichts zeigte Spuren durch seine Versuche. Alles blieb einfach so, wie es war. Die Rituale blieben gleich.

Er krümmte seinen Rücken, sein Gang wurde gebückt, er roch in allen Ecken, tastete die Wände bis zum Boden ab. Suchte Mechanismen, bewegliche Teile, aber alles ging ungerührt weiter, wie am ersten Tag. Der Schweiß lief ihm hinab, er füllte den Raum mit seinen Gasen an, er atmete hektisch ein und aus. Er stellte sich tot. Er ließ die Schüsseln mehrere Durchgänge unberührt. Er kotete jede Ecke einmal ein. Nichts half. Die Eintönigkeit nahm kein Ende. Er kam nicht raus. Er lauerte der Hand auf, sprang sie an, und knallte gegen eine unsichtbare Wand, stolperte und blieb benommen liegen.

Mehr und mehr kroch ein Tier in ihm hervor, dass ihn lauernd und knurrend in der Ecke sitzen ließ. Er war es gewohnt, seine Entscheidungen alleine zu treffen. Es war nichts ungewöhnliches, die Tage in Einsamkeit zu verbringen, aber er hatte die Natur um sich herum. Doch hier musste er die Natur in sich tragen. So saß er meistens an eine Wand gelehnt, gegenüber der vermeintlichen Öffnung, durch die ihm der Eintopf gereicht wurde und horchte in sich hinein. Er fletschte die Zähne, wenn er die Hand auftauchen sah. Bellte, wenn sie nicht gleich weichen wollte. Und blies durch die Zahnreihen, wenn er bedrohlich wurde und sich langsam von der Wand löste. Seine Schultern hingen herab, sein Bart ließ das Weiß seiner Zähne hervorstechen und seine Augen verengten sich zu Schlitzen, während er seine Nüstern blähte. Er war kurz vor dem Explodieren. Er nahm sich vor, wann immer das geschehen sollte, wie immer es auch erfolgte, dass er den Ersten, der sich ihm näherte, in der Luft zerfetzen wollte. Er malte sich tausend Todesarten aus, die er diesen Wesen bescheren wollte. Egal wie sie aussahen, egal, wie sie bewaffnet waren. Sollte er dabei sterben, dann würde er trotzdem in ihrem Blut baden, und alles was danach kam, das war tausendmal besser, als das, was sie ihm antaten. Er murmelte leise die Möglichkeiten, die er hatte, vor sich her. Er würde ihnen das Gewehr in jede Öffnung bohren, weitere Löcher mit ihm schaffen, sie skalpieren, vierteilen, mit den Fingernägeln einzelne Hautstreifen abziehen, sie in Stücke hacken, den Wölfen zum Fraß vorwerfen, sie bei lebendigem Leib im Wasserfall zerschmettern, sie mit den Füßen in den Tannenwipfeln aufhängen, mit Honig bestreichen und den Bären zum Fraß vorwerfen und , oh, er war noch nicht fertig.

So glichen sich Tag und Nacht. Und er verkroch sich unter seinen Haaren, krümmte sich in eine Ecke, versuchte dem immer gleichen Flackern zu entgehen, diesem nervtötenden Leuchten, das nicht stoppen wollte. Er schlief, wenn ihm die Augen zufielen, bewegte jedes Gelenk, streckte sich, wenn er aufwachte, machte Dehnübungen, wenn er sich unbeobachtete fühlte, und versuchte seine Muskeln zu behalten.

Als sie ihn aus seiner Zelle holten, wirkte er so, als sei aller Widerstand gebrochen. Seine Schultern hingen ihm herab. Er stank wie seine eigenen Ausscheidungen, seine Haare waren verfilzt, sein Körper eingefallen und geschwächt. Sie schleiften ihn fast hinter sich her. Doch nach wie vor lagen ihre Gesichter im Dunkeln, war nicht zu erkennen, wer sich hinter ihnen verbarg, und was der Sinn ihrer Handlungen war. Er gab keinen Laut mehr von sich. Seine Augen blickten stumpf zu Boden, sein Mund war fest verschlossen. Er biss die Zähne aufeinander, sprach kein Wort, knurrte nicht, ja, zischte nicht einmal.

„Hast du einen von ihnen erwischt?“

Er zog an dem Joint, sog den Rauch tief ein, hielt ihn in der Lunge, wartete und stieß ihn hustend wieder aus.

„Nein, keinen. Ich weiß, verdammt noch mal, nicht wer sie waren. Ich war immer wieder weggetreten. Ständig. Ich weiß nicht, was die verdammten Kerle mit mir gemacht haben. Keine Ahnung. Nichts gutes nehme ich an.“

Ein feuchter Film zeigte sich in seinen Augen.

„Ich war nicht immer in diesen verdammten Bergen. Und oft war es die Hölle, aber hier gibt es nicht mal echte Eichhörnchen. Nicht eines. Nur diese Trugbilder. Ich haue mir hier das Hirn weg mit dem Zeug, weil sonst nichts passiert.“

Er setzte sich neben mich, zog die Schuhe aus, und liess seine nackten Zehen ein wenig kreisen.

„Wenn man über das Leben nachdenkt, dann sagt man sich, es bedarf doch eigentlich verdammt wenig, um ein zufriedenes Leben zu führen. Muß nicht viel sein. Warmes Essen, Freunde, Musik und guter Wein. Oder Bier. Oder das Zeug, das hier wie Unkraut wächst.“

Er zog wieder an dem Joint. Und beobachtete wie die Glut wieder Kraft fand.

„Aber so ist das nicht. Ich streife tagsüber durch die Parks. Vorbei an diesen Monstern, die sich benehmen, als wären sie Menschen. Ich habe hunderte abgestochen. Ich bin wie von Sinnen über die Wiesen gerannt. Hunderte. Sie zischten wie gefüllte Schweinsblasen. Die Luft entwich ihnen, die Augen rollten davon, und nichts blieb übrig. Nur ein verdammter leerer Sack. Du kannst dich davor stellen, die Elfen alle abmurksen und auf die Reste von so einem Zwerg schauen. Nichts passiert. Vor dir bleibt die Hülle liegen. Keine Ameisen, keine Tiere, keine Würmer. Nichts. Blätter stürzen von den Bäumen. Sie stürzen runter wie Goldsäckchen. Total verrückt. Du drehst dich um, du wendest den Blick ab, du schaust gar nicht mehr hin. Und dann verschwindet es. Die Elfen auch. Dann liegt nichts mehr auf dem Boden. Alles weg.“

Er senkte den Kopf, liess das Kinn auf die Brust baumeln.

„Ich habe es satt.“

„Wir sind Sklaven!“

„Ja, das sind wir. Das Problem ist, dass du den Sinn verstehen willst, Christopher. Du willst es verstehen. Doch so geht das nicht.“

Dann schaute er wieder auf, sein Blick richtete sich über die Baumwipfel.

„Sie haben eine Menge kluger Leute hierher gebracht. Sehr intelligente Menschen. Einige wurden erst geboren, lange nachdem ich verschwunden war. Manche saßen hier, aßen ihr Schüssel leer. Gerade so wie du. Ich sah sie verdammt noch mal nie wieder, Christopher. Ich weiß nicht, warum ich hier sitze. Ich gehe davon aus, dass es keine Verwendung für Trapper gibt. Und auch keine für Vorkoster. Sie beobachten mich. Ich glaube, sie beobachten mich.“

Ich nickte. Es gab sonst nicht viel zu tun. Darum fragte ich, während ich die Schüssel neben mich ins Gras stellte.

„Gibt es hier Katastrophen?“

„Katastrophen?“

„Erdbeben, Stürme, ungewöhnliche Erscheinungen.“

„Ich will verdammt sein, wenn es hier keine ungewöhnlichen Erscheinungen gibt.“ Er lachte. „Nein, ich weiß was du meinst. Ich verstehe. Ich vermute, es passiert innerhalb längerer Zeiträume etwas, das ich als eine Zeitwende sehe. Für ein paar Tage kommt ein Wind auf. Die Blätter fliegen aufwärts. Es gibt hier normalerweise keinen Wind. Und Blätter, die auf dem Boden liegen, bleiben auch immer da liegen. Außer ich bewege sie. Wundert mich sowieso warum sie überhaupt zu Boden fallen. Es gibt keinen Winter. Kein Schnee. Keine Wölfe. Aber der Sommer ist gleichzeitig ein Herbst. Sie werfen viel durcheinander. Ziemlich schlampig. “

„Also keine Götter?“

„Verdammt noch mal, nein, keine Götter. Nein. Verdammt. Nein.“

Er stand wieder auf, barfuß ging er zurück ins Haus, in der Tür drehte er sich nochmal um.

„Du kannst hier schlafen.“

„Ich habe ein Bett. Und es ist noch nicht Abend.“

„Es ist egal, ob es Abend ist. Glaubst du es ändert sich irgendwas? Verdammter Narr. Suche mal dein Bett. Viel Spaß.“

„Du meinst, ich finde es nicht wieder?“

„Du bist durch eine Tür gekommen, nicht wahr? Siehst du irgendwo diese verdammte Tür? Wenn sie wollen, dass du den Raum wieder findest, dann wirst du ihn wiederfinden. Keine Frage.“

Er trat in die Hütte.

Ich blieb sitzen. Eine Art Erschöpfung beschlich mich schon seit unserer Unterhaltung. Es machte kaum Sinn den Ausgang zu finden. Ich vermisste Bengal, der mit seinen klaren Gedanken eine Stütze in ausweglosen Situationen sein konnte.

Bald John war wahrscheinlich der einzige Mensch, der lange genug hier war, um mir eine Erklärung zu geben, für das was hier passierte. Auch wenn er selbst nicht wußte, wie diese Dinge alle zusammen hingen. Und er konnte sich hier bewegen. Er wußte wie er zurück zu seiner Hütte fand. Ich war in diesem Park hilflos. Ich wußte, der Weg zur Tür konnte nur in kleinen Schritten erfolgen. Ich mußte mir die Gegend erarbeiten.

