Anfang 62. von 300

Im Hinterhof fand ich das Zeichen.  Also drehte ich mich um, ging zurück in die Küche, holte die Bürste, einen Eimer und trug die Seifenlauge in den Hof. Ich stellte ihn vor die Mauer, tränkte die Bürste und versuchte mein Glück.
“Was, zum Teufel, machst du da? Es ist fünf Uhr morgens!”
“Der Scheiß muss weg!” Ich kämpfte mit der Lackschicht, die Wand war nach kurzer Zeit feucht, aber die Farbe zog zu schnell in den Putz. Ich hatte keine Chance.
“Mit Seife? Du brauchst Lösungsmittel dafür.”
“Wir haben kein Lösungsmittel, verdammt!”
Melissa spielte Roller-Derby, trug Tattoos von der Fuß- bis zur Nasenspitze, schlug sich mit den stärksten Jungs, und war die schläfrigste Schwester, die ich mir vorstellen konnte. Das war die Großstadt, wie wir sie uns vorgestellt hatten. Seit ich hier lebte, waren mir meine T-Shirts zwei Nummern zu groß und ich rauchte wie ein Schlot. Meine helle Haut wurde picklig, die Baseballkappe stank nach Schweiß und meine Sprache klang nach einem Land, in dem ich noch nie war. Die Dinge hatten sich gut entwickelt, seit unsere Eltern tot waren.  Besser als jeder gedacht hatte. Die Jungs waren auf meiner Seite, die Mädels mochten Melissa wirklich.
Ich warf die Bürste wieder in den Eimer, der Schaum spritzte zur Seite und bildete eine Lache auf dem Asphalt. Das war unser Hinterhof. Hier waren unsere Zeichen, unsere Schrift, unsere Spuren und unsere Kippen. Die, die nicht hier gehört, hatten ihr Zeichen heute Nacht an die Wand geschmiert. Und ich hatte es zu spät gemerkt. Ich konnte das unmöglich so lassen.
Ich spuckte auf den Boden, schnappte mir wieder den Eimer und schleppte ihn zurück in die Küche.

„Das geht nie wieder weg! Scheiße!“

Melissa trank ihren Kaffee so schwarz, dass er der Haut ihrer nubischen Prinzessin glich. Die schlief wahrscheinlich noch in dem Hochbett. Als untere Eltern sich überschlugen, wollten wir keine neuen. Und ich weiß nicht genau, wie es Melissa gemacht hatte, aber wir lebten hier. Ich war sechzehn, sie dreiundzwanzig und wenn Paula bei uns war, dann nannten wir das eine WG, und für alle schien es okay. Zwei Jahre, sagte sie immer wieder, das bringen wir rum. Reiß dich zusammen. Wir packen das.
Paula war die nubische Prinzessin. Sie modelte für die großen Labels, und manchmal fanden wir ein Bild von ihr im Internet. Auf Seiten, auf die es nicht hin gehört. Nichts zu machen, lachte Paula. Sie hatte viele Fans. Sie schlief meistens, wenn sie bei uns war. Das lag an den Flügen, den Städten, den Arschlöchern ganz allgemein und an Melissa, die sie nicht loslassen wollte.
„Was willst du machen?“ Melissa sah mich über den Kaffee an. Sie blies den Dampf beiseite, grinste und wiederholte die Frage. „Was willst du machen, kleiner Frosch?“

„Was wohl? Ich hole mir Scheiß-Lösungsmittel, um diese Scheiße wegzumachen. Verdammt!“

„Yo! Mach das, Bruder!“
Ich war das schmächtigste Kerlchen. Ich war schon immer dünn, und lang, aber niemals groß genug um ein Basketballstar zu werden. Ich war der, den die anderen zur Seite schoben, wenn der Ärger zur Tür hereinkam. Sie mochten meine Skizzenbücher. Sie mochten es, wie schnell ich die Tags an die Wand haute, den Stift über die Seiten zog, und das ich ihnen jedes Comic-Wesen zeichnen konnte. Sie wollten sie sich später mal stechen lassen. Ich sollte das doch machen. Ein Tattoo-Studio. Das sei gut. Ich könnte mir einen Namen machen. Ich lachte dann immer, sprach nicht mehr davon und hoffte, niemals in die Nähe eines solchen Studios zu kommen. Ich wollte Comics machen. Einfach nur Comics. Heldengeschichten schreiben. Kerle, die die Welt aufräumen. Sich nicht mit Lösungsmittel und verdammten Zeichen im Hinterhof beschäftigen.
Meine Muskeln hatten die Eigenschaft sich irgendwo in meinen Körper zurück zu ziehen, die Hosen rutschten ständig, und meine Beine staken in den Turnschuhen wie dünne Fremdkörper. Ich hätte nicht gewusst, was ich ohne die anderen Jungs machen sollte. Hier sollte unser Zeichen sein. Nicht ein Fremdes.
Paula brachte Matzenbrot in die Küche, und eine dunkle Marmelade von ihrer Oma. Meistens mischte die gute Frau Feigen mit irgendwelchen roten Früchten für ihre Enkelin. Bestrich man das Matzen mit etwas Butter, und das war schon hohe Kunst, gab darauf dann die Marmelade, dann hatte man entweder eine unglaubliche Schmiererei oder eine Offenbarung auf dem Teller. Alles möglich.
Paula war eine unwirkliche Schönheit. Ihre Bewegungen waren fließend, und passten weder in diese Küche, noch in diese Stadt. Sie war von irgendwas runter gefallen und Melissa hatte sie gefangen. Melissa sagte immer, es war der Himmel, und Paula lachte dann und erzählte etwas von einem Tisch und einer Glühbirne. Ich konnte mir keinen gemeinsamen Ort auf dieser Welt vorstellen, an dem sich solche Leute wie Melissa und Paula wirklich treffen konnten. Außer einer Lesbenbar oder einer komischen Seite im Internet.
Die meiste Zeit ihres Lebens verbrachte Melissa in einer Halle, die die Bezeichnung „Sportpalast“ gekonnt entwertete. Es war ein Höllenlärm, wenn die Mädels auf ihren Rollschuhen über die Bahnen sausten. Sie rempelten sich andauernd, flogen gegen die Bande und lachten dabei, als wäre es das größte Vergnügen der Welt. Sie trugen einen Mundschutz, aber trotzdem hatten ein paar von ihnen Zahnlücken, weil der Krach natürlich nicht in außerhalb dieser Sportstätte plötzlich aufhörte. Das zwischen Paula und ihr war vielleicht nur eine Phase, oder die wirklich einzige Liebe. Ich konnte das nicht so genau sagen. Sie war schon mit Johns und Joes zusammen, und die waren manchmal weiblich, manchmal wusste ich es nicht, und manchmal waren es eben Jungs. Die Welt ist nicht so einfach.
Paula biss in ihr Matzen. Sie hob es mit zwei Finger, an denen nichts haften blieb, was dort nicht haften sollte, bleckte ihre Zähne und zeigte mir wieder mal, dass Menschen auch perfekt sein können. Selbst wenn sie gerade aus dem Bett gefallen sind.

