Anfang 52. von 300

„Ich werde dich töten!“

All die heißen Tage bisher, wurden von diesem locker überboten. So schnell  ich hoch fuhr, so stark funkelte mich die Sonne an. Nichts, von dem was ich sehen konnte, gab mir auch nur einen Hinweis .Eine Silhouette verschwamm in anderen Silhouetten. Jans Hand lag immer noch in der meinen, seine Stimme war gleichbleibend aufgeregt, und erst jetzt erstarrte ich. Und blickte geblendet dem  untersetzen Schatten nach. Er hatte sich gerade an mir vorbei gedrängelt.

Und sprach zu mir: „Ich werde dich töten!“

Ich drückte Jans Hand viel zu fest. Er schrie erschrocken, wollte sie mir entziehen, sah schließlich zu mir hoch.

„Michael! Du tust mir weh!“

Ich ließ ihn los. Es war fast unmöglich einen Gedanken zu halten. Viele stürmten gerade auf mich ein. Ich musste Jan beschützen. Jan störte. Ich musste ihn festhalten. Loslassen. Mitnehmen. Wegtragen. Dem Mann hinterher. Hier weg. Ich musste hier weg.

Jan hob ich hoch. Er war ein leichter Dreijähriger. Zu klein für sein Alter, daher genoss er die Aufmerksamkeit von uns allen. Ich war sein Onkel. Nicht tatsächlich, aber das war Jan egal. Seine Eltern und ich wohnten schon so lange zusammen, dass wir als Familie galten. Für Jan, aber vor allem für uns selbst.

Ich sprintete durch die Straßen, Jan an mich gedrückt, als könnte er wegfliegen. Und sein kleines Kindergemüt sah sich entrissen von all den Leckereien, die der Markt bot. Unerklärliches geschah gerade. Er weinte, klammerte sich an mich, bis ich all die Feuchtigkeit, die von ihm ausging, an meinem Hals fühlte. Jan weinte immer sehr viel. Ich ging davon aus, dass er ein sensibles, musisches Kind war. Aber vielleicht war er auch nicht musisch begabt, und einfach nur sensibel. Oder einfach nur ein Kind, das viel weinte. Ich kannte mich da nicht aus. Bei mir hatte es nie lange genug gedauert, um eine Familie zu gründen. So ein bisschen orientierungslos war ich schon immer. Eine Flipperkugel, die nicht zur Ruhe kommen will, nannte Marta das in den  Monaten bis zu Jans Geburt.

Sie war eine wunderschöne, begehrenswerte Mutter. Sie war während ihrer Schwangerschaft umhüllt von einer Magie, die sich wie ein träger Zauber über unsere kleine Wohngemeinschaft legte. Sie begann in meinen Träumen zu wandern, wie eine wilde Verheißung, wie die süßeste Frucht am Baum. Ich war hingerissen und bedauerte mehr als je zuvor mein Schicksal. All das, was sie verkörperte, wandelte sich zu einem elementaren Ziel, das ich nicht erreichen konnten.

Wir durften nicht darüber reden, aber Benjamin und ich hatte uns auf einer Mission kennen gelernt, die wir nicht in unseren Uniformen durchführen durften. Es schien alles ganz einfach. Wir wurden hinter den Linien abgesetzt. Was bedeutete, dass wir aus einem Flugzeug sprangen, viel zu lange stürzten, und kurz vor dem Aufprall erst den Schirm öffnen durften. Man knallt auf den Wüstenboden, als wollte man sich die Beine in den Leib rammen. An eine gesunde Wirbelsäule mag man nicht mehr denken.

Bei solchen Missionen wird hundertmal erwähnt, wie sehr man auf sich alleine gestellt ist. Kein Funkgerät. Kein Handy, keine persönlichen Kennzeichen, kein Verweis auf die Auftraggeber. Kein Fetzen Uniform. Wir hatten fünf Tage Zeit gehabt immer wieder in ein Haus zu rennen, die Türen darin aufzutreten und auf Pappkameraden zu ballern. Fünf Tage in den wir uns so gut kennen lernen sollten, dass wir uns im Dunkeln erkannten. Fünf Tage, die wir von morgens bis Abends miteinander verbrachten. Das wir nicht mit einander schliefen, das war geradezu ein Wunder. Dann ab ins Flugzeug, dann springen, und dann standen wir nach einem halben Tagesmarsch vor dem echten Haus.

Das Schlimme an internationalen Absprachen ist, dass jeder davon spricht, aber sie einfach nicht funktionieren. Gerade als wir das Haus betreten wollten, krachte aus heiterem Himmel etwas da rein, dass alles – inklusive unser Ziel – pulverisierte. Soweit zu den Absprachen. Tatsächlich stand der Bursche, den wir im Visier hatten, auf einer ganzen Menge Fahndungslisten. Und keiner legte Wert darauf, ihn jemals in ein Gefängnis zu stecken. Sein Überleben war also keine Option. Jedenfalls keine wichtige. Unsere Leute dachten,  wir machen das einfach ohne viel Aufsehen zu erregen. Musste ja auch keiner wissen, dass wir das waren. Anders die Amerikaner. Wir hatten schon viel zu lange den Verdacht, dass denen alles egal war. Und das war es auch. Sie machten das verdammte Haus einfach dem Erdboden gleich. Fünf Tage sind wir da rein gerannt, fünf Tage hatten wir einen wirklich guten Zeitvertreib.

Nach unserem Plan wären wir rein, und dann wieder raus, und dann zum Treffpunkt. Die Amerikaner hatten überhaupt keinen Plan. Als der Staub sich verzog, standen wir in einer Menschenmenge, die drauf und dran war uns zu lynchen. Um es kurz zu machen, was mal als eine 24 Stunden Aktion geplant war, kostete uns 8 Monate unseres Lebens, und danach waren wir uns so nahe, dass wir auch gleich den Rest des Lebens miteinander verbringen konnten.