Ich zog meine Jacke aus, rollte sie zusammen, setzte das Bündel hinter mir ab und legte mich zurück. Mein Kopf ruhte auf der Jacke, mein Blick richtete sich nach oben. Der Himmel war unbedeckt. Einige Wolken verharrten still und bewegten sich nicht weiter. Wie auf einem Gemälde oder Foto. Kein Wind. Es gibt hier keinen Wind hatte Bald John gesagt. Das mag daran liegen, dass wir vielleicht gar nicht im Freien waren. Tatsächlich befanden wir uns ja sehr viel tiefer in einer großen Stadt. Dieses konnte nur ein Raum sein, auch wenn die Dimensionen unendliche Ausmaße zu haben schienen.

Über mir durfte sich daher kein Himmel befinden, sondern eine Kuppel. Und wäre das so, dann würde es erklären, warum sich die Wolken nicht bewegen.

„Bewegen sich die Wolken?“ rief ich zur Hütte.

„Wie sollten die verdammten Dinger das tun?“ Er trat wieder heraus. „Sie haben sich noch nie bewegt. Es sind immer dieselben Wolken. Sie bleiben einfach da hängen. Wie ein verdammtes Mobile.“

„Bewegen sie sich auch nicht, wenn der Wind kommt?“

„Nein, kein Stück.“ Er sah hinauf. „Ich wollte, ich würde mal wieder einen verdammten Sternenhimmel sehen.“ Mit der rechten Hand deutete er auf eine Wolke, die links von mir am Himmel stand. Sie sah aus, als sei sie von einem Flugzeug durchschnitten worden. „Ich lag oft so wie du da. Und wenn es wirr wurde in meinem Kopf, dann gab ich ihnen Namen. Ich wollte mich an all die Frauen erinnern, die mir schon begegneten. Die Huren. Wunderschöne Frauen. Fantastische Frauen. Ich war so meschugge, das ich die da oben Mary nannte. Manchmal, ich bin ein verdammt sentimentaler Idiot, spreche ich mit ihr. In ihrer Nähe befindet sich Georgia. Sie ist die reine Freude. Verdammt. Ich wollte dir das nicht erzählen.“ Er drehte sich wieder um und trat zurück in das Dunkel seiner Hütte.

Mary war schöner als Georgia, aber das lag natürlich im Auge des Betrachters.

(Fortsetzung auf Jazznrhythm.com)

 

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Anfang 63. von 300 (Teil 5)

(Ausnahmsweise ist dieser Anfang etwas länger als die bisherigen, und daher in zwei, aber jetzt sind es schon mehr, Kapitel aufgeteilt. Sorry, aber ich wollte ein bißchen experimentieren. Aber es wird ein Anfang bleiben, keine Sorge.

BTW:Wem das zu mühselig ist, nun alle Teile im Blog zusammen zu suchen, der darf mich auch gerne um ein PDF-File bitten. Ich schicke es gerne zu. Nochmal gelesen, nochmal bereinigt, mit , hoffentlich, viel weniger Fehlern.)

Ich betrat ein Universum. Einen Sternenhimmel. Eine Karte, die dreidimensional begann mich einzukreisen. Um mir flogen kleine mechanische Planeten, umkreist von ihren Monden, folgend einer Sonne, die glühend in der Mitte stand. Und dann gab es eine Zweite, die die Planeten zu sich riss, sie aus ihrer elliptischen Bahn zog, um sie in einem wilden Tanz zu verführen. All das spielte sich in vollkommener Dunkelheit ab. Das schummrige Licht offenbarte mir erst nach und nach die Dimensionen, die sich in einer Weite auftaten, die ich nicht in einem solchen Raum vermutete hätte. Kaum erkennbar waren die Fäden und Drähte, an denen diese Objekte unablässig gezogen und bewegt wurden. Nur hin und wieder konnte man an den winzigen Reflexionen der künstlichen Sonnenstrahlen erkennen, dass es sich tatsächlich um ein technisches Wunderwerk handelte, dem ein ausgeklügeltes System zu Grunde liegen musste. Ich wurde gewahr, dass ich auf einer Plattform stand und vor mir ein Geländer hatte. Gerne hätte ich mich darauf gestützt und die Details näher betrachtet, doch nach wie vor war ich von den glimmenden Fesseln gefangen.

Lincoln stellte sich neben mich, legte einen Finger an seine Lippen und berührte das Licht um meine Hände. Die Fesseln verschwanden. Ich stand frei auf der Plattform, rieb mir die Gelenke, fuhr mir durch meine Haare und stützte mich dann auf das Geländer. Ich konnte kein Ende des Raumes erkennen, noch sah ich die Maschine, die dieses Wunderwerk antrieb. Alles schien so unendlich und unberührt, dass es mir schien, als sei es aus sich selbst gewachsen. Meine Gedanken suchten verzweifelt nach einer Erklärung, und diese konnte nur sein, dass wir uns im Inneren einer schwarzen Kugel befanden, die den Raum um uns, das ganze Weltall versuchte nachzubilden. Die Sternbilder, die ich hier sah, waren mir fremd. Die Konstellationen schienen keiner Logik zu folgen, die mir bekannt war. Die Formen und Bahnen, die diese Planeten umeinander zogen waren, nach den mir bekannten Regeln, unmöglich. Zwei Sonnen, die gleichermaßen die Planeten, die sie umkreisten, anzogen, führten scheinbar zu einer geschwungenen Acht und wechselten sich in ihrer zentralen Funktion ab. Das konnte nicht sein. Planeten kamen sich dabei so nahe, dass ihre Gravitation zur gegenseitigen Beeinflussung führen musste. Katastrophen konnten auf ihnen ausgelöst werden. Das Gefüge wirkte instabil und fragil. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass auch nur eine Zivilisation hier eine Chance erhalten sollte. Es war unmöglich, sich auf einem solchen Planeten zu entwickeln und eine nennbare Größe zu erreichen. Es war ein Irrwitz. Sollte dieses die Realität auf dieser Welt sein, dann lud sie eher zum Flüchten als zum Verweilen ein.

Abraham hatte sich neben mich gestellt und besah das Werk mit mir zusammen. Er machte einen zufriedenen Eindruck. Hin und wieder deutete er auf einen besonderen Planeten, als wollte er mir etwas darüber erklären, doch aus seinem Mund kam nur besänftigende, glucksende Laute. Es wirkte wie ein unterdrücktes Lachen. Es ließ mich vermuten, dass er meine Sprache nicht beherrschte, und dennoch davon ausging, dass ich irgendetwas verstand.

„Ich verstehe nicht, Sir!“

Es war mir unmöglich ihn anders anzureden. Er war der 16te Präsident der Vereinigten Staaten. Seine Statue stand in Washington seit Jahrhunderten am Ende der National Mall. Am Mount Rushmore hatte man sein Antlitz verewigt. Es war mir eine verdammte Ehre hier mit ihm zu stehen, auch wenn er ein wenig wie der Hausmeister in einem Museum wirkt.

Er sah mich erschrocken an, dann wieder auf das Kunstwerk und schwieg schließlich. Sein Glucksen hatte geklungen wie das Lachen eines Kleinkindes, aber so ganz ohne diesen Ton kam ich mir noch verlassener vor. Ich beobachtete wie er auf einen Planeten, der ungefähr in der Mitte der treibenden Kreise lag, besonders konzentriert deutete. Er befand sich zwischen den Sonnen, also in der Linie, in der sich die Kreise der Acht gerade kreuzen. Seine beiden Seiten wurden nun von den Sonnen beschienen. Tatsächlich war es sicherlich überall auf dem Planeten gerade taghell. Keine Nacht.

Mir war unklar, wo ich mich eigentlich befand, und daher deutete ich ebenfalls auf den Planeten, und nickte, weil mir nichts besseres einfiel. Als nächstes deutete ich auf mich, auf ihn und zurück auf den Planeten. Wenn das unsere Kommunikation sein sollte, dann war sie mühselig, aber reichte aus, um wenigstens etwas zu erklären. Er nickte ebenfalls. Ich befand mich also auf einer Kugel, die um zwei Sonnen kreiste. Sollte ich dieses jemals, außerhalb dieses Raumes, jemanden erklären wollen, dachte ich, würde ich wahrscheinlich als der größte Lügner der Galaxis bezeichnet. Diesen Planeten musste es förmlich zerreißen, wenn er an den Kreuzpunkt der beiden Umkreisungen geriet. Naturkatastrophen kamen hier sicherlich so zuverlässig wie eine Jahreszeit.

Noch immer sah ich kein Ende des Raumes. Im Gegenteil, je stärker sich meine Augen an das Licht gewöhnten, um so eher erblickte ich eine Tiefe, die weitere Systeme offenbarte. Jedoch war es mir nicht möglich tiefer in das System einzudringen. Die Plattform gewährte mir keinen weiteren Schritt. Ich stand auf eine Aussichtspunkt, der kleiner und kleiner wirkte, aber mir keine variable Möglichkeit gab, all dieses zu erfassen. Der Präsident schien zu verstehen, was mich bewegte, denn ich beugte mich soweit über das Geländer, dass mir übel wurde, als ich versuchte die tatsächliche Tiefe zu erfassen. Es gab einfach keinen sichtbaren Endpunkt, denn auch nach unten, wo sich zwar alle Schnüre, Fäden und Drähte mehr und mehr zu einem Strang vereinigten, sah ich schwach das Leuchten und Glimmen ferner Sterne.

Er berührte meine Schulter, und als ich nicht sogleich reagierte, griff er mit einer Hand an mein Kind und drehte meinen Kopf zu sich. Seine Augen blickten mich an, sein Mund gab wieder diese gluckernden Laute von sich und mit der anderen, freien Hand malte er einen Kreis in die Luft. Die Maschine bewegte sich wohl. Sehr langsam zwar, aber die Positionen aller Objekte konnte sich verändern, und ermöglichte wohl innerhalb eines Zeitraumes einen jeweils anderen Blick darauf. Somit war es durchaus möglich tiefer hinein zu dringen, aber ich hatte keine Hoffnung, dass mich das näher an die Erde oder an ein bekanntes Gestirn brachte. All das hier war mir unbekannt. Es gehorchte nicht mal meinem Verständnis. Und überwarf alles, was ich als Vorkoster jemals gelernt hatte. Ich stöhnte leise, und Abraham zog mich mit sich. Wir verließen den Raum auf demselben Weg, auf den wir ihn betreten hatten.