„Gehst du zum Baumarkt? Ich komme mit.“

„Ist okay.“

Wenn Paula dabei war, dann konnte ich den Baumarkt komplett ausräumen. Keiner hätte auf mich geachtet.  Mit Paula im Baumarkt, das war so, als ob der Papst durchs Bahnhofsviertel marschieren würde. Das war kein Auflauf, das war eine Parade.

„Warum zeichnest du nicht selber etwas auf die Wand? Ein großes Graffiti, und dann ist Ruhe.“

„Sie würden es taggen.“

„Kein Mensch würde irgendwas von dir taggen, du kleines Genie. Ernsthaft! Tobe dich aus.“

„Was…“

„Kunst. Große Kunst. Keine Namen. Zeichne was. Große Kunst, Bruder!“

Sie fuhr mir durchs Haar.

„Du kannst das.“
Würde ich irgendwann eine große Geschichte erzählen, dann wäre das der Punkt gewesen für die Weichen in die Zukunft. Paula ging mit mir in den Baumarkt. In den Baumarkt. Die Jungs. Wenn sie das gesehen hätten.

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Anfang 53. von 300

Die beiden Taucher wirkten wie Synchronschwimmer. Beide sprangen gleichzeitig in das Hafenbecken, versanken fast auf die Sekunde genau darin, und über ihnen schloss sich  die Schicht aus Dreck und Öl. Ich hoffte inständig, sie würden nichts finden, doch machte gute Miene zum bösen Spiel.

Der Komissar reichte mir eine Zigarette, weil er selbst eine rauchen wollte, und wackelte unruhig von einem Fuß auf den Anderen. Einer seiner Jungs in Uniform eilte, um sie ihm an zu zünden.

Natürlich sah er mich erwartungsvoll an.  Er war ein alter Mann, und ich der Fall, den er nicht mehr gebrauchen konnte. Aber die Stadt war nun ein elender Scherbenhaufen, und auch wenn sie das schon immer war, jetzt sah man es . Keiner konnte es mehr ignorieren. Reporter riefen ihn an, und die Blogger verbreiteten jeden Unsinn viel schneller.

Bis er morgens seinen Kaffee getrunken hatte, kochte die Welt schon über. Wir standen am Hafenbecken, weil er eine Handvoll Leichen darin vermutete.

Und ich stand mit ihm hier, da es wohl meine Party war, die ausgeartet war. Ich sagte  ihm nicht, dass der Wagen wie eine überdimensionierte Kanonenkugel  über mich flog. Einen Stapel Paletten als  Sprungschanze nutzend. Ich stand quasi darunter, und staunte nicht schlecht, als die Schießerei aufhörte, das Rauschen zu einem Getöse über mir anschwoll und das Wasser wie eine Fontäne nach oben schoss. Die Insassen hatten nicht die Chance eines Schreies, nicht mal eines gemeinsamen. Und ich musste mich zurückhalten, der Schüssel nicht noch ein paar Kugeln hinterher zu schicken.

Angefangen hatte es alles damit, dass sich einige Wirte bedrohter fühlten als andere. Wie gesagt, die Stadt war schon immer ein Scherbenhaufen. Seitdem ich hier war, spiegelte sich auch noch das Licht darin, und keiner konnte es ignorieren. Man hatte mich angerufen, weil ich gut mit Menschen konnte.  Manchmal half mein Rat. Also öffnete ich den Hummer rückseitig, lies Bodo und Hans hinein, und startete durch. Bodo und Hans waren aus einem Wurf. Wer sie kannte, fragte sich, warum ich sie mitschleppe. Wer sie nicht kannte, war schockiert, über den katzenhaften Gang dieser Doggen und ihrem Blick, den sie immer frontal auf denjenigen lenkten, der sich von ihnen einschüchtern ließ.

Bodo und Hans hatte ich aus einem verdreckten Zwinger geklaubt, in dem sie inmitten ihrer toten Geschwister lagen. Sie liebten mich abgöttisch, horchten auf die Wörter, die ich nicht aussprach und waren in ihrer Wirkung mehr Wert als jede Waffe, die ich am Leib tragen konnte. Sie gingen unbeleint vor mir her, wie zwei riesige dunkle Bodyguards, hatten die Situation schon viel früher als ich ihm Griff und verliehen allen meinen Aussagen den nötigen Nachdruck.

Eine Stadt hat den Untergrund, den sie verdient, und den Komissar, der damit leben kann. Edgar Meyer litt sicherlich schon seit Jahren unter seinem Beruf, aber er hatte es geschafft, die Attraktivität seiner Region so zu herunterwirtschaften, dass er wohl bis zu seiner Rente auf die Erlösung warten musste. Ich fiel ihm auf, weil er hier dazu gehörte wie die alten Plakatsäulen und die Pissbuden, die das Wahrzeichen so mancher Straßen waren. Ich fiel ihm auch schon auf, weil ich in seinen Augen das falsche Auto fuhr. Meine Hunde durfte ich nicht rauslassen. Auch jetzt befanden sie sich ihm Wagen, und allein das war schon ein Grund mit diesem Menschen nicht zu kooperieren.

Er trug einen grauen Bart, hinter dem er seine Mimik zu verstecken suchte, und seiner Behäbigkeit einer Art Altersweisheit angedeihen lassen wollte. Tatsächlich jedoch prägte ihn die pure Verzweiflung, die ihn auch hier am Hafenbecken sichtlich Schmerzen bereitete. Er verzog das Gesicht, wie jemand, dem die Magensäure bis in die Mundwinkel stand.

Ich stattete also allen Parteien einen Besuch ab. Schon um den Haufen kennen zu lernen, der es geschafft hat, eine Viertel-Millionen Menschen quasi als Geiseln zu nehmen. Zwei befeindete Motorrad-Gangs führten sich auf wie Franchise-Nehmer internationaler Konzerns. Sie präsentierten ihre Logos gleich Wikingerwappen, eröffneten Geschäfte, wo man sie nie vermutete hätten, und änderten einfach mal so die Machtverhältnisse. Aber das Dumme an der Geschichte ist, egal in welchem Ort du heute bist, du schaffst es einfach nicht, einen sauberen Zwei-Parteien-Krieg hinzu bekommen. Sofort hängen irgendwelche Clans mit drin, Familien pflegen ihre Zusammengehörigkeiten, und das Ding wird viel internationaler als man sich das vorstellen kann.

Was da Nachts über mir geflogen war, und nun vom Schreibtisch des Komissars ins Hafenbecken führte, waren nicht etwa die Mitglieder einer der Rockergruppen, sondern fehlgeleitete Dealer, die meinten, sie hätten Ansprüche auf Dinge, die bisher öffentliche Plätze waren. Sie waren nur zufällig in meinen Focus geraten, weil sie dachten, dass ich – langhaarig, blond, zwei Hunde und Springerstiefel, Jeans sowieso -irgendeine Verwandtschaft mit den Gangs pflegte.