Benjamin und Marta hatten sowieso eine Wohnung in der Stadt gesucht. Ich selbst brauchte eine Basis, und Menschen, die einfach mal spontan abends mit mir Halma spielten. Ich hatte die Clubs alle gesehen, und meine Angst vor Beziehungen war genauso groß wie meine Sehnsucht danach. Ich musste zur Ruhe finden. Benjamin und Marta dagegen waren dabei ihr Fahrwasser mit mir zu teilen, weil alles, was sie sonst Familie nennen konnten,  nicht angenehm genug für den Rest des Lebens war. Kinder von Alkoholikern sind prädestiniert dazu ihr Leben miteinander zu teilen. Zu groß ist die Sehnsucht nach Ordnung und Zuneigung, zu sehr sind sie mit ungewöhnlichen Lebenstilen verhaftet.

Jan kam ein Jahr später. Und wir liebten ihn, wie man nur den Erstgeborenen und Einzigen lieben konnten. Benjamin und ich achteten darauf, dass unsere Missionen, die immer seltener, aber auch immer härter wurden, nicht mehr zur selben Zeit statt fanden. So blieb immer einer von uns Jan erhalten und konnte die Zeit mit ihm genießen. Während Benjamin also gerade irgendwo in der Tundra den Dreck wegräumte, über den niemand reden wollte, spazierte ich mit Jan über den Markt. Marta lag an solchen Tagen in der Badewanne und tat Dinge, über die ich nicht nachdenken durfte.

Natürlich war das keine normale WG und natürlich rechneten wir mit allem. Aber nicht hier, nicht jetzt, nicht im Angesicht von Jan. Ich hatte nicht mal eine Waffe dabei. Fuhr es mir durch den Kopf, während ich Jans Zittern an mir spürte. Verdammt.

Anfang 51. von 300

Ich habe das Gesicht eines Kindermörders, und die Gestalt eines Kamels. Mein Gang ist schwerfällig, meine Füße kämpfen mit dem Untergrund, wenn sie ihn betreten und vor allem, wenn sie vorwärts kommen wollen. Die Menschen weichen mir aus, wenn ich ihnen entgegenkomme. Ich schlurfe sie an, keuche dabei und mein Schweiß lässt mein Gesicht glänzen.

Das ist das, was ich weiß. Die Dinge sind nun einmal so, ich habe gelernt damit zu leben. Das fiel mir zeitweise schwer. Mittlerweile sind ist für mich alles im Lot, für andere Menschen vielleicht nicht.

Ich verlasse das Haus nicht mehr so gerne. Meistens gehe ich zum Supermarkt, weiche denen aus, die davor rumstehen, nehme auch keine Flyer mit, und kaufe mir den Kram , mit dem ich das, was sie Leben nennen, rum bringe. Seit 30 Jahren warte ich auf den Tod. Und weil er nicht kam, habe ich selbst getötet. Das ändert viel weniger, als man so gemeinhin glaubt.

Ich hasse es, wenn Menschen mir zu nahe kommen. Ich mag es nicht, wenn sie mich unabsichtlich berühren. Ich bekomme Schüttelfrost, wenn es an meiner Tür klingelt. Ich bekomme dann kein Wort heraus. Meistens schleiche ich in meinen Socken durch die Wohnung. Ich hoffe, dass mich niemand hört. Ich falle nicht sonderlich auf, wenn man mich in Ruhe lässt. Darauf baue ich. Ich will die Zeit nur rumbringen. Es wird bestimmt anders danach.

Am Ende der Lichtjahre, wie ich sie mir vorstellen kann, gibt es wohl einen Planeten, der bewohnbar ist. Wenn ich mir denke, dass alles miteinander verwoben ist, dann macht einiges Sinn. Ich denke viel nach. Ich habe Zeit. Das ist der Fluch an der Geschichte.  Aus dem Supermarkt  bringe ich wenig mit. Das Bier in der 1-Liter-Dose hat es mir seit ein paar Jahren angetan. Es ist genau die richtige Menge für die Schwere, die ich benötige. Ich schlafe wie ein Raubtier. Ich wache auf, wenn die Träume mich übermannen wollen. Dann bekomme ich einen Schreck und wache auf.

Die Muscheln im Glas schmecken mir. Sie sind teuer, aber ich kaufe sie gerne. Ich schütte sie in eine Schüssel und löffle sie aus. Nichts sonst. Nur das Bier und die Muscheln. Sonntags esse ich den Ziegenkäse, den laktosefreien, mit dem Kümmel. Ich nehme leicht zu, daher mache ich ihn mir nur auf das Knäckebrot.

Das erste Mal war es keine Absicht. Ich hatte nicht das Verlangen, das ich heute oft habe. Das war mir alles noch unbekannt. Ich wusste ja nicht, wie der Tod aussieht. Ich hatte keine Ahnung, welche Ruhe und welcher Friede sich danach ausbreitet. Mir war Angst und Bange. Als sie auf diesem Stuhl vor meinem Fernseher saß, und ich die Wäscheleine lockerte, waren ihre Augen zu meiner Zimmerdecke gerichtet. Sie hatte etwas Schminke verschmiert, aber ihr Mund sprach nicht mehr, sie war still. Es sah nicht so aus, wie ich mir das vorgestellt hatte. Es war, wie gesagt sehr, sehr ruhig.

Wenn ich jetzt darüber nachdenke, nach all den Jahren, dann habe ich alles richtig gemacht, und dennoch lief vieles falsch. Hätte man mich damals gefunden, dann würden die Anderen vielleicht noch leben. Die, die sie suchen. Sie wurde damals nicht gesucht. Sie wollte mir nur Zeitschriften verkaufen. Sie hat viel geredet. Zuviel. Sie war sehr schnell in meiner Wohnung, und erzählte mir von ihrem Leben. Ich konnte gar nicht sprechen. Ich hatte nicht aufgeräumt. Das Bücken fiel mir schwer, und tut es immer noch. Ich räume selten auf, ich habe keinen Besuch. Ab und zu schaut eine Behörde hier rein, und tut so, als hätte sie das Recht dazu. Es ist übergriffig, aber die Vorgänge und Gesichter ändern sich, ehe ich etwas dagegen zu tun wage.