Die Tür schloss sich hinter uns und wir standen wieder in der bescheidenen Kargheit, die schon mein erster Eindruck war, als ich seine Behausung betrat. Allerdings erblickte ich nun weitere Türen, aus ganz unterschiedlichen Materialien, die sich scheinbar nahtlos in das natürliche Mauerwerk integrierten. Dieser fensterlose Raum, der wohl einer Höhle glich, war in erster Linie die Empfangsstätte, die ihre Geheimnisse nicht preisgab, wenn man sie durch die Vordertür betrat. Hatte man seine Augen an die schummrige Umgebung gewöhnt, so gab es mehr zu sehen, und alles was mich umgab war mitnichten eine bloße Schlichtheit, sondern ein verzwicktes System an Zugängen, von denen Abraham abermals einen öffnete und mich sogleich mit hinein bat.

Es handelte sich um einen spartanischen Raum, ausgestattet mit einem Bett, einer Kommode, über der ein Spiegel angebracht war, vor dem wiederum eine Waschschüssel, ein Stück Seife, ein Kamm und Handtuch lag. Erstaunlicherweise fand sich hier auch ein Rasiermesser. Ich bemühte mich, meiner Verwunderung keinen Ausdruck zu verleihen. Da sich hier Abraham Lincoln befand, machte die Ausstattung Sinn. Zeitgemäß war sie nicht. Diese Dinge waren mir nur aus Museen bekannt. Gemessen an meiner Verwahrlosung brauchte ich sie aber unbedingt. Ich warf ihm einen Blick zu, er nickte, wies mich hinein und verließ den Raum. Ganz offensichtlich war das alles für mich gedacht. In der Schüssel befand sich warmes Wasser, in das ich vorsichtig meine Hand sinken ließ. Ich zog sie wieder heraus, leckte daran wie eine junge Katze an der Milch, und stellte beruhigt fest, dass es sich tatsächlich nur um Wasser handelte. Die Seife roch nach Rosen, doch trotzdem schien mir die Ausstattung nicht vollständig. Ich stand vor der Kommode, legte das Handtuch, nachdem ich mir die Hände getrocknet hatte, wieder beiseite, besah mir die Sammlung und überlegte.

Die Handhabung dieser Gegenstände war mir nur aus Dokumentationen vertraut, daher erschlossen sich nicht sofort die Fehler, aber bei genauerer Betrachtung schien es mir nicht vollständig. Die Kommode hatte vier Schubladen. Die sich alle in ihrer Breite über die komplette Kommode erstreckten. Der Raum selber besaß keine Fenster, was den Eindruck einer Höhle verstärkte. Gleichzeitig schien all das hier genau für mich bestimmt. Gegenüber der Tür, durch die ich eingetreten war, gab es eine weitere Tür zwischen Bett und Kommode. Sie war in einem Weiß gestrichen, dass sich dem Gelb verblichener Fensterahmen angeglichen hatte. So als hätte sie ihre beste Zeit schon hinter sich. Meine erste Vermutung war, dass es sich bei dem Raum hinter dieser Tür um ein Badezimmer handelte, aber das ergab keinen Sinn, wenn die Waschüssel vor dem Spiegel stand.

Ich zog die oberste Schublade der Kommode auf. In ihr befanden sich einige Schriftstücke mit unverständlichen Hieroglyphen. Das Material glich eindeutig Papier, aber als ich versuchte, es zu zerreißen, war dieses nicht möglich. Ich wog ein dickes Buch in der Hand. Der Einband ließ auf eine Bibel schließen, auch die Bilder darin, die ich bei einem flüchtigen Durchblättern erblickte, hatten biblische Motive. Einige erschlossen sich sofort. So waren Adam und Eva im Paradies ein Motiv, dass es in dieser Form nur in der Bibel geben konnte. Aber alle Zeichen, die sich an einer mir fremden Keilschrift orientierten, hatten so gar nichts mit den Schreibweisen zu tun, die ich in meinem bisherigen Leben gesehen hatte. Ich versuchte Hinweise auf bekannte Wörter zu finden. So mussten die Namen Adam und Eva doch in irgend einer Weise wiederholt werden und mich in die Lage zu versetzen, zu mindestens einen Teil dieser Schriften zu entziffern. Doch meine Kenntnisse erwiesen sich als nicht ausreichend. Ich hoffte auf mehr Ruhe und eine zweite Chance. Also legte ich die Bibel zurück. Neben der Bibel fand ich ein Superhelden-Comic im Stil von Jack Kirby, ebenfalls in allen Sprechblasen und Panels mit dieser unerklärlichen Schrift ausgestattet, sowie einige handgeschriebenen Briefe mit einer wunderschönen schwungvollen Handschrift, die sowohl Zeit, wie auch Übung und einen Sinn fürs Detail verriet. Unter all dem lag noch eine zerlesene Ausgabe eines Playboys, noch in Papierformat, angenehm bieder, ausgestattet mit Mädchen, die alle aussahen wie die Großmutter meiner Großmutter in deren Jugend. Ich bemühte mich die Biografie des Playmates vom Mittelteil zu entziffern, aber auch das gelang mir nicht. Ich schloss die Schublade wieder, und zog die zweite, darunter liegende auf.

Im Anbetracht der Rede von Pentat ergab nichts einen Sinn, schon gar nicht die Tatsache, dass sich in der zweiten Schublade Bekleidungstücke befanden, die irgendwo im Rokoko angesiedelt waren. In einer abstrus dekadenten Welt musste man Dinge wie diese roten Westen mit Goldborten, ebensolchen Knöpfen und aufgerüschten Hemden getragen haben. Die Hosen waren knielang, ebenso wie die Strümpfe, nur in die entgegen gesetzte Richtung. Die Teile dieser Ausstattungen zogen sich bis hinunter in die letzte Schublade, in der sich unbequeme Lackschuhe befanden, mit denen man vielleicht tanzen konnte. Sollte ich diese Dinge anziehen, würde ich aussehen, wie ein Geck am Hofe des Sonnenkönigs.

Das Rasiermesser war vollkommen unnütz. Zwar war es erschreckend scharf und trug dazu bei, dass ich rote Spuren im Handtuch zurück ließ, aber ohne Schaum oder zu mindestens einen Pinsel zerschnitt ich mir nur fachgerecht mein Kinn. Und genau das tat ich dann. Ich sah aus als hätte mich Bengal als eines seiner Kleinstlebewesen betrachtet.

Zur Erklärung: 

Da ich an diesem Anfang nun etwas länger schreibe, möchte ich euch bitten, mir mit zu teilen, ob ihr ein Interesse an weiteren Fortsetzungen habt. Natürlich dürft ihr mir auch alles andere mitteilen. Ich bitte darum. Hinweise auf Fehler nehme ich ebenfalls gerne entgegen, sowie jede andere Art von kritischer Betrachtung. Zwar kann ich noch nicht sagen, ob ich darauf eingehe, aber ihr dürft auch gerne Vermutungen äußern, wie es weiter gehen könnte.)

Anfang 63. von 300 (Teil 4)

(Ausnahmsweise ist dieser Anfang etwas länger als die bisherigen, und daher in zwei, aber jetzt sind es schon mehr, Kapitel aufgeteilt. Sorry, aber ich wollte ein bißchen experimentieren. Aber es wird ein Anfang bleiben, keine Sorge.

BTW:Wem das zu mühselig ist, nun alle Teile im Blog zusammen zu suchen, der darf mich auch gerne um ein PDF-File bitten. Ich schicke es gerne zu. Nochmal gelesen, nochmal bereinigt, mit , hoffentlich, viel weniger Fehlern.)

Die Gabe der Stadt war offenkundig. Als wir durch Gänge gestossen wurden, verloren wir die Orientierung. Es war müßig die Treppen zu zählen, die verschiedenen Aufzüge zu beschreiben, oder all die Stahlröhren, die irgendwas mit uns machten, bis wir woanders wieder zu Bewusstsein kamen. Während wir am Anfang einer Strafkolonne glichen, die im Gänseschritt vorgeführt werden sollten, wurden wir langsam aber sicher getrennt. Ich verlor Bengal schneller aus den Augen, als ich diesem Umstand gewahr werden konnte. Keine Chance sich zu verabschieden. Er verschwand einfach, und Türen schlossen sich geräuschvoll, während ich gleichzeitig wieder eine Treppe tiefer nach unten geführt wurde. So ging das immer weiter. Tiefer und tiefer ging es in den Bauch der Stadt. Ich kam an prunkvollen Hauseingängen vorbei. Ich sah Ornamente, die mir bekannt vorkamen, aber auch Malereien, die mir fremder nicht sein konnten. Stilistisch grenzenlos versammelte sich hier alles, was Wesen, unabhängig von ihrer Herkunft schaffen konnten. Die Wesen jedoch selbst bekam ich kaum zu Gesicht. Sie verbargen ihr Antlitz, wenn wir vorüberschritten, oder versteckten sich hinter Vorsprüngen. Sie eilten uns voraus, oder hinterher, aber niemand sah mich direkt an. Das. was ich als Ordnung begriff, als ich von oben herab sah, löste sich in eine angstvolle Gemeinschaft auf, die mir auswich.

Neben mir schritten zwei von Pentats Leuten. Sie waren schweigsam, trugen eine stark ausgeprägte Rüstung, und waren, wie ich jetzt erkannte, auch gegenüber den übrigen Bewohnern verhältnismäßig groß. Ihre Hände glichen Pranken, in denen mein Kopf verschwinden konnte. Sie verzichteten darauf mich mehr als notwendig zu berühren, aber das konnte auch durchaus daran liegen, dass sie mich eher als niederes Wesen sahen. Ich lief gebückt, meine Kleidung, einst eine Uniform, schlotterte an mir, und ich musste meine Hosen halten, damit sie nicht rutschten. Unter meinen Haaren juckte es, als ob Insekten ein Nest darin gebaut hatten. Ich konnte meine Hände nicht nutzen, um das nachzuprüfen, denn nach wie vor betrachteten sie es als notwendig mich zu fesseln. Es gab keinen Ort, an den ich hätte flüchten können. Es gab keine Technologie, die ich auch nur ansatzweise begriffen hätte, und ich stank in jede Windrichtung. Aber sie musste mich fesseln. Außer Pentat selbst, und dieser fast akzentfrei, sprach niemand mit uns. Auch diese beiden Exemplare schwiegen mich geflissentlich an. Es war überhaupt sehr ruhig um mich herum. Menschenansammlungen hatten immer einen Grundpegel an Lärm. Vor allem, wenn es sich um eine Stadt handelte. Um eine Stadt dieser Größenordnung, die in ihrer Tiefe kein Ende nehmen wollte. Doch hier war nichts zu hören. Es war viel zu ruhig. Ich hörte das Reiben meiner Kleidung, verhuschte Schritte, wenn jemand an uns vorbei eilte, aber sonst nichts.