War nicht der Fall, doch ich konnte sie nicht überzeugen.  Sie waren zu fünft, ich mit Hans und Bodo zu dritt. Hatten sie falsch durchgerechnet. Ich scheue zwar körperliche Auseinandersetzungen, aber wer am Ende des Tages das Krankenhaus aufsuchen will, der darf ruhig mal einiges versuchen.

Sobald Hans und Bodo Distanzregeln eingeführt hatten, machten wir uns auf den Rückzug, und das endete in einer Verfolgungsjagd, die uns durch die halbe Stadt zum Hafen führte. Ich hatte fünf Minuten genug Vorsprung, doch zur Waffe zu greifen, einen Stapel Paletten zu suchen und mich dahinter zu verschanzen. Den Rest kennen sie. Ich vermute einfach mal, ich habe einen erwischt. Schon deswegen wünschte ich den Tauchern alles mögliche. Nur kein Glück.

Das ich augenblicklich noch eine Art diffuser Zeuge war, merkte ich daran, dass man mir noch einen Kaffee reichte. Auf den Zucker hätte ich verzichten können, aber die Erfahrung zeigte, dass 90% aller Polizisten ihren Kaffee so weich tranken wie möglich. Zu einem gescheiten Espresso taugte keiner von ihnen.  Ich mochte das Spiel des Dampfes, der fast die gleiche Farbe hatte, wie der Nebel am äußersten Rand des Beckens.

Der Komissar fragte mich immer wieder Dinge wie: „Werden wir etwas finden? Was meinen Sie? Glauben Sie nicht?“

Ich schüttelte den Kopf. Ich mochte ihn nicht, aber noch viel weniger eine mögliche Auseinandersetzung mit ihm, oder die pure Zeitverschwendung, zu der es führen konnte, wenn er seinen Blick in mich tiefer hinein bohren wollte.

„Ich habe praktisch nichts mitbekommen. Erst nach dem Aufspritzen des Wasser. Ich vermute mal, es war ein Auto, aber ich kenne mich damit nicht aus.“

„Sie fahren einen Hummer?“

„Ebenso wie große Teile der amerikanischen Armee…“

 

Anfang 52. von 300

„Ich werde dich töten!“

All die heißen Tage bisher, wurden von diesem locker überboten. So schnell  ich hoch fuhr, so stark funkelte mich die Sonne an. Nichts, von dem was ich sehen konnte, gab mir auch nur einen Hinweis .Eine Silhouette verschwamm in anderen Silhouetten. Jans Hand lag immer noch in der meinen, seine Stimme war gleichbleibend aufgeregt, und erst jetzt erstarrte ich. Und blickte geblendet dem  untersetzen Schatten nach. Er hatte sich gerade an mir vorbei gedrängelt.

Und sprach zu mir: „Ich werde dich töten!“

Ich drückte Jans Hand viel zu fest. Er schrie erschrocken, wollte sie mir entziehen, sah schließlich zu mir hoch.

„Michael! Du tust mir weh!“

Ich ließ ihn los. Es war fast unmöglich einen Gedanken zu halten. Viele stürmten gerade auf mich ein. Ich musste Jan beschützen. Jan störte. Ich musste ihn festhalten. Loslassen. Mitnehmen. Wegtragen. Dem Mann hinterher. Hier weg. Ich musste hier weg.

Jan hob ich hoch. Er war ein leichter Dreijähriger. Zu klein für sein Alter, daher genoss er die Aufmerksamkeit von uns allen. Ich war sein Onkel. Nicht tatsächlich, aber das war Jan egal. Seine Eltern und ich wohnten schon so lange zusammen, dass wir als Familie galten. Für Jan, aber vor allem für uns selbst.

Ich sprintete durch die Straßen, Jan an mich gedrückt, als könnte er wegfliegen. Und sein kleines Kindergemüt sah sich entrissen von all den Leckereien, die der Markt bot. Unerklärliches geschah gerade. Er weinte, klammerte sich an mich, bis ich all die Feuchtigkeit, die von ihm ausging, an meinem Hals fühlte. Jan weinte immer sehr viel. Ich ging davon aus, dass er ein sensibles, musisches Kind war. Aber vielleicht war er auch nicht musisch begabt, und einfach nur sensibel. Oder einfach nur ein Kind, das viel weinte. Ich kannte mich da nicht aus. Bei mir hatte es nie lange genug gedauert, um eine Familie zu gründen. So ein bisschen orientierungslos war ich schon immer. Eine Flipperkugel, die nicht zur Ruhe kommen will, nannte Marta das in den  Monaten bis zu Jans Geburt.

Sie war eine wunderschöne, begehrenswerte Mutter. Sie war während ihrer Schwangerschaft umhüllt von einer Magie, die sich wie ein träger Zauber über unsere kleine Wohngemeinschaft legte. Sie begann in meinen Träumen zu wandern, wie eine wilde Verheißung, wie die süßeste Frucht am Baum. Ich war hingerissen und bedauerte mehr als je zuvor mein Schicksal. All das, was sie verkörperte, wandelte sich zu einem elementaren Ziel, das ich nicht erreichen konnten.

Wir durften nicht darüber reden, aber Benjamin und ich hatte uns auf einer Mission kennen gelernt, die wir nicht in unseren Uniformen durchführen durften. Es schien alles ganz einfach. Wir wurden hinter den Linien abgesetzt. Was bedeutete, dass wir aus einem Flugzeug sprangen, viel zu lange stürzten, und kurz vor dem Aufprall erst den Schirm öffnen durften. Man knallt auf den Wüstenboden, als wollte man sich die Beine in den Leib rammen. An eine gesunde Wirbelsäule mag man nicht mehr denken.

Bei solchen Missionen wird hundertmal erwähnt, wie sehr man auf sich alleine gestellt ist. Kein Funkgerät. Kein Handy, keine persönlichen Kennzeichen, kein Verweis auf die Auftraggeber. Kein Fetzen Uniform. Wir hatten fünf Tage Zeit gehabt immer wieder in ein Haus zu rennen, die Türen darin aufzutreten und auf Pappkameraden zu ballern. Fünf Tage in den wir uns so gut kennen lernen sollten, dass wir uns im Dunkeln erkannten. Fünf Tage, die wir von morgens bis Abends miteinander verbrachten. Das wir nicht mit einander schliefen, das war geradezu ein Wunder. Dann ab ins Flugzeug, dann springen, und dann standen wir nach einem halben Tagesmarsch vor dem echten Haus.