Kein Mensch hat sie gesucht.  Ich hatte keine Zeitschriften abonniert. Praktisch war sie gar nicht da. Das Töten war nicht einfach. Nur, weil ich es spontan tat, und mit Verzweiflung zur Tat schritt, hatte ich überhaupt die Kraft dazu. Sie schlug um sich, ihre Füße wollten aufstehen und ich musste sie mit meinem Gewicht in den Stuhl drücken. Sie konnte nicht schreien. Sie gab keinen Laut von sich. Aber sie schlug um sich. Sie drückte nach oben. Sie wehrte sich. Sie war viel kräftiger, als ich gedacht habe.

Alle waren kräftiger als ich gedacht habe. Ich unterschätze das sehr leicht. Die Menschen denken, dass ich kräftig bin, aber das ist nur mein Körper. Der ist nicht kräftig, der ist schwerfällig. Meine Oberarme sind vergleichsweise dünn, meine Handgelenke kann man mit einer Hand umfassen. Und es muss keine sehr große Hand sein. Mädchenhände können das schon. Ich berühre Menschen nicht oft. Ich bin überrascht, wie weich ihre Haut ist. Nach einiger Zeit vermisse ich das. Schmerzlich. Das ist wahrscheinlich einer der Gründe, aber ich will es nicht darauf schieben. Das wäre zu einfach. Ich denke viel nach.

Ich öffne das Bier und stelle mich ans Fenster, so wie ich es immer wieder danach tat. Ich sah immer wieder aus dem Fenster. Es geht sehr tief nach unten. Von hier oben sehen die Menschen nicht echt aus, die Autos auch nicht, und manchmal wenn der Tag nicht vergehen will, dann wundere ich mich über die hellen und dunklen Tage. Sie beeinträchtigen meine Stimmung nicht, sie sind nur unterschiedlich lang. Ich trinke das Bier langsam. Wenn es eiskalt in meinen Gedärmen landet, dann könnte ich gar nicht mehr aufhören zu trinken. Mir ist immer so warm. Werden meine Hände kalt beim Umfassen der Dose, dann wird alles ruhig. Kühler. Ruhiger.  Kommt dann noch die Schwere, dann schlafe ich auf der Toilette beinah ein, und stütze mein Kopf an die glatten Kacheln. Mit kalten Händen, den kühlen Backen und der Schläfrigkeit muss dieser Zustand dem Tod sehr nahe kommen. Ich genieße das.

Ich bemerke sehr spät, dass ein Auto die Straße verlässt, über den Gehweg, die Feuerwehrzufahrt auf das Treppenhaus zufährt. Die Männer steigen aus, verstauen Dinge in ihren Taschen und schauen zu mir hoch. Ich zwinkere ihnen zu, aber weiß natürlich, dass sie mich nicht sehen. Sie sind so jung.

Ich habe eine Tasche. Direkt neben der Garderobe. Dieses ist ein sehr großes Haus, aber auch ein sehr altes. Schon vor Jahren habe ich den Durchgang entdeckt, der die Häuser dieser Straße miteinander verbindet. Diese Gänge gibt es nicht mehr oft. Sie wurden gebaut als sich die Menschen noch an die Kriege erinnerten. Es war sehr einfach von einem Keller in den anderen zu kommen. Wenn Bomben fallen, dann kann das Leben retten. Große Stahltüren versperren die Durchgänge, doch als Notausgänge sind sie offen. Dieses System ist nicht verzeichnet, aber wer es kennt, der kann weite Wege durch diese Stadt gehen und an manchen Stellen, unter manchen Häusern in die Kanalisation gelangen.

Ich verlasse die Wohnung, schließe die Tür und gehe den Weg, den ich so oft mit viel mehr Last ging.

 