Fast hätte ich unseren Spaziergang ziellos genannt, als sie an eine Tür klopften. Es war eine Tür, die eher altertümlich wirkte. Ich hätte das Material, das unter ihrem Klopfen dumpf klang, Holz nennen wollen, aber es war schwierig an solch einem Ort Vergleiche zu ziehen. Hier in dieser Tiefe wirkten die Weg, eigentlich Höhlen, ungleich älter, verkommener, technologiefeindlich. Tageslicht erreichte uns praktisch überhaupt nicht mehr, und die Wände waren von einem leuchtenden, seltsam verteilten Material bedeckt. Ich hätte es gerne berührt. Die Behausung vor der wir standen,  wirkte eher wie aus einem Felsen gewaschen als künstlich aufgebaut. Die Zeichnungen und Schnitzereien, die sich hier über die Wände zogen waren so unterschiedlich im Detail, dass alles darauf hindeutete, dass hier schon Generation an Handwerkern ihr Glück versuchten. Wenn ich mir das erklären wollte, dann nur damit, dass diese Stadt aus sich selbst gewachsen war und die Höhe gesucht hatte. Wir mussten sehr tief unten sein. Ich bezweifelte fast, das es noch mehr Ebenen in die Tiefe gab.

Als sich die Tür öffnet, trat mir ein vertrautes Gesicht entgegen. So vertraut, dass ich fast Freude empfand. Der prägnante Bart, dieser glasklare Blick und überhaupt diese asketische Figur hatte ich schon in so manchen Geschichtsbüchern gesehen. Er trug eine Schürze, sah mich erstaunt an, zog die Stirn kraus und warf dann ein Auge auf meine Begleiter. Mit bleckenden Zähnen grunzte er einige unverständliche Laute, die zornig wirkten. Es gab einen zischenden Disput, der von Schnalzlauten begleitet wurde, aber dann trat er beiseite und liess uns hinein. Seine Wohnung war karg. Wir befanden uns in einem spärlich beleuchtenden Zimmer. Hier war nichts, was auf Dekoration oder Erholung deutete. Trotzdem wirkte alles bekannt und sehr irdisch.

Mir wurde schwindlig, da ich dem Geschehen nicht glauben wollte. Dieses war entweder ein fiebriger Traum oder, so beschlich mich das Gefühl, hier erlaubte sich jemand einen bösen Streich. So sehr einige Erklärungen möglich waren, so wenig konnte ich  fassen, was ich hier sah.  Der Mann, der ganz offensichtlich aus Fleisch und Blut, und noch immer in einer eigenartigen Diskussion mit den beiden Wächtern verwickelt war, war seit tausenden von Jahren tot. Es sahen ihn so viele Menschen sterben, dass er sich unmöglich hier befinden konnte.

Ich stützte mich an die Wand, mein Herz pochte wie wild. Die Schläge polterten hörbar in mir und Schweiß trat auf meine Stirn. Auch wenn es keiner so nannte, aber das musste der Moment sein, in dem sie das Hirn weichkochten. Oder dieses war nur der Übergang von allem, und mein Wahnsinn liess mich nicht mehr los. So oder so konnte das nicht Abraham Lincoln sein.

„Es war nicht Abraham Lincoln!“

„Er sah aber aus wie Abraham Lincoln,Misa!“

„Ich kenne deinen Abraham Lincoln zwar nicht, aber er kann es nicht gewesen sein!“

Die beiden Wächter wirkten unschlüssig. Sie bewegten sich ein klein wenig nach vorne, traten näher an Lincoln und bleckten ihre Zähne. Er musste ihren Atem spüren. Ihre Zuschaute, die sie durch die Zähne stießen, klangen nun wütender. Sie achteten überhaupt nicht mehr auf mich, und für einige verwirrende Millisekunden sann ich über eine Flucht nach. Doch ich schätze, ich wäre nicht weit gekommen. Abraham Lincoln war der erste Mensch, den ich – außer den Meuterern – hier gesehen hatte.

Der Mann stand unbeirrt vor den Beiden. Er sah sie durchdringend an, wich keinen Schritt zurück und ahmte ihre Laute gekonnt nach. Doch er sprach mehr, blähte die Nüstern, beschrieb mit kleinen Handbewegungen die Umstände und drängte sie schliesslich hinaus. Einen letzten mißmutigen Blick auf mich, dann hatten sie uns verlassen. Und wir waren alleine.

Abraham Lincoln wischte sich die Hände an der Schürze ab. Er betrachtete mich ruhig, sein Kopf nickte ein zwei mal, dann wandte er sich ab von mir und liess mich alleine stehen. Er ging an die gegenüberliegende Seite des schmucklosen Raumes, an der sich wiederum eine Tür befand, die der Eingangstür glich und öffnete diese. Ich ging davon aus, dass hier der Weg in seine Privatgemächer führte. Dem Drang ihm zu folgen, wollte ich nicht nachgeben, so verharrte ich und wartete auf ein Zeichen.

Alles, in diesem Raum, schien aus Holz, Stein oder Metallen gefertigt, wie ich sie aus Dokumentationen kannte. Die Türen hatten beide schwere Beschläge und Schlösser, die einen mechanischen Ursprung und Grund haben mussten. Die Räumlichkeiten, die Abraham betreten hatte, lagen für mich im Dunkeln, kein Licht drang heraus, wohl aber schnarrende Geräusche, als ob ein ein gut justiertes Räderwerk seine Dienste tat.

Abrahams Hand zeigte plötzlich aus der geöffnete Tür, machte einige rotierende, ungewöhnliche Bewegungen und lockte mich dann hinter sich her. Der Zeigefinger krümmte sich, und deutete, gleich dem Nicken eines Hahnes, hinein in die Dunkelheit hinter dem Türrahmen. Ich folgte ihm.

Ein guter Vorkoster muss eine gesunde Mischung aus Unerschrockenheit, Tapferkeit und Furcht vorweisen können. Ich war es gewohnt, mich auf ungewöhnliche Dinge einzulassen. Es war Teil meiner Ausbildung, meine Vernunft nicht ausschließlich vor meine Neugier zu stellen. Es war üblich, einen Vorkoster mit seinem Instrumentarium immer im zweiten oder gar ersten Trupp auf unbekanntes Terrain zu senden. Es bestand ja durchaus die Möglichkeit, dass Vorräte  zur Neige gingen, und die Mannschaft, die betreut wurde, auf neue Speisevarianten angewiesen waren. Natürlich war ich als Vorkoster ausgestattet mit allerhand Gerätschaften, die ich in der Regel in verschiedenen Taschen meiner Uniform verstaute, und konnte daher Gefahren ausschliessen oder eben rechtzeitig erkennen. Aber am Schluss, angesichts der Konfrontation mit neuen Speisen, blieb mir tatsächlich nur der Selbsttest. Ich musste mich auf das Unbekannte einlassen.

Ich folgte ihm also und trat in das Zimmer.

Da ich an diesem Anfang nun etwas länger schreibe, möchte ich euch bitten, mir mit zu teilen, ob ihr ein Interesse an weiteren Fortsetzungen habt. Natürlich dürft ihr mir auch alles andere mitteilen. Ich bitte darum. Hinweise auf Fehler nehme ich ebenfalls gerne entgegen, sowie jede andere Art von kritischer Betrachtung. Zwar kann ich noch nicht sagen, ob ich darauf eingehe, aber ihr dürft auch gerne Vermutungen äußern, wie es weiter gehen könnte.)

Anfang 63. von 300 (Teil 3)

(Ausnahmsweise ist dieser Anfang etwas länger als die bisherigen, und daher in zwei, aber jetzt sind es schon mehr, Kapitel aufgeteilt. Sorry, aber ich wollte ein bißchen experimentieren. Aber es wird ein Anfang bleiben, keine Sorge.

BTW:Wem das zu mühselig ist, nun alle Teile im Blog zusammen zu suchen, der darf mich auch gerne um ein PDF-File bitten. Ich schicke es gerne zu. Nochmal gelesen, nochmal bereinigt, mit , hoffentlich, viel weniger Fehlern.)

Gerechnet an meinem Bartwuchs dauerte es Monate, die wir im Bauch des lebenden Schiffes verbrachten. Wir konnten uns nicht selbst begutachten, aber ich nannte Bengal schon scherzhaft „Freitag“ und mich selbst „Robinson“. Meine Untätigkeit und die Begrenztheit unserer gemeinsamen Zelle führten mich zu Selbstgesprächen und fortwährenden Beleidigungen meiner Person.

„Du Hund, du musst mit ihm reden. Du musst ihm von deinem Schicksal erzählen. Du musst sein Herz erweichen.“

Ich hielt innen.

„Hat es überhaupt ein Herz? Du Arschloch, vermutest ein Herz in diesem Wesen? Worauf begründet sich das? Ist doch nur eine Maschine.“

Ich sprach von dem Schiff. Ich begann durch das hypnotische Geflacker wahnsinnig zu werden, und spürte wie mir der kalte Irrsinn den Nacken hochkroch. Unsere beiden Mitgefangenen wurden im Nichts einer unbestimmten Zeit von Pentats Gefolge abgeholt. Ich hätte gerne gesagt, es wäre eines Tages passiert. Aber was waren Tage? Was Wochen? Was Monate? Sie packten die beiden Menschen im Genick, so wie wir es mit Hundewelpen zu machen pflegten, hoben sie ein wenig in die Höhe – gerade so, dass die Füße nicht den Boden berührten- und nahmen sie mit.