Das Schlimme an internationalen Absprachen ist, dass jeder davon spricht, aber sie einfach nicht funktionieren. Gerade als wir das Haus betreten wollten, krachte aus heiterem Himmel etwas da rein, dass alles – inklusive unser Ziel – pulverisierte. Soweit zu den Absprachen. Tatsächlich stand der Bursche, den wir im Visier hatten, auf einer ganzen Menge Fahndungslisten. Und keiner legte Wert darauf, ihn jemals in ein Gefängnis zu stecken. Sein Überleben war also keine Option. Jedenfalls keine wichtige. Unsere Leute dachten,  wir machen das einfach ohne viel Aufsehen zu erregen. Musste ja auch keiner wissen, dass wir das waren. Anders die Amerikaner. Wir hatten schon viel zu lange den Verdacht, dass denen alles egal war. Und das war es auch. Sie machten das verdammte Haus einfach dem Erdboden gleich. Fünf Tage sind wir da rein gerannt, fünf Tage hatten wir einen wirklich guten Zeitvertreib.

Nach unserem Plan wären wir rein, und dann wieder raus, und dann zum Treffpunkt. Die Amerikaner hatten überhaupt keinen Plan. Als der Staub sich verzog, standen wir in einer Menschenmenge, die drauf und dran war uns zu lynchen. Um es kurz zu machen, was mal als eine 24 Stunden Aktion geplant war, kostete uns 8 Monate unseres Lebens, und danach waren wir uns so nahe, dass wir auch gleich den Rest des Lebens miteinander verbringen konnten.

Benjamin und Marta hatten sowieso eine Wohnung in der Stadt gesucht. Ich selbst brauchte eine Basis, und Menschen, die einfach mal spontan abends mit mir Halma spielten. Ich hatte die Clubs alle gesehen, und meine Angst vor Beziehungen war genauso groß wie meine Sehnsucht danach. Ich musste zur Ruhe finden. Benjamin und Marta dagegen waren dabei ihr Fahrwasser mit mir zu teilen, weil alles, was sie sonst Familie nennen konnten,  nicht angenehm genug für den Rest des Lebens war. Kinder von Alkoholikern sind prädestiniert dazu ihr Leben miteinander zu teilen. Zu groß ist die Sehnsucht nach Ordnung und Zuneigung, zu sehr sind sie mit ungewöhnlichen Lebenstilen verhaftet.

Jan kam ein Jahr später. Und wir liebten ihn, wie man nur den Erstgeborenen und Einzigen lieben konnten. Benjamin und ich achteten darauf, dass unsere Missionen, die immer seltener, aber auch immer härter wurden, nicht mehr zur selben Zeit statt fanden. So blieb immer einer von uns Jan erhalten und konnte die Zeit mit ihm genießen. Während Benjamin also gerade irgendwo in der Tundra den Dreck wegräumte, über den niemand reden wollte, spazierte ich mit Jan über den Markt. Marta lag an solchen Tagen in der Badewanne und tat Dinge, über die ich nicht nachdenken durfte.

Natürlich war das keine normale WG und natürlich rechneten wir mit allem. Aber nicht hier, nicht jetzt, nicht im Angesicht von Jan. Ich hatte nicht mal eine Waffe dabei. Fuhr es mir durch den Kopf, während ich Jans Zittern an mir spürte. Verdammt.

Anfang 51. von 300

Ich habe das Gesicht eines Kindermörders, und die Gestalt eines Kamels. Mein Gang ist schwerfällig, meine Füße kämpfen mit dem Untergrund, wenn sie ihn betreten und vor allem, wenn sie vorwärts kommen wollen. Die Menschen weichen mir aus, wenn ich ihnen entgegenkomme. Ich schlurfe sie an, keuche dabei und mein Schweiß lässt mein Gesicht glänzen.

Das ist das, was ich weiß. Die Dinge sind nun einmal so, ich habe gelernt damit zu leben. Das fiel mir zeitweise schwer. Mittlerweile sind ist für mich alles im Lot, für andere Menschen vielleicht nicht.

Ich verlasse das Haus nicht mehr so gerne. Meistens gehe ich zum Supermarkt, weiche denen aus, die davor rumstehen, nehme auch keine Flyer mit, und kaufe mir den Kram , mit dem ich das, was sie Leben nennen, rum bringe. Seit 30 Jahren warte ich auf den Tod. Und weil er nicht kam, habe ich selbst getötet. Das ändert viel weniger, als man so gemeinhin glaubt.

Ich hasse es, wenn Menschen mir zu nahe kommen. Ich mag es nicht, wenn sie mich unabsichtlich berühren. Ich bekomme Schüttelfrost, wenn es an meiner Tür klingelt. Ich bekomme dann kein Wort heraus. Meistens schleiche ich in meinen Socken durch die Wohnung. Ich hoffe, dass mich niemand hört. Ich falle nicht sonderlich auf, wenn man mich in Ruhe lässt. Darauf baue ich. Ich will die Zeit nur rumbringen. Es wird bestimmt anders danach.

Am Ende der Lichtjahre, wie ich sie mir vorstellen kann, gibt es wohl einen Planeten, der bewohnbar ist. Wenn ich mir denke, dass alles miteinander verwoben ist, dann macht einiges Sinn. Ich denke viel nach. Ich habe Zeit. Das ist der Fluch an der Geschichte.  Aus dem Supermarkt  bringe ich wenig mit. Das Bier in der 1-Liter-Dose hat es mir seit ein paar Jahren angetan. Es ist genau die richtige Menge für die Schwere, die ich benötige. Ich schlafe wie ein Raubtier. Ich wache auf, wenn die Träume mich übermannen wollen. Dann bekomme ich einen Schreck und wache auf.

Die Muscheln im Glas schmecken mir. Sie sind teuer, aber ich kaufe sie gerne. Ich schütte sie in eine Schüssel und löffle sie aus. Nichts sonst. Nur das Bier und die Muscheln. Sonntags esse ich den Ziegenkäse, den laktosefreien, mit dem Kümmel. Ich nehme leicht zu, daher mache ich ihn mir nur auf das Knäckebrot.

Das erste Mal war es keine Absicht. Ich hatte nicht das Verlangen, das ich heute oft habe. Das war mir alles noch unbekannt. Ich wusste ja nicht, wie der Tod aussieht. Ich hatte keine Ahnung, welche Ruhe und welcher Friede sich danach ausbreitet. Mir war Angst und Bange. Als sie auf diesem Stuhl vor meinem Fernseher saß, und ich die Wäscheleine lockerte, waren ihre Augen zu meiner Zimmerdecke gerichtet. Sie hatte etwas Schminke verschmiert, aber ihr Mund sprach nicht mehr, sie war still. Es sah nicht so aus, wie ich mir das vorgestellt hatte. Es war, wie gesagt sehr, sehr ruhig.