Anfang 44. von 300

„Dieses elende ADHS-Kind! Was erzählt er da? Was, frage ich dich, erzählt der da?“
Die Sache war die: Ich hatte von dem Business keine Ahnung. Ich halte mich mit der Tatsache über Wasser, dass es Leute gibt, die entweder bestimmte Dinge nicht tun wollen oder nicht in der Lage sind sie zu tun.
Ich grabe dir also gerne den Garten um. Wir müssen es aber nicht dabei belassen. Ich bin vielseitiger. Wesentlich vielseitiger.
Ich wollte mir das mal anschauen, was Mikesch so macht. Er schuldete mir mittlerweile mehr als nur einen Gefallen, und guckte mich dieser Tage an, was andere Menschen für ihren Lebensunterhalt tun müssen.
Mikesch traf ich immer nur an ganz obskuren Orten. Clubs, Kebabläden oder Nagelstudios. In letzteres fuhr er seine unzähligen Schwestern. Er hatte mehrere, alle bildhübsch, aber mir verriet er noch nicht mal ihre Namen. Aber wir trafen uns da, während er gelangweilt in Modemagazinen blätterte, deren Sprache ich nicht kannte. Nagelstudios hatte ich noch nie zuvor betreten.
Er verdient sein Geld im Musikgeschäft. Sagte man mir. Rap, sagte man mir.
Nun habe ich keine Ahnung von Rap. Von Musik im allgemeinen wahrscheinlich auch nicht. Ich höre seit Jahren die letzten Alben von Johnny Cash, und da führt einfach kein Weg vorbei: Der Johnny Cash ist Gott. Oder war es Zeit seines Lebens. Rap ist für Wichtigtuer, denen der Schwanz fehlt etwas im Leben richtig zu machen. Nur Gelaber.
Um mir etwas zu erklären, lud mich zum Fernsehen ein. Und Fernsehen heißt bei ihm, dass man quasi im Bild drin sitzt. Ich weiß nicht, wann das losging, mit diesem Wunsch nach dem eigenen Kino, aber die Technik heutzutage ist wirklich abgefahren. Ich versank in einem Sessel, der mich in die Tiefe ziehen wollte und sah mir ein Interview an, in dem die Moderatorin einem professionellen Nägelkauer richtig gute Fragen stellte. Das Kind war zwar schon 32, aber warf der klugen Frau und seinem Publikum immer noch einen Hündchenblick zu. So ein Blick, der unverhohlen ausspricht: „Verzeiht mir, ich muss das tun.“
Seine Gesten waren groß, seine Sprache gespickt mit Ausdrücken, die ich nicht kannte. Manche davon schlugen bei mir Saiten an, die mich dazu brachten, den Rest seiner Rede in Frage zu stellen. Wären wir vor Gericht gestanden, und ich sein Anwalt, dann hätte ich ihm ein durchgängiges Redeverbot erteilt. Das war eine üble Nummer aus Abgebrühtheit und Mamas Liebling.
Nach einigen Minuten war er bei mir durchgefallen und es wurde nicht besser. Mikesch deutete ein „Ssschttt“ an, um mich leise zu stellen. Er sah mir wohl an, dass ich all das in Frage stellen wollte. Aber ich hielt meinen Mund. Scheinbar stellte er mir gerade seinen wichtigsten Goldesel vor und wartete jetzt auf eine ganz bestimmte Stelle
Während bei ihm die Spannung stieg, machte ich im Kopf einer Inventur, von den Dingen, die hier in seinem Büro herumlagen. Playstation, X-Box,  verschiedene, ungeöffnete Sportschuhe mit bekannten Markennamen, aber auch Zeug, das wohl aus Korea oder einem anderen Ort importiert wurde. Eine Shisha, die ziemlich verdreckt in der Ecke stand. Polstermöbel, die dich fraßen, wenn du in sie reinplumst. Diese aber in einem cremigen Weiß, wie es meine Oma schon liebte. Und dazwischen technischer Klavierlackkram. Notebooks, Smartphones und ähnliche DInge, die man so oft in den Händen hält, dass sie nach einem halben Tag vor Fettspuren glänzen. Hier jedoch war alles klinisch sauber. Es schien alles gut zu laufen. Wenn jemand hereinschaut, dann wurde Mikesch mit „Big Mikesch“ angesprochen.
Wie Popcorn-Kino, nur in echt.
An einer bestimmten Stelle des Interviews verlor er vollkommen die Beherrschung. Er stöhnte wie ein Mann so stöhnt, wenn er seine leibliche Fülle erreicht.  Sehr animalisch, und griff in eine Schüssel, die wohl Go-Steine enthielt. Wie ein prasselnder Regen knallten die Dinger an den Fernseher.  Tote Pixel waren jetzt kein Thema mehr, sondern schlicht vorhanden.
Er fluchte in einer Sprache, die viel vermuten liess. Aber sich mir nicht erschloss. Ich hatte einfach etwas verpasst und zwischen Xbox und purem Neid den Faden verloren. Ich war draußen.
Aber Mikesch wollte nun ständig wissen was der kleine Wicht gesagt hatte.
„Hat er gesagt, das er aufhört? Hat er das gesagt? Hat diese kleine Tunte gesagt, das sie aufhört?“
Ich hatte nicht den blassesten Schimmer, was der von sich gegeben hat. In solchen Fällen schaut man im Netz nach. Folglich zuckte ich mit den Schultern,und bereute jede Minute, die ich dem Unsinn widmete.
Aber Mikesch war außer sich. Er war ein großer, schwerer Kerl im Maßanzug. Aber wenn er sich ärgert, dann passte gar nichts mehr. Und die Muskeln unter dem Anzug blähten sich auf, als wollten sie ihn zerreißen. Es war wie bei diesem grünen Monster.
Er brüllte jemanden herbei, der aussah, als käme er gerade von einem Hanteltraining und liess sich von ihm einen Energydrink bringen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass dieses flüssige Zuckerzeug den besten Geist mürbe macht. Nachdem ich einmal meine Zunge in diesen Kram getunkt hatte, weigerte ich mich fortan, mich damit näher zu beschäftigen. Diese Brühe macht die Menschheit zu Killer. Ich bin wirklich, wirklich fest davon überzeugt.
Und das beste Beispiel dafür war Mikesch, der drauf und dran war mir einen Auftrag zu geben.
„Der Typ taugt nur noch für Gedenkscheiben. Wenn er da rausgeht, dann verdienen wir keine Kohle mehr an ihm. Wenn du ihn direkt vor der Studiotür abknallst, dann werden wir Millionäre. Du und ich. Wir beide!“
Mir fiel es schwer mit solchen Vorschlägen richtig umzugehen. Die Logik war bestechend, und ich erblickte gerade ein Teil von Mikeschs Genie. Vom Sofa aus gesehen, vor der X-Box und der Playstation, war er gerade dabei, die Geschichte der deutschen Rapmusik auf ein neues Level zu drehen. Ich war so erschüttert von seiner  Radikalität, dass ich einfach nur fragte:
„Soll ich?“
Er hob beschwichtigend eine Hand, die so groß wie mein Kopf war, und lauschte wieder dem Fernseher. Seine Mimik glich einem störrischen Rindvieh. Er signalisierte den Aufprall. Den Moment. Den Break-Even-Point.
Ich stand auf und ging zur Toilette. Auf dem Weg dorthin versuchte ich mir klar zu werden, ob meine Sorgen unbegründet waren, oder irgendjemand tatsächlich gerade in meinem Leben rum scratchte.
Gemessen an der Kohle, vermutete ich, würde ich es wohl nicht verhindern können, dass ich es machen würde.  Was interessierte mich diese überdrehte Ratte?

Anfang 41. von 300

„Ich würde sagen: Kopf in die Maschine, Tür dreimal zugeschlagen und das ist das Ergebnis.“

„Das ist der Betriebsrat!“

„Das war er.“ Jacques zog sein Handy heraus. Er ging in die Hocke, hielt das Display vor sein Gesicht und nahm die Trommel ins Visier. Eine rötliche Spur verlief an dem Fensterglas und er bemühte sich, sie wirkungsvoll ins Bild zu bekommen.