Wen Bengal in die Küche gebracht wurde, und Kleinstlebewesen noch kleiner schnitt, dann tastete ich die Wände immer wieder ab. Ich suchte Unebenheiten, Wärme, die Blut vermuten liess, oder irgendetwas, was mir ermöglichte in Verbindung mit diesem Ding zu treten, in dessen Gedärmen wir uns aufhielten.

Ich glaubte, meine Gedanken seien Schreie, die ein jeder hören musste, und mein Sprechen sei ein Flüstern. Tatsächlich war es umgekehrt. Ich war dazu bereit vollkommen ab zu driften, und irre zu werden. Und hatte es wohl nur Bengal zu verdanken, dass ich nicht begann, mich selbst aufzufressen.

Ich beleidigte schließlich auch das Schiff. Ich schrie es an, ich trat es, ich boxte in die Wände. Und es war vollkommen klar, ich verletzte nur mich selbst.

Das Flackern des Lichtes blieb. Es war regelmäßig, auch mal unruhig, je nachdem, ob es wohl einen Adrenalinspiegel gab oder nicht.

Die Landung fühlte sich an, als würden wir ausgekotzt. Wir verloren den Boden, hoben ab, hielten uns kurz an der Decke, versuchten uns in die Wände zu krallen, unsere Mägen stülpten sich fast nach außen und das Schiff stöhnte, als hätte sein letztes Stündlein geschlagen. Es ging in dem Tempo eines stürzenden Aufzugs hinab, aber wir konnten nicht mal ahnen, wie tief runter es eigentlich gehen sollte. Es war eine Fahrt, wie ich sie noch nie zuvor erlebt hatte. Und ich glaubte schon viel erlebt zu haben. Meine Eignungsprüfung zum interstellaren Vorkoster war eine unendliche Menge an bösartigen Stürzen. Jedoch war keiner so lang, so unbestimmt und in einer kleinen Zelle beheimatete, die angstvoll vor sich hinflackerte.

Ich krallte mich in Bengals Haaren und brüllte, ohne das ich es merkte.

„Ich hasse das! Ich hasse das! Ich hasse das!“

Er erzählte es mir hinterher. Ich hätte ihm beinahe das Genick gebrochen, so riss ich an seinem Kopf. Ich sah die Kratzspuren von meinen Nägeln. Normalerweise habe ich sehr kurze Fingernägel, aber das sollte im richtigen Licht betrachtet werden. „Robinson“ besaß auch keine Nagelschere, und ich stank sowieso schon wie ein wildes Tier, darauf kam es nicht mehr an.

Pentats Planet sah aus wie ein Gemischtwarenladen, in dem ein Taifun sich ausgetobt hatte. Entweder sie hatten bisher nur Kriege erlebt, oder das war Absicht. Nur ein Architekt, der kontinuierlich einen guten Draht zu seinen Dealer hatte, konnte sich so etwas ausdenken. Kein Gebäude passte zu dem anderen. Es gab Kinder, die ihre Bauklötze kreativer umschmissen.

Bei näherer Betrachtung, also genau dann, als ich mich auf den Boden schmiss, weil er fest und hart war, und die Sonne mir das Augenlicht raubte, erkannte ich, dass wir auf dem Dach eines unendlich hohen Hauses gelandet waren. Unser Schiff, das ich blinzelnd versuchte zu erfassen, war weitaus größer und schlichtweg gigantischer, als ich mir es vorgestellt hatte. Wal war nicht der richtige Ausdruck, und nicht mal Superwal würde es annähernd beschreiben. Man nehme die größten Tanker der Erde, drei davon aus der Raumflotte und schweiße sie irgendwie, ohne Rücksicht auf Verluste zusammen, so gut es eben ging, dann kam man der Sache näher. Das so etwas fliegen konnte war nur mit der Aerodynamik der Hummel zu erklären.

Und es war ganz offensichtlich ein Lebewesen. Es blinzelte zurück. Ungefähr in der Mitte des Verbundes hatte es ein großes Glubschauge, dass es vorzüglich rollen konnte. Es schien leicht genervt. Oder es war einfach nur froh mich außerhalb seiner Innereien zu sehen.

Die Landeplattform war aus einem durchsichtigen Material. Sehr glasähnlich. Ich vermutete, das war notwendig, sonst hätten, alle, die ich unter uns sah, ihr Leben wohl in der dunkelsten Nacht verbracht. Ich hätte es ihnen gegönnt.

Pentat selbst war nirgendwo zu sehen. Dafür sah einen großen Teil der Meuterer auf der Plattform stehen und konnte mir vorstellen, wie durchgeknallt ich gewirkt haben muss. Sie alle hatten Augen wie Schlitze, ein Gestrüpp im Gesicht, soweit sie männlich waren, und knurrten und bissen um sich. Gut die Hälfte von ihnen wirkte so, als gäbe es da keine Hirne mehr zum weichkochen. Die Zellen schienen ihnen den Rest gegeben zu haben. Pentats Mannschaft kümmerte sich nicht weiter um uns. Und so senkte ich meine Aufmerksamkeit wieder dem Glasboden und dem Treiben unter mir zu. Ich sah unverschämt viele Wesen. In den verschiedensten Größen, Arten und Formen. Einige von ihnen glimmten wie Glühwürmchen. Und daher konnte ich sie selbst dann erkennen, wenn sie nur Stecknadelkopfgroß schienen und sich auf den Bahnen, die wohl Straßen waren, wie in einem Mahlstrom hin und her bewegten. Als würden sie gleiten, wären getrieben und alles nur ein Uhrwerk. Es waren so viele, dass ich ihre Zahl nicht mal schätzen konnte. Und obwohl nichts in meiner neuen Umgebung einer höheren Ordnung zu gehorchen schien, fand sich doch in dem Kommen und Gehen unter mir kein Chaos, sondern nur Ströme und Bewegungen ohne Stau und Hindernisse.

Mag sein, ich bin nur ein Vorkoster und nicht berufen hier ein endgültiges Urteil zu fällen, aber das war wahrlich alles sehr unsinnig. Während  ich darüber sinnierte, zog man mich plötzlich hoch, liess mich kurz baumeln, gab mir dann aber schnell rechts und links eine Ohrfeige und schleifte mich, nahe einer Ohnmacht, einfach so hinter sich her. Ich spuckte Blut auf den Glasboden, und tat das so häufig wie möglich. Hätte ich noch mehr Körperflüssigkeiten gehabt, ich hätte vor nichts zurück geschreckt.

Aber Wasser war rar. Mit diesem Fett, das Bengal Melkfett nannte, hätten sie uns ausstopfen können, soviel hatten sie davon, aber mit dem Wasser sah es gar nicht gut aus. Wahrscheinlich war deswegen ihre Haut so ledrig und ihr Humor so trocken. Ich hatte doch keine Ahnung. Wir überlebten gerade mal so. Was bewies, sie wußten mehr über uns. Sie hatten Ahnung.

„Ihr wart doch schon bekannt, bevor ihr einen Fuß in unser Territorium gesteckt hattet!“

„Misa!“

„Doch, alle beobachten die Völker, die die nächsten sein könnten. Das ist Selbsterhaltungstrieb. Mehr nicht. Das muss so sein. Du wirst es mit der Zeit verstehen.“

Misas Volk war klug. Barbarisch in den Sitten, aber klug.

 

Anfang 63. von 300 (Teil 2)

(Ausnahmsweise ist dieser Anfang etwas länger als die bisherigen, und daher in zwei, vielleicht auch mehr Kapitel aufgeteilt. Sorry, aber ich wollte ein bißchen experimentieren. Aber es wird ein Anfang bleiben, keine Sorge)

Es war die Analogie, die bestechend die Geschichte der irdischen Handelswege nach spielte. Wir waren die Meuterer, das waren die Piraten. Grobschlächtige, in Kometenhagel gestählte Reisende, die uns Jahrtausende voraus waren, schneller manövrierten und wendiger beim Entern waren. Sie traten unsere Türen ein, als wären sie aus Pappe. Sie atmeten irgendwas ein, dass wohl im luftleeren Raum vorhanden war, und waren uns folglich auch da überlegen. Ihre Haut bestand aus einer Art natürlichem Kevlar, und alles, was wir dazu benutzten, sie zu knacken, versagte. Unsere Hirne drohten zu platzen, und die Köpfe wurden uns zu eng, wenn sie sich uns nur näherten. Sie trugen keine Waffen, doch was sie uns an taten, sofern es physischer Natur war, geschah alleine mit ihrer Muskelkraft. Der Rest war eine psychische Aura, die uns in die Knie zwang und zu spuckenden Idioten machte. Wir erbrachen uns auf dem kompletten Weg in den Bauch ihres Schiffes. Sie hatten uns Ketten aus Licht angelegt, trieben uns zusammen, wie wir es mit einer Herde Büffel getan hätten und leiteten uns durch eine grelle Röhre, die aus nichts als Licht bestand, aus unseren Schleusen in ihr Frachtschiff.

Sie sahen alle aus wie Anführer, doch einer trat hervor, machte merklich ruhigere Bewegungen und deutet auf seine Zunge. Er sprach zu uns. In klarem Englisch mit einem sauberen Akzent aus Inner-Boston. 

Seine Augen betrachteten uns mit einer Mischung aus Missgunst und Wohlgefallen. Ich war nicht sonderlich gut darin, die Gefühlsregungen von fremden Wesen zu verstehen. Kann sein, dass ich alles falsch interpretiert habe.

“Ihr seht vollkommen orientierungslos aus! Ihr seid vom Weg abgekommen. Ihr wisst nicht mehr wo ihr seid. Ihr gehört nicht hierher und alles ist euch fremd. Ist es nicht so?”

Er sah sich um. Und fuhr fort. 

“Es ist so. Ich weiß das. Ich kann in euch hineinschauen. Ihr dürft froh sein, dass wir zu euch gekommen sind. Preist uns. Wir geben euch die Führung, die ihr braucht. Die Ordnung, die euer Innerstes begehrt. Ihr dürft eurer Freude Ausdruck verleihen. Die Zeit, in der ihr nicht wusstet, wo ihr hingehört, ist vorbei.”

Er schwieg für einen Augenblick. Verharrte für einen Moment und wartete die Wirkung seiner Worte ab.