Wenn ich jetzt darüber nachdenke, nach all den Jahren, dann habe ich alles richtig gemacht, und dennoch lief vieles falsch. Hätte man mich damals gefunden, dann würden die Anderen vielleicht noch leben. Die, die sie suchen. Sie wurde damals nicht gesucht. Sie wollte mir nur Zeitschriften verkaufen. Sie hat viel geredet. Zuviel. Sie war sehr schnell in meiner Wohnung, und erzählte mir von ihrem Leben. Ich konnte gar nicht sprechen. Ich hatte nicht aufgeräumt. Das Bücken fiel mir schwer, und tut es immer noch. Ich räume selten auf, ich habe keinen Besuch. Ab und zu schaut eine Behörde hier rein, und tut so, als hätte sie das Recht dazu. Es ist übergriffig, aber die Vorgänge und Gesichter ändern sich, ehe ich etwas dagegen zu tun wage.

Kein Mensch hat sie gesucht.  Ich hatte keine Zeitschriften abonniert. Praktisch war sie gar nicht da. Das Töten war nicht einfach. Nur, weil ich es spontan tat, und mit Verzweiflung zur Tat schritt, hatte ich überhaupt die Kraft dazu. Sie schlug um sich, ihre Füße wollten aufstehen und ich musste sie mit meinem Gewicht in den Stuhl drücken. Sie konnte nicht schreien. Sie gab keinen Laut von sich. Aber sie schlug um sich. Sie drückte nach oben. Sie wehrte sich. Sie war viel kräftiger, als ich gedacht habe.

Alle waren kräftiger als ich gedacht habe. Ich unterschätze das sehr leicht. Die Menschen denken, dass ich kräftig bin, aber das ist nur mein Körper. Der ist nicht kräftig, der ist schwerfällig. Meine Oberarme sind vergleichsweise dünn, meine Handgelenke kann man mit einer Hand umfassen. Und es muss keine sehr große Hand sein. Mädchenhände können das schon. Ich berühre Menschen nicht oft. Ich bin überrascht, wie weich ihre Haut ist. Nach einiger Zeit vermisse ich das. Schmerzlich. Das ist wahrscheinlich einer der Gründe, aber ich will es nicht darauf schieben. Das wäre zu einfach. Ich denke viel nach.

Ich öffne das Bier und stelle mich ans Fenster, so wie ich es immer wieder danach tat. Ich sah immer wieder aus dem Fenster. Es geht sehr tief nach unten. Von hier oben sehen die Menschen nicht echt aus, die Autos auch nicht, und manchmal wenn der Tag nicht vergehen will, dann wundere ich mich über die hellen und dunklen Tage. Sie beeinträchtigen meine Stimmung nicht, sie sind nur unterschiedlich lang. Ich trinke das Bier langsam. Wenn es eiskalt in meinen Gedärmen landet, dann könnte ich gar nicht mehr aufhören zu trinken. Mir ist immer so warm. Werden meine Hände kalt beim Umfassen der Dose, dann wird alles ruhig. Kühler. Ruhiger.  Kommt dann noch die Schwere, dann schlafe ich auf der Toilette beinah ein, und stütze mein Kopf an die glatten Kacheln. Mit kalten Händen, den kühlen Backen und der Schläfrigkeit muss dieser Zustand dem Tod sehr nahe kommen. Ich genieße das.

Ich bemerke sehr spät, dass ein Auto die Straße verlässt, über den Gehweg, die Feuerwehrzufahrt auf das Treppenhaus zufährt. Die Männer steigen aus, verstauen Dinge in ihren Taschen und schauen zu mir hoch. Ich zwinkere ihnen zu, aber weiß natürlich, dass sie mich nicht sehen. Sie sind so jung.

Ich habe eine Tasche. Direkt neben der Garderobe. Dieses ist ein sehr großes Haus, aber auch ein sehr altes. Schon vor Jahren habe ich den Durchgang entdeckt, der die Häuser dieser Straße miteinander verbindet. Diese Gänge gibt es nicht mehr oft. Sie wurden gebaut als sich die Menschen noch an die Kriege erinnerten. Es war sehr einfach von einem Keller in den anderen zu kommen. Wenn Bomben fallen, dann kann das Leben retten. Große Stahltüren versperren die Durchgänge, doch als Notausgänge sind sie offen. Dieses System ist nicht verzeichnet, aber wer es kennt, der kann weite Wege durch diese Stadt gehen und an manchen Stellen, unter manchen Häusern in die Kanalisation gelangen.

Ich verlasse die Wohnung, schließe die Tür und gehe den Weg, den ich so oft mit viel mehr Last ging.

 