„Da sind sogar Haare dran.“ Mit zwei Fingern zoomte er sich näher. „Das ist mal richtig ekelhaft.“

„Sollen wir seine Familie informieren?“

Jacques dachte nach und schüttelte schließlich den Kopf. Er brachte sich in eine bequemere Position und ging in zwei Meter Abstand um den toten Betriebsrat herum.

„Nein, nein.“ Er wirkte, als ob er überlegte, aber die Antwort war im Grunde klar. „Die Polizei. Wir sollten die Polizei rufen.“ Er wählte die Nummer kurzentschloss selbst.

„Ibus, diese Vitamindinger und die Pille – was für eine Auswahl.“

„Grün, gelb und rot. Fast wie  Reggaefarben.“

„Bescheuert.“

Auf dem Boden lag Hans-Peter Stockmeier. 49 Jahre alt. Fisch. Vor drei Jahren wegen einem Burnout in Behandlung. Der Kopf war nun kleiner. Wirkte eingedrückt, und das Blut hatte sich mit dem Staub vermischt, der ihn bedeckte.

Alle um ihn hatten ihren Mundschutz heruntergezogen. Der Raum war nun sowieso kontaminiert, und die Coating-Maschine drehte sich nicht mehr. Auch das Abschleifen der Dragees wurde kurzentschlossen gestoppt. Die Bänder standen still und die Frauen an der Glastür zum Polierraum.

In den gigantischen Trommeln, die an der linken Wand des Raumes standen, wirbelten normalerweise einige Millionen Dragees herum, bis sie glänzten. Das sah aus, als ob sich eine Reihe Waschmaschinen nebeneinander drehten. Nicht alle hatte Trommelfenster. Das war nur eine nette Geste. Früher wuchsen in England einigen Fabrikarbeitern bei der Pillenproduktion Brüste. Grund genug, dem Staub ein bißchen mehr Beachtung zu schenken. Staub gab es dann auch in allen Farben. Und dieser bedeckte Hans-Peter wie eine Düne, die über ihn hinweg wandern wollte.

Seine Augen waren weit aufgerissen, und sein Mund, der ebenso offen stand, war bis zum Rand mit einer Handvoll Pillen gefüllt, die normalerweise ein langes Leben versprachen. Jacques war ein unglaublich großer Mann, der enge T-Shirts trug, und auf der anderen Seite des Rheins lebte. Da gab es besseres Essen, billigere Wohnungen, eine ausgeprägte Abneigung gegen die Deutschen, aber bei weitem nicht soviel Arbeit.

Seine Nachbarn arbeiteten in der deutschen Autofabrik. Er in der deutschen Pillenproduktion. Meistens starrte er in die Trommeln und hing seinen Gedanken nach, während die Dragees vor ihm wirbelten. Als hätten sie ein Eigenleben und wollten Universen bilden. Oder schwarze Löcher. Niemals kamen verschiedene Produkte zum selben Zeitpunkt in parallel laufende Trommeln.

Er hatte sich mal überlegt, ob er nicht vielleicht auch in den Betriebsrat sollte. Die Jungs im Lager munkelten etwas über Kurzarbeit. Aber er war ganz zufrieden mit seinem Leben. Vor allem lebte er noch. In der Pause surfte er auf amerikanischen Pornoseiten, und wenn er nach der Arbeit noch ein wenig Zeit hatte, dann angelte in einem Altrheinarm. Es gab nicht viel, was er in seinem Leben ändern musste.  Er machte noch ein paar Fotos von Hans-Peter Stockmeier, der in seinen Augen ein dummer, fauler Hund mit noch dümmeren Ideen war.

Claude war auch Franzose und tippte ihm auf die Schulter, „Du solltest damit aufhören“

„Warum?“

„Du darfst überhaupt kein Handy hier drinnen haben.“

Jacques zuckte ein wenig. Menschen wie Claude trotten mal hierhin und mal dorthin. Hauptsache man hatte sie geschickt. Von alleine hatten sie nicht mal Ideen, geschweige den einen Willen.

Claude arbeitete am Autoklav. Er richte die Tabletts mit den Löffeln und Schöpfern, stellte die Geräte ein und bereitete die nächste Tabletts vor. Das war ein Leben voller Schadstoffe. Kein Wunder, dass er dumpf in der Birne war. Jacques sah lächelnd auf Claude herab, steckte das Handy unter den Kittel in die hintere Hosentasche und kam ihm dann mit seinem eigenen Gesicht so nahe, als wollte er ihn küssen.

„Welches Handy?“

Sie rochen gegenseitig ihr Frühstück, und Jaques war sich nicht sicher, ob das, was da in seine Nase kroch, Mundwasser oder Alkohol war.

Claude drehte sich wortlos um und ging zu den Frauen, die sich gefährlich an die Glastür quetschten.

„Und verscheuche die Frauen.“ , schickte ihm Jacques hinterher.

„Klar, klar, „,murmelte Claude. Und ganz leise,“Drecksack!“

Dabei gehörte Claude zu jenen Menschen, die sich sicher waren, dass man ihnen jeden Gedanken ansah. Auch wenn sie ihn nicht aussprachen. Er fühlte sich wie ein offenes Buch und in vollem Maß durchschaubar. Er hatte den Eindruck, als ob er selbst unhörbare Wörter laut aussprach. Er wollte unbedingt nach hinten spähen. Traute sich aber nicht. Frauen sahen ihn an, als würde er über sie herfallen. Und jetzt, da er bedrohlich und wütend näher kam, wichen sie freiwillig zurück und verstreuten sich zu ihren Bändern. Dort bildeten sie wieder Trauben. Kleinere zwar, aber es gab ja nichts zu tun.

Vor ein paar Tagen hatten sich Jacques und Hans-Peter in der Schleuse getroffen. Es war eher Zufall. Hans-Peter zog sich bereits an, Jacques desinfizierte seine Arme, so wie er es gelernt oder in einer Arztserie gesehen hatte. In Hans-Peters Spindtür hing das Porträt eines Kindes, dass sich in seiner Pudelmütze versteckte und darunter klebte ein Hundebild von einem Welpen mit glühenden Laseraugen. Damit waren die Eckpunkte definiert und Jacques sprach nie mit ihm über Kinder oder Hunde.