“Ihr gehört uns, ihr verwahrlostes Pack. Uns und niemanden sonst. Ihr seid mein verdammtes Eigentum. Hier ist eure Reise zu ende. Hier geht es nicht mehr weiter. Hier ist euer Ziel. Wir werden euch von euren Seuchen befreien. Wir werden uns so um euch kümmern, wie es nicht mal eure Mütter für euch getan hatten. Wir sind eure verdammten Mütter.”

Er trat einen Schritt zurück.

“Ihr seid ein erbärmlicher, lumpiger Haufen. Macht euch auf einige Modifizierungen gefasst. “

Während er sich abwandte erhob sich ein Stimmengemurmel. Ruckartig schnellte er zurück, drehte sich um und schritt die Mannschaft ab. Er roch an den bärtigen Gesichtern, fühlte den Stoff ihrer Kleidung und beschnüffelte auch diesen.

“Ihr seid, Meuterer, nicht wahr? Ihr seid Autoritäten nicht mehr gewohnt? Ihr meint, ihr habt besseres verdient? Ihr dachtet, ihr seid am Ziel? Machen wir es einfach: ich kann eure Köpfe platzen lassen, wie reife Früchte. Ich werde das tun, sobald ich feststelle, dass einer von euch dazu neigt eine Ernte zu zerstören. Ich gehe selektiv vor. Ich bin gut darin. Ich halte nichts davon eine ganze Ernte weg zu kippen, nur weil sie zum Teil verdorben ist. Ihr habt viele Flüssigkeiten in euch. Glaubt mir, ich kann sie zum Kochen bringen. So wie ich es sage, wird es geschehen, wann immer ich das will.”
Pentat hielt sich einen ganzen Zoo aus Sklaven. Die verschiedensten Reiche und Planeten hatte bereits geplündert. Er liebte dieses Leben. Und das Leben liebte ganz offensichtlich ihn. Er befand sich damit in einer langen Tradition der Sklavenjäger. Ging man seinen fruchtbaren Stammbaum zurück, dann fand man nicht nur eine schier unendliche Zahl an Nachkommen, Kinder und Enkelkinder, die weit verstreut überall lebten, wo Leben überhaupt möglich war, sondern auch eine klare Linie und handwerkliche Kunst im Halten und Züchten von Sklaven. Für Pentat und die Seinen war es eine logische Schlussfolgerung, dass es da draußen Wesen gab, die ihrer Führung bedurften. Dahinter befand sich kein böser Wille, sondern lediglich die Einhaltung einer galaktischen Ordnung. So musste das sein. So war es halt.
Sie selbst gaben sich ausgesprochen schöngeistige Namen und waren bereit ihr Tun und Handeln jederzeit zu glorifizieren. Sie waren Weltenklärer. Ihre Aufgabe war es, die Dinge, die in Unordnung gerieten, in Ordnung zu bringen. 
Ihr Schiff war ein organisches und mechanisches Wunder zugleich. Es war, wie das meiste, dem wir begegneten, aus gefestigtem Licht. Scheinbar atmete es auch, es lebte irgendwie. Wir hörten überall ein asmathisches Schnaufen, und konnten es nicht zuordnen. 
„Meinst wir sind im Bauch eines Wals?“

„Eines Wals? Nein, wir sind im Inneren eines Schiffes. Wie kommst du auf einen Wal?“

Bengal, der in einem vernünftigen Leben in der Kombüse arbeitete, ständig gegen sein Übergewicht kämpfte, und auch sonst eher plump war, stand mühselig auf. Vorsichtig tastet er die Wände ab. 

„Es lebt. Es hat einen Puls. Oder so was ähnliches. Ich fühle es. Ich höre es schon die ganze Zeit.“
Wie vieles andere, erstrahlten die Wände in einem flackernden Leuchten, das immer wieder in sich zusammen zu sacken schien, um dann wieder neu zu erstehen. Man konnte durchaus einen Rhythmus erkennen, aber gleichzeitig, war auch eine durchgehende Unruhe zu spüren. Ich schloss wieder und wieder die Augen, doch in der höchsten Helligkeit durchbrach es selbst meine Lider. Mein Schlaf in diesem Raum war unruhig, wie der eines Tieres, das fern seiner schützenden Höhle war. 
Sie hatten uns zu viert eingesperrt, aber die zwei Burschen, mit der wir uns die Zelle teilten, beschäftigten sich vornehmlich mit sich selbst, sprachen eine mir unbekannte Sprache und suchten keinen Kontakt zu uns. Bengal war mir schon lange bekannt. Ich mochte seine Ruhe und Ausgeglichenheit. Selbst seine Naivität erschien mir klug. Sprach er doch einfach alles aus, was ihm in den Sinn kam. Es war schwer vorstellbar, aber er war ein begnadeter Tänzer. Und seine Augen waren geschaffen um jeder Seele Raum zu geben. 
Sie hatten ihn in die Kombüse gesteckt, weil er sich geschickt erwies im Anrichten der Speisen, und ein Auge für die Details hatte.
„Bengal war ein netter Junge.“

Misa sah zu mir auf. Ihr Lippen wölbten sich spöttisch nach vorne.

„Du hast schon von ihm erzählt. Du warst in ihn verliebt.“

„Nein!“

„Doch, ich weiß, wie die Liebe klingt!“

Sie wusste, wie die Liebe klingt. Ja, das wusste sie.
Bengal streckte sich neben mir aus. 

„Was wird geschehen?“

„Nicht mehr viel. Ich denke, das meiste ist schon geschehen.“

„Werden wir das überleben?“

„Nur wenn sie uns als Investition betrachten.“
Und sie betrachteten uns als Investition. Pentat hatte ganze Abhandlungen über die Haltung, Aufzucht und Jagd auf Sklaven geschrieben. Kontext war wohl, dass ein schneller Materialverschleiß nicht das Ziel sein konnte.  Würden wir zu schnell schwach, dann hatte sich die Jagd nicht gelohnt. Würden wir zu dick, dann wären die Investitionskosten ebenfalls zu hoch, weil dicke Wesen zur Unbeweglichkeit neigten, und damit nicht gewinnbringenden arbeiten. Die Portionen, die Bengal gereicht wurden, waren kleiner als die meinen. Er wurde zweimal am Tag aus dem Raum geholt und kam verschwitzt wieder. 
Nach seiner Information setzte man ihn nach seinen Fähigkeiten ein. Er wurde die meiste Zeit in einen Raum gebracht, den er gerne als Küche identifizierte. Dort musste er etwas klein hacken, was sich schrecklich quirlig bewegte, aber nicht zu bluten vermochte. Er jagte diese grünen Dinger stundenlang vor sich her, bis er ihnen habhaft wurde, schlug alles ab, was abzuschlagen war, und schmiss es in eine grüne Brühe. Er war nicht der Einzige, der das tat, aber nach seinem Empfinden, der langsamste, den sie auftreiben konnten.
„Sie sind verteufelt glitschig, diese Mistviecher. Ich weiß nicht, aus welchem Schleim sie kommen, aber ich habe den Eindruck, sie tunken sie vorher in Melkfett..“

„Melkfett?“

„..oder so etwas ähnliches. Keine Ahnung. Sie machen das wahrscheinlich, weil sie meine Jagd danach belustigt. Sie scheinen einen eigenartigen Humor zu haben.“
In der grünen Brühe erlahmte ihre Beweglichkeit, aber es war nicht zu sagen, ob sie dadurch verstarben, vorher schon tot waren, oder ob es für sie überhaupt einen Zustand gab, den man Leben oder Tod nennen konnte. Bengal wollte sie als Pflanzen sehen, denn er behandelte sie bestenfalls wie Zwiebeln und je kleiner er die Teile zusammen hackte, um so einfach war für ihn der Vorgang. 
„Zwiebeln?“

Er zuckte mit den Schultern. Machte die Bewegung des zerhackens, schob das imaginäre Gemüse in einer Pantomime zusammen und zeigte auf ein gedachtes Häufchen.

„Sie zerfallen in Schichten und am Schluss wirkt es eher wie bei Zwiebeln. Schichten über Schichten. Aber ich muss nicht weinen dabei. Eigentlich lässt es mich ziemlich kalt.“
Für einen Vorkoster gab es erstmals keine Aufgaben. So blieb ich lange Zeit alleine, wälzte mich über den Boden, versuchte mir in die Zehen zu beißen und mir vorzustellen, welche Dinge ich in meinem Leben noch erleben wollte. Einige waren so schmutzig, dass ich sie nicht mehr erwähnen werde.
„Nein, Misa, ich werde sie auch dir nicht erzählen.“

„Aber das kannst du. Mir ist nichts menschliches fremd.“

„Du bist kein Mensch!“

„Eben, mein Appetithappen!“

Sie schmatzte genüsslich, aber ihre Augen hatten einen sehr gierigen Blick auf mich gerichtet. Was Stabheuschrecken mit dir machen können, dass möchtest du irgendwann nicht mehr missen.
Ich dachte an Bücher, die ich mal gelesen hatte, an Filme, die ich einst sah. Ich erzählte sie mir neu, flüsterte sie den Wänden zu, aber schmückte sie auch aus. Ich sang Lieder, die mir einst meine Eltern beigebracht hatte. Trommelte auf die Wände und versuchte zu tanzen. Die Reaktionen des Schiffes waren ganz unterschiedlich. Zwischendurch fühlte mich berührt, aber ich befürchtete, es handle sich hierbei um die Vorstufe zu einem kochenden Hirn. Ich ging der Sache nicht nach. Ich tanzte einfach weiter. Später, wenn Bengal wieder zurück war, fragte ich ihn nach Schrittfolgen, und so ein begnadeter Tänzer wie er war, reizte es ihn sehr, mir alles bei zu bringen. Er nahm sich die Zeit, schloss mich in seine Arme und führte mich. 
Ich begann mit meinem Leben abzuschließen. Die wahre Aufregung konnte nur noch in meinem Kopf geschehen, am Ende meines Lebens, da war ich mir sicher, würde ich erkennen, dass ich meine Zeit in Kajüten und Gefängnissen verplempert hatte. Ich war nicht dafür gemacht, herausragendes zu schaffen, oder etwas zu entdecken. Ich wollte auch gar nichts mehr davon.