Anfang 44. von 300

„Dieses elende ADHS-Kind! Was erzählt er da? Was, frage ich dich, erzählt der da?“
Die Sache war die: Ich hatte von dem Business keine Ahnung. Ich halte mich mit der Tatsache über Wasser, dass es Leute gibt, die entweder bestimmte Dinge nicht tun wollen oder nicht in der Lage sind sie zu tun.
Ich grabe dir also gerne den Garten um. Wir müssen es aber nicht dabei belassen. Ich bin vielseitiger. Wesentlich vielseitiger.
Ich wollte mir das mal anschauen, was Mikesch so macht. Er schuldete mir mittlerweile mehr als nur einen Gefallen, und guckte mich dieser Tage an, was andere Menschen für ihren Lebensunterhalt tun müssen.
Mikesch traf ich immer nur an ganz obskuren Orten. Clubs, Kebabläden oder Nagelstudios. In letzteres fuhr er seine unzähligen Schwestern. Er hatte mehrere, alle bildhübsch, aber mir verriet er noch nicht mal ihre Namen. Aber wir trafen uns da, während er gelangweilt in Modemagazinen blätterte, deren Sprache ich nicht kannte. Nagelstudios hatte ich noch nie zuvor betreten.
Er verdient sein Geld im Musikgeschäft. Sagte man mir. Rap, sagte man mir.
Nun habe ich keine Ahnung von Rap. Von Musik im allgemeinen wahrscheinlich auch nicht. Ich höre seit Jahren die letzten Alben von Johnny Cash, und da führt einfach kein Weg vorbei: Der Johnny Cash ist Gott. Oder war es Zeit seines Lebens. Rap ist für Wichtigtuer, denen der Schwanz fehlt etwas im Leben richtig zu machen. Nur Gelaber.
Um mir etwas zu erklären, lud mich zum Fernsehen ein. Und Fernsehen heißt bei ihm, dass man quasi im Bild drin sitzt. Ich weiß nicht, wann das losging, mit diesem Wunsch nach dem eigenen Kino, aber die Technik heutzutage ist wirklich abgefahren. Ich versank in einem Sessel, der mich in die Tiefe ziehen wollte und sah mir ein Interview an, in dem die Moderatorin einem professionellen Nägelkauer richtig gute Fragen stellte. Das Kind war zwar schon 32, aber warf der klugen Frau und seinem Publikum immer noch einen Hündchenblick zu. So ein Blick, der unverhohlen ausspricht: „Verzeiht mir, ich muss das tun.“
Seine Gesten waren groß, seine Sprache gespickt mit Ausdrücken, die ich nicht kannte. Manche davon schlugen bei mir Saiten an, die mich dazu brachten, den Rest seiner Rede in Frage zu stellen. Wären wir vor Gericht gestanden, und ich sein Anwalt, dann hätte ich ihm ein durchgängiges Redeverbot erteilt. Das war eine üble Nummer aus Abgebrühtheit und Mamas Liebling.
Nach einigen Minuten war er bei mir durchgefallen und es wurde nicht besser. Mikesch deutete ein „Ssschttt“ an, um mich leise zu stellen. Er sah mir wohl an, dass ich all das in Frage stellen wollte. Aber ich hielt meinen Mund. Scheinbar stellte er mir gerade seinen wichtigsten Goldesel vor und wartete jetzt auf eine ganz bestimmte Stelle
Während bei ihm die Spannung stieg, machte ich im Kopf einer Inventur, von den Dingen, die hier in seinem Büro herumlagen. Playstation, X-Box,  verschiedene, ungeöffnete Sportschuhe mit bekannten Markennamen, aber auch Zeug, das wohl aus Korea oder einem anderen Ort importiert wurde. Eine Shisha, die ziemlich verdreckt in der Ecke stand. Polstermöbel, die dich fraßen, wenn du in sie reinplumst. Diese aber in einem cremigen Weiß, wie es meine Oma schon liebte. Und dazwischen technischer Klavierlackkram. Notebooks, Smartphones und ähnliche DInge, die man so oft in den Händen hält, dass sie nach einem halben Tag vor Fettspuren glänzen. Hier jedoch war alles klinisch sauber. Es schien alles gut zu laufen. Wenn jemand hereinschaut, dann wurde Mikesch mit „Big Mikesch“ angesprochen.
Wie Popcorn-Kino, nur in echt.
An einer bestimmten Stelle des Interviews verlor er vollkommen die Beherrschung. Er stöhnte wie ein Mann so stöhnt, wenn er seine leibliche Fülle erreicht.  Sehr animalisch, und griff in eine Schüssel, die wohl Go-Steine enthielt. Wie ein prasselnder Regen knallten die Dinger an den Fernseher.  Tote Pixel waren jetzt kein Thema mehr, sondern schlicht vorhanden.
Er fluchte in einer Sprache, die viel vermuten liess. Aber sich mir nicht erschloss. Ich hatte einfach etwas verpasst und zwischen Xbox und purem Neid den Faden verloren. Ich war draußen.
Aber Mikesch wollte nun ständig wissen was der kleine Wicht gesagt hatte.
„Hat er gesagt, das er aufhört? Hat er das gesagt? Hat diese kleine Tunte gesagt, das sie aufhört?“
Ich hatte nicht den blassesten Schimmer, was der von sich gegeben hat. In solchen Fällen schaut man im Netz nach. Folglich zuckte ich mit den Schultern,und bereute jede Minute, die ich dem Unsinn widmete.
Aber Mikesch war außer sich. Er war ein großer, schwerer Kerl im Maßanzug. Aber wenn er sich ärgert, dann passte gar nichts mehr. Und die Muskeln unter dem Anzug blähten sich auf, als wollten sie ihn zerreißen. Es war wie bei diesem grünen Monster.
Er brüllte jemanden herbei, der aussah, als käme er gerade von einem Hanteltraining und liess sich von ihm einen Energydrink bringen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass dieses flüssige Zuckerzeug den besten Geist mürbe macht. Nachdem ich einmal meine Zunge in diesen Kram getunkt hatte, weigerte ich mich fortan, mich damit näher zu beschäftigen. Diese Brühe macht die Menschheit zu Killer. Ich bin wirklich, wirklich fest davon überzeugt.
Und das beste Beispiel dafür war Mikesch, der drauf und dran war mir einen Auftrag zu geben.
„Der Typ taugt nur noch für Gedenkscheiben. Wenn er da rausgeht, dann verdienen wir keine Kohle mehr an ihm. Wenn du ihn direkt vor der Studiotür abknallst, dann werden wir Millionäre. Du und ich. Wir beide!“
Mir fiel es schwer mit solchen Vorschlägen richtig umzugehen. Die Logik war bestechend, und ich erblickte gerade ein Teil von Mikeschs Genie. Vom Sofa aus gesehen, vor der X-Box und der Playstation, war er gerade dabei, die Geschichte der deutschen Rapmusik auf ein neues Level zu drehen. Ich war so erschüttert von seiner  Radikalität, dass ich einfach nur fragte:
„Soll ich?“
Er hob beschwichtigend eine Hand, die so groß wie mein Kopf war, und lauschte wieder dem Fernseher. Seine Mimik glich einem störrischen Rindvieh. Er signalisierte den Aufprall. Den Moment. Den Break-Even-Point.
Ich stand auf und ging zur Toilette. Auf dem Weg dorthin versuchte ich mir klar zu werden, ob meine Sorgen unbegründet waren, oder irgendjemand tatsächlich gerade in meinem Leben rum scratchte.
Gemessen an der Kohle, vermutete ich, würde ich es wohl nicht verhindern können, dass ich es machen würde.  Was interessierte mich diese überdrehte Ratte?

Anfang 41. von 300

„Ich würde sagen: Kopf in die Maschine, Tür dreimal zugeschlagen und das ist das Ergebnis.“

„Das ist der Betriebsrat!“

„Das war er.“ Jacques zog sein Handy heraus. Er ging in die Hocke, hielt das Display vor sein Gesicht und nahm die Trommel ins Visier. Eine rötliche Spur verlief an dem Fensterglas und er bemühte sich, sie wirkungsvoll ins Bild zu bekommen.

„Da sind sogar Haare dran.“ Mit zwei Fingern zoomte er sich näher. „Das ist mal richtig ekelhaft.“

„Sollen wir seine Familie informieren?“

Jacques dachte nach und schüttelte schließlich den Kopf. Er brachte sich in eine bequemere Position und ging in zwei Meter Abstand um den toten Betriebsrat herum.

„Nein, nein.“ Er wirkte, als ob er überlegte, aber die Antwort war im Grunde klar. „Die Polizei. Wir sollten die Polizei rufen.“ Er wählte die Nummer kurzentschloss selbst.

„Ibus, diese Vitamindinger und die Pille – was für eine Auswahl.“

„Grün, gelb und rot. Fast wie  Reggaefarben.“

„Bescheuert.“

Auf dem Boden lag Hans-Peter Stockmeier. 49 Jahre alt. Fisch. Vor drei Jahren wegen einem Burnout in Behandlung. Der Kopf war nun kleiner. Wirkte eingedrückt, und das Blut hatte sich mit dem Staub vermischt, der ihn bedeckte.

Alle um ihn hatten ihren Mundschutz heruntergezogen. Der Raum war nun sowieso kontaminiert, und die Coating-Maschine drehte sich nicht mehr. Auch das Abschleifen der Dragees wurde kurzentschlossen gestoppt. Die Bänder standen still und die Frauen an der Glastür zum Polierraum.