„Du wolltest doch in den Betriebsrat?“ ,begann Hans-Peter das Gespräch und fuhr sich vollkommen konfus durch seine verschwitzten Haare. Wer im Fabrikationsbereich arbeitete, trug nicht nur einen Mundschutz, sondern auch eine Haube, Handschuh und ein paar helle Hosen, so wie den Kittel, auf dem der Name stand. Sonst hätte man wahrscheinlich niemand mehr erkannt.

„Ah, nein.“, antwortete Jacques eher unwillig.

Hans-Peter wandte sich, nur noch bekleidet mit seiner Unterhose, seinem Unterhemd und bedeckt von einem dichten Pelz, in Jacques Richtung. „Aber du solltest mit dem Pornodreck aufhören. Die kommen dir auf die Schliche.“

Jacques antwortete nicht, nur aus dem Augenwinkel sah er vom Waschbecken auf, kurz in Hans-Peters Gesicht und wartete.

„Die IT kam dir auf die Schliche. Sie melden nichts, aber du wärst bei uns besser aufgehoben. Das kann nicht mehr lange gut gehen.“

„Merci!“  Mit diesen Worten verliess Jacques die Schleuse, ballte kurz die Fäuste, lockerte sie wieder und war froh, dass niemand seine Grimassen sah. Der Tag begann ja erst.

 

 

 

 

Anfang 39. von 300 (O.W.)

Einer von Beiden, der auf der linken Seite, hatte seinen Ellenbogen auf das heruntergelassene Fenster gelehnt. Der andere, der Fahrer, rief mich zu sich her.  Er winkte, als wollte er mich kaufen, und stoppte den Wagen.

Er sagte, „Du da!“ und „Komm mal her!“

Ich sah mich um. Der Park war morgens leer. Es gab noch keine Flaschensammler, gejoggt wurde noch sehr zurückhaltend, und die Tore hatten sie erst vor einer Stunde geöffnet. An meinen Turnschuhen sammelte sich der Tau und zog sich die Jeans hoch. Die Wiesen glitzerten. Und an einigen, wenigen Stellen wollte sich der Bodennebel nicht vertreiben lassen.

Ich ging langsam auf sie zu.

Der Fahrer stieg aus, sein Beifahrer tat es ihm nach. „Dein Name?“

„Bitte?“

„Kann ich deinen Ausweis mal sehen?“

Ich kramte in meinem Beutel. Dort fanden sich Bücher von Percy B. Shelley und Keats. Dann noch ein paar Blättchen, ein billiger Tabak, eine Tüte mit Filter und ein Notizblock. Mein Ausweis, den ich sicherheitshalber immer mitnahm, und viel zu wenig Geld.

Ich war siebzehn Jahre alt, und wenn ich die Chance hatte, dann dröhnte ich mir schonungslos die Birne zu. Aber ich hatte nie etwas dabei.  Die Haare fielen mir in die Stirn, und versteckten mich manchmal vollkommen. Ich rasierte mich selten, aber es gab auch nicht sehr viel Grund dazu.

Meine Augen entzündeten sich häufig, doch Augentropfen kreisten ebenso gut wie alles, das man rauchen konnte.

Der Polizeiwagen war ganz langsam durch den Park gefahren. Als wollten sie cruisen.  Die Sonne schien und sie hatten alle Zeit der Welt. Ich war alleine, also zogen sie die ganze Show durch und ich wußte wirklich nicht, ob sie das für mich taten oder um sich selbst einen Kick zu verschaffen. Sie kannten meinen Namen. Sagten sie. Ich wußte nicht woher. Es gab nichts über mich.

Sie sprachen in das Funkgerät, benutzten Codes, die ich nicht verstand und nannten wieder meinen Namen. Natürlich musste ich mich breitbeinig an ihren Wagen lehnen, als wären das die Bronx und ich ein Idiot, der ein Vergnügen daran fand ihnen in die Arme zu laufen.

Sie wollten wissen, warum ich nicht in der Schule war. Die  wußten nicht einmal, dass Ferien waren. Und meine Eltern konnten sich wirklich nicht erlauben, mich in jeder freien Minute durch die Welt zu schicken. Ich blieb daheim, lieh mir die ältesten Bücher aus der Bibliothek und schrieb Gedichte, an die ich mich später nicht mehr erinnern konnte.

Sie fanden nichts über mich.

Aber drei Spaziergänger stand beobachtend herum. Und diese Leute wußten das nicht.

Ich sah den Unterschied. Es gab ein davor und danach.

Ein magerer Junge mit einem schleichenden Gang kreuzte meinen Weg zum See, und flüsterte kaum hörbar. „Das machen sie immer!“

Es gab ein davor und ein danach.

Man muss es nur ein einziges Mal erleben. Das Gefühl unrecht zu haben, wenn man sich im Recht glaubt.

Wenige Wochen später wurde die Innenstadt abgeriegelt. Die Fußgängerzone gesperrt, die Straßenbahnen umgeleitet und ich trug neben meinem „Anti-Atomkraft“-Sticker, einen Aufkleber mit einem Fadenkreuz und dem Untertitel „Schieß doch, Bulle!“. Die Punks waren auf unserer Seite und bildeten den Beginn des Zuges. Die Polizisten rannten an den Seiten entlang, hielten das Publikum ab zu  uns zu kommen, und passten auf, dass wir unsere Flugblätter nicht weitergeben konnten.

Einige zogen ihre Skimützen herunter, als sie die Kameras erkannten. Wir erklärten uns solidarisch mit dem Häuserkampf in Berlin, den Krakern in Amsterdam und überhaupt mit allen, die für bezahlbaren Wohnraum kämpften. Wir waren laut, jung, ungestüm, und argumentativ einzeln nicht immer stark genug. Aber zusammen hatten wir einiges vor.

„Und Gewalt gegen Sachen?“, hatte Harald  gefragt, als wir Tage zuvor im Gras saßen.

Er reichte es weiter an mich. Ich nahm einen Zug und gab die letzten zwei Zentimeter an ihn zurück.