Anfang 62. von 300

Im Hinterhof fand ich das Zeichen.  Also drehte ich mich um, ging zurück in die Küche, holte die Bürste, einen Eimer und trug die Seifenlauge in den Hof. Ich stellte ihn vor die Mauer, tränkte die Bürste und versuchte mein Glück.
“Was, zum Teufel, machst du da? Es ist fünf Uhr morgens!”
“Der Scheiß muss weg!” Ich kämpfte mit der Lackschicht, die Wand war nach kurzer Zeit feucht, aber die Farbe zog zu schnell in den Putz. Ich hatte keine Chance.
“Mit Seife? Du brauchst Lösungsmittel dafür.”
“Wir haben kein Lösungsmittel, verdammt!”
Melissa spielte Roller-Derby, trug Tattoos von der Fuß- bis zur Nasenspitze, schlug sich mit den stärksten Jungs, und war die schläfrigste Schwester, die ich mir vorstellen konnte. Das war die Großstadt, wie wir sie uns vorgestellt hatten. Seit ich hier lebte, waren mir meine T-Shirts zwei Nummern zu groß und ich rauchte wie ein Schlot. Meine helle Haut wurde picklig, die Baseballkappe stank nach Schweiß und meine Sprache klang nach einem Land, in dem ich noch nie war. Die Dinge hatten sich gut entwickelt, seit unsere Eltern tot waren.  Besser als jeder gedacht hatte. Die Jungs waren auf meiner Seite, die Mädels mochten Melissa wirklich.
Ich warf die Bürste wieder in den Eimer, der Schaum spritzte zur Seite und bildete eine Lache auf dem Asphalt. Das war unser Hinterhof. Hier waren unsere Zeichen, unsere Schrift, unsere Spuren und unsere Kippen. Die, die nicht hier gehört, hatten ihr Zeichen heute Nacht an die Wand geschmiert. Und ich hatte es zu spät gemerkt. Ich konnte das unmöglich so lassen.
Ich spuckte auf den Boden, schnappte mir wieder den Eimer und schleppte ihn zurück in die Küche.

„Das geht nie wieder weg! Scheiße!“

Melissa trank ihren Kaffee so schwarz, dass er der Haut ihrer nubischen Prinzessin glich. Die schlief wahrscheinlich noch in dem Hochbett. Als untere Eltern sich überschlugen, wollten wir keine neuen. Und ich weiß nicht genau, wie es Melissa gemacht hatte, aber wir lebten hier. Ich war sechzehn, sie dreiundzwanzig und wenn Paula bei uns war, dann nannten wir das eine WG, und für alle schien es okay. Zwei Jahre, sagte sie immer wieder, das bringen wir rum. Reiß dich zusammen. Wir packen das.
Paula war die nubische Prinzessin. Sie modelte für die großen Labels, und manchmal fanden wir ein Bild von ihr im Internet. Auf Seiten, auf die es nicht hin gehört. Nichts zu machen, lachte Paula. Sie hatte viele Fans. Sie schlief meistens, wenn sie bei uns war. Das lag an den Flügen, den Städten, den Arschlöchern ganz allgemein und an Melissa, die sie nicht loslassen wollte.
„Was willst du machen?“ Melissa sah mich über den Kaffee an. Sie blies den Dampf beiseite, grinste und wiederholte die Frage. „Was willst du machen, kleiner Frosch?“

„Was wohl? Ich hole mir Scheiß-Lösungsmittel, um diese Scheiße wegzumachen. Verdammt!“

„Yo! Mach das, Bruder!“
Ich war das schmächtigste Kerlchen. Ich war schon immer dünn, und lang, aber niemals groß genug um ein Basketballstar zu werden. Ich war der, den die anderen zur Seite schoben, wenn der Ärger zur Tür hereinkam. Sie mochten meine Skizzenbücher. Sie mochten es, wie schnell ich die Tags an die Wand haute, den Stift über die Seiten zog, und das ich ihnen jedes Comic-Wesen zeichnen konnte. Sie wollten sie sich später mal stechen lassen. Ich sollte das doch machen. Ein Tattoo-Studio. Das sei gut. Ich könnte mir einen Namen machen. Ich lachte dann immer, sprach nicht mehr davon und hoffte, niemals in die Nähe eines solchen Studios zu kommen. Ich wollte Comics machen. Einfach nur Comics. Heldengeschichten schreiben. Kerle, die die Welt aufräumen. Sich nicht mit Lösungsmittel und verdammten Zeichen im Hinterhof beschäftigen.
Meine Muskeln hatten die Eigenschaft sich irgendwo in meinen Körper zurück zu ziehen, die Hosen rutschten ständig, und meine Beine staken in den Turnschuhen wie dünne Fremdkörper. Ich hätte nicht gewusst, was ich ohne die anderen Jungs machen sollte. Hier sollte unser Zeichen sein. Nicht ein Fremdes.
Paula brachte Matzenbrot in die Küche, und eine dunkle Marmelade von ihrer Oma. Meistens mischte die gute Frau Feigen mit irgendwelchen roten Früchten für ihre Enkelin. Bestrich man das Matzen mit etwas Butter, und das war schon hohe Kunst, gab darauf dann die Marmelade, dann hatte man entweder eine unglaubliche Schmiererei oder eine Offenbarung auf dem Teller. Alles möglich.
Paula war eine unwirkliche Schönheit. Ihre Bewegungen waren fließend, und passten weder in diese Küche, noch in diese Stadt. Sie war von irgendwas runter gefallen und Melissa hatte sie gefangen. Melissa sagte immer, es war der Himmel, und Paula lachte dann und erzählte etwas von einem Tisch und einer Glühbirne. Ich konnte mir keinen gemeinsamen Ort auf dieser Welt vorstellen, an dem sich solche Leute wie Melissa und Paula wirklich treffen konnten. Außer einer Lesbenbar oder einer komischen Seite im Internet.
Die meiste Zeit ihres Lebens verbrachte Melissa in einer Halle, die die Bezeichnung „Sportpalast“ gekonnt entwertete. Es war ein Höllenlärm, wenn die Mädels auf ihren Rollschuhen über die Bahnen sausten. Sie rempelten sich andauernd, flogen gegen die Bande und lachten dabei, als wäre es das größte Vergnügen der Welt. Sie trugen einen Mundschutz, aber trotzdem hatten ein paar von ihnen Zahnlücken, weil der Krach natürlich nicht in außerhalb dieser Sportstätte plötzlich aufhörte. Das zwischen Paula und ihr war vielleicht nur eine Phase, oder die wirklich einzige Liebe. Ich konnte das nicht so genau sagen. Sie war schon mit Johns und Joes zusammen, und die waren manchmal weiblich, manchmal wusste ich es nicht, und manchmal waren es eben Jungs. Die Welt ist nicht so einfach.
Paula biss in ihr Matzen. Sie hob es mit zwei Finger, an denen nichts haften blieb, was dort nicht haften sollte, bleckte ihre Zähne und zeigte mir wieder mal, dass Menschen auch perfekt sein können. Selbst wenn sie gerade aus dem Bett gefallen sind.

„Gehst du zum Baumarkt? Ich komme mit.“

„Ist okay.“

Wenn Paula dabei war, dann konnte ich den Baumarkt komplett ausräumen. Keiner hätte auf mich geachtet.  Mit Paula im Baumarkt, das war so, als ob der Papst durchs Bahnhofsviertel marschieren würde. Das war kein Auflauf, das war eine Parade.

„Warum zeichnest du nicht selber etwas auf die Wand? Ein großes Graffiti, und dann ist Ruhe.“

„Sie würden es taggen.“

„Kein Mensch würde irgendwas von dir taggen, du kleines Genie. Ernsthaft! Tobe dich aus.“

„Was…“

„Kunst. Große Kunst. Keine Namen. Zeichne was. Große Kunst, Bruder!“

Sie fuhr mir durchs Haar.

„Du kannst das.“
Würde ich irgendwann eine große Geschichte erzählen, dann wäre das der Punkt gewesen für die Weichen in die Zukunft. Paula ging mit mir in den Baumarkt. In den Baumarkt. Die Jungs. Wenn sie das gesehen hätten.

Anfang 60. von 300

„Du wirst deinen Vater töten müssen!“
Ich nickte.
„Du wirst es bald tun müssen!“
Ich nickte wieder.
Ich sah den Rauch, hörte die Hörner und kannte die Zeichen. Die Fliegenden lockten sie hierher. Alles geschah, wie es immer geschah. Kendall hob die Hand zu einem letzten Gruß, und verliess mich. Er schritt gemächlich auf den Versammlungsplatz zu. Im Gehen hörte ich seine letzten Worte noch, die nicht mehr mir galten.
„Wir töten Fliegende!“
Ich wußte das, wir alle wußten das.

Im Laufe der Zeit, die noch immer namenlos war, zogen die verschiedensten Mächte durch unser Land, verwüsteten die Wälder und leiteten die Flüsse um. Das geschah meist sehr schnell. Und mein Volk konnten den Katastrophen, die Naturgewalten glichen, einfach nichts entgegenstellen. Wir hatten starke Zähne, ganz kapitale Klauen, aber keine Waffen, die schon aus der Ferne Löcher in unsere Gegner reißen konnten. Uns friedlich zu nennen, wäre nicht der richtig Ausdruck gewesen, aber Widerstand leisteten wir keinen.

Unsere Zähne waren vorstehend. Und wir kannten kein anderes Volk, dass sie so einsetzen konnten, wie wir das taten. Wir schnitzten mit unseren Zähnen, fällten Bäume, raspelten die Steinrüben klein und bereiteten Mahlzeiten mit ihnen vor. Nicht immer zur gleichen Zeit, durchaus mit dem gehörigen Maß an Hygiene, aber, ja, wir nutzen sie vielseitig. Meine Vorfahren waren Bauern, so wie ich einer war. Ich tat dasselbe wie sie, und mein Vater hatte mir einst alles beigebracht, was wichtig war, bevor er sich die Haut abzog, in die Lüfte erhob und fortan in den Baumwipfeln lebte. Er hatte nun ein andere Familie, vergass uns und legte wilde Netze von Baum zum Baum, die von einem furchtbaren Klebstoff bedeckt waren. Wir reinigten die Netze, wenn wir ihnen beim Fällen der Bäume habhaft wurden, zogen sie immer wieder durchs Wasser bis diese Masse auf den Fasern verschwunden war und webten daraus unsere Kleidung.