In den gigantischen Trommeln, die an der linken Wand des Raumes standen, wirbelten normalerweise einige Millionen Dragees herum, bis sie glänzten. Das sah aus, als ob sich eine Reihe Waschmaschinen nebeneinander drehten. Nicht alle hatte Trommelfenster. Das war nur eine nette Geste. Früher wuchsen in England einigen Fabrikarbeitern bei der Pillenproduktion Brüste. Grund genug, dem Staub ein bißchen mehr Beachtung zu schenken. Staub gab es dann auch in allen Farben. Und dieser bedeckte Hans-Peter wie eine Düne, die über ihn hinweg wandern wollte.

Seine Augen waren weit aufgerissen, und sein Mund, der ebenso offen stand, war bis zum Rand mit einer Handvoll Pillen gefüllt, die normalerweise ein langes Leben versprachen. Jacques war ein unglaublich großer Mann, der enge T-Shirts trug, und auf der anderen Seite des Rheins lebte. Da gab es besseres Essen, billigere Wohnungen, eine ausgeprägte Abneigung gegen die Deutschen, aber bei weitem nicht soviel Arbeit.

Seine Nachbarn arbeiteten in der deutschen Autofabrik. Er in der deutschen Pillenproduktion. Meistens starrte er in die Trommeln und hing seinen Gedanken nach, während die Dragees vor ihm wirbelten. Als hätten sie ein Eigenleben und wollten Universen bilden. Oder schwarze Löcher. Niemals kamen verschiedene Produkte zum selben Zeitpunkt in parallel laufende Trommeln.

Er hatte sich mal überlegt, ob er nicht vielleicht auch in den Betriebsrat sollte. Die Jungs im Lager munkelten etwas über Kurzarbeit. Aber er war ganz zufrieden mit seinem Leben. Vor allem lebte er noch. In der Pause surfte er auf amerikanischen Pornoseiten, und wenn er nach der Arbeit noch ein wenig Zeit hatte, dann angelte in einem Altrheinarm. Es gab nicht viel, was er in seinem Leben ändern musste.  Er machte noch ein paar Fotos von Hans-Peter Stockmeier, der in seinen Augen ein dummer, fauler Hund mit noch dümmeren Ideen war.

Claude war auch Franzose und tippte ihm auf die Schulter, „Du solltest damit aufhören“

„Warum?“

„Du darfst überhaupt kein Handy hier drinnen haben.“

Jacques zuckte ein wenig. Menschen wie Claude trotten mal hierhin und mal dorthin. Hauptsache man hatte sie geschickt. Von alleine hatten sie nicht mal Ideen, geschweige den einen Willen.

Claude arbeitete am Autoklav. Er richte die Tabletts mit den Löffeln und Schöpfern, stellte die Geräte ein und bereitete die nächste Tabletts vor. Das war ein Leben voller Schadstoffe. Kein Wunder, dass er dumpf in der Birne war. Jacques sah lächelnd auf Claude herab, steckte das Handy unter den Kittel in die hintere Hosentasche und kam ihm dann mit seinem eigenen Gesicht so nahe, als wollte er ihn küssen.

„Welches Handy?“

Sie rochen gegenseitig ihr Frühstück, und Jaques war sich nicht sicher, ob das, was da in seine Nase kroch, Mundwasser oder Alkohol war.

Claude drehte sich wortlos um und ging zu den Frauen, die sich gefährlich an die Glastür quetschten.

„Und verscheuche die Frauen.“ , schickte ihm Jacques hinterher.

„Klar, klar, „,murmelte Claude. Und ganz leise,“Drecksack!“

Dabei gehörte Claude zu jenen Menschen, die sich sicher waren, dass man ihnen jeden Gedanken ansah. Auch wenn sie ihn nicht aussprachen. Er fühlte sich wie ein offenes Buch und in vollem Maß durchschaubar. Er hatte den Eindruck, als ob er selbst unhörbare Wörter laut aussprach. Er wollte unbedingt nach hinten spähen. Traute sich aber nicht. Frauen sahen ihn an, als würde er über sie herfallen. Und jetzt, da er bedrohlich und wütend näher kam, wichen sie freiwillig zurück und verstreuten sich zu ihren Bändern. Dort bildeten sie wieder Trauben. Kleinere zwar, aber es gab ja nichts zu tun.

Vor ein paar Tagen hatten sich Jacques und Hans-Peter in der Schleuse getroffen. Es war eher Zufall. Hans-Peter zog sich bereits an, Jacques desinfizierte seine Arme, so wie er es gelernt oder in einer Arztserie gesehen hatte. In Hans-Peters Spindtür hing das Porträt eines Kindes, dass sich in seiner Pudelmütze versteckte und darunter klebte ein Hundebild von einem Welpen mit glühenden Laseraugen. Damit waren die Eckpunkte definiert und Jacques sprach nie mit ihm über Kinder oder Hunde.

„Du wolltest doch in den Betriebsrat?“ ,begann Hans-Peter das Gespräch und fuhr sich vollkommen konfus durch seine verschwitzten Haare. Wer im Fabrikationsbereich arbeitete, trug nicht nur einen Mundschutz, sondern auch eine Haube, Handschuh und ein paar helle Hosen, so wie den Kittel, auf dem der Name stand. Sonst hätte man wahrscheinlich niemand mehr erkannt.

„Ah, nein.“, antwortete Jacques eher unwillig.

Hans-Peter wandte sich, nur noch bekleidet mit seiner Unterhose, seinem Unterhemd und bedeckt von einem dichten Pelz, in Jacques Richtung. „Aber du solltest mit dem Pornodreck aufhören. Die kommen dir auf die Schliche.“

Jacques antwortete nicht, nur aus dem Augenwinkel sah er vom Waschbecken auf, kurz in Hans-Peters Gesicht und wartete.

„Die IT kam dir auf die Schliche. Sie melden nichts, aber du wärst bei uns besser aufgehoben. Das kann nicht mehr lange gut gehen.“

„Merci!“  Mit diesen Worten verliess Jacques die Schleuse, ballte kurz die Fäuste, lockerte sie wieder und war froh, dass niemand seine Grimassen sah. Der Tag begann ja erst.

 

 

 

 

Anfang 40. von 300 (ow)

Das Geld war so dreckig, dass die Frauen, die es zählten, wie alte Bergarbeiter husteten. Sie rauchten natürlich auch viel. Tranken das billige Zeug, aber nur in der Freizeit. Um den Staub der Jutesäcke aus dem Mund zu spülen.

Birgit sah zehn Jahre älter aus als sie war, trug eine weiße Kutte, und starrte die Zählmaschine an. Sie legte die Scheine rein. Es gab ein schnarrendes Geräusch, dann führte sie die bereitgelegte Banderole herum, und legte die Scheine auf ein Tablett. War das Tablett voll, trug man die Pakete auf einen Tisch. Dort war eine Plastiktüte ausgelegt.  In sie wurden die Geldbündel gelegt und  eine Vakumpumpe zog die Luft aus der Tüte . Die Scheine waren verpackt.