Ich war mir uneins. Haralds Eltern lebten in einem verdammt großen Haus, sie hatten zwei Autos, er ging auf das Gymnasium und sah so harmlos aus. Der Traum jeder Schwiegermutter. Seine Haare waren nicht mal lang. Seine Kleidung teuer.

„Ich bin mir nicht sicher.“

„Hm. Du meinst, es ist etwas zu erreichen durch Demonstrationen?“

„Ja, auf jeden Fall. “

„Aber du hast schon gehört, dass du in die DDR gehen sollst, wenn es dir hier nicht gefällt?“

„Ich habe alles gehört.“ Ich lehnte mich in das Gras zurück, blinzelte in die Sonne, und beobachtete die Silhouetten der Blätter.

Harald sprach über die RAF wie ich über Frank Zappa. Die Flugblätter waren unlesbar, aber die Zeichen fanden sich auf Toiletten, die Aufkleber zirkulierten und es gab Soli-Konten für die, die bei den harten Demos verhafteten wurden.

Meine Eltern waren sich sicher, dass ich Drogen nahm. Sie beobachteten mich wie einen Kranken, der auf Heimaturlaub war. Sie suchten nach Anzeichen. Sie beobachteten wie ich aß, wie ich las und ob ich Freunde hatte. Wir entfremdeten uns. Ich mied sie, weil ich ihre Blicke nicht ertrug.

Meine Lehrer bescheinigten mir bei jeder dummen Gelegenheit in einem Atemzug Faulheit und Intelligenz. Sie sahen mich herausfordernd an, wenn es um Tagespolitik ging, nahmen mich aber nicht mehr in den naturwissenschaftlichen Fächern wahr. Ich war so hoffnungslos wie bedauerlich. In den Pausen vertrieben sich die restlichen Loser ihre Zeit am Brombeergestrüpp, und ich gesellte mich zu ihnen, um eine Mauer zu bilden, die es uns erlaubte, einige Züge zu nehmen, und den Rest des Tages zu verpennen.

Harald gab mir die Flugblätter und bat sie mich sie zu verteilen. Ich gab sie dann allen Leuten weiter, die ich kannte. Ich machte kein großes Geheimnis darum, und den Großteil des Geschwubbels, der da stand, empfand ich als ebenso aufregend wie die Beschreibung auf einem Beipackzettels. Ich drückte sie den Burschen in die Hand, die mehr Fußball als sonst was im Kopf hatten. Und das war ein Fehler. Fortan hassten mich deren Eltern und nannten meinen Namen im Zusammenhang mit all den Gesichtern auf den Fahndungsplakaten.

Die Dinge begannen sich zu verselbständigen. Man sprach mir eine Haltung zu, bevor ich diese hatte.  Und wenn ich den Eltern der Fußballtypen beim Einkaufen begegnete, dann drehten sie sich um und sagten: „Ach Gott, du bist es, ich dachte ein Terrorist steht vor mir!“

Das war ein Humor zu dieser Zeit. Ich kann dir sagen.

Später wurde alles anders.

 

 

 

Anfang 38. von 300 (O.W.)

Der Sommer brannte wie die Maisfelder hinter dem Schülerhort. Morgens warfen wir die Pfennige zusammen, mittags leerte Roland seine Taschen zwischen uns und wenig später kletterte dunkler Rauch zum Himmel. Wir kauften nur noch die großen Streichholzpackungen und zündeten alles an, was auch nur im entferntesten brennbar war. Berches hatte ungewaschene Haare, ein fieses Lachen und keine Angst vor niemanden. Wir haßten ihn, aber Furcht und Hochachtung ergaben eine Mischung, die uns hörig machte. Ihm schien alles nur egal. Er foppte den Bauern, der durch das Maisfeld sprintete, während wir unsere Sachen zusammenrafften und in alle Richtungen flüchteten.

Du wirst es nie vergessen, wenn die Maisblätter an dir rieben, es überall raschelte und sie dir auf den Fersen waren. Das vergisst du nicht. Die Sonne brach sich im Stakkato und mein Schatten klebte furchterregend an mir. Ich war ein schwächlicher, kleiner Bursche, zu blöde zum Klauen und voll Angst vor fremden Menschen . Ich sprach nie viel mit Berches, und hatte keine Ahnung, warum ihm irgendjemand lauschte, obwohl er wie ein kleiner Verbrecher aussah. Wie jemand, vor dem ich mich fern halten sollte. Hatte man mir gesagt.

Als wir das Feuer für uns entdeckten, und feststellten wie billig die Streichhölzer waren, investierten wir unsere Taschengeld und fortan trug jeder von uns zwei bis drei Päckchen in den Hosentaschen. Berches passte uns ab, nahm uns die Hölzer ab, tunkte unsere Köpfe in die Toilettenschlüsseln und behauptete er würde die Packungen den Betreuern geben. Natürlich gab er sie nicht ab.

Stattdessen lehnte er sich an die rückwärtige Mauer des Schülerhortes, rauchte eine Zigarette und starrte auf die Felder.

„Gib sie uns zurück!“

„Halts Maul.“

„Sie gehören dir nicht, du kannst dir selber welche kaufen.“

„Wenn du die Schnauze nicht hälst, dann erzähle ich dem Bauern, was ihr im Feld macht!“

Ich hatte keine Ahnung, was er meinte. Ich hatte mich zu lange in dem Feld aufgehalten, um unschuldig zu sein. Wir hatten an den frischen Maiskolben genagt, die Blätter aufeinander gelegt und angezündet. Etwas Futter für die Hamster mitgenommen, die jeder  von uns hatte. Und wir hatten Martin gesagt, er solle die Hose ausziehen, weil wir wußten, dass er das macht. Martin machte alles, was man ihm sagte. Uns tat es dann leid, und wir sagten es nie wieder. Die Mädchen riefen es ihm dennoch auf dem Schulhof öfter zu. Dabei war Martin gar nicht doof. Nur seltsam.