Der Klebstoff schmeckte süßlich, weil in den Baumwipfeln all die Früchte wuchsen, an die wir nicht kamen. Alles, was die Fliegenden absonderten, war von Zucker bedeckt. Doch wir mochten keinen Zucker, er machte uns wehrlos, schadete unseren Zähnen und so wuschen wir mit emsigen Bewegungen das Zeug in jenen Fluss, der sich reißend um unsere Siedlung schlängelte.

Es war meine Aufgabe über uns zu wachen, während die Jüngsten den Netzhaufen über die Wiese zum Wasser schleppten. Sie hatten noch das weiße Fell, dass sie durch ihre Wintergeburt bekamen, aber bald, wenn die Sonnen auf ihrem höchsten Punkt standen, sollten sie es verlieren, und wir stopften mit dem, was davon übrig blieb, unsere Kissen aus. Die meisten Dinge hatten wir ganz gut geregelt, und es bereitete uns Freude, zu sehen, wie die Kreise einen Sinn bekamen und sich schlossen.

Die Fliegenden zogen unablässig über uns. Doch weder wachten sie mit uns, noch fühlten sie sich verbunden. Ich glaubte manchmal, meinen Vater zu sehen, aber immer wenn ich nach einem Speer griff, merkte ich, dass er es doch nicht war. Wir konnten sie kaum unterscheiden, dort oben unter den Sonnen. Nahmen uns nicht die Wolken die Sicht, blendeten uns die Sonnen. Sie wirkten wie die Fliegen, die sich auf unsere Hinterlassenschaften stürzten. Ihr Anblick bereitet uns kein Unbehagen, aber auch keine Freude. Tatsächlich verriet ihre andauernde Anwesenheit jedoch unser Lager. Und das wäre Grund genug gewesen, meinen Vater zu töten.

Wenn man mich beschrieb, dann sprach man in den höchsten Tönen von meiner Ruhe und Gelassenheit, doch dieses beschrieb nur mein äußeres Wesen, nicht das, was sich in mir abspielte. Der Groll, der mich zunehmend erfasste, wenn ich sah, wie die Wolken ferner Feuer auf uns zukamen, und die, die zu meinem Vater gehörten, nicht in der Lage waren Abstand von uns zu gewinnen. Sie alle stammten von uns, aber keiner von ihnen fühlte sich noch irgendwie in der Verantwortung. Wir waren aus ihren Eiern gekrochen, hatten uns in ihre Nester gelegt. Nester, die unsere Eltern aufbereitet haben. Das Schicksal meines Volkes nahm unsere Eltern von uns, machte sie zu eingebildeten Fliegern. Und mir wäre es egal gewesen, ob ein Sturm oder eine Distanzwaffe, die sie in der Luft zerfetzt hätte, zu ihrem Absturz beigetragen hätte. Sie waren sowieso schon tot.

Kendall war ein alter Mann. Sein Fell war grau, seine Zähne gelb, doch sein Körper beinhaltete eine Kraft, die mich Staunen machte. Derbe Muskeln durchzogen seine Arme und Beine, und traten merklich hervor, wenn er seinen Worten Ausdruck verleihen wollte. Seine Stimme wurde gerne gehört, wenn wir gemeinsam sprachen, doch etwas schwebte über seiner Existenz, die ihn wirken ließ wie einen Verdammten. Als ob ein Fluch auf ihn lastete, hatte er sich nie zu einem Fliegenden entpuppt. Es gab nicht viele wie ihn. Die Anderen, die Wenigen, die ich kennen lernen konnten, verliessen die Herde und töteten sich selbst. Sie zerfiele in sich, gaben auf, und suchten
sich einen Abgrund oder eine Schlucht, in die sie sich stürzen konnten.

„Wachst du über uns, Tenda?“
„Ja“, erwiderte ich und sah, wie die Sonnen auf meinen schneeweißen Sohn schienen. Er sah mir überhaupt nicht ähnlich. Er wirkte wie ein zusammgefegtes Fellknäul, das eigentlich über den Boden rollen sollte. Er hatte keine Füße, und seine Stimme klang wie das Plätschern einer Quelle. So leicht, ohner Ernst und unablässig plapperte er mich an.
„Ja, das tue ich.“
„Wie weit sind sie von uns entfernt?“
„Eine Tagesreise, aber sie werden langsamer.“
„Werden sie uns töten?“
„Ich denke schon, sie werden unsere Hütten abbrennen, uns das Fell über die Ohren ziehen und die dicksten von uns auf einem Spieß braten.“
Er kicherte in sich hinein, und rannte davon. Also doch Füße. Man mag darüber streiten, was wir unseren Kindern erzählen sollten. Aber selbst wenn eine der Doppelsonnen auf den Wald fallen würde, unsere Kinder hatten keine Angst davor. Es war der Vorteil der Kinderheit, dass ihnen eine Angstfreiheit gewährt wurde. Unser Schrecken und unser Schmerz belastete sie nicht. Sie hätten es sowieso nicht verstanden.

Die Fliegenden wirkten wie Insekten. Sie hatten eine zerbrechliche Gestalt, durchsichtige Flügel und schlanke Körper. Manche von uns neigten dazu sie schön zu nennen, und die eigene Existenz als Mühsal zu betrachten. Als sei die Fähigkeit zu fliegen eine Art Belohnung für ein rechtschaffendes Leben. Ich sah zu ihnen hoch und mich verwirrte die Nutzlosgkeit ihrer Existenz. Wenn dieses eine Belohnung war, warum war es dann unser erklärtes Ziel sie zu töten? Wo Fliegende waren, da waren wir auch. Nicht wir folgten ihnn, sondern sie folgten uns. Die Gründe dafür waren uns nicht bekannt, denn es gab nichts, was sie uns mitteilten. Sie suchten unsere Nähe, doch berührten uns nicht. Sie lockten die Zwerge, Trolle, Orks und Elfen auf unsere Fährten, und keiner von diesen Wesen war uns wohlgesonnen.

Gegen Mittag saß ich alleine am Fluß. Die Netze lagen zum Trocknen aus, und meine Augen brannte entsetzlich. Ich war es nicht gewohnt, in den hellen Mittagssonnen in die Helligkeit zu starren. Die beiden Sonnen waren unbedeckt, und die Schatten, die sie erzeugten bildeten im Wald ein schwarzes Netz, dass sich flirrend über mein komplettes Sichtfeld erstreckte. Der Rauch in der Ferne verschwand fast hinter dem blendenden Licht, und ich musste mich konzentrieren, um überhaupt zu erahnen, wie weit sie noch von mir entfernt waren.

Kendall brachte mir eine Tasse kaltes Rübenwasser. Kleine Stücken schwammen darin, die ich mit den Nägeln meiner Klauen herausfischte und lutschte. Er wendet seine Augen in die Richtung, in die ich starrte.

„Ich kann nichts erkennen!“
„Du bist ein alter Mann, Kendall!“
„So alt nun auch nicht.“
„Ich meinte, gräme dich nicht, es ist normal, das ich mehr sehe als du. Sie haben ihre ursprüngliche Geschwindigkeit wieder aufgenommen. Sie scheinen besser voran zu kommen. Das ist nicht gut.“
„Wie lange noch?“
„Nicht mehr ein Tag.“
„Was werden sie tun?“
„Das hat mich mein Sohn auch schon gefragt, und ich habe ihm gesagt, dass sie uns töten werden. Die Dicksten kommen auf einen Spieß.“ Ich sah ihn an. „Das betrifft dich nicht, Kendall. Sie werden unsere Frauen vergewaltigen…“
„Das glaube ich nicht.“
„Wenn es Orks sind.…“
„“Was sind sie?“
„Verfluchte Elfen, und wir müssen heute abend, in der Dunkelheit verschwinden. Die Fliegenden dürfen es nicht mitbekommen. Sonst haben wir keine Chance.“

Ich hasste es, Kendall zu belügen, aber der Geruch, der über den Fluss schwebte, verriet mir, dass die Zeit wesentlich knapper war. Doch wir konnten unmöglich tagsüber fliehen. Die Fliegenden würden uns folgen, als wären sie Motten und wir das Licht. Mit jeder Brise wehte der Geruch der Elfen herüber. Schwefelminze. Sie waren Ausgeburten ihrer verdammten Hölle. Schwarz glitzernden blinkten sie im Wald, doch das Sonnelicht der Doppelsonne hinderte sie daran, hinter den Blättern hervor zu kommen. Zwischen ihrer Vorhut und uns lag nur noch der Fluss. Sie verhielten sich ruhig. Kein Ton kam über ihre Lippen, aber der stechende Geruch der Schwefelminze wurde wieder und wieder über das kräuselnde Wasser getragen. Kendall roch vieles nicht mehr, sah manches nicht, aber hatte bestimmt eine Ahnung, das ich ihn belog. Er beugte sich zu mir, sein alter Atem strich über mein Gesicht, als er mit seiner Klaue mein Kinn hob, in meine Augen sah und mich leise und unterdrückt anheischte. „Du bist es nicht, Tenda. Du bist nicht der, der uns führen kann, und so sehr ich dich schätze, mein Sohn, ich werde es verhindern, dass deine Eitelkeit mein Volk verführt. Lüge mich nie mehr an, Bauer, nie mehr, sage ich dir.“ Er sah kurz über den Fluss. „Ich warne jetzt die Versammlung, und die Frauen und Kinder werden das Dorf verlassen. Komme dazu, wenn die Sonnen untergehen, wir werden bereit sein. Du hättest es vermasselt, dass sollte dir immmer bewusst sein.“

Mein Fluchen vernahm er nicht, es ging unter im Rauschen des Flusses. Ich schloss die Augen für einen Moment, sah die Elfen und schwang in Gedanken einen Speer. Doch rührte mich nicht. Fluchte wieder und wieder. Ich hatte noch niemals jemanden mit einem Speer angegriffen. Mein Vater würde der Erste sein.