Neben Birgit saß Paula. Und neben Paula saß Frida. Zu dritt stellten sie die Nachtschicht dar. Irgendwo im Raum stand ein Wachmann, breit genug für sein Alter, mit einem Bauch, der von einem schwarzen Hemd eingezwängt wurde. Seine Mütze hatte er auf einen Tisch gelegt. Die Fenster waren aus Panzerglas, die Tür zu dem Raum aus massivem Stahl. Einen Fluchtweg gab es nicht. Aber Notfallpläne.

Der Computer in diesem Raum stand in einem Plexiglasgehäuse, damit die Jutefasern ihn nicht zum Erliegen brachte. Als die IT das Ding geöffnete hatte, und 10 Zentimeter Staub darin fanden, kam man zu dem Entschluss, die Geräte besser zu schützen. Die Frauen sprachen nicht viel. Birgit war geschieden, Paula seltsamerweise auch und Frida kam nicht zum heiraten. Sie redeten ungern darüber.

Birgit kannte die Zeiten, in denen das Geld kam. Die Fahrer fuhren immer die gleiche Strecke. Jeden Abend. Die Discounter hatten in jedem Dorf eine Filiale. An guten Tagen reichte es nicht, das Geld abends abzuholen, und die Transporter fuhren auch schon früher los. Aber auch an schlechten Tagen landeten die kompletten Einnahmen von 200 Discount-Geschäften in diesem kleinen Raum. Das Geld wurde dann auf Paletten gestapelt und mit Hubwagen verladen.

Einige der Fahrer blinzelten Birgit zu, wenn sie das Geld in Jutesäcken, oder den Farbboxen brachten. Es lief mal etwas schief, und die Farbbox explodierte in der Einfahrt. Niemand traute sich für Stunden das Ding anzurühren. Die verfluchte Farbe war kaum noch abwaschbar.

Helmut und Karl konnten verschiedener nicht sein. Helmut war bäriger Riese,  Karl sah etwas gedrungener aus und wirkte immer hungrig. Irgendwie hatte er es in Birgits Bett geschafft und Helmut verzieh ihm das nie. Aber er gab es nicht zu, winkte Birgit während er das Geld hineinschob und lächelte in einer Art und Weise, die er liebevoll nennen wollte. Doch sein Gesicht war nur seltsam verzerrt. Birgit bedauerte die Nacht mit Karl, doch jeder wußte davon, weil Karl schnell und hochtönig allen davon erzählte. Es war durch. Nichts mehr zu machen und sie hatte gar keine Zeit sich darüber aufzuregen.

Gut die Hälfte von dem Lohn, den Helmut erhielt, fraß eine konfuse Alimentenregelung mit zwei Frauen, die er nicht verstand. Er hatte sich geschworen nie wieder zu heiraten, denn er hatte nie kapiert, wie es dazu kam, dass er heute für etwas zahlen musste, was ihm vor 10 Jahren passiert war. Sein Sohn schrieb ihm, dass er ihn hasste, und auch das verstand er nicht. Seine Tochter lebte in einem Dorf in Bayern, dass er schon aus Zeitgründen niemals besuchen würde.

Seine Schichten waren zu lang, seine Nächte zu kurz. Er las den Waffenjournal, übte dreimal in der Woche die tiefsten Löcher in eine Scheibe zu machen, und lernte überhaupt keine Frauen mehr kennen. Karl hatte sich vorgenommen, sein Sperma wahllos zu streuen, wo immer er eine Chance dazu hatte. Birgit lief ihm da einfach nur über den Weg.  Wozu sonst sind Betriebsfeiern da?

Als Birgit an einem heißen Sommertag in der Einfahrt stand, schnell versuchte die Zigarette vor ihm zu verstecken, da sah Helmut sie zum ersten Mal in stehender Haltung außerhalb des Zählraums. Er sprang aus dem Transporter, behend wie nie zuvor. Karl tat es ihm auf der andren Seite gleich, doch eilte zur Toilette.  Und so stand er unschlüssig vor der Frau, die ihm plötzlich so frisch und ungewohnt wie ein freier Tag vorkam. Sie roch nach Rauch, einem süßen Parfüm und sie nagte wie ein schüchternes Mädchen an der Lippe herum.

Sein Schweigen war eine Herausforderung, ihre Reaktion eine Verheißung, und als sie sagte :“Könnten wir.“, erschrak er als wäre er ertappt.

Sie lächelte.

„Bitte?“

„Du wolltest mich fragen, ob wir mal was trinken gehen könnte. Ich sagte, das könnten wir.“

„Ähem..“ Er nestelte an seinem Gürtel, grub die Daumen tief zwischen dem Leder und der Hose, zog sie wieder raus und formte Wörter, als seien sie ihm unbekannt. Es dröhnte in seinen eigenen Ohren als er sprach.

„Ja, gerne, klar, sicher. Wann?“

„Schichtende?“

„23 Uhr?“ ,staunte er.

„Ja.“ Sie wirkte jünger, verspielter, anziehender als je zuvor. Eine Schönheit ergriff sie, die sich ihm einbrennen wollte. Er fühlte sich beschenkt, beschämt und so jung, wie er sich zuletzt in seinen Teenagerjahren gefühlt hatte. Als ob Puzzelteile ineinander sprangen.

„Gerne!“

„Gut! Abgemacht!“ Sie drehte sich um, warf die Kippe, die sie noch immer in einer Hand hielt, in den Abfalleimer und strebte wieder in das Innere des Gebäudes. Das restliche Geld würde kommen.

Birgit setzte sich neben Paula und Frida. Keine sagte ein Wort. Sie starrten geradeaus. Frida hatte gefährliche Augenringe. Sie schlief schlecht. All das Geld, das nur mehr Papier war und all die Nächte, die keine mehr waren. Sie brauchten nicht mal darüber zu reden, womit sie ihre Zeit verbrachten. Und Birgit wußte immer noch nicht, ob sie mit ihnen darüber sprechen konnte.

Vor zwei Wochen hatte sie zum ersten Mal Blut gespuckt, und der Geschmack glich den Münzen, die sie rollte. Metall schmeckt im Mund wie Tod. Und es liegt daran, dass es dem Blut so ähnlich ist, und man es erst dann wahrhaben will, wenn im Kopf die Migräne tobt, die ein Ableben fordert. An manchen Tagen wußte sie nicht mehr, wie das ging, dass man die Nächte einfach so rum bringt. Und dann auch noch das Blut. Sie hatte panische Angst vor Ärzten. Panische Angst vor dem Tod. Panische Angst, dass sie einfach erstickte, und es keiner merkt. Panische Angst vor dem Weiterleben. Und so blieb ihr nur das Geld, um das ihre Gedanken kreisten bis sich die Bausteine aufeinander setzten, als gehörten sie zusammen. Als sie Helmut ansah, und die Tränen erkannte, die sich in ihm nicht lösen konnten, wußte sie, dass er es war, auf den sie gewartet hatte.

Es ging ums Geld.