Wir kannten uns alle schon seit der ersten Klasse. Heiner war mein bester Freund, und auch seine Eltern arbeiteten den ganzen Tag. So verbrachten wir unsere Zeit im Schülerhort. Wir bekamen dort zu essen, bastelten Pappmache-Tiere, tobten uns aus und kämpften mit den Hausaufgaben. Heiners Familie lebte zu sechst in einer drei-Zimmerwohnung, ich mit meinen Eltern in zwei Zimmer und  nur Markus Eltern wohnten in einem Haus. Markus trug immer Pullunder, hatte eine viel zu hohe Stirn und lachte sich kaputt, wenn jemand hinfiel. Wenn ich heute an ihn denke, dann vermute ich, dass er Moderator oder was anderes dämliches geworden ist. Irgendein Beruf, in dem Menschen dumme Dinge tun und er die ganze Zeit grinsen darf.

Berches hatte den weitesten Weg in den Schülerhort, und wir waren nie dort, wo er wohnte. Er musste über unbefestigte Wege gehen, und wenn es regnete, dann sah er noch dreckiger aus als sonst und stank nach Hamsterkäfig. Hinter dem Mais, und den Kartoffeln, nahe an der Autobahn, die meine Welt damals begrenzte, und so etwas wie der äußerste Punkt war, den ich erreichen konnte, standen einige Hochhäuser, als wären sie verloren gegangen und hätten sich verirrt. Ihre Straßennamen klangen nicht nach deutschen Widerstandskämpfern und die Menschen, die dort wohnten fuhren auch keine Autos, hatten dunklere Haut und grauere Klamotten. Dort wohnte Berches.

Wenn wir in der Schule waren, dann konnten wir aus dem Klassenzimmer den Schülerhort und dahinter den Mais und weiter hinten die Hochhäuser sehen. In den Pausen beobachtete ich von dort aus, wie die Menschen aus diesen Häusern zur Arbeit gingen. Sie gingen in Gruppen, gestikulierten miteinander, trugen Hüte, die flach auf den Köpfen lagen und ihre braune Gesichter betonten.

Ich sah oft aus dem Fenster. Meist saß ich hinten in der Klasse, las unter der Bank Comics, schälte Orangen und malte kleine Monster auf die Schulbank. Ich war gänzlich ohne Ehrgeiz, mit einer Note, die meine Versetzung nicht gefährdete, vollauf zufrieden und vergass vieles, so daß ich mich nie meldete, sondern immer tiefer in den Stuhl versank.

Berches dagegen schwänzte die Schule, und ich wußte nicht wie er das macht. Er wiederholte fast alle Klassen, und fand sich in jeder Strafstunde, winkte und lachte und all dass machte ihm nichts aus. Er wurde wahrscheinlich gottserbärmlich verprügelt, aber das war damals nicht unüblich. Wir konnten alle blaue Flecken vorweisen, doch Berches sprach nie darüber. Aber wir sahen es. Das blaue Auge und viel mehr im Schulsport.

Kaum das ich wußte, was Mädchen waren, war ich verliebt in sie. Ich liebte die dünne Anastasia, ich verehrte die wilde Michaela, die mit dreckigen Fingernägeln und einer komischen Sprache über den Schulhofe preschte, als wäre sie eine kleine Hexe , und am meisten mochte ich die schlaue Anja. Sie war die Tochter einer Betreuerin, und lachte lauter als ich, war frecher und küßte mich einfach, als ich noch überlegte, wie man das macht. Unsere Zähne knallten aneinander und sie kringelte sich. Berches saß damals auf dem Flachdach, und beobachtete mich. In den siebziger Jahren wurden nur noch Häuser mit flachen Dächern gebaut.  Man schüttete Kies darauf, und es knirschte, wenn man darüber lief. Menschen schmissen Dinger auf die Flachdächer und vergassen sie. Berches jubiliert, feixte und warf eine Gasmaske herunter.

„Na, du kleiner Wichser, liebst du sie? Du liebst sie. Ich sage es Frau Kerkes.“

Frau Kerkes war Anjas Mutter. Anja streckte ihm die Zunge raus. Und Berches führte einen verrückten Tanz auf. Er war nicht ganz klar im Kopf. Er tänzelte am Rand des Daches entlang und warf mit Steinen nach uns. Es war nur eine Frage der Zeit bis irgendjemand kommen würde.

„Das ist der Bursche!“ Ein Hausmeister eilte über den Schulhof auf uns zu.

Wir hatten zwei. Zwei Hausmeister. Sie teilten sich den Job.

„Ich kenne deinen Vater, du kleine, blonde Ratte.“, brüllte der kleinere Hausmeister, der einen grauen Kittel trug, und mit einem Maßstab in der Luft fuchtelte.

Berches schrie zurück: „Ich war das nicht!“

Ich glaube, das schrie er immer. Ich glaubte damals, das war seine Masche.

„Du kleine Drecksau, hast das Feuer gelegt.“

Tatsächlich hatten wir bereits so viele Feuer gelegt,  dass ich nun auch zusammenzuckte.

„Komm da runter!“

Berches rannte verwirrt auf dem Dach herum. Er hätte einfach runter kommen können, so hoch war das auch nicht. Unser Schülerhort befand sich schließlich in einem eingeschossigen Pavillon. Schnell zusammen gezimmert.

„Komm da runter, Bursche!“ brüllte der kleine Hausmeister wieder und rannte um das Gebäude. Der Größe gesellte sich zu mir und Anja. „Wie heißt ihr Kinder?“

Ich wagte nichts zu sagen, aber Anja schüttelte sich und fauchte ihn mit vorgerecktem Kopf an „Das geht Sie gar nichts an!“

Er holte aus. Damals konnte es durchaus noch sein, dass man sich eine Ohrfeige einfing, obwohl es natürlich verboten war. Aber Erwachsene stritten immer alles ab.

Doch in dem Moment erscholl eine strenge Stimme „Das werden sie schön sein lassen!“

Frau Kerkes stand an einem Fenster.

Aber es war zu spät, Anjas Gesicht verzerrte sich und sie taumelte mit einem Schrei an mir vorbei.